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StartseiteEuropa heuteVon der Lebensader zur Pfütze25.06.2019

Versiegende Quelle in PegalajarVon der Lebensader zur Pfütze

Am See seines Heimatdorfs Pegalajar hat Diego Polo die glücklichsten Momente seines Lebens verbracht, sagt er. Inzwischen trocknet der See immer wieder aus. Der "Tümpel von Pegalajar" steht für einen verschwenderischen Umgang mit der knappen Ressource Wasser in weiten Teilen Spaniens.

Von Hans-Günter Kellner

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Diego Polo hat eine Bürgerinitative gegen den Raubbau an der Quelle seines Dorfs gegründet (Hans-Günter Kellner / Deutschlandradio)
Von Wasser fast nichts zu sehen: der einst so stolze See von Pegalajar. Diego Polo hat eine Bürgerinitative gegen den Raubbau an der Quelle seines Dorfs gegründet. (Hans-Günter Kellner / Deutschlandradio)
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Er heißt "La Charca" – "der Tümpel von Pegalajar". Vom berühmten See in dem vor Jahrzehnten betonierten Becken im Zentrum von Pegalajar sind nur noch zwei kleine Pfützen übrig. Der Anlegesteg ist verwaist, der Ponton, auf dem sonst Badende in der Sonne liegen, schwimmt nicht mehr im Wasser, sondern liegt auf hartem Grund. Der 66-jährige Diego Polo ist hier geboren:

"Das ganze Dorf weiß es. Da ist kein Wasser, weil zu viel Grundwasser gefördert wird. Dieser kleine See wird aus der Quelle Fuente de la Reja gespeist. 1985 versiegte diese Quelle erstmals. Dieses Dorf existiert überhaupt nur, weil es diese Quelle gab. Schon die Iberer siedelten hier in der Nähe der Quelle im achten Jahrhundert. Und 1985 trocknete sie aus."

"Die Leute verhalten sich, als hätten wir unbegrenzt Wasser"

Seither ist es jedes Jahr dasselbe. Die Quelle von Pegalajar befindet sich auf 800 Metern über Meereshöhe. So lange der Grundwasserspiegel darüber liegt, und das war bislang immer der Fall, sprudelt sie. Doch seit 1985 sinkt der Pegel immer öfter unter die kritische Höhe, weil sich zu viele Dörfer aus dem Grundwasserstock bedienen. 2018 sorgten starke Regenfälle dafür, dass er wieder anstieg und die Quelle den See füllte, doch nach nur drei trockenen Monaten ist sie erneut versiegt.

"Bis 1985 wurde kaum Grundwasser abgepumpt. Aber seit den 1980er-Jahren breitet sich die Bewässerungslandwirtschaft immer weiter aus. Außerdem werden immer mehr Wohnsiedlungen gebaut. Die haben alle Gärten, Rasen, Bäume, Pools. Der Wasserverbrauch dort ist enorm. Die Leute verhalten sich, als hätten wir unbegrenzte Mengen an Wasser. Das führt zu einem Defizit in der Quelle, sie versiegt."

Der Spaziergang um den See führt an der ausgetrockneten Quelle vorbei. Darüber ein in Stein gehauenes Wappen von König Felipe III. und die Jahreszahl 1605.

Hydrologische Fachwörter gehören schon zum Alltagsvokabular

Polo war viele Jahre lang Lehrer in seinem Heimatdorf. Seine Sprache klingt technisch, wie bei vielen Spaniern prägen Fachbegriffe aus der Wasserwirtschaft seine Alltagssprache, jongliert er mühelos mit der "Überausbeutung des Grundwasserkörpers", die zu einem "hydrologischen Defizit" führt. Denn so wie in Pegalajar die Quellen versiegen, ist es in weiten Teilen Spaniens. Der Dorflehrer nimmt die Brille ab und putzt die Gläser.

"Dieser See ist so wichtig wie die Alhambra. Die Alhambra in Granada ist ein maurischer Palast mit Gärten und Springbrunnen. Dort soll sich der Besucher am plätschernden Wasser ausruhen. Hier bei uns geht es nicht um Entspannung, sondern um Lebensmittelproduktion. Dieser Aspekt des Wassers ist nicht weniger wichtig, er wurde von derselben Zivilisation entwickelt, von denselben Baumeistern wie die Alhambra. Hier geht es um Ernährung, in der Alhambra um Entspannung."

Auch in Pegalajar gibt es - wie in Granada - Wasserleitungen aus der maurischen Zeit. Der See ist ein Wasserspeicher für die alten Terrassen, auf denen einige Meter hangabwärts Familien aus dem Dorf noch heute Obst und Gemüse anbauen. Doch in der alten Leitung fließt kein Wasser. Stattdessen sammelt sich dort Müll.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Andalusien - Ausbeutung der Wasserreserven".

Diego Polo zeigt ein Buch, das seine Bürgerinitiative zur Rettung der Quelle herausgebracht hat. Darin Fotos des Tümpels zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Ein großes, mit Wasser gefülltes Erdloch, gesäumt von Bäumen. Aktuelle Fotos zeigen Demonstrationen, auch der leere See ist abgebildet, auf der weißen Betonmauer ein Schriftzug: "Von jenen, denen ich das Leben gab, verlange ich Gerechtigkeit. Lasst mich nicht sterben."

"Wir fordern nichts Besonderes, wir wollen nur, dass die Gesetze eingehalten werden. Wir haben schon die zuständige Hydrologische Konföderation des Guadalquivir angezeigt. Nach fünf Jahren Prozess, 2006, verurteilte der Oberste Gerichtshof Andalusiens die Verwaltung, die Wassergesetze einzuhalten und hier Ordnung zu schaffen. Einen Flächennutzungsplan mit allen Pumpen zu erstellen. Und einen Plan, wie das Wasser künftig verteilt werden kann. Dieses Urteil wird aber bis heute nicht erfüllt."

"Die Identität des Dorfs verschwindet"

So trostlos wie das leere Betonbecken mitten im Dorf wirkt, fühlt sich auch der alte Lehrer. Der See hat sein Leben bestimmt. Hier hat er schwimmen gelernt, wenn Kinder und Enkel zu Besuch kamen, badete die ganze Familie dort. Und jetzt genügen ein paar trockene Monate und die Quelle versiegt.

"Die Identität des Dorfs verschwindet, ein Teil meiner Identität, meiner Geschichte, meine Erfahrungen. Unsere Hochzeit haben wir hier am Platz gefeiert. Dort drüben spielten Musiker. Wir hatten 250 Gäste. Hier hatten wir die schönsten und glücklichsten Momente unseres Lebens. Wenn man den Platz jetzt so sieht; der Kummer ist schon groß."

Aber vielleicht hat die Quelle von Pegalajar doch noch eine Chance: Die Hydrologische Konföderation des Guadalquivir, die für die Wassernutzung zuständiger Behörde, hat einen neuen Leiter. Ihm konnte Diego Polo jetzt ein Versprechen abringen: Die umliegenden Dörfer sollen sich nicht mehr aus dem Grundwasserstock bedienen, der die Quelle speist.

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