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StartseiteEuropa heuteVerteidigung muss sein17.01.2008

Verteidigung muss sein

Die Schweiz streitet über durchgeladene Sturmgewehre

Die Schweizer Armee soll als Volksmiliz im Ernstfall das Land verteidigen. In der Vergangenheit wurde aber häufig diskutiert, ob die Soldaten ihre Waffen mit nach Hause nehmen dürfen, denn immer wieder kommt es zu Tötungsdelikten mit der Dienstwaffe. Nun müssen seit Anfang des Jahres Soldaten beim Wachdienst ihre Sturmgewehre durchladen. Viele glauben, dass diese Verordnung unverantwortlich ist. Kirstin Hausen über die aktuelle Diskussion.

Schweizer Fahne (AP)
Schweizer Fahne (AP)

"Als ich an diese Straßenecke kam, hats geknallt” " erinnert sich Lilly Gallie.
"Der Knall war ein Schuss."

Lilly Gallie erlitt einen Lungendurchschuss. Die Kugel bohrte sich durch ihren Rücken und blieb nur fünf Zentimeter neben dem Herzen stecken. Das war am 8.April 1988. Der Wachsoldat, der den Schuss aus einer nahe gelegenen Militärunterkunft abgefeuert hatte, sagte später, er habe nicht gewusst, dass die Waffe geladen war.

Lilly Gallie findet die Vorstellung, dass die Sturmgewehre jetzt sogar durchgeladen werden bei der Wache unerträglich.

Und sie steht damit nicht alleine.

""Es ist so, ja. Das ist jetzt das Thema, mit dem Gewehr. Also das Gewehr so, dass man nur noch abdrücken muss und da bin ich dagegen."

Auch so mancher Soldat hat ein mulmiges Gefühl im Magen.

"Wir sind ja auch keine Roboter, sondern Menschen und die haben Gefühle, die machen Fehler und das ist gefährlich auf der Wache" meint dieser junge Gefreite.

Dieses Klicken jagt vielen Schweizern eine Gänsehaut über den Rücken. Es ist das Ladegeräusch eines Sturmgewehrs. Seit Anfang des Jahres fällt das Laden beim Wachdienst vor Kasernen und Militäreinrichtungen weg. Das bedeutet, eine Patrone steckt schussbereit im Lauf, der Soldat muss im Ernstfall nur noch den Sicherungshebel lösen und abdrücken. Das charakteristische Klicken bleibt aus. Ein Klicken, das im Zweifel Leben retten kann, meint jedoch der Gemeinderat von Affoltern bei Zürich. Er hat diese Woche entschieden, durchgeladene Sturmgewehre im Wachdienst auf seinem Territorium zu verbieten. Gemeinderatspräsidentin Irene Enderli:

"Unser Militärunterkunftsgebäude stahts mits im Dorf und wir sind der Meinung , es gäbe keinen äußere Anlass, kei Bedrohung, dass man da de Wachtdienst mit gladne Waffe versieh."

Irene Enderli hat andere Gemeinden aufgefordert, dem Beispiel zu folgen. Das Thema erregt die Gemüter. Wenig Verständnis äußerte Armeechef Roland Nef im Schweizerischen Fernsehen. Er vertraut auf die Professionalität der Soldaten.

"I bin unabhängig von de Bedrohung davon überzückt, dass a gut usgbildt Soldat, un mir hämn gut usgbildt Soldat, in de Lag is, a gladene Waffe richtig zu händham"
Trotzdem ist er zu einem Kompromiss bereit. Besonderheiten vor Ort, sagt er, könnten eine Ausnahme von der Regel begründen. Das letzte Wort über die Ausführung des Wachdienstes habe aber der Kommandant vor Ort. Er muss entscheiden, ob die Sturmgewehre durchgeladen werden oder nicht.

Dagegen wenden sich nun einige Abgeordnete im Ständerat. Sie wollen die Verantwortung nicht auf untere Entscheidungsebenen "wegdelegiert" wissen. Der Neuenburger Ständerat Didier Burkhalter sieht dringenden Klärungsbedarf und will von Samuel Schmidt, dem Chef des Verteidigungsdepartements wissen, was genau hinter der Weisung, Sturmgewehre bei der Wache durchzuladen, steckt, warum sie ausgerechnet jetzt kommt und wie während der Fußball-Europameisterschaft im Juni vorgegangen werden soll. Immer mehr Parlamentarier scheinen für die Rückkehr zur alten Praxis zu sein, als die Wachsoldaten zwar scharfe Munition im Magazin hatten, aber eben nicht schussbereit im Gewehrlauf. Das Thema wird die Schweizer in jedem Fall weiter beschäftigen.

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