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StartseiteInterview"Viele waren natürlich ein bisschen abgeschreckt"18.10.2011

"Viele waren natürlich ein bisschen abgeschreckt"

Studentenvertreterin über die zahlreichen Erstsemester an den Hochschulen

Der Ansturm auf die Hochschulen ist durch verkürzte Gymnasialzeit und Aussetzung der Wehrpflicht enorm. Infoveranstaltungen seien laut Studentenvertreterin Salome Adam völlig überlaufen. Es sei verpasst worden, die Hochschulen so auszustatten, dass "eine adäquate Lehre" geboten werden könne.

Salome Adam im Gespräch mit Silvia Engels

Vor allem Hochschulen in kleinen Städten hätten Probleme. (AP)
Vor allem Hochschulen in kleinen Städten hätten Probleme. (AP)

Silvia Engels: In diesen Tagen hat an den deutschen Universitäten das Wintersemester begonnen. Das ist kein ganz gewöhnlicher Studienbeginn, denn in vielen Bundesländern strömen durch die verkürzte Gymnasialzeit dieses Mal doppelt so viele Abiturienten und Abiturientinnen an die Hochschulen wie gewöhnlich. Dazu sorgt die Aussetzung der Wehrpflicht dafür, dass sich in diesem Jahr eine halbe Million Erstsemester eingeschrieben haben, und das, wo mit gut 2,2 Millionen Studierenden ohnehin eine Rekordzahl an den Unis erreicht ist. Viele Studierenden klagen über Überfüllung und warnen vor dem Zusammenbruch des Systems. – Und am Telefon begrüße ich Salome Adam, sie ist Bundesvorstandsmitglied des freien Zusammenschlusses von Studenten- und Studentinnenschaften, kurz fzs, und sie studiert Biochemie in Leipzig. Guten Morgen, Frau Adam!

Salome Adam: Guten Morgen!

Engels: Wie läuft es denn an der Uni Leipzig derzeit?

Adam: An der Uni Leipzig haben wir derzeit große Probleme, vor allem im Studiengang Jura, weil sich derzeit dort bis 679 Leute eingeschrieben haben, was halt dazu führt, dass im großen Hörsaal, wo gerade mal 53 Personen reinpassen, es natürlich klar war, dass vor allem die ersten Infoveranstaltungen vollkommen überlaufen sind. Dadurch musste dann der Fachschaftsrat kurzfristig andere Räume anmieten, um per Livestream wirklich auch allen die Informationen zukommen zu lassen, die halt verzweifelt vor den Räumen standen, weil sie nicht mehr reinkamen. Und das geht auch noch weiter, dass natürlich für die Masse an Personen überhaupt keine Bibliotheksplätze mehr zugänglich sind und viel zu wenig Bücher, so dass die Erstsemester für ihre erste Hausarbeit einen zusammengestellten Reader vermutlich bekommen, weil die Bücher einfach nicht mehr reichen. Wie es dann weitergeht mit wissenschaftlichen Arbeiten, ist mir relativ unklar, und das war nur ein Beispiel.

Engels: Haben Sie denn irgendeinen Überblick darüber, ob die Uni versucht hat, diese ja absehbaren Probleme in den Griff zu bekommen, sich irgendwie darauf vorzubereiten?

Adam: Ich habe da persönlich nicht viel mitbekommen. Das einzige was ich weiß, dass man in dem Studiengang Chemie, wo man wusste, dass es auch immer wieder voll geworden ist und wo die Praktikaplätze nie gereicht haben – also man hatte ungefähr 110 Praktikaplätze im ersten Semester und es haben sich meistens über 200 Leute immatrikuliert -, da haben jetzt die Studierendenvertreter dort in der Fachschaft durchgedrückt, dass jetzt ein NC eingeführt wird, damit einfach weniger zugelassen werden, damit nicht in den ersten sechs Wochen gleich 80 oder mehr Leute nicht mehr weiterstudieren können.

Engels: Das ist auch ein Stichwort. Was hören Sie von den Erstsemestern oder von denjenigen, die gerade über ein Studium nachdenken? Lassen die sich abschrecken?

Adam: Ja, zum Teil schon. Viele werden ein Jahr warten, wo dann die Frage ist, wie sieht es in einem Jahr aus, weil dann kommt der Doppelabiturjahrgang aus Baden-Württemberg, der sehr stark sein wird. Da habe ich Zahlen gehört, dass ungefähr 445.000 Leute ein Abitur machen werden. Also wird sich jetzt vermutlich dort auch nicht mehr die Situation verbessern. Und viele waren natürlich ein bisschen abgeschreckt von den ersten Wochen. Ich meine, wenn man zur Infoveranstaltung geht und stellt fest, ich passe gar nicht mehr in den Raum, dann fragt man sich natürlich, wie studiere ich denn jetzt weiter und wie sieht das denn jetzt aus. Und man kann halt nur hoffen, dass das die Hochschule dann geregelt bekommt.

Engels: Sie hören auch von anderen Studenten- und Studentinnenschaften an anderen Hochschulen. Was hören Sie dort? Ist da überall dasselbe Bild wie bei Ihnen in Leipzig?

Adam: Ja. Vor allem an Hochschulen in kleinen Städten hat man das Problem, zum Beispiel in Regensburg, oder Frankfurt am Main ist da auch ein gutes Beispiel, dass noch nicht mal alle mehr einen Wohnplatz bekommen. In der Uni Regensburg hat dann der ASTA organisiert, die Studierendenvertretung dort vor Ort, zusammen mit dem Wohnheim, dass man ein Matratzenlager im Gemeinschaftsraum eines Studentenwohnheims eingerichtet hat für Leute, die sehr spät eine Zusage bekommen haben und keinen Wohnplatz mehr gefunden haben, und sie haben mit 20 Leuten gerechnet, aber das sind weit über 40. Dieser Raum ist vollkommen überfüllt und überlaufen von Personen, die einfach nicht mehr weiterwissen, weil sie an die Universität gekommen sind oder an die Hochschule und einfach keinen Platz mehr finden.

Engels: Bundesbildungsministerin Schavan will ja weiter auf optimistische Zeichen setzen. Sie sprach davon, dass es ein starkes Signal sei, dass so viele Menschen in Deutschland studieren wollten. Können Sie da auch noch applaudieren?

Adam: Wenn sie das Geld bereitstellen würde, um diese ganzen Studierenden durch die Hochschulen zu bringen, würde ich mich wirklich sehr darüber freuen, dass die Studierendenzahlen steigen. Aber man hat es ja schon vor Jahren verpasst, die Unis oder die Hochschulen generell so auszustatten, dass man halt auch eine adäquate Lehre ausführen kann. Die Exzellenzinitiative und so weiter helfen da halt nicht unbedingt. Es ist ja derzeit so, dass es keinen Anreiz gibt, eine gute Lehre zu machen, und die Professoren müssen sich sehr darum kümmern, dass sie gute Forschungsdrittmittel an die Hochschulen kriegen, damit sie überhaupt noch den Betrieb aufrecht erhalten können, und da geht vermutlich manchmal auch die Lehre unter, wo man den Professoren und Professorinnen auf keinen Fall aber einen Vorwurf machen kann, sondern wirklich nur den Landes- und der Bundesregierung in dem Fall, die da vollkommen versagen, weil sie die Bildung einfach nicht ausfinanzieren in dem Moment.

Engels: Das heißt, Ihre Mahnung richtet sich an die Politik, nicht so sehr an die Universitäten selbst? Läuft denn da organisatorisch alles so glatt?

Adam: Die Universitäten und die Hochschulen haben teilweise sehr viele Probleme gehabt in diesem Semester, was aber vor allem auch daran lag, dass das Zulassungssystem von "HIS" nicht auf den Markt kam. Es war ein vollkommen unübersichtlicher Markt. Aber so, wie ich es mitbekommen habe, ist es zumindest so, wenn die Studierenden zu den Studierendenvertretungen gehen, dass dann oft ein Weg möglich ist, um doch noch zum Beispiel ein Seminar aufzumachen. Bei uns war es zum Beispiel so, dass es wohl zu wenig Lateinkurse gab. Man konnte aber mit den Studierendenvertretungen reden und die haben dann mit der Universitätsleitung gesprochen, es wurde dann daraufhin ein weiterer Lateinkurs aufgemacht. Also ich glaube, an den meisten Hochschulen sind solche Wege halt möglich - zum Glück.

Engels: Daneben gibt es aber auch das Problem, dass viele Studierende durch die direkte Bewerbung bei den Universitäten erst sehr spät planen können. Ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss, wie Studienplätze verteilt werden?

Adam: Auf keinen Fall! Gerade im Hinblick darauf, dass man auch viele Wahlveranstaltungen wählen muss, und teilweise die Studierenden, die jetzt erst kommen, gar nicht mehr diese Wahlveranstaltungen bekommen können – es ist halt die Frage, was sie im ersten Semester studieren -, ist das auf keinen Fall der Weisheit letzter Schluss. Da haben natürlich auch die Hochschulen dadurch Probleme, dass sie jetzt erst irgendwie versuchen, noch mal ihre Studiengänge aufzufüllen. Es gibt ja auch durchaus Fälle, dass nicht nur die Studiengänge überfüllt sind, sondern dass sie vollkommen leer geblieben sind, weil sich die Studierenden natürlich aus Angst an zehn und mehr Hochschulen beworben haben und dann abgesagt haben an ganz vielen Hochschulen und dadurch Studienplätze frei geblieben sind und die Hochschulen gar nicht mehr planen konnten.

Engels: Nun ist ja auch ein Argument, um die Finanzausstattung zu verbessern, immer wieder von gewissen Kreisen das Stichwort der Studiengebühr. Das lehnen die Studierenden ab. Aber könnte es bei diesem Überschwang von Studierenden nicht doch helfen?

Adam: Nein, auf keinen Fall. Wir lehnen das auch ab, weil es eine große soziale Hürde dann ist, dass die Leute studieren würden, und meiner Meinung nach ist Geld im System da, man müsste es bloß richtig umverteilen. Man müsste halt wieder die Bildung als öffentliches Gut verstehen und dann könnte man wirklich über eine gute Finanzierung reden. Aber im derzeitigen Bildungsföderalismus, gerade im Hinblick auf die Schuldenbremse 2020 der Länder, habe ich da arge Bedenken, ob die Finanzierung so, wie sie jetzt ist, wirklich hilft und ob man damit weiterkommt.

Engels: Salome Adam, sie ist Bundesvorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Studenten- und Studentinnenschaften. Wir sprachen mit ihr über die Eindrücke zum Studienbeginn angesichts voller Hochschulen. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Adam.

Adam: Danke schön.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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