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StartseiteKommentare und Themen der WocheRespekt für den Anderen14.09.2019

Vielfalt und MobilitätRespekt für den Anderen

Ob Autofan oder Fahrradfahrer - zum Thema Mobilität hat jeder eine Meinung: fast immer eine emotionale oder radikale, meint Burkhard Ewert. Doch was im persönlichen Umgang gilt, wäre auch gesellschaftlich nicht schlecht: nämlich mehr Vielfalt zu akzeptieren.

Von Burkhard Ewert

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Ein SUV rauscht durch die Innenstadt. (picture alliance/ZUMA Press)
Per SUV, zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs: Deutschland wird einen Weg finden müssen, der verbindet und nicht spaltet, meint Burkhard Ewert (picture alliance/ZUMA Press)
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Die nachfolgenden Namen werden Ihnen vermutlich nichts sagen. Aber es schadet nicht, sie einmal zu hören. Wielpütz wäre zu nennen. Sonnplast, SAM Automotive, Mitec, Küpper Metall und Wayand. Kessler, SMIA, "A. Maier", Räuchle, Ifa und Auer Guss. Mal sind es 20 Stellen, die diese Unternehmen in jüngster Zeit abgebaut haben, mal 200, mal 2.000. Zusammen unendlich viele.

Die Liste zeigt, dass das Siechtum der deutschen Automobilindustrie längst begonnen hat. Die Zulieferer, deren Fabriken quer übers Land verteilt liegen, bleiben als erstes auf der Strecke, wenn die Hersteller umdisponieren, verlagern, konzentrieren, optimieren. Der Glanz der neuen Modelle, die seit dieser Woche auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt präsentiert wurden, kann darüber nicht hinwegtäuschen.

Deutsche Autoindustrie - noch immer Weltspitze

Die gute Nachricht lautet: Unmöglich ist es nicht für die deutsche Branche, die Lage zu meistern. Noch immer ist sie technologisch weltweit Spitze. Noch verdient sie auch genug Geld für Innovationen und Investitionen.

Die Manager haben ihre Elektrokonzepte aus den Schubladen geholt, wohl wissend, dass diese Antriebsart keinesfalls die Antwort auf alle Fragen ist. Aufhorchen ließen zuletzt auch Meldungen, dass der Dieselantrieb über die aktuellen 6er-Abgas-Stufen hinaus noch einmal drastisch verbessert werden kann. Er wurde vorschnell totgesagt. Und doch bleibt es das Verdienst der Deutschen Umwelthilfe, dass sie hier konsequente Innovationen erzwungen hat.

Ebenso wächst das Interesse an Wasserstoff. Auch synthetische Kraftstoffe können sinnvoll sein, wo ein Akku keine Lösung ist. Wer schlau und undogmatisch handelt, wird einen solchen Mix je nach Fahrzeug- und Nutzungsart anstreben und keine Verengung zulassen.

Einfach weniger unterwegs sein

Eines wird merkwürdigerweise nur selten diskutiert, wenn es um Mobilität und ihre Folgen geht: schlichtweg weniger unterwegs zu sein. Muss der Aktionsradius des Durchschnittsdeutschen für immer so groß sein? Muss denn für Konferenzen, Konzerte und Konsum, Sauftouren und Selfies permanent durchs Land gerauscht werden? Was wird da für Zeit verbraucht, was für Ressourcen? Kann man nicht häufiger den Garten genießen oder das Freibad um die Ecke besuchen, statt an die See zu fahren? Oder eine Fahrradtour ins Moor machen, statt eine Fahrt in die überfüllte Metropole? Genügt es nicht, einmal die Woche einzukaufen statt ständig irgendwelchen Kleinkram zu holen?

Respekt und Verständnis füreinander

Die Hoffnung ist vielleicht naiv. Schon deshalb, weil Mobilität ein Thema ist, bei dem jeder eine Meinung hat – fast immer eine emotionale, nicht selten eine radikale. Besser aber wären Respekt und Verständnis. Von den einen zum Beispiel dafür, dass das Auto für andere weit mehr ist als ein Beförderungsmittel, nämlich Objekt der Sehnsucht und der Freiheit, auf das oft erbittert gespart wurde. Die anderen, die Autofans, sollten verstehen, dass längst nicht mehr jeder eines möchte und PS-Geprotze, blinkenden Chrom oder den Elchfänger am SUV als hochgradig albern empfinden.

Was im persönlichen Umgang gilt, wäre auch gesellschaftlich nicht schlecht, nämlich mehr Vielfalt zu akzeptieren. Eine autofreie Zone in Innenstädten muss nicht mehr den Tod des Handels bedeuten wie in den 80er-Jahren, sondern kann vielmehr Teil der Rettung sein. Umgekehrt wäre ein Leben ohne Auto der Tod vieler Landgemeinden, wo die fortlaufende Verteufelung und Verteuerung des Autofahrens existenzielle Fahrten zur Arbeit, zum Arzt, zur Ausbildung oder zum Einkauf unmöglich machen, was übrigens auch hochgradig unsozial ist.

Deutschland wird einen Weg finden müssen, der verbindet und nicht spaltet. Und warum denn auch nicht? Auch der grünste Kreuzberger wird ja nicht wollen, dass alle in seinen Stadtteil ziehen, weil man dort prima ohne Auto leben kann. Die Mieten-Diskussion erlebte andernfalls eine gänzlich neue Dimension. So gesehen, müsste man sich vehement für eine bezahlbare und komfortable individuelle Mobilität in Dithmarschen, Mecklenburg oder im Allgäu einsetzen. Und wenn die Leute dort SUV fahren wollen, dann ist das eben so. Wie wär’s?

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