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StartseiteInformationen am MorgenFirmen fürchten die Energiewende24.04.2019

VersorgungssicherheitFirmen fürchten die Energiewende

Raus aus der Nutzung fossiler Energieträger, hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung – für den Klimaschutz soll die Energie-Wende Wirklichkeit werden in Deutschland. Doch in der Industrie überwiegt die Sorge: Schon im vergangenen Jahr gab es Produktionsbeeinträchtigungen wegen Stromschwankungen.

Von Moritz Küpper

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Wepa-Werksleiter Frank-Peter Folcz steht auf der Treppe einer Maschine zur Papierherstellung im Wepa-Werk in Giershagen (dlf/Moritz Küpper )
Papiermaschine im Wepa-Werk in Giershagen: Schon Stromunterbrechungen im Millisekundenbereich führen dazu, dass die Produktion stoppt (dlf/Moritz Küpper )
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Frank-Peter Folcz läuft an einer großen, dreigeschossigen Maschine vorbei. Treppen führen hinauf, doch Folcz, Leiter des Werks in Giershagen im Sauerland des Papierherstellers Wepa, bleibt unten stehen. Er zeigt auf die Maschine, in dessen Innenraum im rasanten Tempo das Papier durchgezogen wird:

"Die Maschine fährt im Augenblick mit 1940 Meter. Das heißt, wir haben in etwa 114 Stundenkilometer drauf. Der Prozess von hier vorne, totalem Wasser, bis fertigem Papier, dauert weniger als eine Sekunde, dann ist das Ganze vergessen."

Der Strom muss ununterbrochen fließen

Kurz vorher hat Folcz, ein großgewachsener Mann, der hier im Werk, eine gelbe Warnweste trägt, den teigartigen Rohstoff gezeigt, der unter anderem aus Altpapier entsteht. Hieraus werden in dem Werk Hygienepapiere, Küchentücher oder auch Toilettenpapier hergestellt. Seit 70 Jahren produziert das Familienunternehmen hier, hat insgesamt 13 Standorte in sechs europäischen Ländern und beschäftigt mehr als 3.800 Menschen. Und: Wepa ist ein sogenanntes energieintensives Unternehmen.

"Jetzt den gesamten Standort zu betreiben, verbrauchen wir im Mittel 20 Megawatt an Strom. Wenn wir das mal mit einem Ein-Familien-Haushalt, mit einem Ein-Familien-Haus, vergleicht, so ein Haushalt braucht dann etwa vier Mega-Watt pro Jahr. Das hieß, die kämen mit der Energie dann fünf Jahr hin."

Vor allem aber brauchen die Maschinen ununterbrochen Strom: "Also, die modernen Systeme … Das ist eine Millisekunde und dann schalten die System ab." Sprich: Schon die geringsten, kaum spürbaren Schwankungen der Netzfrequenz führen zu Schäden, die Maschine bleibt stehen, das Papier reißt.

Folcz steht nun im Kontrollraum des Werks, er zeigt auf die unzähligen Bildschirme, die hier angebracht sind: "Gut, wenn wie jetzt hier eine Spannungsunterbrechung haben, hat das zur Folge, dass das Prozessleitsystem die Maschine sofort runterfährt. Die Maschine bleibt dann stehen, naja, wenn es vernünftig läuft, nichts großes ist, hat man nach anderthalb bis zwei Stunden die Maschine dann wieder komplett am Laufen."

"Wir brauchen Strom im Millisekunden-Bereich"

Dennoch: Teure Zeit, die bestenfalls nur einen Produktionsausfall bedeutet. Andernorts, beispielsweise beim weltweit größten Aluminiumwalzwerk Alunorf in Neuss, können solche Ausfälle zu Schäden an den Maschinen führen. Viele Unternehmen sehen daher in der Energiewende ein großes Risiko:

"Also, die größte Sorge der Unternehmen ist die Versorgungssicherheit", sagt Arndt Kirchhoff. Er ist geschäftsführender Gesellschafter eines Automobilzulieferers, also ebenfalls aus der sogenannten Energie-intensiven Industrie und zugleich Präsident des Unternehmerverbandes in Nordrhein-Westfalen: "Denn an erster Stelle brauchen wir im Millisekunden-Bereich Strom, damit unsere komplizierter werdenden Maschinen und Prozesse überhaupt laufen."

Man wolle und brauche mehr Digitalisierung, so Kirchhoff, aber: "Und jeder weiß, je digitaler die Prozesse sind, desto empfindlicher sind sie für Stromschwankungen. Da geht es jetzt nicht um, Sekunde, Licht an, aus. Nein, da geht es um viel kürzere Abstände, insofern ist Versorgungssicherheit für unsere sehr komplexen Industrieprozesse in der Chemie, aber auch im Maschinenbau, ist Nummer 1."

Versorgungssicherheit durch Gaskraftwerke

Nummer zwei seien die Stromkosten. Letztendlich ist die Frage nach der Versorgungssicherheit zu einer Zahlen- und Gutachten-Schlacht geworden. Eine Studie der Umwelt-Beratungsagentur Agora-Energiewende beispielsweise, kommt zu dem Schluss, dass durch den bis zum Jahr 2030 durch die Bundesregierung geplanten Ausbau der erneuerbaren Energien, der Strompreis sogar sinken könnte. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssten dann die Kapazitäten der Gaskraftwerke aufgestockt werden.

Szenarien, auf die sich Kirchhoff, der schon bei leichten Stromschwankungen in seinen Werken ebenfalls die Maschinen abstellen und komplette Schichten nachhause schicken muss, nicht verlassen möchte. In einer Umfrage in der ebenfalls stromintensiven Glasindustrie, berichten vier von 15 Unternehmen von mehr als zehn Produktionsbeeinträchtigungen im vergangen Jahr.

Ohnehin, so Kirchhoff, sei das ganze Thema hochkomplex - und in der Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar: "Die meisten Menschen kennen die Zusammenhänge nicht, sie denken, der Strom kommt aus der Steckdose. Das ist scheinbar auch so, aber er muss auch zur Verfügung gestellt werden."

Laschet: Zu 60 Prozent auf konventionelle Energie angewiesen

"Die Frage nach der besten Energiegewinnung musste immer wieder neu verhandelt werden." Der Landtag von Nordrhein-Westfalen, Regierungserklärung von CDU-Ministerpräsident Armin Laschet zum Ergebnis der Kohlekommission, zum Ausstieg aus der Braunkohle. Im letzten Jahr schloss in NRW die letzte deutsche Steinkohlenzeche, hier, im Rheinischen Revier, soll der Braunkohle-Ausstieg beginnen und:

"Bis zum Jahr 2022 steigt Deutschland aus der Nutzung der Kernenergie aus und stattdessen setzen wir heute auf die erneuerbaren Energien. Aber auch hier wissen wir: Das funktioniert nicht von allein."

Laschet weiß, woher der Strom kommt, er schaut regelmäßig auf einer App auf seinem Smartphone nach, welche Energiequellen in Deutschland in welchem Maße zur täglichen Stromerzeugung genutzt werden.

"Wenn man sich heute, in diesen Minuten den deutschen Strommix einmal anschaut. Dann setzt der sich zusammen, derzeit, in diesen Minuten, aus 37 Prozent Kohle, 13 Prozent Kernenergie, zehn Prozent Gas und den Rest leisten derzeit die regenerativen Energien. Das heißt: Selbst bei relativ günstigen Bedingungen, sind wir zu 60 Prozent noch auf konventionelle Energieträger angewiesen."

Die Sorge der Unternehmen bleibt

Gebetsmühlenartig weist NRWs Ministerpräsident in fast jeder seiner Reden zu diesem Thema auf diese Zahlen hin. Worte aus der Politik, die NRW-Unternehmerpräsident Kirchhoff, zwar registriert, aber:

"Also, verbal nimmt sie unsere Sorge um Versorgungssicherheit ernst. Ob sie es am Ende wirklich tut, darauf werden wir zu achten haben. Denn: Alles, was dort beschlossen worden ist in diesem Kohle-Kompromiss, muss in Gesetze umgesetzt werden. Und in den Gesetzen muss dann stehen: Wenn nicht so und so viel Kilometer Leitung und wenn nicht so und so viel smarte Anlagen, und wenn nicht so und so viel erneuerbare Energie, sprich grüner Strom in der Leitung ist, dann geht die Rechnung nicht auf."

Und auch im Wepa-Werk in Giershagen finden diese Worte sicherlich Anklang. Denn: Erfahrung mit Ausfällen gibt es auch hier bereits, beispielsweise als kürzlich das Sturmtief Eberhard über Deutschland zog, so Werksleiter Folcz: "Leider sind wir auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Aufgrund von dem Spannungseinbruch im Netz sind wir auch ausgefallen."

Doch auf Dauer, so Folcz, lassen sich solche Ausfälle nicht kompensieren. Denn: Normalerweise laufen die Maschinen fast das ganze Jahr durch, rund um die Uhr:

"Wenn sie das Beispiel Weihnachten nehmen, brauchen wir da acht Stunden bis alles fertig ist und wir brauchen auch etwa acht bis zehn Stunden, um die Maschine wieder hoch zu fahren. Und aufgrund der Kosten von so einer Maschine, auch Zielvorgabe, möglichst kosteneffizient zu fahren, macht das absolut kein Sinn. Dann wären sie nicht konkurrenzfähig."

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