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StartseiteKultur heuteVerzicht für die Zukunft30.10.2008

Verzicht für die Zukunft

Kleine Philosophie zum Weltspartag

Schon das Wort lässt sich nicht ohne Bitterkeit aussprechen: Weltspartag, das klingt in dieser Zeit der Geldvernichtung wie ein Hohn auf alles, was Sparen eigentlich bedeutet, nämlich Erweiterung von Handlungsoptionen in der Zukunft durch Verzicht auf ihre Ausübung in der Gegenwart.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Sparschwein an der Börse (AP Archiv)
Sparschwein an der Börse (AP Archiv)

Oder anders ausgedrückt: Sparen ist nicht nur das Ansammeln von Kapital, sondern wer spart, tritt in ein besonderes Verhältnis zur Geschichte ein. Man verzichtet jetzt auf etwas, um sich später mehr leisten zu können: diese Trias von Verzicht, Anspruch und Zeitlichkeit ist eine großartige, vielleicht die großartigste, Denkleistung des Kapitalismus.

Insofern liegt dem Sparen Zuversicht zugrunde: Vertrauen in die Zukunft, nicht Angst vor ihr – das ist die Voraussetzung des systematischen Beiseitelegens. Heute sieht es anders aus: Gespart wird nicht, weil etwas übrig ist, sondern gespart muss werden, weil nichts mehr da ist. Die Idee des Weltspartags hat sich damit erledigt. Er stammt noch aus jener Epoche, da im Voraus gespart wurde und nicht im Nachhinein. Er ist zwar schon 83 Jahre alt, doch für uns schmeckt er nach früher Bundesrepublik, nach Erhard-Ära, Maßhalten und Wirtschaftswunder. Dann lasen wir Freud, und alles war klar: Geld bedeutet Kot; wer spart, ist anal fixiert.

Die Vorstellung vom dreckigen Geld findet sich tatsächlich überall: Man spricht von stinkreich, man sagt "ein Geschäft erledigen", und es heißt, dass der Teufel auf den größten Haufen scheißt. Vor allem verbindet man das Sparen symbolisch mit dem Schwein, jenem unreinen Tier, das den Muslimen ein besonderes Greuel ist. Manche Banken haben deshalb aufgehört, Sparschweine auszugeben; vielleicht werden demnächst auch die Zinsen abgeschafft, denn die sind im Islam ebenfalls verpönt.

Aber Sparen ohne Zinsen wäre wie Robert Lembke ohne Schwein. Der vertraute muffige Geruch der sechziger Jahre, der dem Ideal der Sparsamkeit anhaftet, er hat auch etwas mit der kleinteiligen Genügsamkeit an jenen Mini-Sümmchen zu tun, um die es damals ging. Brav legte man ein bisschen auf die Hohe Kante, und stolz strich man winzige Zinsbeträge ein. Dies Vermögensbildung zu nennen, war, wie wir später erkennen mussten, Volksbetrug. Denn richtige Vermögen werden nicht erspart. Hinter jedem großen Vermögen, sagt Balzac, steht ein großes Verbrechen.

Und so erhoben wir uns über die spießigen Spar-Anstrengungen der kleinen Leute und gaben uns – Euroscheck und Dispokredit traten fördernd hinzu – dem Rausch des Geldausgebens hin. Wir – das waren auch unsere Politiker, der Staat, das ganze System. Jetzt werden aus dem Spartag Jahre, und auch das weltweit.

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