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StartseiteWirtschaft und GesellschaftKeine Lösung für Alle17.08.2020

Vier-Tage-WocheKeine Lösung für Alle

Arbeitsmarktexperte Stefan Sell ist skeptisch bezüglich des Vorschlags, mittels einer Vier-Tage-Woche einen Stellenabbau in der Coronakrise zu verhindern. In vielen Branchen herrsche schon jetzt Fachkräftemangel und einige Arbeitnehmer könnten auch keine Lohneinbußen hinnehmen, sagte Sell im Dlf.

Stefan Sell im Gespräch mit Birgid Becker

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Auszubildende mit Schutzmasken beim Schweißen. (mago / Rupert Oberhäuser)
Die Coronakrise bringt zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Kann die "Vier-Tage-Woche" Jobs retten? (mago / Rupert Oberhäuser)
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Die Coronakrise bringt zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Der Chef der Gewerkschaft IG Metall Jörg Hofmann schlägt vor, in der kommenden Tarifrunde eine Vier-Tage-Woche als Option für Betriebe zu vereinbaren, um einen Stellenabbau zu verhindern.

"Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie. Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben", sagte Hofmann der "Süddeutschen Zeitung".

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"Keine neue Diskussion" 

Die Diskussion sei nicht neu, sagte Arbeitsmarktexperte Stefan Sell im Dlf. Schon in den 80er-Jahren habe es intensive Diskussionen über Arbeitszeitverkürzungen gegeben. 

Stefan Sell, Sozialwissenschaftler  (dpa)Stefan Sell, Sozialwissenschaftler (dpa)
So hatten sich zum Beispiel 1993 die IG Metall und Volkswagen auf eine radikale Absenkung der Arbeitszeit - von damals 36 Stunden um satte 20 Prozent auf 28,8 Stunden geeinigt. Im Gegenzug wurden die Einkommen um zehn Prozent abgesenkt und eine Job-Garantie für alle VW-Beschäftigten vereinbart. Volkswagen konnte sich damals mit der Reduktion der Arbeitszeit aus der Krise befreien.  

"Nur Wenige können sich Einkommensverzicht leisten"

Aktuell gehe es bei der Diskussion aber um den Erhalt der schon in Arbeit befindlichen Arbeitskräfte, sagte Sell und nicht darum, Arbeitslose in Jobs zu bringen. Der Arbeitsmarktexperte gab auch zu bedenken, dass eine Arbeitszeitverkürzung in bestimmten Dienstleistungsbranchen nicht funktioniere: "Dort haben wir ja eher die Situation, dass wir mit einem immer stärker werdenen Fachkräfte- und auch mit Arbeitskräftemangel konfrontiert sind", sagte Sell. Auch in der Pflege und dem Einzelhandel würde eine Vier-Tage-Woche zu drastischen Problemen führen. 

In der Industrie sei Arbeitszeitverkürzung im Hinblick auf Robotisierung und Digitalisierung hingegen eine gestaltbare Möglichkeit, nicht aber im Dienstleistungssektor, sagte Sell. Allerdings seien wohl auch eine Mehrzahl der Beschäftigen in der Metallindustrie oder auch in anderen Bereichen nicht bereit oder in der Lage, in größerem Umfang auf ihr Einkommen zu verzichten. 




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