Donnerstag, 19. Mai 2022

Hohe Übersterblichkeit in Deutschland
Virologe Stöhr: "Wir haben in der Pandemie die Altenheime vergessen"

Die hohe Übersterblichkeit in Deutschland während der Corona-Pandemie ist nach Ansicht des Virologen Klaus Stöhr vor allem auf einen mangelhaften Schutz vulnerabler Gruppen zurückzuführen. Stöhr sagte im DLF, man habe bei den Schutzmaßnahmen die Alten- und Pflegeheime "vergessen".

14.05.2022

Gedenken an die Corona-Toten am Arnswalder Platz in Berlin Prenzlauer Berg
Gedenken an die Corona-Toten in Berlin im Januar 2021 (imago/snapshot/M. Krause)
40 bis 50 Prozent der zusätzlichen Todesfälle seien dort zu beklagen gewesen. Das sei in anderen Ländern nicht so, betonte Stöhr. Die Weltgesundheitsorganisation hat ausgerechnet, dass in den ersten beiden Pandemiejahren die Übersterblichkeit in Deutschland deutlich höher war als etwa in Spanien, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Schweden.
Die Übersterblichkeit zur Pandemie gibt an, wie viele Menschen mehr gestorben sind als in den Jahren vor der Pandemie. Dazu zählen neben den direkten Covid-19-Toten auch solche, die etwa durch Beeinträchtigungen im Gesundheitssystem verstorben sind.

Corona-Maßnahmen "zu restriktiv und zu unkoordiniert"

Der frühere Leiter des Influenza-Programms der WHO kritisierte die Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland als zu unfokussiert, zu lange wirksam, zu restriktiv und zu unkoordiniert. Ähnlich sieht das Stöhr: So seien zum Beispiel Kinder und Jugendliche zu sehr eingeschränkt worden, sagte er. Man müsse aber die schützen, die wirklich an dem Virus sterben könnten. In Dänemark, Frankreich oder der Schweiz habe man schnell erkannt, dass Schulschließungen keinen Unterschied machten und die Schulen offen gelassen.
Auch seien die deutschen Gesundheitsämter zwischenzeitlich fast ausschließlich mit der Nachverfolgung von Corona-Infektionen beschäftigt gewesen. Dadurch hätten sie keine Zeit gehabt, Hygienekonzepte etwa für Pflegeheime zu erarbeiten. Die deutsche Impfkampagne sieht Stöhr dagegen im internationalen Vergleich "nicht so schlecht". Sie hat seiner Ansicht nach aber eine geringe Bedeutung für die Übersterblichkeit.
Diese Nachricht wurde am 14.05.2022 im Programm Deutschlandfunk gesendet.