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StartseiteKultur heuteVerschwiegene Lebensläufe in der DDR16.12.2009

Verschwiegene Lebensläufe in der DDR

Soziologe Dietmar Remy über die den Umgang mit Nazi-Vergangenheiten in der DDR

Auch in der DDR gab es ehemalige Nazis in hohen Funktionen und sogar Parteiämtern. Die Vorwürfe, die durchweg stimmten, versuchte man aus der BRD zurückzugeben, aber es gelang der DDR doch, das Bild des antifaschistisch neu gebauten Staats zu erhalten. Dieses Bild ist längst durchlöchert, in Jena wurde jetzt ein weiterer Schritt getan.

Beatrix Novy: Stephan Hermlin, der Schriftsteller, hat in einem Interview gesagt einmal, 1988 war das, die jungen Leute der DDR seien in der Illusion aufgewachsen, in einem Staat von Widerständlern gegen das NS-Regime zu leben. In Wahrheit hätten aber ihre Eltern gar nicht nur heroisch agiert, sondern sie hätten auch versagt. Das sagte Hermlin 1988, wie gesagt. Da schwante also vielen schon etwas, denn auch in der DDR gab es ehemalige Nazis in hohen Funktionen. Die Behauptung ist mindestens so alt wie das erste Braunbuch über Nazis in westdeutschen Institutionen, das die DDR 1965 der Welt präsentierte. Die Vorwürfe, die im Großen und Ganzen stimmten, versuchte man aus der BRD zurückzugeben, aber es gelang der DDR doch sehr lange, das Bild des antifaschistisch gesäuberten und neu gebauten Staats zu erhalten. Dieses Bild hat längst viele Löcher. In Jena wurde jetzt ein weiterer Schritt getan, eine Tagung an der Universität. Zwei Tage lang wurden dort neue Forschungsergebnisse vorgestellt. Frage an den Soziologen und Tagungsleiter Dietmar Remy: Auf welcher Grundlage sind diese Ergebnisse entstanden?

Dietmar Remy: Die Forschungsergebnisse beruhen zum einen auf unseren eigenen Ergebnissen im Sonderforschungsbereich 580, und zusätzlich haben wir uns noch Experten von anderen Universitäten eingeladen. Unsere eigenen Forschungsergebnisse, die wir vorgestellt haben, mit denen können wir eben auch zum ersten Mal eigentlich beweisen, dass eben auch die nationalsozialistische Vergangenheit bewusst verschwiegen wurde. Wir haben zum ersten Mal eine Population, das heißt sämtliche hohen SED-Funktionäre in Thüringen, das waren damals die ehemaligen Bezirke Erfurt, Gera und Suhl, die höchsten SED-Funktionäre dort, das waren in unserer Untersuchungsgruppe 441, davon gab es 262, die vom Jahrgang her überhaupt eine NS-Vergangenheit haben konnten. Die haben wir jetzt aufgrund von Archivalien im Document Center in Berlin, wo auch die NSDAP-Mitgliederkartei aufbewahrt wird, zum ersten Mal systematisch erforscht, diese Gruppe. Dabei haben wir festgestellt, dass insgesamt 14 Prozent dieser hohen SED-Sekretäre ihre Vergangenheit über die gesamte DDR-Zeit verschweigen konnten. Sie konnten also verschweigen, dass sie als NSDAP-Mitglieder geführt wurden, dass sie in die NSDAP eingetreten sind. Das sagt natürlich noch nichts über ihre Gesinnung aus, das können wir nicht feststellen, wie diese Gesinnung war oder weshalb sie NSDAP-Mitglied wurden. Aber wir können eben aufzeigen, dass sie ständig in ihren Lebensläufen ihre Vergangenheit verschwiegen haben.

Novy: Gab es andere, die das mit beschwiegen haben, die also davon wussten, muss man davon ausgehen?

Remy: Also es haben sich einige hohe Funktionäre heute – nicht bei uns, aber schon in Publikationen – dazu geäußert, dass sie auch eine NS-Vergangenheit hatten. Und die haben gesagt, dass sie im Grunde 45/46 von älteren Genossen quasi reingewaschen wurden, die ihnen gesagt haben: Nee, gib das mal lieber nicht an oder das brauchst du nicht angeben. Es kommt ja drauf an, wo du heute stehst, und was früher war, das ist egal. Also mit dieser Legitimation haben im Grunde viele das als Berechtigung empfunden, dass sie später das nicht mehr erwähnen müssen, dass sie mal in der NSDAP waren.

Novy: Weil sich eben ihre Gesinnung geändert hatte?

Remy: Vermutlich hat sich ihre Gesinnung auch geändert, aber die Partei verlangte von ihren Kadern natürlich immer Ehrlichkeit gegenüber der Partei. Das heißt, das galt natürlich als allerhöchstes Kaderkriterium, dass jemand gegenüber der Partei, die ihn ja erziehen sollte, absolut ehrlich ist. Daher galt ja die Erklärung, dass ein alter Genosse 45/46 es entschuldigt hat und gesagt hat, das sollst du besser nicht erwähnen, kann man sicherlich 10, 20 Jahre später nicht mehr anführen als Grund. Die Karriere wäre mit Sicherheit auch sofort zu Ende gewesen, wenn innerhalb der Partei eine derartige Vergangenheit bekannt geworden wäre.

Novy: Wie repräsentativ, glauben Sie, ist Ihre Untersuchung? Es ist ja nur ein kleiner Teil.

Remy: Das ist nur ein kleiner Teil, der sich auf drei von 15 DDR-Bezirken bezieht. Wir halten es eigentlich für relativ repräsentativ. Ich könnte mir denken, dass der Anteil in anderen Regionen, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, wo sehr viel Vertriebene hingekommen sind, dass dort der Anteil noch größer ist. Denn bestimmte Personengruppen, wie die Vertriebenen zum Beispiel, kamen quasi nackt, ohne Vergangenheit eigentlich, in ihre neue Heimat. Und wenn sie dann auf einem Fragebogen nichts zu ihrer Vergangenheit angegeben haben, so hat man eigentlich da auch nie was erfahren. Also es gab keine Zeugenbefragung oder ähnliche Dinge, die man sich vorstellen könnte. In dieser Aufbauzeit war es wichtiger, dass alles schnell ging, dass man schnell neue Helfer fand, dass man die Positionen besetzen konnte. Man hat also nie systematisch geforscht über die Vergangenheit der eigenen Funktionäre. Und selbst die Staatssicherheit, von der man es ja landläufig annimmt, dass sie alles gewusst hat, hat eben dieses auch nicht gewusst, weil das Document Center mit den Parteiunterlagen der NSDAP im Besitz der Amerikaner war, und die Amerikaner haben keinerlei Auskünfte gegeben an die Ostblockstaaten.

Novy: Eine Tagung in Jena. Darüber, wie Nazis in der DDR Karriere machten. Wir sprachen mit Tagungsleiter Dietmar Remy.

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