Dienstag, 02.03.2021
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteDie neue PlatteMehr als Handwerk07.02.2021

Violinkonzerte von Andreas RombergMehr als Handwerk

Haydn, Mozart, Beethoven – darauf reduziert der Musikbetrieb oftmals die Epoche der Wiener Klassik. Wie ungerecht dies ist, beweist die jetzt erschienene Einspielung von drei Violinkonzerten Andreas Rombergs. Solistin ist die armenisch-französische Geigerin Chouchane Siranossian.

Am Mikrofon: Elisabeth Richter

Eine lachende junge Frau mit langen schwarzen lockigen Haaren hält zwei Violinen in den Händen. (Tashko Tasheff)
Chouchane Siranossian hat beim legendären Violinpädagogen Zakhar Bron studiert. (Tashko Tasheff)
Mehr zum Thema

Konzerte von Reicha und Romberg Cello for two

Frühe Kammermusik Beethoven als Unterhalter

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 4 C-Dur, SteR 41, 3. Rondo Allegretto

Sicher, als Andreas Romberg 1786 mit nur 18 Jahren sein Violinkonzert Nr. 4 in C-Dur komponierte, waren Mozarts fünf Konzerte längst geschrieben, ebenso Haydns vier als authentisch überlieferte Konzerte. Aber, ob Andreas Rombergdiese Violinkonzerte gekannt hat, ist nicht gesichert. Haydn lernte er erst 1792 kennen, als dieser auf der Reise nach England in Bonn Station machte. Romberg musizierte dort mit seinem Cousin Bernhard und Beethoven in der Hofkapelle. 1796 besuchte Andreas Romberg Haydn in Wien. Er leugnete nie, dass er Haydn verehrte. Umgekehrt ist belegt, dass Haydn wiederum den rund 30 Jahre jüngeren Kollegen schätzte. Dennoch befremdet es, wenn im Booklet-Text dieser, das sei vorweggenommen, wärmstens empfohlenen CD davon dieRede ist, Romberg habe "zeitlebensunter dem Eindruck der Errungenschaften der ungleich berühmteren Wiener Klassiker" gestanden. Andreas Romberg komponierte wie Mozart, Haydn, Beethoven auch in der Musiksprache seiner Zeit. Sein Personalstil mag weniger profiliert sein als bei Mozart oder Beethoven etwa. Seine Phantasie, sein Witz, sein kompositorisches Handwerk hat jedoch Originalität und eine Qualität, die sich weit von der mancher seiner Zeitgenossen abhebt und sich mit den sogenannten Großen messen lassen kann.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll , SteR 54, 2. Adagio cantabile

Das "Adagio cantabile" aus dem Violinkonzert Nr. 12 g-Moll von Andreas Romberg. Hat die Geigerin Chouchane Siranossian in den schnellen Sätzen einen erfrischenden, musikantischen, ja manchmal sogar koboldhaften Zugang, so gelingen ihr in den langsamen Sätzen bei weiten melodischen Linien Spannungsbögen von nicht nachlassender Intensität. Andreas Rombergs Musik ist nicht eindimensional. Immer wieder wird eine vermeintliche Heiterkeit oder arkadische Idylle durch plötzliche harmonische Eintrübungen hinterfragt.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll , SteR 54, 2. Adagio cantabile

Das Capriccio Barockorchester aus Rheinfelden bei Basel begleitet Chouchane Siranossian ungeheuer sensibel, mit warmem, ausgewogenem Ton. Dabei richtet es den Fokus aber auch auf strukturelle Details, modelliert lustvoll markante Motive heraus, scheut sich auch nicht, manchmal recht rustikal zu Werke zu gehen. Der musikantische Gestus von Andreas Rombergs Konzerten liegt dem Capriccio Barockorchester. Die Freude bei der Umsetzung vermittelt sich. Man spürt, der Hörer soll am Esprit des Komponisten teilhaben. Zum Beispiel am düsteren Beginn des g-Moll Konzertes. Hier hört man einerseits einen sinfonischen Gestus und andererseits einen musikdramatischen Charakter heraus. Barocke und klassische Elemente mischen sich, manches klingt fast romantisch.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll, SteR 54, 1. Allegro

Gegen Ende dieses von Sturm und Drang, aber auch kontrastierenden, weichen Abschnitten geprägten Kopfsatzes aus dem g-Moll Violinkonzert hält Andreas Romberg eine kleine Überraschung parat. Musikalisch wird die Spannung für die Solo-Kadenz aufgebaut.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll, SteR 54, 1. Allegro

Musik mit Überraschungseffekt

Dass sich die Pauke in der Solo-Kadenz so vehement zu Wort meldet, gibt es so vermutlich in kaum einem anderen Konzert der Zeit. Für den Überraschungseffekt könnte sich Romberg von Haydns "Sinfonie mit dem Paukenschlag" von 1791 inspiriert haben lassen. Beethovens Violinkonzert beginnt bekanntermaßen mit einigen Paukenschlägen, wurde aber erst 1806, sechs Jahre nach Rombergs Werk uraufgeführt.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll, SteR 54, 1. Allegro

Andreas Romberg wurde 1767 in Vechta geboren. Auf der Geige zeigte er früh Talent, genauso wie sein nur ein halbes Jahr jüngerer Cousin Bernhard auf dem Cello. Die beiden Kinder traten schon mit sieben Jahren gemeinsam auf und präsentierten sich auf Konzertreisen, u. a. in Amsterdam und Paris. Die ersten dreißig Jahre ihres Lebens traten die Cousins gemeinsam auf, komponierten sogar gemeinsam. Beide konnten sich vor den französischen Revolutionstruppen 1793 von Bonn nach Hamburg retten. Während Bernhard zeitlebens ein herumreisender Cello-Virtuose blieb, widmete sich Andreas vornehmlich der Komposition. Er wurde, mit "Reise-Unterbrechungen", in Hamburg sesshaft. Daher liegen auch die meisten Manuskripte seiner zahlreichen Violinkonzerte in der Hansestadt.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 9 A-Dur, SteR 50, 2. Adagio

Der Anfang des Adagios aus dem Violinkonzert Nr. 9 in A-Dur von Andreas Romberg mit Chouchane Siranossian und dem Capriccio Barockorchester. Es ist 1795 entstanden. Zwanzig Violinkonzerte hat Andreas Romberg geschrieben, nur vier erschienen zu Lebzeiten im Druck. Dass sie in Vergessenheit gerieten, liegt möglicherweise daran, dass der Komponist sie hauptsächlich für sich selbst als Solisten schrieb. Nach 1800 bekam er zunehmend Konkurrenz von jüngeren Virtuosen-Kollegen wie Louis Spohr oder Rodolphe Kreutzer. Ein Grund vielleicht auch, warum der inzwischen vielfache Familienvater von 1802 bis 14 von Hamburg aus keine Konzertreisen mehr unternahm. Bis zu seinem Tod 1821 war Andreas Romberg Konzertmeister in der Hofkapelle von Gotha. Er hat ein enorm umfangreiches Oeuvre hinterlassen, darunter zehn Sinfonien, Ouvertüren, Bühnenwerke, Messen, Kammermusik, zahlreiche Lieder und mehr. Eines der zu Rombergs Lebzeiten meist gespielten Werke war das Oratorium nach Schillers Gedicht "Das Lied von der Glocke".

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 9 A-Dur, SteR 50, 1. Allegro

Die drei auf diesem Album eingespielten Violinkonzerte von Andreas Romberg zeigen auch seine kompositorische Entwicklung. Während das g-Moll Konzert von 1800 sich mit der späten Sinfonik von Haydn und Mozart und dem frühen Beethoven vergleichen lässt, haben die beiden früheren Konzerte von 1784 und 95 einen eher rokokohaft-galanten Ton. Der Kopfsatz des hier zu hörenden A-Dur-Konzertes erinnert klar an Mozarts Violinkonzerte.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 9 A-Dur, SteR 50, 1. Allegro

Spritzige, sprechende Interpretation

Die Geigerin Chouchane Siranossian präsentiert mit ihrer spritzigen Herangehensweise auch ein versiertes, sprechendes, historisch-informiertes Spiel. Sie hält das Vibrato recht sparsam, mit sehr geraden, manchmal ein bisschen zu stark gezogenen Tönen, die sie anschleift. Das macht sie aber wett durch Musikalität und rhythmische Energie wie etwa bei "Polonese Allegretto", dem Finale des g-Moll-Konzertes.

Musik: Andreas Romberg, Concerto Nr. 12 g-Moll, SteR 54, 3. Polonese Allegretto

Andreas Rombergs Violinkonzerte sind eine wirkliche Entdeckung zumal in der lebendigen Interpretation von Chouchane Siranossian und dem Capriccio Barockorchester. Rombergs Musik ist virtuos und empfindsam, auch unterhaltend, aber niemals simpel oder banal, sondern immer mit "kompositorischen Pfiff". Das ist kein routiniertes Handwerk, sondern viel mehr und daher sehr lohnend.

Andreas Romberg (1767-1821)
Violinkonzerte Nr. 4, 9, 12
Chouchane Siranossian, Violine
Capriccio Barockorchester
Alpha Classics/Outhere Music France 452

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk