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StartseiteWissenschaft im BrennpunktOut of the Wild10.05.2020

Virenimport durch WildtierhandelOut of the Wild

Der Handel mit exotischen Haustieren wie etwa Flughunden, Totenkopfäffchen, Pfeilgiftfröschen oder Streifenhörnchen boomt. Artenschützer kritisieren seit Langem die kaum regulierten Importe. Seit der Coronakrise ist die Kritik lauter geworden, denn enger Kontakt mit Wildtieren birgt ein großes Risiko.

Von Andrea Rehmsmeier

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Ein Pangolin klettert aus einem Plastikkäfig. Das Bild stammt von einer Pressekonferenz von Wildhütern in Nord-Sumatra. Bei einer Aktion gegen Wildtierschmuggler waren im Juni 2017 über 200 lebende und tote Pangoline beschlagnahmt worden.  (imago / Zuma Press)
Pangoline werden wegen ihres Fleisches und ihrer Schuppen gejagt und geschmuggelt - auch sie sie gelten als mögliches Wirtstier für SARS-CoV-2 (imago / Zuma Press)
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"Angebot: Große Flughunde (Pteropus vampyrus), vier Männchen; sechs Weibchen": Online-Kleinanzeige aus Spanien.
"Ich suche nach Zwergseidenäffchen. Bezahle sehr gut": Online-Kleinanzeige aus Deutschland.
"Angebot: Callosciurus prevostii – Prevost-Schönhörnchen aus Südostasien, ein Männchen, ein Weibchen, Jahrgang 2019. Lieferbar nach Hamm, 14. März 2020": Online-Kleinanzeige aus den Niederlanden.

Per Mausklick bestellt, per Post geliefert

Wilde Tiere aus aller Welt, die es früher nur im Zoo zu sehen gab, werden heute per Mausklick bestellt und per Post ins Haus geliefert. Der Handel mit den Exoten boomt – und Deutschland gehört weltweit zu den bedeutendsten Importeuren. Tierpark-Biologin Gabriele Ismer:

"Wir haben natürlich auch viele Tiere, die einfach sehr niedlich sind: Die Totenkopfäffchen, wo die Leute dann sagen: Och Mensch, das wär doch auch was für Zuhause! Pippi Langstrumpf, die hat das ja auch zuhause!"

Artenschützer kritisieren das schon lange. Doch seit die Corona-Pandemie grassiert, ist die Kritik lauter geworden. Denn die Exoten können Krankheitserreger tragen, die über den Haustierhandel aus der Wildnis direkt ins Wohnzimmer gelangen. Gabriele Ismer:

"Die Arbeit mit Tieren ist immer mit einem gewissen Restrisiko behaftet. Aber wenn dann so ein tragischer Fall passiert, dann trifft einen das natürlich auch als Betrieb ganz heftig. Auch die Mitarbeiter natürlich. Weil das ist ein Kollege, eine Kollegin, mit der hat man jahrelang zusammengearbeitet. Das trifft einen schon."

Tiermarkt Ausgangspunkt der Corona-Pandemie? 

"China hat ein vorübergehendes Handelsverbot für Wildtiere angeordnet. Das soll der Eindämmung der Wuhan-Corona-Pandemie dienen." (TV-Nachrichten)

26. Januar 2020: Die chinesische Regierung reagiert auf die Forderung von 19 prominenten chinesischen Wissenschaftlern, die sich gegen den Handel mit Wildtieren auf Lebensmittelmärkten ausgesprochen haben.

"Das Virus, das weltweit mehr als 2000 Menschen infiziert und 56 Menschen in China getötet hat, soll vom Huanan-Fischmarkt in Wuhan stammen, wo illegal Wildtiere verkauft wurden." (TV-Nachrichten)

Kunden stehen mit gezückten Geldscheinen vor Plastikbottichen mit Schildkröten (6.10.2009) auf dem Huansha-Markt in Guangzhou, China. Schildkröten werden als Haustiere gehalten, aber auch verzehrt oder als Medizin eingenommen. In der traditionellen chinesischen Medizin steht die Schildkröte für Weisheit und Langlebigkeit.  (imago stock&people)Begehrte Ware: Schildkröten auf dem Huansha-Markt in Guangzhou, China (imago stock&people)

Erneut Übertragung vom Tier zum Mensch

Coronaviren haben in China die Artengrenze vom Tier zum Menschen übersprungen – und das nun schon zum zweiten Mal. 2002/2003, bei SARS, sollen Schleichkatzen und Fledermäuse die Wirtstiere gewesen sein, die in China als Delikatesse gehandelt werden. Jetzt stehen wieder Flugsäuger in Verdacht, und ein bislang unbekannter Zwischenwirt.

"Nach der gemeinsamen Richtlinie der für die Märkte zuständigen Überwachungsbehörden, des Landwirtschaftsministeriums und des Forstamtes soll das Halten, Transportieren oder Verkaufen von Tierarten vom 26. Januar bis zum Ende der nationalen Epidemiesituation verboten werden." (TV-Nachrichten)

Riskante Liebhaberei

Aids, Ebola, Mers, Affenpocken, Vogelgrippe, Tollwut, Milzbrand, Zika: Die Liste der Erreger, die den Weg vom Tier zum Menschen gefunden und dann die Weltöffentlichkeit in Atem gehalten haben, ist lang. Fast drei von vier Zoonosen springen durch den Körperkontakt mit Wildtieren über, sagen Studien - durch Verzehren oder zugefügte Verletzungen, aber auch durch intensives Schmusen. Dass auch der Handel mit exotischen Wildtieren bei der weltweiten Verbreitung von Zoonosen eine bedeutende Rolle spielt, darauf haben Wissenschaftler mehr als einmal hingewiesen. Dazu kommt: Die eingeschleppten Krankheitserreger gefährden nicht nur Menschen, sondern auch die heimische Tierwelt: An dem derzeitigen Massensterben von Reptilien und Amphibien sind aggressive Hautpilze beteiligt, die sich auch über den Tierhandel weltweit verbreitet haben. Nicht nur Artenschützer fragen: Ist die Liebhaberei, ein exotisches Wildtier im eigenen Wohnzimmer oder Garten zu halten, ein solches Risiko wert?

Appell gegen den Wildtierhandel

11. Februar 2020: 76 internationale Artenschutz-, Umwelt- und Gesundheitsorganisationen, Wissenschaftler und Prominente veröffentlichen einen gemeinsamen Appell. Der Brief richtet sich an die Weltgesundheitsorganisation, an das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und das Büro für Internationale Epizoologie in Paris:

"Märkte für lebende Wildtiere gibt es in vielen Ländern. Die menschliche Bevölkerung wächst schnell, selbst entlegenste Wildtiergebiete sind zugänglich geworden. Landnutzung, Infrastrukturentwicklung, höhere Einkommen, Verstädterung und neue Bedürfnisse haben zu ihrer raschen Expansion und Kommerzialisierung geführt."

Geröstete Fledermäuse, Holz-Hackbrett und Hackmesser auf einem gefließten Tisch   Auf dem traditionellen Fleischmarkt in Tomohon (Indonesien) werden geröstete Flughunde bzw. Riesen-Fledermäuse zum Verzehr angeboten.  (www.imago-images.de)"Kulturelle Herausforderungen": Geröstete Flughunde auf dem Fleischmarkt in Tomohon, Indonesien (www.imago-images.de)


Die Unterzeichner fordern: Die internationale Staatengemeinschaft solle gesetzlich gegen die Märkte vorgehen und Maßnahmen ergreifen, um die Nachfrage nach Wildtieren und Wildtierprodukten weltweit erheblich zu reduzieren:

"Die Bekämpfung der Nachfrage nach Wildtieren und ihren Produkten ist mit sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen verbunden. Dennoch bitten wir Sie dringend, das bestehende Risiko in Betracht zu ziehen: Die Herausforderungen werden weitaus größer sein, wenn Epidemien wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie nicht von der Ursache her entschieden angegangen werden."

Das Washingtoner Artenschutzkommen reguliert nur einen kleinen Bruchteil des Wildtierimports, die allermeisten Tiere kommen ohne jede behördliche oder veterinärmedizinische Überwachung ins Land. Welche Erreger ein Tier in sich trägt, das wird oft erst bei Ausbruch der Krankheit bekannt.

Ausnahmezustand im Virenlabor

Die Flure sind menschenleer, die Laborräume wie ausgestorben: Im Leendertz-Lab, einem Standort des Robert Koch-Instituts in Berlin, herrscht Corona- Ausnahmezustand. Die exotischen Zoonosen, mit denen sich die Forscher hier normalerweise beschäftigen – Malaria, Milzbrand, Ebola oder HIV - müssen warten. Wer nicht im Homeoffice ist, der unterstützt das RKI-Mutterinstitut beim Durchführen von Covid-19-Tests, berichtet der Virologe Fabian Leendertz:

"Das andere, was wir machen - da ist meine Gruppe sehr aktiv - ist, unseren afrikanischen Partnern zu helfen, die Diagnostik für Covid-19 zu etablieren. Da haben wir in etlichen Ländern schon Reagenzien verschickt, und jetzt per Online-Beratung kleine Trainingsvideos, die wir hier mit einer anderen Einheit zusammen etablieren und so weiter. Da schauen wir eben, dass die Diagnostik dort zuverlässig läuft."

"Buschfleisch" als Übertragungsweg

Das Leendertz-Lab mit seinen Partnerinstituten an der Elfenbeinküste, in Gabun, Burkina Faso, Südafrika, Kongo und der Zentralafrikanischen Republik ist Teil eines vom Bundesforschungsministerium finanzierten Netzwerks. Wie überspringen Krankheitserreger die Artengrenze, lautet dort die wichtigste Forschungsfrage. Bekannt ist: Viren, Bakterien und Parasiten sind oft auf bestimmte Arten spezialisiert. Doch sie können mutieren und sich an einen neuen Wirt anpassen – an andere Tierarten oder auch an den Menschen. Jetzt will die Wissenschaft wissen, welche Umstände diesen Artensprung begünstigen.

Grauwangenmangaben-Junges ist an einen Holzpflock angebunden und kaut an einem Maiskolben. Bayanga, Dzanga-Ndoki National Park, Central African Republic.  (imago stock&people)Erst Spielgefährte, dann Nahrungsmittel: Grauwangenmangaben-Junges in einem Dorf in Zentralafrika (imago stock&people)

Das so genannte "bushmeat" gilt als wichtiger Übertragungsweg: Fleisch von frisch erlegten Wildtieren, das vor dem Verspeisen nicht lange genug gekocht oder gegart wurde. Doch seit in Afrika die Wälder mit ihren Affenpopulationen klein geworden sind, beobachtet Leendertz eine neue Entwicklung:

"Die Leute dringen immer tiefer in die Wälder ein, weil sie es können und weil sie es müssen. Weil am Rand der Wälder, in vielen, vielen Gegenden finden sie gar keine größeren Wildtiere mehr, die es wert wären, gefangen zu werden und entweder zum Essen oder für den internationalen Handel verwendet zu werden. Da ist auch ein enormer Druck auf die Wildtiere und Artenschutz-Bedeutung als auch ein hohes Risiko für die Entstehung neuartiger zoonotischer Erkrankungen."

Wildtiere plötzlich in Wohngebieten

Zoonosen entstehen nicht nur dann, wenn Wildtiere gewaltsam ihren Habitaten entrissen werden. Auch die Rolle der so genannten Kulturfolger, wie etwa Fledermäuse, ist jetzt stärker in den Fokus der Forschung gerückt: Tiere, die sich in den Wohngebieten der Menschen ansiedeln, weil ihr ursprünglicher Lebensraum zerstört ist. Fabian Leendertz:

"Zum Beispiel der Ausbruch des Ebolavirus in Westafrika, der große – wir waren selbst in dem Dorf, wo das losgegangen ist - mitten auf dem platten Land! Da ist kein exotischer Regenwald mit einer großen Biodiversität. Und trotzdem hat sich da der kleine Junge infiziert, wahrscheinlich an einer Fledermaus."

Virologen in Schutzkleidung nehmen eine Blutprobe bei einer Fledermaus auf der Suche nach mit Ebola infizierten Wirtstieren (Aufnahme von 2005 aus Mbomo, Republik Kongo) (imago stock&people)Auf der Suche nach Ebola-Wirtstieren: Blutabnahme bei einer Fledermaus (imago stock&people)

Tierfänger richten Gemetzel an

Haben auch Exotenliebhaber aus den wohlhabenden Industriestaaten einen Anteil am Problem? Begünstigt der internationale Wildtierhandel die Entstehung von Zoonosen? Fabian Leendertz zuckt mit den Schultern: Auf diesem speziellen Gebiet sind wissenschaftliche Erkenntnisse bislang rar. Als interessierter Beobachter jedoch kommt dem Affenforscher so einiges zu Ohren über das, was die Tierfänger in der Tiefe der letzten afrikanischen Urwälder anrichten:

"Für einen kleinen Schimpansen, Bonobo, was auch immer, müssen immer drei, vier, fünf erwachsene Individuen erst erschossen werden. Und die werden dann als Fleisch verkauft. Und der Kleine dann eben für den Handel. Von denen überlebt dann ein Bruchteil. Weil die natürlich sehr schwach sind, weil die nicht ihre natürliche Muttermilch kriegen, weil die hygienischen Umstände schlecht sind. Das heißt, man kann sich vorstellen, wie viele Tiere dabei draufgehen, bis so ein Kleiner dann in den internationalen Handel irgendwo hinkommt, wo er sowieso nicht hingehört. Das sind unglaubliche Zahlen, über die wir da reden."

Erregertransfer vom Regenwald ins Wohnzimmer

Wenn ein Tier verendet oder zum Verzehr geschlachtet wird, sterben mit ihm auch die meisten Krankheitserreger. Wird das Tier jedoch lebendig verkauft, lebt der Erreger-Pool weiter. Wird es zusammen mit anderen Tieren in einem Transportbehältnis zusammengepfercht, wird es sich durch Kratzen und Beißen gegen die Enge wehren - und andere Tierarten möglicherweise auf diese Weise infizieren. Wurde das Tier für den internationalen Heimtiermarkt gefangen, so landet es, gestresst und immungeschwächt vom tage- oder wochenlangen Transport, in einer anderen Welt - dort, wo weder die Immunabwehr der Menschen noch der heimischen Tierwelt gegen den fremdartigen Erreger gewappnet ist. Das macht den Wildtierhandel zum direkten Erregertransfer von der Tiefe des Regenwalds bis ins heimische Wohnzimmer. 

China hat aus solchen Erkenntnissen Konsequenzen gezogen, nachdem Mediziner und Virologen ihre Regierung zur Schließung der Tiermärkte gedrängt haben. Was hält Leendertz von der Forderung seiner chinesischen Kollegen?

"Ich denke, wenn man alle Faktoren zusammennimmt; also den Naturschutz, den Tierschutz, die Ecosystems-Serviceleistungen, die diese Tiere bringen - die sind ja nicht nur einfach schön anzuschauen, die sind ja wichtig für die Ökosysteme -, plus die Gefahr, die wir Menschen haben über die Erreger, dann sollte es der Weltgemeinschaft wert sein, einfach mal auf den Verzehr, den Handel von diesen Tieren zu verzichten."

Rolf Schumann, Leiter der Reptilienauffangstation Weissenfels in Sachsen-Anhalt, am 16.08.2016 mit einer Königspython vor einem Terrarium. Ueber 90 Prozent der hier lebenden Reptilien sind von der Polizei beschlagnahmte Tiere.  (imago stock&people)Neue Heimat für beschlagnahmte Tiere: Reptilienauffangstation Weissenfels in Sachsen-Anhalt (imago stock&people)

Berüchtigter Umschlagplatz für exotische Tiere

14. März 2020. In Hamm geht bei der Polizei ein Hinweis aus der Bevölkerung ein: In einem Hotelzimmer sollen illegal Tiere gehandelt werden. An diesem Tag hätte eigentlich die "Terraristika" stattfinden sollen, die laut Veranstalter "weltweit größte Börse für Terrarientiere". Die "Terraristika" hat die Ruhrgebietsstadt zu einem international berühmten und berüchtigten Umschlagplatz für exotische Tiere gemacht: In den städtischen Zentralhallen werden abertausende Reptilien, Amphibien und Spinnen zum Verkauf angeboten. Draußen aber, auf Parkplätzen und in Hotelzimmern, wechselt alles den Besitzer, was mindestens vier Beine hat und sich in Kofferräumen und Transportern verstauen lässt – vom exotischen Säugetier bis zum schwarz gehandelten, vom Aussterben bedrohten Frosch.

Schmuggel von artgeschützten Amphibien

Auch im März 2020 blüht in Hamm das Exoten-Geschäft – und das, obwohl der offizielle Teil der "Terraristika" wegen Corona-Infektionsschutz kurzfristig abgesagt wurde. In dem Hotelzimmer treffen Polizisten und Zollfahnder eine slowakische Staatsbürgerin mit 112 Pfeilgiftfröschen an - seltene und besonders artgeschützte Tiere im Gesamtwert von 25.000 Euro - darunter eine Unterart, die erst vor zwei Jahren entdeckt und offiziell noch nie in die EU eingeführt wurde. Bei den Tieren handelt es sich um Wildfänge, mutmaßen die Beamten, denn die Frau kann die erforderlichen Import- und Herkunftspapiere nicht nachweisen. Die Tiere werden beschlagnahmt, das Verfahren läuft.
Derzeit befinden sich die Frösche unter tierpflegerischer Aufsicht in Quarantäne. Denn Pfeilgiftfrösche können Hautpilze tragen: Die Chytridpilze werden mit dem weltweiten Amphibiensterben in Verbindung gebracht und sollen sich über den internationalen Tierhandel über die Kontinente verbreitet haben.

Fledermaus-Höhle im Kalkberg 

Bei Bad Segeberg, inmitten des ostholsteinischen Hügellands, erhebt sich ein riesiger Kalkberg. Dieser ist deutschlandweit bekannt als die imposante Kulisse der Karl-May-Festspiele. Doch der Kalkberg hat noch ein weiteres Leben. Auf der Rückseite ist eine Tür in den Fels eingelassen. Dahinter führt eine Treppe hinab ins Dunkel.

Besucher am Eingang zu den Kalkberghöhlen in Bad Segeberg (imago)Oben Karl-May-Festspiele, unten Fledermäuse: Eingang zu den Kalkberghöhlen in Bad Segeberg (imago)

"Das ist die einzige natürliche Höhle Norddeutschlands, und sie ist Teil des Segeberger Kalkbergs, ausgewaschen durch Wasser natürlich. Und das ist das Winterquartier von 30.000 Fledermäusen, die hier jährlich anreisen."

Massenansammlung unter Tage

Florian Gloza-Rausch ist der wissenschaftliche Leiter des Bad Segeberger Fledermauszentrums "Noctalis", das direkt nebenan liegt. Jetzt lässt der Biologe den Lichtkreis seiner Taschenlampe über die feuchten Gesteinszacken der Höhlendecke wandern. In einem Spalt - mit ungeübtem Auge kaum zu entdecken – atmet ein winziges Tier. Der Langschläfer ist noch in Winterruhe, während die meisten seiner 30.000 Mitbewohner längst auf Insektenjagd sind. Sieben verschiedene Fledermausarten überwintern in der Höhe, fünf davon sind extrem selten. Doch das Coronavirus hat die Fledermäuse in Verruf gebracht, fürchtet Gloza-Rausch - ebenso wie ihre großen Verwandten, die Flughunde.

"Sie haben schon sehr früh in ihrer Evolution große Gruppen gebildet, also Millionenstädte quasi unter Tage mit mehreren Millionen Individuen in Höhlen beispielsweise. Sie können große Distanzen zurücklegen, kommen also auch in Kontakt mit entfernten Fledermäusen. Und das sind natürlich alles Dinge, die eine Rolle spielen, was wir heute auch aktuell im Zusammenhang mit SARS-2 erleben."

Mit dem Netz auf Fledermaus-Fang

Draußen hat die Abenddämmerung eingesetzt. Zusammen mit einer "Noctalis"-Mitarbeiterin begibt sich Florian Gloza-Rausch auf nächtliche Expedition an die Trave. Das Flüsschen schlängelt sich durch ein nahegelegenes Waldstück, über dem Wasser tanzen die Insekten.

In hüfthohen Wathosen, ausgerüstet mit Stangen, Seilen und Pflöcken, spannen die beiden straff ein Netz von Ufer zu Ufer: eine Fledermausfalle.

"Hier oben waren jetzt eben die ersten Zwerg- und Mücken-Fledermäuse über der Brücke bei den Baumwipfeln unterwegs, aus dem Augenwinkel gesehen. Der Fang ist eröffnet."

Andere Evolutionsgeschichte, andere Immunabwehr

Weil Fledermäuse in großen Kolonien leben, tragen sie häufig viele Krankheitserreger – doch ihr Immunsystem ist so robust, dass diese ihnen nichts anhaben können. Florian Gloza-Rausch:

"Der Mensch, von seiner Evolution her eher so ein Savannen-Typ, sag ich mal - in kleiner Horde unterwegs - hat eine andere Evolutionsgeschichte und auch eine andere Immunabwehr. Und wenn jetzt beispielsweise eine Zoonose auf so eine Horde übergreift, weil irgendwo ein zoonotischer Übergang stattgefunden hat in der Savanne, dann trifft das möglicherweise nur diese Kleingruppe, die ja auch gar nicht so mobil ist unter normalen Umständen. Heute verhält sich der Mensch teilweise wie die Fledermaus: Er bildet Millionenstädte, er ist global unterwegs im Flugzeug, kann also fliegen. Aber unsere Immunabwehr ist an der Stelle natürlicherweise nicht mitgewachsen. Das müssen wir anders regeln. Durch Medizin und die Kraft unseres Geistes, sag ich mal. Dass wir uns Dinge klarmachen können."

Wehrhafter Winzling mit spitzen Zähnen 

Es dauert nicht lange, dann läuft ein Zucken über das Netz. Wenige geübte Handgriffe, schon ist die Fledermaus aus den Maschen befreit. Am Ufer beginnt die Untersuchung.

Mückenfledermaus auf einer behandschuhten Hand (04.09.2014 Dessau) Die hochseltene Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) quartiert sich in den Sonnenschirmen des Restaurants Teehäuschen ein. Seitdem hat der Wirt Peter Wenkebach keine Mücken mehr , da die Tiere Unmengen davon vertilgen. (imago stock&people)Winzig und mit scharfen Zähnen: Mückenfledermaus auf einer behandschuhten Hand (imago stock&people)

"Ich nehme jetzt meine Kopflampe und leuchte da mal durch … Sie sehen anhand der Flügelfelderung, dass es sich um eine Mückenfledermaus handelt. Ganz kleine Flügel."

Gloza-Rausch zieht dem winzigen Tier die Flügel auseinander: Der Körperbau erinnert an ein menschliches Miniatur-Skelett, die Flughäute sind hauchdünn. Gerade mal 4,3 Gramm bringt die Fledermaus auf die Waage – aber sie wehrt sich nach Kräften.

"Sie hat versucht, mich in meinen Handschuh zu beißen. Das ist unangenehm. Aber jetzt habe ich sie anders angefasst, jetzt geht das. Man sieht jetzt hier die kleinen Zähne. Die sind ganz spitz, damit kann sie die Insektenpanzer sehr gut zerbeißen."

Wie infektiös sind Fledermäuse?

Kann man sich an den Bissen oder am Kot von Fledermäusen mit Covid-19 infizieren? Diese Frage hören die Mitarbeiter der Bad Segeberger Fledermauszentrum oft, seit die Corona-Pandemie grassiert - zumeist von verunsicherten Besuchern, die nicht wissen, wie sie mit den artgeschützten Tieren in ihren Dachböden, Hinterhöfen und Gärten umgehen sollen. Florian Gloza-Rausch weiß: Die Antwort auf diese Frage ist auch für Virologen immens interessant:

"Wir sind 2007 angesprochen worden von Christian Drosten, der noch im Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg gearbeitet hat - als Folge einer Entdeckung, die man in China machte, dass Fledermäuse, insbesondere diese Hufeisenfledermäuse, Coronaviren haben. Und da stellte sich natürlich dann die Frage: "Ja, gibt es das denn hier auch?" Also die Virologen hatten vorher gar nicht daran gedacht, Fledermäuse anzuschauen. Und so kam dann Christian seinerzeit bei uns ins Fledermauszentrum und hat gefragt: "Könnt ihr uns nicht Proben geben?"

Ja, die Mitarbeiter konnten: Im Rahmen des Artenschutz-Monitoring gehört das Fledermaus-Fangen ohnehin zu ihren Standardaufgaben. Dann sammeln sie Informationen, die beispielsweise für die Planung von Bauprojekten wichtig sind. Normalerweise geht es dabei um die Populationszusammensetzung. Doch Fabian Gloza-Rausch schaut dabei auch nach der Gesundheit der Tiere:

"Da ist mal ein kleiner Parasit, eine Flughautmilbe haben wir da, da können wir sehen, ob wir die runtergesammelt kriegen. Jetzt habe ich ihn gegriffen. Man sieht ihn kaum, er ist an der Pinzettenspitze dran. Das hat jetzt keine Relevanz für Virologie oder Zoologie. Diese Parasiten mal zu mikroskopieren, das ist mehr für Unterrichtszwecke."

Coronaviren-Vielfalt bei den Flugsäugern

Für Virologen dagegen ist vor allem der Kot der Tiere interessant. Im Jahr 2008 wies Christian Drosten an den Bad Segeberger Fledermäusen erstmals außerhalb von China Coronaviren nach: Damals war das ein wissenschaftlicher Durchbruch. Inzwischen steht die natürliche Coronaviren-Vielfalt in Fledermäusen in vielen Ländern im Fokus der Wissenschaft. Auch die in Deutschland heimischen Flugsäuger sollen künftig breit getestet werden.

Nach der Untersuchung der Bad Segeberger Fledermäuse konnte in puncto Infektionsgefahr Entwarnung gegeben werden: Diese tragen nicht den gefährlichen SARS-Erreger in sich, sondern eine entfernte und deutlich weniger aggressive Verwandtschaft - und selbst diese tritt in so schwacher Konzentration auf, dass sie im Kot der Tiere kaum nachweisbar ist. Ohnehin, sagt Gloza-Rausch, sind Coronaviren auf direktem Weg nicht an den Menschen übertragbar: Dazu braucht es einen Zwischenwirt wie Schleichkatze oder Marderhund. Dass Flugsäuger jetzt im Internethandel aufgetaucht sind, darüber ist der Fledermaus-Experten jedoch beunruhigt:

"Fledermäuse sind schon anspruchsvoll in der Haltung, Flughunde auch. Das ist nichts für die private Haltung nebenbei. Und dann muss man auch noch ein Wort der Warnung aussprechen, wenn man sich Tiere direkt aus freier Wildbahn, also Exoten direkt nach Hause holt. Da kann immer irgendwas dabeisein, was der menschlichen Gesundheit so nicht zuträglich ist. Da muss man wirklich vorsichtig sein."

Die Fledermaus hat die Untersuchung überstanden: Etwas benommen krallt sich das winzige Tier am Finger fest. Dann spannt es seine Flughäute auf. Ein einziger kräftiger Schlag, dann ist es in der Nacht verschwunden.

Plakat der Umweltstiftung Deutschland gegen die Wilderei auf der Welt.  (imago stock&people)Tier- und Artenschutzorganisationen protestieren schon lange gegen Wilderei und Wildtierhandel (imago stock&people)

Import von Tieren weitgehend ohne Kontrolle

20. März 2020: Zwölf deutsche Arten- und Tierschutzverbände, darunter der Deutsche Tierschutzbund, der IFAW Deutschland, Peta und ProWildlife, veröffentlichen eine gemeinsame Stellungnahme:

"Während China auf die Gefahr des Wildtierhandels jetzt mit einer dauerhaften Beschränkung des Wildtierhandels reagiert hat, gibt es in Deutschland und der EU keine vergleichbaren Schritte."

In Deutschland gibt es nur wenige Regelwerke, die den Import von Tieren begrenzen und kontrollieren. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, welches vom Bundesnaturschutzgesetz und der Bundesartenschutzverordnung umgesetzt wird, reguliert nur den Handel mit Tierarten, die als "bedroht" eingestuft wurden – und umfasst damit nur einen Bruchteil der importierten Tiere. In der Umsetzung wird es oft als bürokratisch und langsam kritisiert. Der Import aller anderen Tiere ist legal und daher weder unter behördlicher noch unter veterinärmedizinischer Aufsicht – ja, er wird nicht einmal erfasst. Und auch beim Seuchenschutz, so kritisieren die Artenschützer, greift die Importkontrolle höchstens punktuell:

"In der EU wurde bislang lediglich die Einfuhr von Vögeln wildlebender Arten in Folge der Ausbreitung des H5N1-Vogelgrippe-Virus verboten. Wir appellieren dringend an Sie, nun ein ähnlich umfassendes Importverbot für alle Wildtierarten durchzusetzen, um den damit einhergehenden vielfältigen Problematiken zu begegnen."

Infektion mit fatalen Folgen

Wie leer liegt das Gittergehege mit den knorrigen Baumstämmen in der schrägen Morgensonne. Doch kaum klappert es an der Gittertür, schauen winzige Schnauzen aus den Nestluken hervor: Fütterung der chinesischen Baumstreifenhörnchen im Tierpark Gettorf, nahe Kiel. Gabriele Ismer, die Tierpark-Biologin, lockt mit frischem Grün. Ihr Blick aber schweift gedankenverloren in die Ferne. Die Arbeit im Hörnchengehege erinnert sie an eine ehemalige Kollegin, und an die dramatischen Ereignisse des Jahres 2013.

"In der Fulminanz, in der das passiert ist, war das ganz, ganz heftig. Die hat gesagt: ‚Ach Mensch, ich glaub mir geht das nicht gut. Ich glaube, ich habe so ein bisschen eine Erkältung.‘ Dann hatte sie zwei Tage Schmerzen im Halsbereich, und dann ist sie innerhalb von einer Woche ins Koma gefallen."

Mit flinken Sprüngen wagt sich eines der Baumstreifenhörnchen heran: ein unscheinbares Tier mit ockerfarbenem Fell. Die Hörnchen von damals waren farbenprächtiger: Prevost-Schönhörnchen aus Südostasien, mit leuchtenden schwarz-weiß-roten Streifen. Diese Art hält der Tierpark Gettorf heute nicht mehr.

"Und dann lag sie drei Monate im Koma. Und dann war es dann so, dass das Gehirn so extrem geschädigt war. Dann haben Ihre Eltern entschieden und gesagt: ‚Was soll das noch?‘ - selbst wenn da irgendwie noch etwas wäre. Es waren alle Hirnbereiche - Großhirn, aber auch Stammhirn - es war alles so geschädigt, dass man sagen musste: Es war nichts mehr zu machen."

Schönhörnchen-Junges und Elterntier im Tropenaffenhaus des Berliner Zoos  (imago stock&people/Olaf Wagner )Prevost-Schönhörnchen sind hübsch, possierlich und zuweilen Träger des Borna-Virus (imago stock&people/Olaf Wagner )

Schönhörnchen als Überträger von Bornaviren

Encephalitis, lautete damals die Diagnose: eine Entzündung des Gehirns, die meist durch eine Infektion hervorgerufen wird. Die Tierpark-Mitarbeiter waren alarmiert: Dass das Virus von einem ihrer Tiere stammte, war naheliegend.

"Das war für uns damals eine extrem traumatische Zeit, insbesondere in der Zeit, in der wir auch noch nicht wussten, was es ist. Das waren für uns auch schwierige Wochen, als dann die Mitarbeiter getestet wurden und wir da drauf gewartet haben, bis die Ergebnisse kommen. Es waren dann glücklicherweise keine weiteren Fälle mehr vorhanden."

Kurz darauf erfuhren die Tierpark-Mitarbeiter: In Sachsen-Anhalt gab es ebenfalls Encephalitis-Fälle, dort waren nach ähnlichem Krankheitsverlauf drei Tierzüchter gestorben. Sie hatten mittelamerikanische Bunthörnchen gehalten, die sie untereinander austauschten. Der Tierpark Gettorf gab seine Schönhörnchen an das Friedrich-Löffler-Institut ab, das auch die sachsen-anhaltinischen Tiere bereits untersuchte. Dort, auf der Insel Riems nahe Rügen, fanden die Forscher im Jahr 2015 die Todesursache: Bornaviren - ein neuer Typ eines altbekannten Tierseuchen-Erregers, der bis dahin nur bei Pferden und Schafen als Auslöser von ansteckender Gehirn- und Rückenmarksentzündung bekannt war.

Ursprünglicher Borna-Wirtsträger bislang unklar

Wo aber konnten sich die befallenen Tiere das Virus einfangen haben? Martin Beer, Professor für Virologie und Mikrobiologie, der wegen des Corona-Lockdowns Fragen nur im Videochat beantwortet, kann darüber nur Vermutungen anstellen. Er glaubt: Die Hörnchen haben den Erreger aus ihren Herkunftsländern mitgebracht, aus Mittelamerika oder aus Südostasien:

"Es bleibt die dritte Möglichkeit, dass diese Hörnchen sich erst hier infiziert haben, an einem für uns noch unbekannten Wirt. Wir haben mittlerweile viele tausend Kleinnager untersucht, Wühlmäuse und auch andere Spitzmäuse. Und wir haben bisher nur in der Feldspitzmaus das klassische Bornavirus gefunden. Von daher gehen wir eigentlich davon aus, dass die Hörnchen ein echter Reservoirwirt sind und dass wir einfach in den Herkunftsländern - Südostasien und Mittelamerika, Südamerika - einfach noch weiter suchen müssen."

"Hygienische Maßnahmen einhalten"

Anfragen in den Herkunftsländern der Hörnchen sind bislang unbeantwortet geblieben. Bei den Haustieren in Deutschland aber wurden die Forscher des Friedrich-Löffler-Instituts fündig: Von 1200 untersuchten exotischen Hörnchen trugen 30 das Virus in sich. Doch so viele Fragen der neu entdeckte Bornavirus-Typ bis heute aufwirft: Eine Pandemie-Gefahr besteht in diesem Fall nicht, glaubt Martin Beer, denn von Mensch zu Mensch verbreitet das Bornavirus sich nicht. Allerdings wird an seinem Institut an vielen Zoonosen geforscht – und längst nicht für alle mag er Entwarnung geben:

"Bei exotischen Tieren – da kann ja auch mal ein anderes Virus drinsitzen – ist das für uns ein Beispiel zu sagen: Wer Umgang mit solchen Tieren hat, der sollte hygienische Maßnahmen einfach einhalten. Es gibt auch andere Beispiele, selbst in Deutschland – das sind die Kuhpockenviren, die von Schmuseratten übertragen wurden, das sind in den USA die Affenpockenviren von Präriehunden."

Register für importierte Wildtiere wäre hilfreich

Seit März 2020 besteht Meldepflicht für Borna-Erkrankungsfälle. "Hörnchenborna": In der Szene der Exotenhalter ist das heute ein Angstwort, denn es hat Haustiere in Verruf gebracht, die bis dahin in der Haltung als völlig unproblematisch galten. Exotische Tiere können exotische Krankheiten tragen, weiß der Virologe Beer – auch dann, wenn sie harmlos aussehen und im Handel frei erhältlich sind. Auch er selbst plädiert seit der Entdeckung des neuen Bornavirus für eine strengere Regulierung des Exotenhandels.

"Es erstaunt, wie viele exotische Tiere nach Europa importiert werden. Und ich sehe durchaus, dass es dort notwendig wäre, Regularien zu ergreifen - beispielsweise ein Register, um zu wissen: Wo sind denn solche Tiere? Wir haben uns unheimlich schwergetan, die Hörnchen aufzufinden. Weil wenn es dann zu Ausbrüchen kommt oder wir wissen, dass eines dieser Tiere Überträger sein kann, dann kann man viel schneller die anderen möglichen Risikokontakte auffinden."

Auch in Deutschland boomt der Wildtierhandel

30. März 2020. Die in München ansässige Artenschutzorganisation ProWildlife hat ein Jahr lang den deutschen Heimtiermarkt beobachtet. In dem Beobachtungszeitraum standen in Deutschland mehr als 2.000 verschiedene Wildtierarten zum Verkauf – Reptilien und Amphibien zumeist. Jede zehnte Tierart war ein exotischer Säuger, darunter Nagetiere, Primaten und Flughunde. Diese Nachfrage sei zu hoch, kommentiert Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Studienergebnisse. Deutschland werde weitere Handelsbeschränkungen anstoßen, über die bereits geltenden internationalen Handelsbeschränkungen für gefährdete Arten hinaus.

"Lebensräume werden enger, Wildtiere und Menschen, dicht and dicht, das sei gefährlich, so die Umweltministerin. Wildtiermärkte wie auch der in Wuhan sind weiterhin geschlossen. Trotzdem: Das Wildtierverbot hat enorme Lücken. Viele der geschützten wilden Tiere werden weiter für die traditionelle Medizin verwendet. Das ist eine große Gefahr, denn dadurch bleibt der Handel erhalten. Svenja Schulze: ‚Es ist nicht nur so, dass in China oder in Afrika was getan werden muss. Sondern das ist ein Problem, das wir mit auslösen und wo wir auch Teil der Lösung sein müssen.‘"(aus einem Bericht der ARD-Tagesschau)

Verbot des kommerziellen Wildtierimports nicht in Sicht

Auf die Anfrage des Deutschlandfunks über eine stärkere Regulierung des Wildtierhandels antwortet das Bundesumweltministerium:

"Zu den zu prüfenden Maßnahmen gehören die bessere Kontrolle des Internethandels, die Einführung einer Nachweis- und Kennzeichnungspflicht über die Herkunft von Wildfängen und Nachzuchten, oder auch die verpflichtende Angabe artenschutzrelevanter Informationen beim Verkauf."

Von einem Verbot des kommerziellen Wildtierimports ist nicht die Rede. Deutsche Alleingänge seien in einem europäischen Binnenmarkt ohnehin nicht zielführend, erklärt ein Sprecher des Bundesamts für Naturschutz. Und das Washingtoner Artenschutzabkommen mit seinen 183 Unterzeichnerstaaten kurzfristig durch eine strengere Neuregelung ersetzen zu wollen, sei schlicht unrealistisch.

Löwenbaby auf der Schulter eines Polizisten. (Dezember 2019) Die indonesische Polizei verhaftete einen Wildtierhändler, der illegalerweise drei Orang-Utans, vier Löwen und einen Leopard im Angebot hatte. (www.imago-images.de)Staatliche Nadelstiche gegen die Wildtier-Mafia: Razzia in Indonesien (www.imago-images.de)

Artenschutzkonferenzen abgesagt, der Onlinehandel geht weiter

April 2020. Die großen Artenschutzkonferenzen werden für das Jahr 2020 wegen Corona abgesagt, darunter der Weltkongress der Weltnaturschutzunion (IUCN), der für Juni im französischen Marseille geplant war, und die 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention in China, die im Oktober eigentlich ein neues globales Rahmenwerk zum Erhalt der Artenvielfalt verabschieden sollte.

Der Tierverkauf über Online-Kleinanzeigen geht weiter: Junge Nilkrokodile aus Südafrika: 500 Euro das Stück. Totenkopfäffchen: 400 Euro. Blaue Pfeilgiftfrösche, 90 Euro das Stück. Ein Brauner Kapuzineraffe im Tausch gegen einen Weißschulter-Kapuzineraffen. Kobras und Buschvipern zwischen 100 und 380 Euro. Australischer Dingo, 500 Euro.

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