Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen
StartseiteBüchermarktEngelin des Dada24.02.2020

Viñas / Lázaro: „Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings“Engelin des Dada

Emmy Hennings war Sängerin, Schauspielerin, Autorin und Muse vieler Künstler. Zusammen mit Hugo Ball gründete sie 1916 in Zürich das "Cabaret Voltaire", die Keimzelle der DADA-Bewegung. Lange stand Hennings im Schatten ihres Ehemanns. Nun erinnert eine Graphic Novel an die schillernde Künstlerin.

Von Eva Pfister

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Fries mit Dada-Künstlern im Keller des Cabaret Voltaire in Zürich (picture alliance / dpa / Thierry Gachon)
Sie war die einzige Frau unter den Dadaisten des "Cabaret Voltaire": Emmy Ball-Hennings (picture alliance / dpa / Thierry Gachon)
Mehr zum Thema

Dada und die Folgen Subversive Kunst

Ein Lange Nacht über Ursonaten und andere Töne 100 Jahre internationaler Dada

Der Maler Christian Schad Chronist des "lasterhaften Berlins" und Dada-Initiator

Im spanischen Original heißt dieser biographische Comic "El Ángel Dadá", also der Dada-Engel. Aber glücklicherweise sind die beiden Schöpfer Fernando González Viñas und José Lázaro nicht der Versuchung erlegen, das Leben von Emmy Ball-Hennings zu glorifizieren. Denn die Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Muse kannte alle Härten einer freien Künstlerexistenz.

Künstlerin und morphinsüchtige Überlebenskünstlerin

1885 in Flensburg geboren, schloss sie sich sehr jung einer Wandertruppe an, tingelte allein oder mit wechselnden Partnern durch die Lande und lernte bald, sich durch Prostitution etwas dazuzuverdienen. Ab 1910 wurde Emmy Hennings als Sängerin und Diseuse Teil der Berliner und Münchner Bohème. Johannes R. Becher, Jakob van Hoddis und Erich Mühsam widmeten ihr Gedichte, Maler porträtierten sie. Mit vielen Künstlern teilte sie das Bett – und das Morphium.

Dass sich das Bild von Emmy Hennings heute nicht im Klischee der verruchten Variete-Sängerin und Muse erschöpft, verdanken wir der Tatsache, dass sie auch selbst geschrieben hat. Ihre ersten Gedichte erschienen 1913 im Berliner Kurt-Wolff-Verlag - in einer Reihe mit Werfel und Kafka - unter dem Titel "Die letzte Freude". In den Büchern "Gefängnis" und "Das Brandmal" erzählt die Autorin offen von ihren traumatischen Lebenserfahrungen. Dadurch kennen wir also ihre eigene Sicht, und diese übernimmt der Autor Fernando Gonzáles Viñas auch in seiner Graphic Novel. In "Alles ist Dada" lässt er Emmy Ball-Hennings ihr Leben selbst erzählen. Die persönliche Perspektive sowie der gute dramaturgische Aufbau machen die Geschichte spannend und geben dem Comic eine Tiefe, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt erwarten würde.

Buchcover: Fernando González Viñas, José Lázaro: „Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings“ (Buchcover: Avant-Verlag)Buchcover: Fernando González Viñas, José Lázaro: „Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings“ (Buchcover: Avant-Verlag)

Emmy erzählt ihre faszinierende Geschichte im Comic

Denn die realistischen Zeichnungen von José Lázaro, durchgehend in Schwarzweiß gehalten, sind eher konventionell und von unterschiedlicher Qualität. Manchmal streifen sie den Kitsch, dann wieder sind sie überraschend originell. Gern zitiert der Illustrator auch Bilder vom Beginn des 20. Jahrhunderts: Da wird die Heldin einmal im Stil eines Klimt-Gemäldes geküsst – oder sie entsetzt sich in der Art von Edvard Munchs "Der Schrei".

Überhaupt gelingt es dieser Graphic Novel, die Atmosphäre jener Zeit sichtbar zu machen: die ärmlichen Wirtshäuser, in denen die Wandertruppe auftritt, ebenso wie die verrauchten Cafés und Nachtklubs in den Großstädten. Viele Figuren der damaligen Avantgarde treten im Comic auf, aber auch Politiker, die den Ersten Weltkrieg vorbereiten.

Emmy Hennings war eine Suchende. 1911 trat sie zum Katholizismus über, saß oft in Kirchen und zeichnete Heilige und Engel. Ihre Religiosität verband sie mit Hugo Ball, ihrem späteren Ehemann, der im Comic als "Herr mit unmöglichem Pony und Prophetenaugen" vorgestellt wird. Mit ihm emigrierte sie 1915 in die Schweiz.

Das Cabaret Voltaire

In Zürich gründeten Hugo Ball und Emmy Hennings im Februar 1916 das "Cabaret Voltaire", die Keimzelle der Dada-Bewegung. Gemeinsam mit anderen Exilkünstlern veranstalteten sie kreativ-anarchische Klubabende mit Lautgedichten, Liedern, experimenteller Musik und Ausstellungen. Aber schon nach einem halben Jahr war es damit vorbei. Ball und Hennings zogen sich ins Tessin zurück, um sich ihren Büchern zu widmen. Doch nach dem Ersten Weltkrieg breitete sich die Dada-Bewegung über die ganze Welt aus. So zumindest berichtet es die Graphic Novel, die allerdings großzügig auch surrealistische Strömungen dazuzählt. Denn, wie sie schon im Titel verkündet: Alles ist Dada!

Fernando González Viñas, José Lázaro: "Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings"
Aus dem Spanischen von André Höchemer
Avant-Verlag, Berlin. 232 Seiten, 25 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk