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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVerortet, vermessen und hochgerechnet13.09.2012

Verortet, vermessen und hochgerechnet

Schwerpunktthema: Die Suche nach Lebenszufriedenheit und Glück hat Konjunktur

Das Glück boomt. Es verkauft sich in den Buchläden unter wechselnden Titeln. Und auch die Wissenschaft trägt ihren Teil dazu bei, das Flüchtige greifbar zu machen. Ökonomen versuchen, es statistisch zu erfassen - wie aktuell im "Glücksatlas 2012". Doch die Suche nach dem Glück hat auch ihre Schattenseiten.

Von Dörte Hinrichs

Der "Gllücksatlas" ist eine Studie, die sich mit der Lebenszufriedenheit befasst. (picture alliance / dpa/Marc Tirl)
Der "Gllücksatlas" ist eine Studie, die sich mit der Lebenszufriedenheit befasst. (picture alliance / dpa/Marc Tirl)

Raffelhüschen:
"Also eigentlich müssten wir viel zufriedener in die Welt schauen als die Menschen in den 60er- oder 70er-Jahren, tun wir aber nicht.
Wachstum alleine macht es dann offensichtlich nicht."

Fritz Schubert:
"Zur Weiterentwicklung gehören glückliche und weniger glückliche Augenblicke. Das ist dieses Meer der Zufriedenheit, da gibt es Wellen, die schwappen auf, das sind die Hochmomente des Glücks und zu jeder Welle, die aufschwappt, gibt es eine, die im Wellental ist. Und wenn man das beides miteinander in Einklang bringt, diese innere Harmonie, dann habe ich eine wesentliche Voraussetzung, um glücklich zu sein."

Retzer:
"Also ich halte das Glück für maßlos überbewertet und mein Ratschlag wäre, pfeifen Sie auf das Glück, wenn Sie nicht unglücklich werden wollen."

Ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Pädagoge und ein Psychologe umkreisen das Glück. Der eine versucht es zu messen, der andere hält es für erlernbar und der Dritte misstraut dem positiven Denken als Glücksbringer. Feststeht: Es gibt kein Patentrezept zum Glücklichwerden. Das Gegenteil ist einfacher zu realisieren: Der Philosoph Paul Watzlawick hat in seiner "Anleitung zum Unglücklichsein" schon vor Jahrzehnten die Maßnahmen vorgestellt, mit denen wir uns gezielt unglücklich machen können. Und dennoch lockt es immer mehr Wissenschaftler, dem G l ü c k auf die Spur zu kommen.

Mit der Glücksforschung ist Anfang der 1980er Jahre ein Forschungszweig entstanden, der zu ergründen versucht, unter welchen Bedingungen sich Menschen als glücklich bezeichnen oder glücklich sind. Ziel ist die Maximierung des Glücks.

Vor zehn Jahren kam "Die Glücksformel" von Stefan Klein auf den Markt, ein Bestseller, der über die Entstehung der guten Gefühle informierte. Nun erscheint eine erweiterte und aktualisierte Neuauflage - eine von vielen Publikationen auf dem derzeit boomenden Glücksbüchermarkt. Im neu hinzugefügten Kapitel "Weniger ist Glück" greift er eine amerikanische Langzeituntersuchung auf, die belegt:

Glück ist ansteckend. Glück ähnelt der Liebe. Die guten Gefühle entstehen zwar in uns selbst, jedoch im Wechselspiel mit anderen Menschen. Ob wir glücklich sein können, hängt darum wesentlich davon ab, ob es die Personen in unserer Umgebung sind.

In dieser Woche ist der "Glücksatlas 2012" herausgekommen. Die umfassendste Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Der "Glücksatlas" will darüber aufklären, wie unser Gemeinwesen zur Lebenszufriedenheit beiträgt und welche Faktoren unser Wohlbefinden maßgeblich bestimmen. Der Finanzwissenschaftler Professor Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg hat die Studie gemeinsam mit dem Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner von Emnid durchgeführt. Und, wie zufrieden sind die Deutschen mit ihrem Leben?

Raffelhüschen:
"2011 war ein Jahr, wo die Deutschen relativ zufrieden in die Welt guckten nach ihrer subjektiven Einschätzung und das hat sich gar nicht so stark verändert. Wir sind immer noch im europäischen guten Drittel unterwegs und so ähnlich müsste man das auch objektiv messen, denn objektiv gesehen geht es uns auch tatsächlich so. Die Westdeutschen sind allerdings eher unzufriedener geworden, die Ostdeutschen deutlich zufriedener, sodass insgesamt im Durchschnitt sich gar nicht viel getan hat, aber die Konvergenz zwischen Deutschland-West und Deutschland-Ost ist wirklich offensichtlich."

Die "Glückslücke" zwischen Ost- und Westdeutschen liegt nur noch bei 0,2 und ist damit so gering wie nie seit der Einheit. Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt die Lebenszufriedenheit der Deutschen bei 7,0, genau wie im Vorjahr. Gefragt wurden Menschen aller Altersgruppen und Regionen im Rahmen der größten und am längsten laufenden, multidisziplinären Langzeitstudie in Deutschland. Seit 1984 wird alljährlich unsere Befindlichkeit gemessen.

Raffelhüschen:
"Die Daten, die wir dahinter stellen, sind ja Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), des Mikrozensuses. Das sind einige Zigtausende Leute, die da entsprechend diese Fragen beantworten. Die jüngsten Befragungen, die wir als Stichprobe dann immer mal hinterlegen für genau dieses Basisjahr, das sind dann noch mal 2000 Antworten, die dann zusätzlich zu den entsprechenden circa 20.000 Menschen kommen, die im SOEP liegen."

Der "Glücksatlas 2012" verortet und misst das Glück, er macht Rankings und zerlegt das Glück in seine Bestandteile. Demnach leben die zufriedensten Menschen Deutschlands in Hamburg und insgesamt im Nordwesten der Republik. Im Alter zwischen 30 und 50 Jahren nimmt unsere Zufriedenheit ab, wenn wir im Berufsstress sind, die Familiensituation und der Aufbau unserer Existenz unser Glücksgefühl offenbar dämpfen, so die Erklärung von Prof. Bernd Raffelhüschen. Inzwischen jenseits der 50 und dreifacher Vater, hat er auch untersucht, welche Rolle Kinder für das Glück spielen:

Raffelhüschen:
"Ja, das ist eine ganz komische Geschichte, da sind wir wirklich ein bisschen am Rätseln, denn die Kinder sind eigentlich kein echter Glücksbringer oder machen nicht zufrieden. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass das Kind, wenn es kommt, der größte Zustand der Zufriedenheit ist, den man überhaupt haben kann im Leben. Aber der Alltag mit Kindern ist doch etwas beschwerlicher als der Alltag ohne Kinder. Dennoch ist es so, dass die Kinder für die älteren Menschen eine ganz große Rolle spielen bei der Zufriedenheit. Also sagen wir es mal so: Die Enkel sind der größte Glücksbringer. Und Enkel kann man ohne Kinder nicht haben."

Eigentlich müssten wir viel glücklicher beziehungsweise zufriedener sein - wenn gleichermaßen mit dem Wohlstand auch unsere Wohlbefinden gestiegen wäre.
Mehr Wohlstand bedeutet nicht automatisch mehr Glück oder Zufriedenheit. "Tretmühle des Glücks" nennen Forscher das ständige Suchen nach mehr, ohne mit dem jeweils Erreichten zufrieden zu sein.

Vor allem der Vergleich mit anderen kann einem das eigene Glück vermiesen, so Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und in St. Gallen.

Binswanger:
"Diejenigen, die mehr haben als der Durchschnitt, die sind relativ zufrieden, schauen ganz glücklich auf die anderen herunter, und diejenigen, die weniger haben als der Durchschnitt, die blicken neidvoll und unzufrieden nach oben."

Besonders verbreitet sei in den Industrienationen die Statustretmühle:

Binswanger:
"Der ganze Status, unser Stellenwert in der Gesellschaft, hängt zentral ab von unserer Arbeit, von unserer Position und auch dem Geld, das wir damit verdienen. Und damit sind die Parameter sozusagen gesetzt in unserer Gesellschaft, dass wir eben doch ständig ein höheres Einkommen wollen, obwohl wir im Grunde wissen, dass das eigentlich gar nichts mehr beiträgt zu unserem Glück und unser Zufriedenheit. Das hängt auch damit zusammen, dass gesamtwirtschaftlich nach wie vor das weitaus wichtigste oder einzige Ziel in der Wirtschaft darin besteht, und in der Wirtschaftspolitik, ein möglichst hohes Wachstum zu haben. Und solange das natürlich das Hauptziel ist, steht Glück oder Zufriedenheit nicht im Vordergrund."

Im "Glücksatlas 2012" hat man den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Zufriedenheit untersucht. Das Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator wird zwar zunehmend kritisch betrachtet, ist in der Studie aber immer noch die maßgebliche Größe für die Messung der Zufriedenheit. Raffelhüschen:

"Andere Variablen sind eben die Verteilung von Einkommen. Wir haben festgestellt, dass die Verteilung von Einkommen auch auf die Zufriedenheit durchschlägt. Also eine egalitärere Einkommensverteilung macht eigentlich zufriedener. Je egalitärer die Einkommensverteilung ist, desto weniger haben wir allerdings Wachstum. "

Eingeflossen in den Glücksatlas sind die Einschätzungen der Befragten, wie zufrieden sie sind. Gleichzeitig wurden Daten erhoben zu ihrer ökonomischen und sozialen Situation, ob sie in einer Partnerschaft leben und ob sie Kinder haben und vieles mehr. Aus den subjektiven Einschätzungen und den objektiven Daten wurden schließlich die Faktoren bestimmt, die die Zufriedenheit beeinflussen. Das sind die sogenannten vier Gs des Glücks. Raffelhüschen:

"Zu den vier Gs gehört auf jeden Fall erstmal alles das, was mit Gesundheit und körperlichem Wohlbefinden zu tun hat. Also Gesundheit ist das eine G. Das zweite G. ist die Gemeinschaft. Also Menschen in Partnerschaft sind zufriedener, Menschen in der falschen Partnerschaft eher unzufriedener, das kann man sehen, wenn man sich die Scheidungsstatistiken da anschaut. Menschen, die mit ihren Freunden mal ausgehen oder mit ihrem Kumpel mal Billard spielen sind zufriedener als Menschen, die das nicht tun. Also die Gemeinschaft, die Partnerschaft, die Freunde, der Bekanntenkreis, das ist das zweite G. Das dritte G. ist tatsächlich das Geld, also die finanzielle Situation, das Wachstum der Wirtschaft, das Wachstum seines eigenen Einkommens. Und das letzte G. ist diese genetische Disposition. Es gibt Menschen, die können tatsächlich wohlhabend sein bis zum Abwinken, sie können gesund sein, sie können die beste Partnerschaft haben, die es überhaupt gibt und dennoch fühlen sie sich unzufrieden. Das ist so dieses Phänomen, dass mancher von uns ein Glas halb voll sieht, ein anderer sieht es halb leer, der objektive Zustand ist dergleiche."

Das Glück beziehungsweise die Zufriedenheit lässt sich nur schwer exakt messen. Manchmal können unsere Vorstellungen von Glück und von seiner Messbarkeit unserem tatsächlichen Glück aber auch im Wege stehen, gibt Prof. Mathias Binswanger zu bedenken:

"Wenn wir Untersuchungen anschauen, was den Menschen glücklich macht im Alltag, dann hat das immer ganz stark mit dem Sozialleben zu tun. Das Problem ist aber, dass Menschen die Tendenz haben, genau messbare Dinge überzubewerten, und Dinge, die sich nicht so genau bemessen lassen, unterbewerten. Also was sich genau messen lässt ist eben das Einkommen - ich habe fünf Prozent mehr Einkommen dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr - aber wie soll ich den Wert der Freundschaft messen? Und dann im Zweifelsfall hat man häufig oder legt ein zu starkes Gewicht auf diese messbaren Dinge, obwohl sie für das eigentliche Glück gar nicht so wichtig sind."

Das Glück sieht für jeden Menschen anders aus. Deshalb müssen die Glücksstatistiken und -rankings nicht unbedingt den eigenen Grad der Zufriedenheit widerspiegeln. Wer sich selbst beobachtet, in welchen Momenten er glücklich ist, kann seinem Glück eher auf die Spur kommen und es womöglich gezielter anvisieren. So sieht es Ernst-Fritz Schubert. Für ihn ist das Glück erlernbar und eine Art von Persönlichkeitsbildung. Der inzwischen pensionierte Direktor der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg hat 2007 an seiner Schule das Unterrichtsfach "Glück" eingeführt. Heute steht es an über 100 Schulen im In- und Ausland auf dem Stundenplan, von der Grundschule bis zum Gymnasium. Ernst Fritz-Schubert:

"Und das was wir machen, das sind im Augenblick 70-80 Methoden, immer wieder Erlebnisse zu schaffen, die bei den Jugendlichen Emotionen auslösen, möglichst gute Emotionen, die dann dazu führen zu sagen, was war denn jetzt eigentlich? Warum war das eine gute Emotion, die entstanden ist? Warum hatte ich gerade ein gutes Gefühl? Und dann kommt man darauf, das hat was damit zu tun, dass ich gerade irgendwo was bestanden habe, eine Herausforderung bestanden habe, weil ich vielleicht gerade herausgefunden habe, dass die Gemeinschaft mich mag, weil ich vielleicht was herausgefunden habe, was vielleicht in der Zukunft für mich wichtig sein könnte. Und dann in der nächsten Stufe, aus diesen guten Gefühlen dann Intentionen, Absichten zu machen, zu sagen: Hey, wenn das einmal klappt, dann klappt es vielleicht das nächste Mal."

Ernst Fritz-Schubert hat gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft und Kunst einen Lehrplan entwickelt, um jungen Menschen Wege zum Glücklichsein zu eröffnen. Und auch in der Lehrerausbildung hat er sich engagiert. Universitäten und Hochschulen beteiligen sich an der Weiterentwicklung der curricularen Grundlagen und evaluieren die Ergebnisse. Die Wirkung des Glücksunterrichts wird untersucht, indem die Schüler gefragt werden. Fritz-Schubert:

"Kann ich mir mehr zutrauen? Kann ich für mich eher Sinn entdecken? Passt das in mein Lebenskonzept? Habe ich das Gefühl von Wirksamkeit? Habe ich das Gefühl von Achtsamkeit? Gibt es Situationen, die mir früher Angst gemacht haben, die mir jetzt keine Angst mehr machen? Gibt es Situationen auf Menschen zuzugehen, auf die ich vorher nicht zugehen wollte? Kann ich tatsächlich meine Ziele realisieren? Kann ich mich mäßigen? Habe ich eine Form von Selbstdisziplin entdeckt? Wie viel Widersprüche gibt es in uns? All das kann man messen und kann dann sagen, hier sind gute Voraussetzungen zum Glücklichsein vorhanden."

Inzwischen hat Ernst Fritz-Schubert ein eigenes Institut gegründet, um die Erfahrungen aus der Schule auch auf andere Bereiche zu übertragen.

"Und so haben wir dann angefangen und haben Mitarbeiterschulungen gemacht und das funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Ich entdecke meine Stärken, ich entdecke meine Motive, ich suche mir, die Dinge raus, die zu meiner Entscheidung passen, die Sinn ergeben, die meine Beziehung verbessern, die gute Gefühle hervorrufen. Das sind Dinge, die wir bei Mitarbeiterschulungen insbesondere in caritativen Einrichtungen gemacht haben, also Krankenhäuser und Altersheime. Da sind wir eingestiegen und daraus hat sich dann entwickelt, dass auch die Führungskräfte das machen wollten."

Es geht um Haltungen und Einstellungen, die das Glück begünstigen, es geht darum, die eigenen Motive zu erkennen und umzusetzen.

Eingeflossen in die Glücksschulungen sind Erkenntnisse der antiken Philosophen zur Lebenskunst genauso wie Ansätze aus der positiven Psychologie. Ernst Fritz-Schubert:

"Da gibt es Untersuchungen von Seligman und Patterson im Jahr 2003 hat man das durchgeführt, dass das Leben und Ausbilden von Charakterstärken etwas mit Wohlbefinden zu tun hat. Und Prof. Willibald Ruch aus Zürich hat sich dem Thema gewidmet und hat eine ganz breit angelegte Untersuchung durchgeführt und tatsächlich festgestellt, dass diese Stärken, die als Charakterstärken in uns sind, in ihrer Ausprägung mit Wohlbefinden stark korrelieren. Ob das jetzt besonders ausgeprägt ist der Mut; die Fähigkeit sich zu mäßigen, oder die Weisheit entsprechend auszubilden durch Neugier, durch Ausdauer, das sind so Dinge, die da eine Rolle spielen."

Ernst Fritz-Schubert will "Dem Glück auf die Sprünge helfen" und "Das Geheimnis der Lebensfreude" vermitteln - so ist sein neuestes Buch überschrieben, das in diesen Tagen herauskommt. Im Vorwort geht er auch auf das Recht des Strebens nach dem eigenen Glück ein, wie es seit 1776 in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als "pursuit of happiness" verankert ist. Und er fragt, ob das Streben nach Glück nicht vielleicht auch unglücklich machen kann? Hier klingt an, was der Heidelberger Arzt und Psychologe Dr. Arnold Retzer in seiner aktuellen "Streitschrift gegen positives Denken" ausführt. Es hat den Anschein, als ob es noch nie so einfach gewesen sei wie heute, glücklich zu werden. Haben wir doch immer mehr Freiheiten aus zahlreichen Wegen zum Glück den richtigen auszuwählen, wie uns die vielen Glücksratgeber suggerieren. Aber genau das sorgt für eine "Miese Stimmung", glaubt Arnold Retzer:

"Wenn wir es dann doch nicht schaffen, glücklich zu sein, sind wir nicht nur nicht glücklich, sondern sind wir auch noch schuld daran, dass wir nicht glücklich sind. Weil, erstens, wir alle es ja in der Hand haben glücklich zu sein und weil, zweitens, es so leicht und einfach herzustellen ist. Ergebnis: miese Stimmung der besonders miesen Art. "

Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München leiden acht Millionen erwachsene Menschen hierzulande lan behandlungsbedürftigen Ängsten, Depressionen oder ähnlich schlechten Stimmungen. Während es gleichzeitig noch nie so viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gab, auf ein längeres Leben ohne Angst, ohne materielle Sorgen und gesundheitliche Einschränkungen.

In seiner therapeutischen Praxis erlebt Arnold Retzer viele Klienten, die unter der dem "Terror des Glücklichseinsollens" leiden und sich als gescheitert erleben. Aus dem Recht auf das Glück sei die Pflicht zum Glück geworden. Retzer:

"Eine der Folgen ist die, dass es, wenn man so will, nur noch die zentrale Unterscheidung Glück oder Unglück gibt. Was dann nicht mehr stattfindet, ist aus meiner Sicht der große Bereich, der auch möglich ist zwischen diesen beiden Extremformen Glück oder Unglück, den ich die Banalität des Guten nenne. Das heißt, dort sind die kleineren oder größeren Probleme, das Scheitern, die Schwierigkeit, aber auch die kleinen oder größeren Zufriedenheiten. Und ein möglicher Vorschlag oder ein menschlicher Umgang ist die Vorstellung, dass nicht glücklich zu sein, kein Anlass ist sich zu schämen oder schuldig zu fühlen. Also diese Vorstellung kann massiv entlasten."

Retzer plädiert für die Zwischentöne. Dafür, weniger zu tun als vielmehr zu lassen, um mehr Lebensqualität zu spüren. Dazu zählt zum Beispiel, sich nicht verantwortlich dafür zu fühlen, den Partner oder die Partnerin glücklich machen zu müssen. Weil das nicht realisierbar sei. Oder sich von Ansprüchen an sich selbst und andere zu verabschieden, die nicht zu verwirklichen sind - auch wenn es schwerfällt und schmerzt.

Zum "Unglücklich sein" - dazu möchte der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid die Menschen mit seinem neuen Buch ermutigen und geht damit in eine ähnliche Richtung wie Arnold Retzer. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Psychologie heute" schildert Wilhelm Schmid, was er für das eigentliche Glück hält: "nämlich das Glück, das daraus entsteht, dass ich einverstanden bin mit meinem gesamten Leben, mit all seinen Widersprüchen, Höhen und Tiefen." Dann empfinde man das "Glück der Fülle", das mit Heiterkeit und Gelassenheit einhergeht - so wie es Sokrates, Aristotels, Epikur oder Seneca schon formuliert haben.

Zum Leben brauchen wir zwingend Sinn, nicht Glück, meint der Philosoph Schmid. Und der Sinn besteht aus Zusammenhängen, wie sie in Beziehungen zu Eltern, Kindern, Freunden erlebbar werden. Auch der Pädagoge Ernst Fritz-Schubert hofft, dass nach dem Glücksstreben, das Streben nach dem Sinn wieder auftaucht. Und der Psychotherapeut Arnold Retzer geht davon aus, dass bei der Suche nach dem Glück, die so omnipräsent sei und uns eher unglücklich macht - auch eine ganz andere Frage weiterhelfen helfen kann: nämlich die nach dem Sinn. Retzer:

"Ich glaube der Sinn ist eine wichtige Kategorie, nicht nur für die Frage nach dem Glück, sondern für ein gutes Leben überhaupt. Aber der Sinn wird nicht gefunden, sondern der Sinn wird aus meiner Sicht gegeben, wir sind Sinngeber, nicht Sinnfinder. Und bei der Sinngebung kann auch dem Negativen, also der Angst, dem Schmerz, dem Irrtum Sinn gegeben werden. Oder anders ausgedrückt: Diese negativ bewerteten Werte sollten wieder aufgewertet werden und positive abgewertet werden. "

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