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StartseiteInterview"Phase der Unsicherheit ist vorbei"25.03.2020

Verschiebung der Olympischen Sommerspiele"Phase der Unsicherheit ist vorbei"

Die Olympischen Spiele zu verlegen, sei eine schwierige Entscheidung für das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewesen, sagte Veronika Rücker, DOSB-Vorstandschefin, im Dlf. Dennoch sei es gut, dass sie jetzt so getroffen wurde. Einige Athleten seien am Boden zerstört.

Veronika Rücker im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Olympische Ringe vor dem Olympiastadion in Tokio. (imago images / Sven Simon)
Man könne es mit der Verschiebung der Olympischen Spiele nie allen recht machen, erklärte Veronika Rücker, DOSB-Vorstandschefin (imago images / Sven Simon)
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Japans Premier Shinzo Abe und IOC-Präsident Thomas Bach haben sich wegen der Coronavirus-Pandemie auf die Verlegung der Olympischen Sommerspiele geeinigt. "Für uns ist wichtig, dass die Entscheidung jetzt getroffen wurde", sagte Veronika Rücker, Vorstandschefin vom Deutschen Olympischer Sportbund, im Dlf. "Die Phase der Unsicherheit ist jetzt vorbei." 

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

"Athletenschaft zwiegespalten"

Man werde es mit dieser Entscheidung nie allen recht machen, und es sei eine schwierige Entscheidung, die der IOC zu treffen hatte. "Wir hätten uns diese Entscheidung einige Tage vorher gewünscht." Einige Athleten seien am Boden zerstört, viele hätten auch den Wunsch geäußert, bis zur letzten Sekunden zu warten. "Aber sie haben auch gesehen, dass es keine andere Alternative gab", sagte Rücker. "Die Athletenschaft war sehr zwiegespalten."

Jetzt gelte es unzählige Fragen zu klären. Der Weltsportkalender muss neu aufgestellt werden, die Athleten müssten erstmal schauen, wann sie wieder regulär trainieren könnten.

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Hier können Sie das gesamte Interview in voller Länge lesen:

Tobias Armbrüster: Frau Rücker, diese Verschiebung, ist das die richtige Entscheidung?

Rücker: Ja, für uns ist zunächst einmal wichtig, dass die Entscheidung jetzt getroffen worden ist und dass jetzt Klarheit herrscht. Das ist natürlich für unsere Athleten, für die Betreuer, für die Trainer, für all diejenigen, die da eingebunden sind, immens wichtig, dass die Phase der Unsicherheit jetzt vorbei ist. Und wir sagen auch: Es ist die richtige Entscheidung, in dieser aktuellen Phase, die uns alle ja in ganz anderer Hinsicht beschäftigt, jetzt eine Entscheidung zu treffen und die Spiele um ein Jahr zu verlegen.

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Armbrüster: Aber warum mussten sie damit so lange warten?

Rücker: Ich glaube, diese Entscheidung der Verlegung der Spiele ist eine vielschichtige, komplexe und wirklich auch ganz weitreichende Entscheidung. Es gilt, die Interessen ganz vieler zu berücksichtigen, und an allererster Stelle möchte ich da schon unsere Athletinnen und Athleten nennen, aber natürlich auch die Nationalen Olympischen Komitees, die internationalen Verbände, die Regierung, das Ausrichterland und die Öffentlichkeit. All die haben natürlich Vorstellungen und Erwartungen, und mit dieser Entscheidung wird man es nie allen recht machen können.

Wir haben es – das will ich auch noch mal sagen – im Moment auch mit einer hoch dynamischen Situation zu tun in Bezug auf den Coronavirus, und die Bedingungen ändern sich permanent. Insofern war es meiner Sicht nach eine ganz schwierige Entscheidung, die das IOC da zu treffen hatte, und es galt, einen Spagat, der eigentlich kaum zu bewältigen ist, zu managen. Wir hätten uns die Entscheidung einige Tage früher gewünscht, ja, aber sind uns auch darüber bewusst, wie schwierig diese Entscheidung tatsächlich zu treffen ist.

"Es lässt sich unter den derzeitigen Bedingungen nicht machen"

Armbrüster: Frau Rücker, jetzt sind überall auf der Welt Organisationen, Unternehmen und Regierungen dabei, schon seit Tagen, einige schon seit Wochen, äußerst schwierige und folgenreiche Entscheidungen zu treffen, und viele haben das schon vor Wochen getan. Warum geht das beim IOC so langsam?

Rücker: Ich glaube nicht, dass es so langsam gegangen ist. Das IOC war in permanenter Abstimmung mit der japanischen Regierung, mit dem Ausrichterland. Aber das IOC hat auch intensiv die Situation beobachtet. Wir hatten noch letzte Woche ein Call mit dem IOC, wo sie uns auch gesagt haben, dass sie mit der Weltgesundheitsorganisation in permanentem Austausch stehen und immer wieder die Lage beobachten. Und das hat jetzt letztendlich dann auch zu dem Schritt geführt zu sagen, es lässt sich unter den derzeitigen Bedingungen nicht machen.

Armbrüster: Frau Rücker, Sie selbst haben ja hier bei uns im Deutschlandfunk vor zehn Tagen gegenüber den Kollegen aus der "Sport"-Redaktion immer noch dafür geworben, noch abzuwarten. Warum? Was war da Ihre Motivation?

Rücker: Wenn Sie in die Athleten hineinhören, dann stellen Sie auch sehr unterschiedliche Strömungen fest. Natürlich ist es für die Athleten auch ein Lebenstraum, der da verwirklicht werden kann. Die Athleten sind jetzt – das muss man auch sagen – zum Teil am Boden zerstört. Sie müssen ihre Ziele neu definieren. Sie müssen ihre Lebensplanung neu gestalten. Viele hatten das auf diesen Sommer ausgerichtet und viele haben auch uns gesagt, wartet bis zum letzten Moment, wartet bis zur letzten Situation, wo diese Entscheidung getroffen werden kann.

Auf der anderen Seite sehen sie natürlich auch, dass es alternativlos war vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen. Aber diese Entscheidung gerade auch aus der Perspektive der Athletinnen und Athleten zu treffen, ist schon enorm schwierig.

"Stimme der Athleten spielt zentrale Rolle"

Armbrüster: Jetzt gibt es allerdings auch die andere Seite unter den Athleten. Die wollen wir auch nicht unter den Teppich kehren. Da waren Sportler wie zum Beispiel der Athleten-Sprecher Max Hartung. Die haben mit ihrer Verzichtserklärung im Vorfeld schon ein starkes Zeichen gesetzt. Sollte die Stimme der Aktiven bei solchen Entscheidungen künftig lauter gehört werden?

Rücker: Die Stimme der Athleten spielt immer eine zentrale Rolle und ist auch ein zentrales Element für solch eine Entscheidung. Ich glaube, dass die Athletenschaft da sehr zwiegespalten war: Zum einen die, die Sie auch benannt haben, die das genau gefordert haben, aber auch zum anderen die vielen Athleten, die sich gewünscht hätten, dass im Sommer diesen Jahres die Spiele ausgerichtet werden. Wir hatten ja gerade gestern, kurz bevor diese Entscheidung getroffen worden ist, eine Umfrage gestartet, weil es uns auch wichtig war, die Meinung und die Einstellung der Athleten zu dieser zentralen Frage noch mal einzuholen. Jetzt hat sich das leider überrollt, aber das war uns auch noch mal ganz wichtig, hier in unser Team, in die Athletenschaft reinzuhören und zu sagen, was bewegt sie und wie sehen sie denn genau diese Situation und wie würden sie sich entscheiden.

Armbrüster: Was heißt diese Verschiebung denn jetzt für den internationalen Wettkampfkalender und auch für den deutschen Sport im Speziellen?

Rücker: Da sind jetzt unzählige Fragen zu klären. Wir hatten solch eine Situation noch nie. Das hat es noch nie gegeben. Insofern stehen wir alle da vor einem Novum. Natürlich muss jetzt erst mal geschaut werden, wann im nächsten Jahr diese Spiele gut auszurichten sind. Wir wissen alle, dass die Europameisterschaft verlegt worden ist auf das nächste Jahr und im Juni/Juli stattfinden wird. Eigentlich war eine Leichtathletik-WM im nächsten Jahr geplant, viele Großsportereignisse, und jetzt muss sich einfach der Weltsportkalender noch mal neu schütteln, und dann müssen wir schauen, was dabei am Ende für ein Zeitpunkt gefunden wird.

Ich denke, für unsere Athletinnen und Athleten gilt es, jetzt erst einmal zu klären, wann gibt es eigentlich die Situation, wo sie wieder unter optimalen Bedingungen trainieren können, wie gehen wir mit Qualifikationen um, die schon erreicht worden sind, gibt es neue Qualifikationsmöglichkeiten. Und das, was ich gerade schon gesagt habe: Was bedeutet das auch in Bezug auf die Lebensplanung vieler Athletinnen und Athleten, die genau das auf diesen Höhepunkt Sommer 2020 ausgerichtet hatten. Ich glaube, da gilt es jetzt unzählig viele Fragen zu klären, auf die ich Ihnen im Moment noch gar keine Antwort geben kann. Wir werden uns aber ab sofort mit genau diesen Fragen auseinandersetzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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