Samstag, 03. Dezember 2022

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Virologe: Mexikoreisende sollten sich ihres Risikos bewusst sein

Martin Stürmer vom Institut für Medizinische Virologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main hält eine weitere Erhöhung der Pandemie-Warnstufe auf 6 für möglich. Die höchste Warnstufe müsste ausgerufen werden, sollten sich Verdachtsfälle in Neuseeland bestätigen.

Martin Stürmer im Gespräch mit Sandra Schulz | 30.04.2009

    Sandra Schulz: Mehr als ein Dutzend Fälle in fünf Ländern in Europa sind inzwischen bestätigt. Neun Menschen sollen weltweit an den Folgen des Schweinegrippen-Virus gestorben sein, gestern mussten wir den ersten Todesfall außerhalb Mexikos melden, und auch hierzulande sind die ersten Fälle der Schweinegrippe bestätigt worden. Dazu gehört noch die gute Nachricht: Alle drei Patienten sind, so die Behörden, schon auf dem Weg der Besserung. Für die Medien, aber auch für die Politik ist es eine schwierige Gratwanderung, denn der Hysterie oder gar Panik will niemand Vorschub leisten, andererseits sind auch für die Wissenschaftler noch viele Fragen offen. Weitere Einschätzungen dazu wollen wir jetzt einholen von Martin Stürmer vom Institut für Medizinische Virologie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Guten Morgen!

    Martin Stürmer: Guten Morgen!

    Schulz: Herr Stürmer, am Abend hat die Weltgesundheitsorganisation die zweithöchste Warnstufe ausgerufen, können Sie das für uns übersetzen?

    Stürmer: Das kann man übersetzen: Die WHO hat einen sogenannten Pandemieplan aufgestellt, er hat sich sechs Phasen unterteilt, und die Phase 5 ist, wenn man sich das durchliest, eine recht logische Konsequenz. Es wird verlangt oder erwartet, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch in mindestens zwei Ländern derselben Region stattfindet. Das heißt, wir haben die USA und wir haben Mexiko, das ist regional sehr nah beieinander. Dort sind eine ganze Menge Menschen bestätigt infiziert mit der Schweinegrippe, und dementsprechend ist es eine logische Konsequenz gewesen, diese Phase 5 auszurufen.

    Schulz: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat gestern ja noch mal gesagt, niemand könne sagen, wie sich die Lage weiter entwickeln werde. Welches Szenario halten Sie denn für wahrscheinlich?

    Stürmer: Wenn wir uns mal die Zahlen angucken, die Fallzahlen, so steigen sie doch von Tag zu Tag. Es gibt ja auch in Mexiko noch eine ganze Menge noch nicht bestätigter Verdachtsfälle wie auch in diversen anderen Ländern. Das Potenzial ist sicherlich vorhanden, und man muss jetzt die nächsten Tage erst mal abwarten, wie sich das Ganze entwickelt. Wir haben den Vorteil, dass der Erreger schon bekannt ist. Wir haben den Vorteil, dass zum Beispiel in Europa keine Grippesaison aktuell ist, dass eigentlich gar nicht zu erwarten ist, dass wir hier so eine ganz große Grippewelle wie in Mexiko vielleicht bekommen werden. Und man hat die Möglichkeit, weil der Ursprungsort Mexiko eigentlich auch bekannt ist, gewisse Quarantänemaßnahmen auch zu treffen.

    Schulz: Aber gibt es denn umgekehrt überhaupt eine Chance, dass sich das Virus nicht auf der ganzen Welt ausbreitet?

    Stürmer: Es ist immer sehr schwierig. Man darf eins nicht vergessen, wir befinden uns in einer modernen Gesellschaft, wo die Reisetätigkeit und die Flugtätigkeit halt extrem hoch ist. Und wie man sieht, haben wir natürlich auch schon an vielen Punkten der Welt lokale Ausbrüche gesehen, die sicherlich durch die Reisetätigkeiten kommen. Soweit mir bekannt ist, sind alle Fälle in der EU Menschen gewesen, die irgendwo mit Mexikoreisen in Verbindung gebracht werden konnten.

    Schulz: Was sind insgesamt, weltweit gesehen, die wichtigsten Reiserouten der Viren?

    Stürmer: An den Fluglinien sieht man das natürlich sehr schön. Man kann das mit dem SARS-Virus von 2002/2003 vergleichen, wo letztendlich auch ein Virus entlang der Reiserouten aus China entlanggeflogen ist sozusagen, also mit dem Flugzeug die Chance hatte, sich weltweit zu verbreiten. Das sehen wir hier ähnlich. Wir haben in den Städten oder die Leute, die sozusagen an Flughäfen ankommen, nach Hause fahren, das sind die Menschen, die letztendlich im Augenblick die Infektionen in die anderen Länder außerhalb von Mexiko tragen. Und natürlich die Grenze von Mexiko in die USA.

    Schulz: In Luxemburg beraten heute die EU-Gesundheitsminister, was müssen die konkret anschieben?

    Stürmer: Gut, die werden sich sicherlich einige Gedanken gemacht haben. Es wird ja diskutiert, möglicherweise die Flugreisen nach Mexiko ganz einzustellen. Das mag sicherlich, wenn man sich die Zahlen anguckt, eine Maßnahme sein, die aber vielleicht auch schon zu spät kommt. Ich denke mal, was wichtig ist, was gemacht wird auch, ist einfach die Einreisenden aus Mexiko zu überprüfen mit einem Mediziner oder mit einer Überwachung sozusagen an den Flughäfen bzw. teilweise wohl auch schon in den Flugzeugen. Wichtig ist, dass diejenigen, die aus Mexiko zurückkommen, sich ihres Risikos bewusst sind und hier entsprechend vernünftig verhalten, von den Behörden aufgeklärt werden, mit den Behörden zusammenarbeiten und im Falle einer Erkrankung sofort einen Arzt aufsuchen. Und der muss natürlich auch die entsprechenden Isolierungsmaßnahmen einhalten.

    Schulz: Und diese Kontrollen am Flughafen, können die was bringen, wenn jemand ankommt und überhaupt noch nicht krank ist und das zwei Tage später erst zum Ausbruch kommt?

    Stürmer: Das ist natürlich richtig. Sie bringen nichts, wenn diejenigen gesund sind. Die Inkubationszeit ist angegeben mit wenigen Stunden bis drei, fünf Tage. Das kann natürlich sein, dass jemand ankommt, ist noch völlig gesund am Flughafen und kehrt dann zurück nach Hause, wird dort krank. Hier, wie gesagt, muss das Bewusstsein geschärft werden von denjenigen, die halt nach Mexiko gereist sind, nach Hause kommen, dass die sich ihres Risikos bewusst sind, sich selber halt auch entsprechend verhalten und sehen, sobald sie anfangen, krank zu werden, möglicherweise dann, oder nicht möglicherweise, sie sollten einen Arzt aufsuchen. Und dieser Arzt sollte halt auch sofort informiert werden, dass hier eine Mexikoreise-Anamnese besteht, und die entsprechenden Maßnahmen sollten durchgeführt werden.

    Schulz: Jetzt kursiert weltweit ja schon die Angst oder Befürchtungen vor einer Pandemie, und wenn man diese Skala der Weltgesundheitsorganisation anguckt, dann kann man das natürlich auch gut nachvollziehen, denn es fehlt ja eigentlich nur noch eine Stufe zur Pandemie. Ist das so dramatisch, wie es klingt?

    Stürmer: Es klingt erst mal dramatischer, als es ist. Wenn man sich mal die Phase-6-Definition durchliest, sind wir kurz davor, muss ich ganz ehrlich sagen, dass wir auch eine Phase 6 bekommen. Dazu würde es jetzt reichen, wenn in Neuseeland – ich habe gerade gelesen, dass die Fallzahl von Neuseeland inzwischen mit 14 angegeben wird –, wenn wir in der EU oder in Neuseeland jetzt anfangen, auch eine etwas größere Zahl an Infizierten und Verdachtsfällen zu bekommen, dann haben wir die Definition der Phase 6, dass nämlich in einem Land in einer anderen Weltregion das Virus sich weiter von Mensch zu Mensch verbreitet. Wenn das in Neuseeland oder der EU passiert, wonach es möglicherweise auch aussieht, hätten wir die Phase 6. Die Konsequenzen für uns ändern sich jetzt nicht großartig, weil damit wird eigentlich nur gesorgt, dass politisch und wirtschaftlich eine ganze Menge getan werden muss, um letztendlich einer Pandemie sich entgegenzustemmen.

    Schulz: Vom Institut für medizinische Virologie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main war das Martin Stürmer. Danke schön!

    Stürmer: Gern geschehen.