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StartseiteKalenderblattViel Arbeit für die Theaterzensoren05.09.2011

Viel Arbeit für die Theaterzensoren

Vor 175 Jahren starb der österreichische Dramatiker Ferdinand Raimund

Seine Stücke sind auf den ersten Blick bloße Zauberpossen mit Feen und närrischen Bauern. Aber Ferdinand Raimund, der am 5. September 1836 durch eigene Hand den Tod fand, ist eine Art österreichischer Molière.

Von Eva Pfister

Blick vom Schloss Belvedere auf Wien (im Vordergrund: Belvederepark, Unteres Schloss) (dradio.de/Janine Wergin)
Blick vom Schloss Belvedere auf Wien (im Vordergrund: Belvederepark, Unteres Schloss) (dradio.de/Janine Wergin)

"Die Welt ist nichts als eine giftige Belladonna! Ich habe sie gekost‘!"

Ferdinand Raimunds berühmteste Rolle hatte er sich selbst auf den Leib geschrieben: Den "Rappelkopf" aus dem Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Der reiche Gutsbesitzer macht seinen Nächsten das Leben zur Hölle durch sein aufbrausendes Temperament, seine Schwarzseherei und seinen Argwohn.

Lied des Rappelkopf:

"Nein, das kann nicht mehr so bleiben, s'ist entsetzlich, was sie treiben, In's Gesicht wird‘ ich belogen, Hinter Rücken frech betrogen."

Das aufbrausende Temperament von Ferdinand Raimund, Schauspieler, Regisseur und Dramatiker, ist in den Polizeiakten festgehalten. Bevor er im Jahr 1828 Direktor des Theaters in der Leopoldstadt wurde, veranlassten die Wiener Behörden eine genaue Untersuchung. So wurde etwa dokumentiert, dass Raimund einst aus Eifersucht eine befreundete Kollegin verprügelt hatte.

Lied des Rappelkopf:

"Hinterm Rücken frech betrogen. S'Geld muss ich am End vergraben, denn sie stehlen wie die Raben."

Geboren wurde Ferdinand Raimund 1790 in Wien als Sohn eines Drechslermeisters. Nach dem Tod seiner Eltern musste er die Höhere Schule verlassen und wurde Lehrling bei einem Zuckerbäcker. Abends verkaufte er im Burgtheater dessen Süßigkeiten und lernte so das Theater lieben.

Ab 1814 trat Ferdinand Raimund an Wiener Vorstadttheatern auf und wurde dank seines komischen Talents rasch beliebt. Begabt war er auch im Extemporieren, das heißt, er reicherte seine Rollen mit improvisierten Texten an. Das missfiel nur den Zensoren im Wien Metternichs, denn sie mussten deswegen nicht bloß die Premiere, sondern jede Vorstellung eines Stückes besuchen!

Im Dezember 1823 wurde seine Märchenbearbeitung "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" im Theater in der Leopoldstadt uraufgeführt. Das war die Geburtsstunde des Dramatikers Raimund, der in einer autobiografischen Skizze dazu anmerkte:

Als dieses Stück so glücklichen Erfolg hatte, wie es ihn gewiss nicht verdient hat, wurde ich schon kühner und erfand mir selbst einen Stoff, und so entstand "Der Bauer als Millionär", in dem sich viele läppische Kleinigkeiten befinden, welche ich nur angebracht habe, weil ich fürchtete, das Publikum möchte ihn zu ernsthaft finden.

Tatsächlich schwankt die Titelrolle des Bauern Fortunatus Wurzel, dem das Geld den Charakter verdorben hat, zwischen Komik und Tragik. Zwar ist ihm noch die Verwandtschaft mit dem traditionellen Hanswurst anzumerken, aber wie er geläutert wird, indem ihn plötzlich das Alter heimsucht, wäre durchaus tragisch, wenn Raimund nicht auch daraus eine komische Nummer gemacht hätte:

"Sie verzeihen, dass ich so frei bin, meine mühselige Aufwartung zu machen. Ich bin das hohe Alter, Ihnen miserabelst zu dienen. Ich hab‘ da einen Einquartierungszettel bei Ihnen."

Ähnlich wie Molière in Frankreich, so entwickelte der Wiener Theatermacher aus den konventionellen Mustern von Stegreifspiel und Zauberposse Charakterkomödien, in denen das Schicksal der Hauptfiguren weniger von äußeren Mächten bestimmt ist, sondern aus der eigenen Psyche heraus entwickelt wird.

Während jedoch in seinen Stücken zum Ende alles gut wird, blieb dem Autor das Glück einer zufriedenen Existenz versagt. Seine Streitsucht, sein Pessimismus sowie seine hypochondrische Veranlagung wurden Ferdinand Raimund zum Verhängnis.

Hobellied:

"Zeigt sich der Tod einst, mit Verlaub, und zupft mich: Brüderl kumm."

1830 trennte sich Raimund von seinem Theater und gastierte mit seinen Paraderollen in München, Hamburg, Berlin und Prag. Dazwischen zog er sich mit seiner Lebensgefährtin Toni Wagner auf sein Landgut zurück. Dort wurde er von einem Hund gebissen, und da er eine panische Angst vor der Tollwut hatte, schoss er sich auf dem Weg zu einem Arzt in den Mund. Einige Tage später, am 5. September 1836, erlag Ferdinand Raimund seinen Verletzungen.

Die Gelassenheit des Drechslermeisters Valentin aus seinem letzten Stück "Der Verschwender" fehlte dem Autor, Valentins "Hobellied" aber ist heute noch in Österreich so populär wie ein Volkslied.

Hobellied:

"Da leg ich meinen Hobel hin, Und sag der Welt Ade!"

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