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StartseiteEuropa heuteTeegenuss als Statussymbol 22.10.2018

Very british (1/5)Teegenuss als Statussymbol

Zum Frühstück trinkt Mr. Twining Assam, am Vormittag Darjeeling, später eine zartere Sorte. Tee ist Stephen Twinings Leidenschaft - und sein Geschäft. Die Geschichte des gleichnamigen Teehauses erzählt viel über die Geschichte des British Empire und über ein britisches Kulturgut mit indischen Wurzeln.

Von Ruth Rach

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Stephen Twining gehört zur zehnten Generation des gleichnamigen britischen Teehauses und ist seit 1985 im Unternehmen tätig (picture alliance/ APA/ Georg Hochmuth)
Stephen Twining gehört zur zehnten Generation des gleichnamigen britischen Teehauses und ist seit 1985 im Unternehmen tätig (picture alliance/ APA/ Georg Hochmuth)
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"Good morning, would you like a cup of tea?" 

Sein Stammbaum geht ins frühe englische Königshaus zurück.  

"Yes, what would you recommend?"

Er trägt ein helles Jacket, eine krumpelige Sommerhose, und abgetragene Schuhe aus feinstem Leder. Stephen Twining, Tee-Guru in zehnter Generation.

"At this time of day I love Darjeeling." 

"First Flush or Finest?"

Am späten Vormittag trinkt Mr. Twining Darjeeling. Zum Frühstück hingegen lieber Assam, einen kühnen Tee, wie er sagt. Und am Nachmittag eine zartere Sorte, es sei denn es ist Winter und er kommt gerade vom Jagen heim. Dann braucht er eine stärkere Mischung. 

"First flush or Finest?", fragt die Assistentin. First flush ist die erste Ernte, zwischen März und April. Ein Darjeeling, so frisch und spritzig, dass er als Champagner der Tees gilt. 

Im Geschäft drängen sich Kunden aus aller Welt. Viele gehen nach hinten, dort ist ein kleines Teemuseum. Sie kosten von den Teesorten, und betrachten die Exponate. Kostbare Teekästchen, kuriose Kannen, alte Bücher und Bilder über die Geschichte des Tees. Und die beginnt – so Stephen Twining – mit einer kleinen Überraschung: 

"Eigentlich waren die Briten leidenschaftliche Kaffeetrinker. In der Wende zum 18. Jahrhundert gab es in der Londoner City über 2.000 Kaffeehäuser. Damals hatten die Männer keine Büros. Deshalb trafen sie sich jeden Morgen im Café, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln. Es gab Cafés für Politiker, Cafés für Künstler, und eines davon, das einem gewissen Mr. Lloyd gehörte. Er veröffentlichte täglich aktuelle Informationen über den kommerziellen Frachtverkehr. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Versicherer in sein Café, und dort entstand dann an Ort und Stelle der weltberühmte Lloyds Versicherungsmarkt."  

Eine portugiesische Prinzessin führte den Tee ein

Aber Kaffee war für die Briten bei Weitem nicht das einzige Genussmittel. Damals war das Wasser so verseucht, dass es nur abgekocht oder mit Alkohol versetzt zu genieβen war - in Form von Gin und Ale. Also wurde zum Frühstück, Mittag- und Abendessen eben Bier getrunken. Erst eine portugiesische Prinzessin, Katharina von Aragón, führte den Exoten Tee am englischen Königshof ein. Das war Mitte des 17. Jahrhunderts. Nicht jeder war entzückt.

"Es gab viele Gruppen, die lauthals Widerspruch anmeldeten: allen voran die Bierbrauer, denn sie fürchtete um ihren Umsatz. Auch Ärzte und Quacksalber warnten: Tee führe, vor allem bei Frauen, zu nervösen Störungen, zu Trägheit und Melancholie. Und Kirchenvertreter schimpften: Dieses Getränk werde in einem nicht-christlichen Land angebaut und sei deshalb nichts für fromme Christen."

Stephen Twining nimmt einen Schluck Darjeeling Finest. Anerkennendes Nicken. Finest ist eine Mischung aus first und second flush: die zweite Ernte ist nach dem Regen und hat deshalb einen weichen Geschmack. 

Besonders fein mit abgespreiztem Finger

Die ersten Verfechterinnen des Teegenusses waren Damen. Sie sahen es nicht gern, dass ihre Gentlemen täglich in den Kaffeehäusern verschwanden, wo sie bereits am Nachmittag auf Arrak umstiegen und oft bis in die frühen Morgenstunden hängen blieben. 

"Eine Lady ging niemals in ein Kaffeehaus. Schlieβlich wollte sie keinem Gentleman begegnen, der womöglich einen Cognac zu viel eingenommen und seine Manieren vergessen hatte. Aber wenn sie ein oder zweimal die Woche zur heimischen Teestunde einlud, war ihr Gemahl quasi gezwungen, dem Kaffeehaus fernzubleiben."

Stephen Twining öffnet eine Glasvitrine und nimmt ein reichverziertes Kästchen in die Hand. Diese Schatzkästchen wurden von den besten Künstlern gefertigt. Denn Tee war so kostbar, dass die Herrin des Hauses den Schlüssel höchstpersönlich am Hals trug. 100 Gramm Tee kosteten nach heutigen Preisen 180 Euro.

"Und weil Tee so ein Statussymbol war, lieβen sich aristokratische Damen mit Vorliebe beim Teetrinken malen. Die Tassen dienten den Ladies dazu, ihre lilienweißen Hände zur Schau zu stellen. Je weißer die Haut, so glaubte man damals, desto weißer die Seele. Die Tassen hatten keine Henkel, und wurden von den Ladies sehr geziert gehalten: unten der Daumen, oben drei Finger. Der kleine Finger, der keine Funktion hatte, wurde abgespreizt. Diese Sitte hat sich bis heute erhalten. Selbst wenn sie Bier oder Wein trinken: manche Leute glauben auch heute noch, dass sie besonders fein wirken, wenn sie den kleinen Finger abspreizen."

Tee als Alternative zum Gin

Stephen Twinings geht nach vorne durch den Laden. Rechts und links stehen hunderte von Teesorten. Über den Regalen die Ahnengalerie: Thomas Twining, Gründer der Teedynastie. Ein paar Bilder weiter, Richard Twining und seine Witwe Elisabeth Mary. Sie überzeugten die Regierung, die astronomisch hohen Teesteuern abzuschaffen. Nicht zuletzt, um den Schmugglern das Handwerk zu legen, die den Teehandel an sich gerissen hatten und ihre kostbare Ware mit allen möglichen Streckmitteln versetzten. Das war Ende des 18. Jahrhunderts. Bis dahin hatte sich die Ansicht durchgesetzt, Tee sei gesund und die ideale Alternative zum Gin, der so viele Slumbewohner in den Untergang trieb.

"Und seitdem blicken wir nicht mehr zurück. Heute heißt es bei jedem Anlass: Schalt den Kessel ein, mach' eine Tasse Tee."

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