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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturVersuch der Selbstentlastung - Polen im Zweiten Weltkrieg06.12.2010

Versuch der Selbstentlastung - Polen im Zweiten Weltkrieg

Karol Sauerland/Micha Brumlik (Hrsg.): "Umdeuten, verschweigen, erinnern". Campus

In Polen steckt die Aufarbeitung der eigenen Verstrickungen in den Massenmord des Dritten Reiches noch in den Anfängen. Das belegt ein Aufsatzband, den der Pädagoge Micha Brumlik und der polnische Literaturwissenschaftler Karol Sauerland herausgegeben haben.

Von Jochanan Shelliem

Nach dem Zweiten Weltkrieg überdeckte Propaganda den Erinnerungsraum. (AP Archiv)
Nach dem Zweiten Weltkrieg überdeckte Propaganda den Erinnerungsraum. (AP Archiv)
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"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Heißt es bei Brecht. Die Erkenntnis von Macheath in der Dreigroschenoper könnte die von Micha Brumlik und Karl Sauerland initiierten Arbeiten kurz und bündig resümieren. Sie zeigen, wie osteuropäische Historiker in den vergangenen Jahrzehnten in atemberaubenden Volten versucht haben die Mitschuld der eigenen Nation am Judenmord Hitler oder Stalin anzulasten. Wo immer man den Band aufschlägt: Überall finden die Autoren Indizien für diesen Versuch der Selbstentlastung. So schreibt die Soziologin Anika Walke in ihrem Beitrag:

In der offiziellen sowjetischen Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg hatte der Holocaust – die systematische Ermordung der Jüdinnen und Juden – keinen Platz, und auch in der sowjetischen Historiografie wurde der nationalsozialistische Genozid an der jüdischen Bevölkerung weitgehend verleugnet. Jüdischen Widerstand durfte es nach dieser Logik ebenso wenig geben.

"Wir haben über dieses Thema nie gesprochen" hat Walke ihren Aufsatz betitelt, in dem es um den jüdischen Überlebenskampf geht und um die sowjetische Kriegserinnerung, in der der Krieg heroisiert wurde.

Lebst du immer noch, jüdische Fratze?!

Die Heimkehrerin Rita Abramowna Kasdan ist unerwünscht in Minsk. Ein Kollaborateur, der sie schon im Getto bedroht hatte, hat sich die Wohnung ihrer Freundin angeeignet. Anderswo haben sich Parteikader die Habe der jüdischen Vertriebenen unter den Nagel gerissen, oder frühere Nachbarn haben sie "in Gewahrsam" genommen, wie es beschönigend heißt. Im Nachkriegsdeutschland mussten sich jüdische Überlebende denselben Beamten gegenüber ausweisen, die ihnen vor dem Krieg das "J" in den Reichsdeutschen Pass gestempelt hatten, bevor sie gezwungen wurden, ihre Besitztümer auf Amtsanweisung zu versteigern. Zur selben Zeit müssen sich die Überlebenden in Russland dafür legitimieren, dass sie sich haben retten können.

Überlebende standen im prinzipiellen Verdacht, mit den Deutschen kollaboriert und nur so ihr Leben gerettet zu haben.

Schreibt Anika Walke. Für die Heilung psychischer Verletzungen bleibt da keine Zeit. Stattdessen werden Heimkehrer als Soldaten rekrutiert. Der Erinnerungsraum wird von der sowjetischen Propaganda okkupiert. Und die von Anika Walke befragten jüdischen Russen schämen sich und schweigen jahrzehntelang. Die Qualität der Arbeit liegt auch in dem Verweis auf die versiegenden Quellen der ungeschriebenen Geschichte der UdSSR hinter der Fassade vom Großen Vaterländischen Krieg.

Den Zweiten Weltkrieg überlebten auf polnischem Gebiet – in Verstecken in den Wäldern und in den Lagern – nicht mehr als fünfzig- bis siebzigtausend Juden. Etwa 180.000 kehrten gemeinsam mit der polnischen Armee und im Rahmen der Repatriierung aus der Sowjetunion zurück. Ein Vergleich dieser Zahlen mit der Zahl von dreieinhalb Millionen Juden, die vor dem Krieg in Polen wohnten, verdeutlicht das Ausmaß der Tragödie des jüdischen Volkes.

Andrzej Zbikowski beschreibt in seinem Aufsatz die kurze Blütezeit jüdisch-polnischer Enklaven in dieser Nachkriegsatmosphäre der Bereicherung und des anhaltenden Rassenhasses. Überlebende aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen in Reichenbach suchten sich nach Kriegsende im Umland ein Quartier. Andere zogen nach. Da sich das polnische Staatsgebiet nach der Konferenz von Jalta gen Westen verschob fanden die kommunistischen Machthaber, dass es der beste Weg sei, Juden in den ehemals deutschen Gebieten anzusiedeln, denn dort würden sie nicht Gefahr laufen, Opfer des Antisemitismus ihrer ehemaligen Nachbarn zu werden. Sie erschienen auch als gute Garanten für die Polonisierung dieser Landstriche. Allerdings bildete sich in diesen Orten etwas heraus, was Kommunisten nicht gerne sehen: Die Juden schufen sich ein eigenes Netzwerk, eine eigene Verwaltungsstruktur, unter Beibehaltung der Vielfalt öffentlichen jüdischen Lebens aus der Vorkriegszeit. Anfänglich wurde es nicht verboten. Die Gründe dafür sind nach wie vor unklar.

So unklar wie die Deutungen des Pogroms im polnischen Kielce vom 4. Juli 1946, der zu einer Emigration von mehr als 100.000 Juden führte. Anschließend wird die jüdische Parallelstruktur mit ihren Parteien und Kibbuzim in Polen zerstört. Überlebt hat hingegen das Institut der Jüdischen Historischen Kommission, das im Sommer 1944 in Warschau gegründet worden war. Heute befinden sich dort 7200 Zeitzeugenberichte, davon 1100 auf Jiddisch verfasst, andere auf Polnisch, Deutsch, Hebräisch und auch auf Russisch. Das Archiv wurde ignoriert, schlichtweg übersehen, nur deshalb ist es nach dem Krieg nicht gesäubert worden. Verschiedene Aufsätze des Sammelbandes kommen zu dieser Erklärung: Der Holocaust wurde in Polen als Opfergeschichte des polnischen Volkes verstanden. Der religiöse und ethnische Antisemitismus hingegen spielte dabei keine Rolle. Ein anderes Beispiel: In Rumänien wurde die Deportation der Juden 1941, nach der Einnahme von Odessa, als Erfolg auf dem Wege zu einer ethnisch homogenen Nation begrüßt. Dass diese Auffassung auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch dominiert, ist am Umgang mit Marschall Mihai Antonescu abzulesen. 1946 hatten ihn, der für die Massenmorde an Juden, Ukrainern, Roma und Russen verantwortlich war, russische Richter zum Tode verurteilt und hinrichten lassen. Nach dem Sturz Causescus jedoch avancierte er zur Kultfigur. Der bis in die Gegenwart reichende Streit um Antonescu verhinderte eine Aufarbeitung des Holocaust in Rumänien. Nur langsam gelingt es, den xenophoben Antonescu-Kult aus dem Zentrum der rumänischen Gesellschaft zu verdrängen. Umdeuten, verschweigen, erinnern – Nein, von einer Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa kann keine Rede sein. Noch wird der Erinnerungsraum der sich nach Westen orientierenden Nationen zur Schuldabwehr gebraucht. Nur allmählich forciert diese Neuorientierung bohrende Fragen der Enkelgeneration. Verdienstvoll ist der Einblick, den der von Micha Brumlik und Karol Sauerland edierte Band eröffnet. Er ist die Momentaufnahme einer überfälligen Erinnerungsarbeit und ihrer Volten.

"Umdeuten, verschweigen, erinnern. Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa". Der von Micha Brumlik und Karol Sauerland herausgegebene Band ist im Campus Verlag erschienen. 257 Seiten kosten 29 Euro 90, ISBN: 978-3-593-39271-4.

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