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StartseiteForschung aktuell"Wir können eine chronische Virusinfektion bei fast allen heilen"05.10.2020

Virologe Bartenschlager zu Nobelpreis"Wir können eine chronische Virusinfektion bei fast allen heilen"

Der deutsche Molekularvirologe Ralf Bartenschlager hatte sich zuletzt Auszeichnungen mit dem frisch gekürten Nobelpreisträger Charles Rice geteilt. In Stockholm, wo Rice für die Entdeckung des Hepatitis C-Virus geehrt wurde, ging er leer aus. Im Dlf beschrieb Bartenschlager seinen Konkurrenten als "absolut offen, ehrlich und immer fair".

Ralf Bartenschlager im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Kästchen mit flüssigen Zellkulturen vor einem Schrank (imago/epd)
Ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu Medikamenten gegen Hepatitis-C: Das Virus in Zellkultur. (imago/epd)
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Wie die am Montag (05.10.20) ausgezeichneten Forscher hat auch der Molekularvirologe Ralf Bartenschlager dem Hepatitic C-Virus sein berufliches Leben gewidmet. Er forscht dazu am Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ und der Universität Heidelberg. 2016 hat er dafür den Lasker-Award erhalten, zuvor die Robert-Koch-Medaille – beides sehr renommierte Preise für medizinische Forschung, die er sich unter anderem mit Charles Rice teilte. Rice ist einer der am Montag bekannt gegebenen Nobelpreisträger. 

Lennart Pyritz: Sie standen mit Charles Rice sozusagen im direkten Forschungs-Wettlauf?

Ralf Bartenschlager: Ja. Das Virus wurde ja 1989 von Mike Houghton und Kollegen entdeckt, und es war sehr früh klar, das Virus ist natürlich medizinisch relevant und wir wissen überhaupt nichts darüber. Mike Houghton hat mit seiner Entdeckung quasi die Blaupause geliefert, um sozusagen jetzt das Virus genau zu beforschen. Da sind wir sehr früh eingestiegen, also ich mit meiner Gruppe und Charlie Rice mit seiner Gruppe, und da haben wir uns quasi gegenseitig immer freundlicher, aber doch vorhandener Konkurrenz beflügelt.

  (AFP/Jonathan Nackstrand) (AFP/Jonathan Nackstrand)Medizin-Nobelpreis geht an Entdecker von Hepatitis-C-Virus
Der Nobelpreis für Physiologie/Medizin geht in diesem Jahr an Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice. Die drei Forscher hätten einen maßgeblichen Anteil am Kampf gegen die durch Blut übertragene Hepatitis geleistet, so das Nobelkomitee.

Pyritz: Vielleicht können Sie das noch ein bisschen genauer beschreiben – wie haben Sie Charles Rice dann so im persönlichen Umgang auch kennengelernt?

Bartenschlager: Absolut offen, ehrlich und vor allem fair. Es gibt ja immer auch so gewisse Konkurrenzsituationen, mal ist der eine vorne, mal der andere, da gibt’s ja immer auch immer einen gewissen Neid, aber das war immer in einer absolut fairen Konkurrenz zwischen uns beiden. Das zeichnet ihn aus meiner Sicht aus, dass er auch andere anerkennt und umgekehrt natürlich auch seine Leistungen entsprechend anerkannt werden.

Fruchtbare Konkurrenz

Pyritz: Sie haben also tatsächlich an ähnlichen Dingen im Labor geforscht wie Charles Rice? Wo gab es dann da die, ich sag mal, die nahesten Berührungspunkte?

Bartenschlager: Na ja, Sie müssen sich vorstellen, wenn ein neues Virus entdeckt wird, dann haben Sie eigentlich nur eine grobe Ahnung, was da eigentlich dahintersteckt. Sie kennen im Prinzip das Genom, Sie haben aber keine Ahnung über die Eigenschaften – wie es sich vermehrt, wie es die Zellen verändert und so weiter –, Sie haben vor allem auch keine Möglichkeit zu studieren, wie es mit der Zelle sozusagen wechselwirkt und wo man vielleicht mit Medikamenten ansetzen kann. Im Prinzip war die allererste Aufgabe, erst einmal das Genom, sozusagen die Genomorganisation zu entschlüsseln, also welche Gene sitzen denn wo genau im Genom und welche Funktion haben diese Gene – das war eigentlich geprägt so in den ersten Jahren, ich würde sagen so 91 bis 95 –, aber immer auch natürlich im Hinterkopf die Tatsache, dass wir bis 99 das Virus nicht wirklich im Zelllabor vermehren konnten. Das war natürlich der Haupthemmschuh bei allen Untersuchungen. Wir können zwar das Virus aus Patient isolieren, aber man kann es nicht in Zellen vermehren. Und wenn man das nicht kann, dann kann man tatsächlich nicht wirklich untersuchen, wie das Virus sich vermehrt, und man kann auch nicht die Wirksamkeit von antiviralen Substanzen testen. Also haben wir uns beide schon sehr früh mit der Frage der Etablierung eines Zellkultursystems beschäftigt, und da gab es verschiedenste Hindernisse zu überwinden. Ich denke, ein wichtiger Schritt nach vorne war, dass Charles Rice und seine Mitarbeiter zeigen konnten, dass das isolierte Genom, das er da molekular kloniert hatte, auch infektiös ist in einem Tiermodell – in dem Fall waren es Schimpansen. Wir haben einen analogen Versuch gemacht, wir hatten aber keine Schimpansenversuche machen können …

Schimpansen und Zellkulturen

Pyritz: Weil das in Deutschland einfach nicht erlaubt war, Versuche mit Schimpansen zu machen.

Bartenschlager: Genau, das war nicht erlaubt, und es war auch für uns als kleines akademisches Labor überhaupt nicht im Rahmen der Möglichkeiten. Wir sind quasi direkt auf die Frage abgehoben, können wir dieses Virus in irgendeiner Art in Standardzelllaboren vermehren, und mein Mitarbeiter Volker Lohmann hatte dann 1999 quasi den Durchbruch mit einem entsprechenden ersten Zellkultursystem. Das ging erstaunlich effektiv und wurde dann auch zum Goldstandard sozusagen bei der Entwicklung von antiviralen Medikamenten.

Pyritz: Das heißt, mit ein bisschen Glück hätten Sie vielleicht heute auch den Nobelpreis mit bekommen können?

Knapp am Nobelpreis vorbei?

Bartenschlager: Ja, es ist ein bisschen die Frage, wofür man ihn verleiht. Soweit ich das jetzt aus der Verlautbarung sehe, wurde ja vor allem der Preis verliehen für die Entdeckung des Virus.

Pyritz: Was war denn der erste Gedanke, der Ihnen heute in den Kopf kam, als Sie das Thema des Nobelpreises gehört haben?

Bartenschlager: Ich hatte schon damit gerechnet, dass irgendetwas zum Thema Infektionskrankheiten dieses Jahr gewürdigt wird, allein schon aufgrund der Umstände mit der SARS-Epidemie, und da gibt es dann nicht so viele. HIV hatten wir schon, Papillomviren hatten wir schon, also war HCV, Hepatitis-C-Virus, schon ein heißer Kandidat, und das ist dann tatsächlich auch passiert. Insofern freut es mich, dass jetzt das Thema auch mal entsprechend gewürdigt wird. Wir haben es geschafft, seit der Entdeckung des Virus durch Mike Houghton 1989 bis 2014 – so lange hat es gedauert, also gerade mal 25 Jahre –, dass wir jetzt eine Therapie haben, mit der wir fast alle Patienten heilen können, und damit haben wir eine Situation, wo wir eine chronische Virusinfektion fast bei allen heilen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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