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StartseiteInterview"Ein Krieg gegen Ebola"28.10.2014

Virologe Kekulé"Ein Krieg gegen Ebola"

Der aktuelle Ebola-Ausbruch zeige, was das Virus in einer mobilen Gesellschaft anrichten könne, sagte der Virologe Alexander Kekulé im DLF. Gleichzeitig habe es zu Beginn des Ausbruchs einige Fehleinschätzungen gegeben. So sei das Virus schneller übertragbar als gedacht.

Alexander Kekulé im Gespräch mit Sandra Schulz

Ein an Ebola erkrankter Patient wird mit einem speziellen Krankenwagen zur Isolierstation der Uniklinik in Frankfurt am Main (Hessen) gebracht. Feuerwehrleute und Ärzte in Schutzanzügen begleiten die Ankunft des Mannes. (picture-alliance / dpa / Boris Roessler)
Warum ist das Ebolavirus so schwierig zu bekämpfen? (picture-alliance / dpa / Boris Roessler)
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Westafrika sei weitaus mobiler als Zentralafrika. Viel mehr Menschen seien dadurch von der Epidemie betroffen. Gleichzeitig zeige sich, dass das Virus aggressiver als gedacht und leichter übertragbar sei, als in den Lehrbüchern bisher vermerkt.

Problematisch sei auch, dass sich bisher nur eine Handvoll Leute mit dem exotischen Virus beschäftigt hätten. Der Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale) hofft aber, dass bis Mai oder Juni kommenden Jahres ein Impfstoff entwickelt sein werde. Wichtig seien dabei auch die Menschen, die Ebola überlebt hätten. In der Praxis seien aufgrund ihrer Immunität ideale Pfleger und Helfer. Durch Blutübertragungen könnten Patienten außerdem durch die gebildeten Antikörper unterstützt werden.

"Wir müssen Westafrika in den Griff bekommen," appellierte Kekulé, sonst wäre die Epidemie "irgendwann auch am Mittelmeer".


Das Interview mit Alexander Kekulé in voller Länge:

Sandra Schulz: Das haben inzwischen fast alle Politiker eingeräumt, die in ihrem Ressort mit Ebola zu tun haben: Das Virus ist viel zu lange unterschätzt worden. Zuletzt hat das gestern der neue Ebola-Koordinator der EU, Christos Stylianidis, gesagt. Seit Monaten ist die Epidemie in Westafrika außer Kontrolle. Weltweit hat die Zahl der Ebola-Kranken die Marke von 10.000 überstiegen. Warum eigentlich ist die Gefahr unterschätzt worden? Darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon begrüße ich Professor Alexander Kekulé, Mikrobiologe am Universitätsklinikum in Halle. Guten Morgen.

Alexander Kekulé: Guten Morgen, Frau Schulz.

Schulz: Bislang hat ein Ebola-Ausbruch noch nie so viele Menschenleben gefordert wie dieser. Was ist dieses Mal anders?

Kekulé: Dieses Mal handelt es sich um einen Ausbruch in einer völlig neuen Region, wo Ebola bisher noch nicht aufgetaucht ist: in Westafrika. Die Menschen kannten die Krankheit überhaupt nicht und diese Region ist wesentlich mobiler als die Gegenden, wo das früher in Zentralafrika war, sodass wir hier eigentlich so eine Art Vorbild haben, was Ebola anrichten kann, wenn es in eine etwas weiterentwickelte modernere Gesellschaft einbricht.

"Das Virus ist sehr aggressiv" 

Schulz: Es hieß ja am Anfang, das Virus sei, ich habe es so verstanden, relativ schwerfällig, Ansteckung nur über Körperflüssigkeiten. Aber jetzt sind ja schon mehrere Fälle gemeldet worden von Ansteckungen auch beim Pflegepersonal. Ist das Virus jetzt doch aggressiver als gedacht?

Kekulé: Das Virus ist sehr aggressiv. Das wussten wir schon immer. Es ist nur so, dass wir bis vor einiger Zeit eigentlich gedacht haben, oder zumindest die Mehrheit der Gesundheitsmanager hat gedacht, das Virus ist nur übertragbar, wenn man einen ganz engen Kontakt mit dem Patienten hat. Diese Epidemie zeigt jetzt, dass das Virus sehr, sehr leicht übertragbar ist, durch kleinste Mengen von Flüssigkeit. Es fliegt nach wie vor nicht durch die Luft, aber trotzdem kann man sich wesentlich leichter anstecken, als das in den Lehrbüchern steht.

"USA haben relativ laxe Richtlinien gehabt"

Schulz: Dann war das auch eine Fehleinschätzung der Mediziner?

Kekulé: Nicht so sehr der Mediziner. In meiner Vorlesung kam das schon lange vor, wie gefährlich das ist, aber es gibt da nur eine Handvoll Leute, die sich mit diesem exotischen Virus eigentlich beschäftigt haben. Sie müssen sich vorstellen: Früher betraf das einige hundert Menschen und das nur alle zwei, drei Jahre, wenn es mal ausgebrochen ist. Dadurch haben sich eigentlich nur wenige Leute mit diesem Virus befasst. In den Lehrbüchern und auch in den Standards zum Beispiel der amerikanischen Gesundheitsbehörde ging man deshalb immer davon aus, dass die Übertragbarkeit gar nicht so hoch sei, und deshalb haben die USA insbesondere relativ laxe Richtlinien gehabt, wie man sich schützen muss im Krankenhaus, wenn man mal so einen Patienten behandelt.

Schulz: Und dieser Arzt, der jetzt in New York erkrankt ist, dann könnte es durchaus doch sein, dass er noch viele andere Personen angesteckt hat?

Kekulé: Na ja, viele wahrscheinlich nicht. Das Gute bei Ebola ist, man muss da ein bisschen unterscheiden zwischen Menschen, die noch keine Symptome haben. Die sind höchst wahrscheinlich gar nicht ansteckend. Dann geht es los mit Kopfschmerzen, Fieber, allgemeinem Unwohlsein. Leider kann das Fieber auch fehlen, was viele gar nicht wissen, auch bis heute nicht wissen, und wenn dann diese ersten Symptome losgehen, dann beginnt die Ansteckungsfähigkeit, aber da wird noch nicht so viel Virus ausgeschieden. Das meiste Virus wird ausgeschieden, wenn der Patient kurz vor dem Tod steht, also wirklich im Endstadium im Krankenhaus, und deshalb infizieren sich so häufig Ärzte und Krankenpfleger.

"70 Prozent sterben, 30 Prozent überleben es"

Schulz: Wovon hängt denn der Verlauf der Erkrankung ab, wenn die Infektion schon mal da ist? Es gibt ja auch Menschen, die offenbar ganz ohne Behandlung wieder gesund geworden sind.

Kekulé: Ja. Das ist das, was man immer nicht liest. Man liest, 70 Prozent sterben. Das heißt aber zugleich, 30 Prozent überleben es einfach. Und wir wissen auch, dass in Zentralafrika, wo das Virus häufiger vorkommt, es Menschen gibt, die ganz ohne bekannte Infektionen sind. Die sind gar nicht krank geworden und haben trotzdem Immunität gegen Ebola. Das heißt, es kann auch völlig asymptomatische oder fast asymptomatische Verläufe machen. Ob man gesund wird oder nicht, hängt tatsächlich vom Immunsystem ab. Wir wissen, dass Menschen, die am Anfang in den ersten zwei, drei Tagen nach der Infektion eine sehr, sehr starke robuste Immunantwort entwickeln - das ist nur ein kleiner Teil -, dass die wieder gesund werden. Die meisten sind hilflos dem Virus gegenüber. Meistens ist das Immunsystem sozusagen sofort schachmatt und dann stirbt man daran.

Schulz: Und die Menschen, die immun sind gegen Ebola, könnten die medizinisch auch eine Hilfe sein bei der Suche nach einem Gegenmittel?

Kekulé: Die können in zweierlei Hinsicht eine Hilfe sein. Erstens sind sie natürlich ideale Pfleger und Helfer in so einer Situation, weil sie das überlebt haben, so ähnlich wie früher bei der Pest. Da hat man ja auch Überlebende eingesetzt, um andere zu behandeln. Und zweitens ist es tatsächlich so: Die haben Antikörper im Blut, von denen wir ziemlich sicher sind, dass sie Patienten helfen können, wenn sie sehr, sehr früh über eine Transfusion oder über Spritzen verabreicht werden.

"Deshalb müssen wir es jetzt in den Griff bekommen"

Schulz: Nach allem, was Sie jetzt sagen, wie groß sind denn die Chancen, das Problem Ebola, die Epidemie in den Griff zu bekommen, in Westafrika, aber natürlich auch weltweit?

Kekulé: Weltweit ist es bisher kein Problem. Das ist ja nur eine Projektion, die wir haben. Aber wir müssen Westafrika in den Griff bekommen, damit sich dieses Virus nicht weiter in Afrika ausbreitet. Da gibt es ja weitere Länder, die schlechten Gesundheitszustand, schlechten Medizinzustand haben, und es wäre eine Katastrophe, irgendwann wäre es dann auch am Mittelmeer, das ganze Problem. Deshalb müssen wir es jetzt in den Griff bekommen. Ich glaube, die Chancen sind gut. Wir müssen nur konsequent weiter solche Ebola-Behandlungszentren aufbauen, weil das die einzige Chance ist, dort die Menschen zu überzeugen, dass sie in diese Isolation gehen, weil nur durch die Isolation, also Verhinderung von weiteren Übertragungen, kann diese Krankheit gestoppt werden. Und ich hoffe, dass wir nächstes Jahr, vielleicht so im Mai, Juni, sage ich mal ganz optimistisch, einen Impfstoff haben werden, und dann hätten wir eine faire Chance, dass 2015 das Jahr wird, wo Ebola ein für alle Mal besiegt wurde.

Schulz: Gehen Sie denn davon aus, dass bis 2015 genug Hilfskräfte da sind, wenn das so kommt, wie Sie das zuversichtlich vorwegnehmen, die bis dahin in die Region gehen?

"Ein Krieg gegen Ebola"

Kekulé: Das ist das große Problem im Moment. Die westliche Welt hat ja erkannt, wie gefährlich Ebola ist, und jetzt schreckt man in den USA zum Beispiel schon davor zurück, Helfer hinzuschicken. Man diskutiert jetzt Auflagen, was die alles machen müssen, wenn sie zurückkommen. Die werden ja quasi wie Aussätzige dann behandelt, was völlig überzogen ist. Ich glaube, wenn diese Tendenz nach Europa überschwappt, diese größere Angst vor der eigenen Verletzung statt die Hilfsbereitschaft, dann haben wir ein Problem. Ich kann da nur sagen, Feuerwehrmänner, die verbrennen sich gelegentlich auch mal im Einsatz, oder fallen von der Leiter. Auch Polizisten werden gelegentlich mal im Dienst angeschossen oder Ähnliches. So muss man es sehen! Das ist eigentlich ein Krieg gegen Ebola, den wir hier führen, mit sehr gutem Grund. Wir haben keine Alternative und wir müssen leider damit rechnen, dass wir auch Helfer haben, die sich infizieren werden.

Schulz: Gehen Sie auch nach Afrika?

Kekulé: Ich selber habe es schon mal angeboten. Es ist vor einem Monat oder so damals nicht dazu gekommen. Ich würde jederzeit runtergehen, selbstverständlich. Das ist für einen Virologen auch eine relativ einfache Aussage, weil Virologen sich so gut auskennen mit diesen Erregern, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die sich infizieren, wirklich gering ist.

Schulz: Professor Alexander Kekulé, Virologe aus Halle, heute hier bei uns im Deutschlandfunk. Haben Sie herzlichen Dank.

Kekulé: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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