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StartseiteDie neue PlatteDer Teufel und die Zauberin25.12.2019

Vilde Frang kombiniert Paganini und SchubertDer Teufel und die Zauberin

Zwei Zeitgenossen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, spannt die Geigerin Vilde Frang auf ihrer neuen CD zusammen: Franz Schubert und Niccolò Paganini. Doch der scheue Klangpoet und der Teufelsgeiger haben mehr gemeinsam als man denkt!

Am Mikrofon: Mascha Drost

Vilde Frang steht mit Geige und Bogen im Treppenhaus (Parlophone Records Ltd / Marco Borggreve)
Musiziert auf einer Geige von Jean-Baptiste Vuillaume von 1866: Vilde Frang (Parlophone Records Ltd / Marco Borggreve)

Musik: Niccolò Paganini - "Nel cor più non mi sento", Introduktion und Variationen nach Paisiellos "La Molinara"

"Im Herzen fühle ich nicht länger das Feuer der Jugend", das singt die schöne Müllerin in Paisellos Oper "La Molinara" - aber zumindest jeder Geiger wird das Feuer fühlen, wenn nicht im Herzen, dann doch in seinen Fingern. Die Arie "Nel cor più non mi sento" war nicht nur auf der Opernbühne ein Dauerbrenner, sie hat auch viele Komponisten zu Variationen angeregt: Beethoven, Bottesini, Hummel, Vanhal und Niccolò Paganini, der mit diesem Stück sämtliche geigerischen Möglich- und Unmöglichkeiten vorführt: Doppelgriffe, Akkorde, Fingerpizzicati, Läufe, verteufelt schwere Stricharten.

Lyrischer Paganini

Über diese Fingerakrobatik darf man allerdings das Gesangliche dieses Werkes nicht vernachlässigen – und hier setzt die Geigerin Vilde Frang an. Sie singt, mit reinem, schwebenden Ton, eher hell als dunkel getönt, nicht zu bombastisch - so wie Zeitgenossen den Geigenklang Paganinis beschrieben haben - und verliert das lyrische Element seiner Musik selbst in den schwierigsten Passagen nicht aus dem Sinn.

Musik: Niccolò Paganini - "Nel cor più non mi sento", Introduktion und Variationen nach Paisiellos "La Molinara"

Auch heute noch hat nicht jeder gestandene Geiger unbedingt Lust, sich mit solchen technischen Torturen herumzuplagen – aber um Stücke wie diese Variationen zu meistern, muss nicht mehr der Teufel im Spiel sein, sondern Begabung, Fleiß und genügend Hornhaut. Vor 200 Jahren jedoch gab es nur Paganini selbst – kein anderer Geiger war auch nur im Traum in der Lage, es mit ihm und seinem Spiel aufzunehmen.

Virtuosität und Tiefe

Dass Paganini nicht nur als brillanter, aber oberflächlicher Entertainer wahrgenommen wurde, zeigen Lobeshymnen von Robert Schumann oder Franz Schubert, der, kaum mal flüssig, sein Geld in Konzertkarten umsetzte. "Ich sage dir, so ein Kerl kommt nicht wieder!" schrieb er an einen Freund. Und auch Schubert hat sich, wie viele andere, von der Arie "Nel cor più non mi sento" anregen lassen und sie in seine "Winterreise" übernommen.

Traumwandlerische Sicherheit

Es sind aber nicht nur Parallelen wie diese, die Vilde Frang zur Gegenüberstellung beider Komponisten angeregt haben – es ist auch die geigerische Virtuosität, die sich nicht nur bei Paganini, sondern - wenngleich in völlig anderem Kontext - auch bei Schubert findet. Schon bevor er Paganini gehört hatte, komponierte er seine großangelegte C-Dur Fantasie; ein ungeheuer anspruchsvolles Werk, und dass die Schwierigkeiten hier kaum auffallen, liegt an der zauberischen Leichtigkeit von Vilde Frang.

Musik: Franz Schubert - Fantasie in C-Dur, D 934, 3. Satz, Andantino

Natürlich sind Passagen wie diese nicht mit Paganini zu vergleichen – der Italiener komponierte wenigstens geigerisch, soll heißen: Das Schwere war immer effektvoll, aber das Effektvolle nicht immer schwierig. Nicht so bei Schubert, wo der musikalische Laie womöglich nichts von der Plackerei des Geigers mitbekommt – und von der des Pianisten auch nicht.

Alptraumstart für Geiger und Pianist

Ein Werk für "ein eigentliches Kennerpublikum" sei es, befand ein Kritiker, ein anderer hatte vorher schon, vielleicht aufgrund der ungewöhnlichen Länge, Reißaus genommen – etwa 25 Minuten dauert die Fantasie, länger als die meisten damals komponierten Violinkonzerte. Ein Musikeralptraum schon die ersten Takte: pianissimo, Tremolo im Klavier, eine endlose Melodie in der Geiger – und was zittrige Finger im Konzert da anrichten können, haben Adolf Busch und Rudolf Serkin, ein legendäres Duo, beschrieben: Durch das Bogenzittern war das Tremolo auf einmal in der Geige, dafür konnte der Pianist vor lauter Aufregung die Töne nur aushalten. Soll heißen: aller Anfang und besonders dieser ist schwer. Gerade wenn man den Klang wie aus dem Nichts entstehen lässt wie hier Vilde Frang.

Musik: Franz Schubert - Fantasie in C-Dur, D 934, 1. Satz, Andante molto

Musik, die sich zwischen Himmel und Erde bewegt. Frei schwebend, losgelöst die Geigenstimme, über dem sich langsam herausbildenden, immer mäandernden Boden des Klaviers. Vilde Frang übernimmt hier den Part "über", und Michael Lifits den "irdischen", das Schubertsche Ying und Yang. Bis ins Kleinste sind Melodiebögen, musikalische Phrasen ausgestaltet, detailverliebt, aber nie penetrant.

Musik: Franz Schubert - Fantasie in C-Dur, D 934, 2. Satz, Allegretto

In den musikalischen Dialog treten Vilde Frang und Michael Lifits bei dieser Aufnahme vor allem bei Schubert - nicht nur in der Fantasie, sondern auch in dem früher entstandenen Rondo h-Moll. Komponiert für und aufgeführt von wurden sie von Josef Slavik, einem Geigenwunderkind und Schuberts Kompositionsschüler. Er galt als Paganinis Nachfolger, aber verstarb schon mit Ende 20.

Blitzschnelle Launenwechsel

Verglichen mit der Fantasie ist das Rondo von dunklerem Charakter, und fast durchweg getrieben von nervöser Energie. Ein wechselhaftes, fast launisches Stück, bei dem das Duo Frang / Lifits klanglich in die Vollen geht und blitzschnell wechselt zwischen ruppig, einschmeichelnd und kapriziös.

Musik: Franz Schubert - Rondo Brillant in h-Moll, D 895 

Schuberts Violinwerke sind bestimmt kein vernachlässigtes Repertoire, aber hier, in dieser so abwegig anmutenden Kombination mit Paganini hört man sie anders, rückt der Fokus auf einmal auch auf die Brillanz, das Virtuose – und umgekehrt erscheint Paganini als Mann fürs Kantable, für innige Melodien, weit weg vom Klischee des Teufelsgeigers. Das liegt sowohl an den klug ausgewählten Stücken wie auch am Spiel beider Musiker – Michael Lifits verleiht selbst der einfachsten Begleitung klangliche Grandezza, und Vilde Frang ist eine Geigerin, die ihre fulminante Technik nie zum Selbstzweck erhebt.

Leider haben weder Schubert noch Paganini ein Werk des jeweils anderen paraphrasiert – aber ohne Paganini und seine geigerischen Errungenschaften wäre das letzte Werk dieser Aufnahme nicht denkbar gewesen. Heinrich Wilhelm Ernst hat sich Schuberts Erlkönig vorgenommen und eine diabolische Bearbeitung für Solovioline geschrieben, bei der der Geiger sowohl den Klavier- als auch den Gesangspart übernimmt. Vilde Frang spielt das Stück in atemberaubendem Tempo; was Dramatik und Ausdruckskraft angeht, übertrifft sie hier sogar Gidon Kremer in seiner dämonisch aufgerauten Aufnahme – bislang das Nonplusultra.

Musik: Heinrich Wilhelm - Grand Caprice, op. 26 über "Der Erlkönig" von Schubert

Nicht nur durch Nacht und Wind spielt sich hier die Geigerin Vilde Frang auf ihrer neuen CD – auch durch Franz Schubert und Niccolò Paganini. Pianist dieser neuen Aufnahme ist Michael Lifits und erschienen ist sie bei Warner Classics.

Vilde Frang - Paganini / Schubert
Vilde Frang (Violine) und Michail Lifits (Klavier)
Warner Classics / EAN: 0190295419363

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