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StartseiteCorsoVon den Leiden eines jungen Dramaturgen13.05.2014

VideoblogVon den Leiden eines jungen Dramaturgen

Einblick in die Leiden eines Dramaturgen in Hannover gibt ein Videoblog, den man auf youtube verfolgen kann. In bisher 19 kurzen Clips erzählt Jungdramaturg Henning Hartmann, was ihm im alltäglichen Wahnsinn des Staatstheaterbetriebs widerfährt. Doch wer recherchiert, merkt, dass es einen Henning Hartmann gar nicht gibt.

Von Alexander Kohlmann

Ein roter Theatervorhang (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
Henning Hartmann erzählt vom Leben vor und hinter dem Vorhang. (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)

"Läuft es? Ja? Hallo und herzlich Willkommen zu meinem Video-Blog. Ich gebe jetzt mein Debüt in der Dramaturgie hier am Staatstheater Hannover."

Henning Hartmann ist neu angekommen. Als fiktiver Jungdramaturg am Schauspiel Hannover. Aufregende Zeiten stehen dem sympathischen Lockenkopf in seiner ersten Spielzeit bevor. Neue Dramaturgie-Kollegen, neue Schauspieler, neue Stücke. Und die erste Dramaturgiesitzung.

"So, jetzt geht es gleich los, die erste Dramaturgie-Sitzung. Bin ein bisschen angespannt noch, weiß ja so gar nicht, wie das läuft bei denen. Hi Judith, ich komme gleich. Chefdramaturgin. Jetzt komme ich, holla."

Immer dabei, wir, denn Hartmann postet regelmäßig seine Erfahrungen. Als Videoclips auf Youtube: im "Tagebuch eines Dramaturgen". Hier können wir miterleben wie klein Hartmanns Macht ist. Bei einem Machtwort von Intendant Lars Ole Walburg zum Beispiel:

"Ich muss das infrage stellen, das sind 7000 Seiten, das sind 300 Charaktere..." "Henning wir machen das, punktum."

Trotz des Arbeitsstresses hat Hartmann sich verliebt. Seine Angebetete ist ausgerechnet eine Arbeitskollegin. Die schöne, junge Schauspielerin Juliane Fisch. Der stellt der fiktive Dramaturg bis zu ihrer Garderobe nach:

"Juliane"
"..., ich ziehe mich gerade um"
"Entschuldige, ich wollte dir nur kurz was sagen, kann ich das so?"
"Ja"
"Ich wollte nur sagen, das, was Du gerade auf der Probe gemacht hast war einfach, das war einfach zum ersten Mal Allegorese, das war die Figur, das war die Octavia, weißt Du?"
"Ja"

Auch Schauspielstar Milan Peschel tritt auf

So ganz klappt Hartmanns Annäherung noch nicht, jedenfalls jenseits des Fachgesprächs. Da kommt es gerade recht, dass Regisseur und Schauspielstar Milan Peschel in Hannover "Das Mädchen Rosemarie" probt. Für Hartmann hat der Regisseur ein interessantes Angebot:

"Wie würdest Du das finden, wenn Du die Rolle spielt?"
"Nee, wirklich, danke."
"Wieso, aber du warst doch mal Schauspieler früher? Ich meine, Du warst eigentlich keiner, weil Du ja im übrigen ein ganz schlechter Schauspieler warst".

Ein Dramaturg als Schauspieler? Schrecklich, noch dazu weil Hartmann an entsetzlicher Bühnenangst leidet. Aber nackt in der Badewanne mit der schönen Fisch? Hartmann lässt sich überreden. Und findet sich wieder auf der ganz großen Bühne, mitten in einem 50er-Jahre Set. Und mutet sich dabei offenbar doch zuviel zu.

"Ich habe einen Burnout, ich muss hier weg, ich bewerb mich jetzt beim Frank Castorf von der Berliner Volksbühne, da ist ein Dramaturg noch ein Dramaturg. Hier immer Publikumseinführungen oder jetzt muss ich auch beim Milan Peschel immer mitspielen, dass kann ich doch nicht. Ich bin doch ein Dramaturg und kein Schauspieler."

Es folgen neue Bewerbungen, ein Anruf bei Frank Castorf in Berlin. Auch das Burgtheater hat wieder einen Chefsessel frei. Hartmann schwank zwischen Verzweiflung und Größenwahn. Die Spielzeitkonferenz naht, wo wird er in der nächsten Spielzeit sein?

Höchstwahrscheinlich immer noch am Schauspiel Hannover. Denn der Hartmann, den wir im Internet erleben, ist gar kein Dramaturg. Sondern eine Kunstfigur.

Eigentlich sollte es für Schauspieler Henning Hartmann nur eine Rolle unter vielen anderen sein. Der Autor Christian Tschirner war selbst Dramaturg am Schauspiel Hannover. Als Abschiedsgeschenk hat er mit der "Römischen Octavia" einen Text geschrieben. In dem schreit ein Dramaturg seinen Frust über den Theaterbetrieb dem Publikum entgegen.

"Der Zuschauer setzt eine vollkommene Verständnislosigkeit dem Theaterkunstwerk gegenüber sich selbst inzwischen schon voraus. Ohne Einführung geht beim Zuschauer gar nichts mehr."

Der Schauspieler Henning Hartmann sollte Tschirners alter ego auf der Bühne geben. Aber wie einen Dramaturgen spielen, wenn man doch eigentlich staatlich geprüfter Schauspieler ist?

Dachten sich Schauspieler Hartmann und Regisseur Nick Hartnagel. Und erschufen gemeinsam die Kunstfigur "Henning Hartmann". Jenen Jungdramaturgen, der für alle nachverfolgbar den ganz realen Wahnsinn eines Staatstheaters entdeckt. Und inzwischen einfach nicht mehr verschwinden will. Die Premiere der "Römischen Octavia" ist längst vorbei. Und der fiktive Hartmann sendet immer noch: Bilder von Pressekonferenzen und Bewerbungsmarathons. Und Premierenfeiern, die einfach nicht zu Ende gehen wollen.

"Was für eine Premiere, yeah, wir haben es geschafft, wir haben es gerockt!"

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