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StartseiteSonntagsspaziergangBrücken über Rhein und Gera als Wegebündelung10.04.2016

Via RegiaBrücken über Rhein und Gera als Wegebündelung

Handelsstraßen sorgen für Austausch, nicht nur von Waren, sondern auch von Kultur. Die Via Regia ist mit 4.500 Kilometern die längste und älteste Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa - anhand ihrer Brücken lässt sich ihre Bedeutung noch heute nachzeichnen.

Von Harald Brandt

Blick auf die Krämerbrücke in Erfurt mit ihren alten Fachwerkhäusern. (picture alliance / ZB / Martin Schutt)
Blick auf die Krämerbrücke in Erfurt mit ihren alten Fachwerkhäusern. (picture alliance / ZB / Martin Schutt)

Die historische Handelsstraße Via Regia reicht von Santiago de Compostella bis nach Kiew. Mit ihren 4.500 Kilometern ist sie die längste und älteste Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa. Wie kann man 2000 Jahre Geschichte und einen geografischen Raum, der sich von Portugal bis in die Ukraine erstreckt, in wenigen Momenten fassen? Ich greife eine Idee des Landschaftsarchitekten und Regionalplaners Alexander Sust auf: Bücken sind Zwangspunkte, sagt er, an denen sich die Wege bündeln. Deshalb wird an den Brückenbauwerken über den Rhein zwischen Mainz und Wiesbaden oder über die Gera in Erfurt, die Geschichte des Reisens besonders deutlich.

Alexander Sust: "Wenn wir an die Via Regia denken, dann ist die Via Regia sicher nicht als einzelner Pfad in der Landschaft deutlich hervorgetreten, sondern es war ein breites Netz von Trampelpfaden, die sich gebildet haben, teilweise aber auch an bestimmten Orten verdichtet haben, sodass sie dort schon sichtbar geworden sind. Nämlich an Zwangspunkten, dort, wo man nicht anders konnte, als sich an dieser Stelle zu bewegen. Da das über viele Jahrhunderte viele Millionen von Menschen getan haben, zu Fuß, aber auch mit Lasttieren, Tragtieren, später dann aber auch mit Karren haben sich diese Linien in den Landschaftsraum hineingeschliffen. Und man kann die heute noch sehen. Das sind beeindruckende Bauwerke, die so entstanden sind, einfach weil dauernd Bewegung in diesen Räumen war."

Mehrere Jahrhunderte lang war das Flusstal der Gera die Grenze des Frankenreiches zum slawischen Raum. 1325 wurde im thüringischen Erfurt die Krämerbrücke errichtet, die eine der wenigen vollständig bebauten Brücken weltweit ist. 33 heute noch bewohnte Fachwerkhäuser säumen die Straße. Und die Geschäfte an beiden Seiten der Brücke erinnern an die Zeit, als die Händler auf der Via Regia hier ihre Waren zum Kauf anboten. 2007 wurde die Via Regia in das Kulturstraßenprogramm des Europarates aufgenommen. In Erfurt leitet Caroline Fischer das Europäische Kultur-und Informationszentrum, das alle Projekte, die sich auf wissenschaftlicher, kultureller oder touristischer Ebene mit der Via Regia beschäftigen, koordiniert.

"Die ganze Brücke ist schon so angelegt worden, auch die sechs steinernen Brückenbögen, dass man darin Waren lagern kann. Wir haben Hohlräume in den Brückenpfeilern, die heute noch zugänglich sind, sodass man wirklich da seine Güter verstauen konnte. Und weil es immer schon als Verkaufsort auch gedient hat, hat man angefangen, diese Krämerbuden zu bauen, später wurden es Wohnhäuser und jetzt sind es eben die Fachwerkhäuser."

Römische Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden

27 nach Christus errichteten römische Ingenieure unweit der heutigen Theodor-Heuß-Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden eine Steinpfeilerbrücke, die das Legionslagers von Mogontiacum mit dem germanischen Territorium verband. Die Rheinüberquerung bei Mainz war immer eine wichtige Etappe auf der historischen Handelsstraße Via Regia. Die römische Rheinbrücke existierte wahrscheinlich bis ins 5. Jahrhundert. Lange nachdem der Holzüberbau, auf dem sich die Fahrbahn befand, verschwunden war, konnte man im Rhein noch die steinernen Brückenpfeiler sehen, die seit dem Mittelalter allerdings nach und nach abgetragen wurden, da man die Steinquader als Baumaterial für Kirchen und Stadthäuser benutzte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die letzten Reste der römischen Brückenpfeiler entfernt, weil sie die Schifffahrt störten. Nicht entfernt wurden die Fundamente der Pfeiler im Flussbett. Sie sind die Quelle für das archäologische Wissen über die erste feste Rheinbrücke. Markus Scholz, Kurator im Römisch Germanischen Zentralmuseum.

"Die erste feste Brücke ist für das Jahr 27 nach Christus nachweisbar. Das ist in dem Fall keine historische Überlieferung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger archäologischer Forschung, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Und zwar handelt es sich dabei um die Pfählungen für die Steinpfeiler einer großen Brücke. Und zwar Eichenpfähle muss man sich vorstellen von etwa sechs, sieben Metern Länge - 30, 40, 50 Zentimeter im Durchmesser -, die man in den Flussgrund gerammt hat, mehrere Meter tief, um eine Unterspülung der Steinpfeiler zu verhindern. Ganz ähnlich wie heute auch noch gebaut wird, allerdings dann heute mit Betonelementen. Etwa 30, 40, 45 solcher Pfeiler, eng gesetzt, ergeben quasi das Holzfundament eines dieser insgesamt rund 20 Brückenpfeiler, die man sich dort rekonstruiert vorstellen muss."

Flussläufe, die nicht sehr tief, aber sehr breit sind wie die Gera bei Erfurt, verlangsamten das Vorankommen auf der Via Regia. Sie wurden zu Raststellen, an denen die Händler ihre Waren verkauften. Am westlichen Tor zur Krämerbrücke, wo früher die Benediktkirche stand, entwickelte sich der fränkische Markt, am östlichen Tor unter der Ägidienkirche entstand der slawische Markt. Caroline Fischer:

"Man ist mit schweren Wagen unterwegs gewesen, man ist mit langsamen Ochsen unterwegs gewesen, man ist zu Fuß unterwegs gewesen: Da muss der Fluss gar nicht so breit sein, dass es doch schwierig ist, ihn zu passieren. Und wenn wir dann noch Regenwetter haben und die Ufer verschlammen, ist es dann natürlich komfortabler - gerade für den vielen Verkehr in Ost-West Richtung, der hier zusammengekommen ist - wenn man eine Brücke hat."

Wie sehr das Reisen mit Ochsenkarren oder mit Postkutschen unseren Begriff des Unterwegsseins geprägt hat, wird deutlich, als ich mit Alexander Sust südlich von Fulda ein Stück auf der historischen Via Regia laufe.

"Es geht jetzt etwas bergan, das war für Fuhrwerke nicht ganz einfach, so bergauf zu fahren, mit normalem Gespann ging das sehr langsam. Mitunter mussten die Menschen sogar richtig schieben helfen, damit man die Steigung hochkam und wenn es noch etwas steiler ging, dann reichte die Kraft der Tiere nicht mehr aus. Dann musste man sich Zuspanntiere mieten. Der Ort, an dem wir rauskommen würden, wenn wir hier weiterlaufen, der heißt dann tatsächlich auch "Die Ausspann". Da wurden dann die Zuspanntiere wieder ausgespannt, da konnte man ausspannen und da gingen die Zuspanntiere dann wieder zurück."

Daher kommt dann unser Wort ausspannen?

"Vielleicht, das hört sich so an. Wir benutzen heute ziemlich viele Wörter, die eigentlich noch aus dieser Zeit kommen. Und den Hintergrund haben wir oft nicht mehr im Bewusstsein. Ein anderes Wort aus der Zeit ist zum Beispiel das Schmiergeld, das man zahlte. Das Schmiergeld war das Geld, das man für die Wagenschmiere benutzte. Wenn man den Wagen schmierte, dann kam man eben komfortabel und schneller voran, aber das Schmiermittel kostete Geld. Entweder brachte man sich die Schmiere selbst mit ... Auf den alten Reisescheinen ist das tatsächlich vermerkt: Die alten Postkutschenscheine haben eine Zeile, da steht drauf "Schmiergeld", mit dem Zusatz, wenn auch tatsächlich geschmiert worden ist. Und auch noch ein Zusatz, dass ein Sonderpreis für Selbstschmierer besteht. Auch das Trinkgeld, das kommt natürlich auch daher, dass der Kutscher etwas trinken musste. Und dann hat der etwas Trinkgeld von den Reisenden bekommen."

Krämerbrücke an einer historischen Furt

Neben der Häuserzeile auf der nördlichen Seite der Krämerbrücke kann man heute eine Nachbildung der historischen Furt sehen, durch die jährlich Zehntausende von Pferden und Ochsen getrieben wurden. Die Brücke und die Furt ergänzen sich. Caroline Fischer kann sich erinnern, wie sie als kleines Mädchen zum ersten Mal durch die alte, noch nicht bereinigte Furt watete und sich dabei den Fuß an einem scharfkantigen Gegenstand im Flussbett aufriss.

"Wir haben hier einen natürlichen Punkt in der Landschaft, wo durch die Furt über den Breitstrom, über die Gera, die Wege zusammengekommen sind. Man konnte nicht einen Kilometer nördlich oder einen Kilometer südlich die Gera passieren, sondern es war an diese Furt gebunden, daher auch dieser besondere Punkt und die Entstehung der zwei Märkte. Was auch eine wichtige Rolle spielte, ist, dass wir hier den Knotenpunkt haben in der Erfurter Innenstadt zwischen der Ost-West Verbindung Via Regia und der wichtigen Nord-Süd Verbindung, Via Imperii, die von Leipzig runterkommt nach Nürnberg und dann weiter nach Venedig führt."

Die Entwicklung der Stadt Erfurt zu einem wichtigen Markt-und Handelszentrum auf der Via Regia ist wesentlich mit der Krämerbrücke verbunden. Mit der Einführung des Stapelrechts im Mittelalter konnte die Stadt von den durchreisenden Kaufleuten verlangen, dass sie ihre Waren hier eine bestimmte Zeit abluden, "stapelten", und zum Verkauf anboten. Auch die Römerbrücke in Mainz führte zu einem wirtschaftlichen Aufschwung der ganzen Region. Markus Scholz:

"Im Falle von Mainz ist festzustellen, dass mit dem Brückenbau auch eine jetzt dauerhafte Militärpolitik einhergeht, nämlich die dauerhafte Etablierung des Zweilegionenlagers für die 14. und 16. Legion mit einem Brückenkopf im rechtsrheinischen Gebiet. Zusammen mit dem Bau der Brücke ist ein Brückenkopfterritorium rechtsrheinisch erbaut worden mit Kastellen in Wiesbaden, Hofheim am Taunus und Trebur-Geinsheim. Das sind zumindest die, die wir heute kennen. Zugleich kann man in der Zeit um 25/30 nach Christus auch starke bauliche Veränderungen im Bereich des Legionslagers und der darum sich entwickelt habenden Zivilsiedlung von Mainz nachweisen. Es greifen Strukturprogramme. Also die Brücke steht im Zusammenhang mit der gesamten Reorganisation der Rheingrenze."

Viele Jahrhunderte lang waren Brücken mehr als nur eine bequeme Möglichkeit, Täler oder Flüsse zu überqueren. Bauwerke wie die Krämerbrücke bildeten eine eigene, in sich geschlossene Struktur im Zentrum der Stadt.

"Die Ägidienkirche ist eine von zwei Brückenkopfkirchen, also auf beiden Seiten der Via Regia, an beiden Märkten haben wir diese Brückenkopfkirchen gehabt. Die eine ist leider vom Blitz zerstört worden, abgebrannt und nie wieder aufgebaut. Und das hatte schon die Funktion, in die Brücke einzuleiten, sie zu markieren und auf beiden Seiten wirklich die Bedeutung dieser Überquerung sichtbar zu machen. Auch ein bisschen zur Verteidigung, wir sehen hier diesen starken Durchgang, dieses enge Tor, und diese weite Überbrückung. Man hatte also wirklich einen sauberen Abschluss auf beiden Seiten. Es ist eigentlich ein sich geschlossenes System diese komplette Bebauung, man nimmt nicht mehr wahr, dass man über Wasser geht. Und als Abschluss diese beiden Brückenkopfkirchen."

Symbol für die Wiedervereinigung

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde am Ortsausgang der kleinen Stadt Vacha im Werratal ein alter Postkutschenstein wieder errichtet, der den Reisenden Auskunft gab, wie viel Stunden sie noch bis nach Hersfeld oder bis nach Eisenach brauchten. Alexander Sust:

"Wir sind hier an der Werra bei Vacha auf einer alten Brücke aus dem Mittelalter, die heute die Brücke der Einheit genannt wird. Das ist eine Brücke über die der alte Handelsweg Via Regia führte, und die dann, als Deutschland getrennt war, Europa getrennt war in zwei Teile, nicht mehr zu benutzen war. Diese Brücke war gesperrt, Stacheldraht war darauf, Grenzposten patrouillierten. Die DDR Bürger durften generell nicht in die Nähe der Zonengrenze, es sei denn, sie waren hier ansässig. Aber auch für die unmittelbar ansässige Bevölkerung war die Brücke gesperrt. Heute ist diese Brücke ein Symbol für das Zusammenwachsen, wir gehen gerade darüber, wir befinden uns jetzt am höchsten Punkt, am Scheitelpunkt, direkt über der Werra. Und wir können hier als Fußgänger einfach entlang gehen. Heute ist sie für den Autoverkehr nicht mehr zugänglich, nur als Fußgänger oder Radfahrer kommt man über diese Brücke. Imposante, schöne Steinbrücke, aus rotem Sandstein gebaut."

Als sich die deutsche Wehrmacht 1945 vor den aus Westen vorrückenden amerikanischen Truppen auf das rechtsrheinische Territorium zurückzog, wurde die Theodor-Heuß-Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden gesprengt. Ähnliches ist auch mit der römischen Rheinbrücke passiert, sagt Markus Scholz.

"Es gibt auch in der römischen Kaiserzeit Hinweise darauf, dass die Brücke nicht immer funktioniert hat. Das wird nicht direkt überliefert, nur indirekt. Nämlich im Jahre 235 nach Christus, nachdem ein verheerender Germaneneinfall die rechtsrheinischen Provinzterritorien verwüstet und zerstört hatte, sammelte sich die römische Armee zu einem Gegenschlag in Mainz, unter dem Kaiser Severus Alexander. Es kam dann noch zu einem Militärputsch. Und der Gegenschlag des neuen Kaiser Maximinus Trax im Jahre 235 nach Christus, der hier mit den gesammelten Truppen über den Rhein vorgetragen werden musste, war auf die Errichtung einer Pontonbrücke angewiesen. Das spricht indirekt dafür, dass die feste Brücke zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar war, möglicherweise hatte man die wegen der imminenten Germanenbedrohung gekappt, unterbrochen, um sie dann zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem die rechtsrheinischen Provinzterritorien wieder gesichert werden konnten, erneut aufzubauen. Ganz ähnlich wie im Frühjahr 1945 als General Patton südlich von Mainz ja auch mit seiner Armee auf einer Pontonbrücke den Rhein überqueren musste."

Das Programm der europäischen Kulturrouten, zu dem auch die Via Regia gehört, soll das Bewusstsein für ein gemeinsames europäisches Erbe stärken. Austausch und Dialog zwischen Städten und Gemeinden an der alten Königsstraße werden durch kulturelle und touristische Initiativen gefördert und dienen als Mittel zur Überwindung der Logik der Konfrontation. Alexander Sust:

"Das macht die Via Regia für mich spannend, weil die Via Regia keine Staaten miteinander verbindet - die verbindet nicht Deutschland, Polen und Frankreich oder auch die Ukraine miteinander, das tut sie nicht. Sie verbindet aber kleine Räume, kleine Regionen miteinander, die ihre eigenen Identitäten haben, und dort fühlen sich die Menschen sicher, da sind sie verwurzelt und wenn diese eigenen Identitäten mit den Identitäten anderer Regionen, die an einer gleichen Straße liegen in einen Dialog miteinander treten, dann ist dieser Dialog auf einer sehr herzlichen, menschlichen und anderen Ebene möglich. Und ich glaube, dass das eigentlich die Idee der Kulturrouten sein muss. Da funktioniert es, da knüpft man plötzlich ein Europa der gegenseitigen Begegnungen und einer Differenziertheit eines Bildes voneinander. Und das durchwurzelt den Raum in einer kulturellen Ebene, wo es dann möglich ist, aufeinander aufzubauen und diese Beziehungen zu sehen, sie wahrzunehmen - für sich wahrzunehmen und auch im Anderen wahrzunehmen. Ich glaube, dass das nie in einem abstrakten politischen Gebilde funktionieren wird."

Erinnerung an historischen Beziehungen zwischen den Völkern

Beim Weg über die Krämerbrücke mit Caroline Fischer und Alexander Sust wird deutlich, dass gerade in den Brückenbauwerken die Erinnerung an die historischen Beziehungen zwischen den Völkern bewahrt wird.

"Aber das ist schon spannend, dass es nicht nur die Straßen sind, sondern welche Bedeutung diese Brücken haben, und wie große Städte dort entstehen, bis heute. Also ich meine, die Krämerbrücke als Beispiel für die Grenze des fränkischen Reiches zu den Slawengebieten. Przemysl heute zwischen Polen und der Ukraine über den Grenzfluss San. Görlitz als Stadtbrücke über die Neiße. Wir hier zwischen den altdeutschen und den neuen deutschen Bundesländern mit Vacha und der steinernen Brücke. Also, Flüsse sind Orte, an die Reiche heranreichen, oft auch dort aufhören, sich nicht leicht darüber hinweg entwickeln können. Dann werden Brücken und Furten errichtet, damit man dieses Hindernis überwinden kann. Dadurch hat man automatisch auf seiner Reise einen Ort, an dem man anhalten muss. Und daraus wachsen Begegnungen, Buden, Lager, Städte, und das ist im Endeffekt bis heute sichtbar."

"Wenn man sich die Läden anguckt, an denen wir gerade vorbeigelaufen sind, dann fällt auf, dass Traditionen bis heute in die Moderne transportiert worden sind, die man sich gut mit der Via Regia zusammen vorstellen kann. Wir laufen an einem Laden vorbei, da gibt es blau gefärbte Tücher, die ja noch eine Tradition des Waidfärbens, also des Färbens mit der Färberpflanze Waid aufgreifen. Oder eben sind wir bei einem Marionettenbauer vorbeigelaufen. Auch das kann man sich vorstellen, dass hier die Gaukler und die fahrenden Künstler über die Brücke gekommen sind, die auch davon lebten, von einem Ort zum anderen zu ziehen, um ihre Künste dort vorführen zu können. Das finde ich interessant, dass man das heute hier so sieht. Auch hier die Töpferwaren waren sicherlich ein Handelsgut, das auf der Via Regia transportiert worden ist."

Alexander Sust hat lange Zeit in Japan gelebt und gearbeitet. Bei unserem gemeinsamen Weg über ein Teilstück der historischen Via Regia will ich von ihm wissen, welchen Begriff man sich in seiner zweiten Heimat von der Idee des Raumes und des Weges macht.

"In Europa und in Deutschland, im deutschen Sprachraum, da sprechen wir ganz selbstverständlich von Landschaft. Und wir sprechen damit das Land, den Boden an, auf dem wir uns bewegen. Da gibt es gar keine direkte Übersetzung ins Japanische. Im Japanischen heißt das, was wir Landschaft nennen wörtlich übersetzt Windschaft - die Windschaft 'Fu Sei' - und die Windschaft und die Landschaft beschreiben von der Idee etwas anderes. Das Land kann man in Besitz nehmen, aber der Wind ist überall, die Luft ist überall. Und trotzdem ist es für unser Bild von Landschaft nicht unbedeutend, dass es diese Luft gibt und diese Luftschichten, die die Entfernung der Landschaft sichtbar machen- Das Blaue im Horizont sichtbar machen und die Ferne und die Weite. Auch das ist etwas, was mich sehr fasziniert an der Idee eines Weges. Das ist die Nähe, die man unter den Füßen spürt und die Weite, die man mit dem Blick erfassen kann. Und diese immer wieder versuchte Annäherung des Weges an die Weite, die man nie erreicht, die Weite bleibt immer da. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass man ihr irgendwie näher kommt, dass man weiter wird, wenn man den Weg in die Weite geht."

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