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StartseiteEuropa heuteVersteckt und benachteiligt23.08.2007

Versteckt und benachteiligt

Geistig und körperlich behinderte Menschen in Lettland

Vor drei Jahren ist die ehemalige Sowjetrepublik Lettland der Europäischen Union beigetreten. Schon im Vorfeld erreichte das Land im Zentrum des Baltikums, in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens europäische Standards. Zurück blieben nur die, die schon zu vor vernachlässigt wurden, Menschen mit körperlich oder geistiger Behinderung. Birgit Johannsmeier mit einem Fallbeispiel:

Blick auf die lettische Haupstadt Riga. (AP)
Blick auf die lettische Haupstadt Riga. (AP)

Diana Gumeniak streicht ihrer Tochter Xenia liebevoll über die verkrümmten Hände, während der Taxifahrer ihren Rollstuhl von der Laderampe auf den Schulhof bugsiert. Xenia ist 18 Jahre alt und spastisch gelähmt. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie daheim mit der Mutter verbracht. Doch seit der Lettische Staat die Fahrkosten übernimmt, kann Diana Gumeniak dreimal in der Woche mit Xenia zur Schule gehen.

"Xenia ist noch im Sozialismus geboren. Damals hat man solche Kinder einfach versteckt. Noch heute gaffen mich die Leute mit offenem Mund an, wenn ich meine Tochter im Rollstuhl über die Strasse schiebe. Früher habe ich mich sogar für sie geschämt. Aber von den Lehrern habe ich gelernt, dass Xenia trotz ihrer Spastik ein intelligentes Mädchen ist."

Xenia lernt Lesen, kann Farben erkennen und mit ihrer Mimik alle Wünsche ausdrücken. Die Lehrerin Valentina Alexejewna nimmt sich besonders viel Zeit für das spastische Mädchen, weil Xenia an der Schule für Geistigbehinderte ihrer Meinung nach völlig unterfordert wird.

"Xenia kann lernen und denken wie ein normales Kind und gehörte eigentlich an eine normale Grundschule. Aber in Lettland ist es undenkbar, dass man ein spastisch behindertes Kind in eine Regelschule integriert. Unter Schülern und Eltern käme es zum Aufstand, außerdem sind die Lehrer nicht entsprechend ausgebildet."

Dabei habe sich seit Lettlands Beitritt zur Europäischen Union schon viel
im Sonderschulwesen verändert, meint der Direktor Ivars Upenieks. In den
letzten drei Jahren habe er die Skandinavische Länder bereist und sich über den anderen Umgang mit körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen informiert. Und es gebe zum ersten Mal Geld für die Förderung spastischer Kinder wie Xenia.

"Im Sozialismus haben wir doch hinter einem Eisernen Vorhang gelebt.
Wir wussten einfach nicht, wie man mit Leuten wie Xenia umgehen sollte.
Förderung für Spastiker gab es nicht. Du warst krank, bist zu Hause geblieben oder wurdest in einer der riesigen Anstalten untergebracht."

Am Stadtrand von Riga liegt die Psychiatrische Anstalt der Lettischen Hauptstadt. Im Sozialismus waren hier knapp zweitausend Psychisch-kranker und Geistigbehinderter untergebracht. Entmündigt und ohne Rechte. Wie der 50-jährige Ivars. Er war trotzdem froh, in der Anstaltswerkstatt arbeiten zu dürfen.

"Wir haben Zuckersäcke bedruckt. 20.000 pro Tag. Die waren für Kolchosen in der gesamten Sowjetunion bestimmt. Das war eine gute Zeit. Wir hatten ein festes Gehalt und konnten unsere Familien unterstützen. Aber nach der Unabhängigkeit ist es still geworden."

Das soll sich wieder ändern, meint Norberts Snarskis. Der Arzt setzt sich für eine Umgestaltung der Werkstatt ein und pocht auf Qualität. Elegante Bademäntel, Bettwäsche und chice Papiertüten für Designerläden: Norberts Snarskis möchte die lettische Öffentlichkeit für die Handarbeit der Behinderten gewinnen.

"Wir wollen beweisen, dass unsere Behinderten konkurrenzfähig mit sogenannten normalen Arbeitern sind. Wenn uns das gelingt, wollen wir mit dem Erlös auch ihre Freizeit gestalten und Schritt für Schritt mithelfen, sie in die Gesellschaft zu integrieren."

Auch Diana Gumeniak hofft, dass ihre Tochter Xenia eines Tages am gesellschaftlichen Leben Lettlands teilhaben kann. Sie sieht, dass Xenia Gedichte liebt. Deshalb wünscht sich die Mutter, dass ihre spastische Tochter eines Tages mit dem eigenen Computer sogar eigene Verse schreiben wird.

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