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StartseiteInterview der Woche"Ostern abwarten und gucken, wie sich die Zahlen entwickeln"04.04.2020

Virologe zu COVID-19"Ostern abwarten und gucken, wie sich die Zahlen entwickeln"

Es deute wenig darauf hin, dass es in Deutschland zu Verhältnissen wie in Italien oder Spanien kommen werde, sagte der Virologe und Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes René Gottschalk im Dlf. Sorge bereite ihm aber, dass man derzeit keinen Überblick habe, wie verbreitet die Erkrankung wirklich sei.

René Gottschalk im Gespräch mit Stephan Detjen

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Chinesische Touristen sind in Schutzanzügen, mit Atemmasken und Handschuhen im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens mit ihren Koffern auf dem Weg zum Flugschalter. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Am Frankfurter Flughafen liegt einer der Schwerpunkte der Arbeit des Frankfurter Gesundheitsamtes (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
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Die Influenza ist mindestens ebenso gefährlich wie die gegenwärtige COVID-19-Pandemie. Zu diesem Urteil kommt der Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt am Main und Virologe René Gottschalk. Zwar sei die Zahl der an Influenza Verstorbenen am Ende der Saison deutlich geringer als die der schon jetzt erfassten Toten der COVID-19-Epidemie, es sei aber noch nicht klar, wie das Verhältnis der insgesamt Erkrankten sei. Problematisch an der jetzigen Situation, dass es keinen Überblick darüber gebe, wie verbreitet die COVID-19-Infektion in der Bevölkerung tatsächlich sei. Es würden zur Zeit vor allem Patienten getestet, die Symptome hätten oder bereits schwer erkrankt  seien, sagte Gottschalk. Tatsächlich müsse man davon ausgehen, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer von Erkrankungen in der Bevölkerung gebe. Es sei möglich, dass die Todesrate der Pandemie tatsächlich weit unter der einer Influenza-Welle liege.

Gottschalk sagte zudem, es deute wenig darauf hin, dass es in Deutschland zu gleichen Verhältnissen komme wie in Italien oder Spanien. Auch er plädierte zugleich dafür, die Entwicklung über die Ostertage abzuwarten und erst dann über mögliche Lockerungen zu entscheiden. Es sei viel einfacher, einen kompletten Shutdown zu machen, als danach wieder alles anzufahren. Es wäre fatal, sagte Gottschalk, alle Einschränkungen auf einen Schlag wieder aufzuheben.


Prof. Dr. René Gottschalk, Leiter Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)Der Virologe René Gottschalk leitet das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)

Stephan Detjen: Wir haben im Deutschlandfunk vor zwei Wochen eine Podcast-Reihe gestartet, in der wir regelmäßig mit Akteuren an der Front sozusagen des Kampfes gegen Corona sprechen, mit Pflegern, Ärztinnen, Personen in kommunalen Behörden, einer Landrätin, einer Bürgermeisterin. Diese Reihe heißt "Alltag einer Epidemie". Wie sieht es bei Ihnen im Gesundheitsamt Frankfurt aus, Herr Professor Gottschalk? Gibt es da überhaupt so etwas wie einen Alltag im Ausnahmezustand?

René Gottschalk: Jeder Tag ist natürlich ein Alltag, auch wenn er unter besonderen Vorzeichen steht. Also, wir sind jetzt hier im Gesundheitsamt Frankfurt am Main, das ist ja eines der größten in Deutschland, seit mittlerweile gut drei Wochen so aufgestellt, dass das gesamte Amt, also wir reden von insgesamt 250 Mitarbeitern, sich ausschließlich um den Seuchenschutz kümmert. Wir haben unsere gesamten Angebote, ob das nun Einschulungsuntersuchungen für kleine Kinder sind, die in die Schule wollen, oder ob das amtsärztliche Untersuchungen sind, haben wir runtergefahren, mussten wir runterfahren und nur noch einen rudimentären Anteil für Notfälle stellen wir da zur Verfügung. Alle anderen Mitarbeiter arbeiten im Seuchenschutz. ­­

Schwerpunkt Flughafen

Detjen: Was beschäftigt Sie jetzt ganz besonders? Wo ist da der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Gottschalk: Also ganz vordringlich ist natürlich immer die Arbeit am Flughafen, weil Frankfurt komischerweise immer angeflogen wird, insbesondere mit problematischen Rückkehrerflügen, zum Beispiel von Kreuzfahrtschiffen. Die landen alle in Frankfurt und das ist für mein Team und für mich natürlich eine besondere Herausforderung, weil am Flughafen nur eine bestimmte Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeiten kann. Sie müssen eine besondere Expertise haben, sie müssen einen Flughafenausweis haben, sie müssen Erfahrungen haben.

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Das ist natürlich alles anders als zum Beispiel arbeiten im Krankenhaus. Dann haben wir natürlich viele, viele Nachverfolgungen von Personen, die getestet wurden und wir bekommen leider nur rudimentäre Angabe zu ihren Personendaten. Das heißt, ein Großteil des Teams sitzt nur da und versucht herauszubekommen, wo die Person dann lebt, ob sie in Frankfurt wohnt oder ob sie außerhalb wohnt, sodass wir dann das Testergebnis, das von irgendwoher kommt, denen mitteilen können.

Mangel an Abstrichröhrchen

Detjen: Wenn man über Tests spricht, dann hören wir ja immer wieder, das wird auch in der Zukunft, wenn es dann mal vielleicht gelungen ist, die Kurve wirklich deutlich abzuflachen, ein ganz entscheidender Faktor sein: viel testen und dann aber auch eine erfolgreiche Nachverfolgung. Wir hören ja auch immer wieder, dass das ein wesentlicher Teil der Erfolge war, die man in Südkorea erzielt hat, auch mit viel personellem Aufwand. Mit Blick auf die Zukunft, fühlen Sie sich da hinreichend ausgestattet, um den Erwartungen nachzukommen, die da an Sie gerichtet werden?

Gottschalk: Da muss man schon klar sagen, es müssen alle Anstrengungen von allen Seiten, insbesondere von der Politik, wahrgenommen werden, um genügend Materialien erst einmal herbeizuschaffen, dass diese Tests auch alle durchgeführt werden können. Wir sind jetzt gerade hier in Frankfurt in einer relativ komfortablen Lage, aber das lässt sich natürlich nicht ohne Gefahr ausweiten. Also, es muss sichergestellt sein, dass die Abstrichröhrchen überhaupt schon mal da sind. Was nutzt Ihnen der beste Test, wenn Sie gar kein Testmaterial bekommen, weil an solchen Sachen mangelt es.

Detjen: Wie sind denn da die Bestände im Moment? Für wie lange reichen die und ist das realistisch zu sagen, man weitet dann die Testkapazitäten in der Zukunft auch noch einmal deutlich aus?

Gottschalk: Wie gesagt, ich kann jetzt nur von Frankfurt reden. Da sind wir noch in einer relativ komfortablen Lage, aber ich bin mir nicht sicher, ob diese ganzen Testkapazitäten über Deutschland verteilt tatsächlich eine längere Zeit ausreichen werden. Also, auf der einen Seite ist der Wunsch, Tests auszuweiten, auf der anderen Seite das Problem, dass man nicht genügend Material hat, auch nicht genügend Personen, die jetzt erst einmal damit umgehen können. Das muss im Prinzip als wichtigster Punkt auf der Agenda bearbeitet werden.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Detjen: Der Bund hat sich ja mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes letzte Woche einige neue, zusätzliche Kompetenzen geschaffen, knappe Medizinprodukte, und da gehören wahrscheinlich auch die Dinge dazu, die Sie jetzt genannt haben, zentral zu verteilen, möglicherweise auch an Brennpunkte. Da geht es dann auch natürlich um die knappen Güter, Masken, Beatmungsgeräte. Wie erleben Sie das, was kommt da im Moment bei Ihnen an und wie verteilen Sie dann das, was bei Ihnen eingeht, auch wieder weiter?

Gottschalk: Also zunächst einmal ist das natürlich ein richtiger Schritt. Es muss zentral sichergestellt sein und das, denke ich mal, zentral bedeutet in dem Fall von der obersten Bundesbehörde, dass genügend medizinisches Material da ist. Erste Erfolge sind da auch schon erzielt worden. Es sind zum Beispiel Schutzmasken geliefert worden an die Bundesländer und das kommt dann auch bis zu uns im Gesundheitsamt an. Wir haben hier einen Algorithmus. Das heißt, wir wissen, wie groß die Krankenhäuser sind, wie viele Patienten versorgt werden und danach verteilen wir diese Masken.

Detjen: Wie ist es bei Ihnen? Erklären Sie einfach einmal, wie Sie das verteilen. Wir haben gehört von Gesundheitsämtern in Nordrhein-Westfalen etwa, die dann niedergelassene Ärzte auf einen Autobahnparkplatz rufen und dann fährt ein Lieferwagen vor und gibt Nasen-Mund-Schutz aus. Wie läuft das bei Ihnen in Frankfurt?

28.01.2020, Nordrhein-Westfalen, Oberhausen: Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske. (picture alliance / Fabian Strauch) (picture alliance / Fabian Strauch)Ansteckung, Gefährlichkeit und Schutz
Wie gefährlich ist das Coronavirus? Wie kann man sich damit anstecken – und wie schützt man sich am besten? Was sollte man tun, wenn man glaubt, sich infiziert zu haben? Und wie steht es um Medikamente und Impfstoffe. Ein Überblick.

Gottschalk: Das läuft hier glücklicherweise anders. Wir haben in Frankfurt am Main den Verwaltungsstab einberufen. Das ist im Prinzip der Stab, der für die Organisation von solchen kompletten Problemen zur Verfügung steht mit allen beteiligten Ämtern und wenn wir dann ein Kontingent an Masken zum Beispiel haben, dann wissen wir ja zum Beispiel, wie viele Krankenhäuser gibt es, wie viele Alten- und Pflegeheime gibt es, wie viele notwendige Masken werden gebraucht im Bereich der Drogenhilfe und das sagen wir dann, so und so viele Masken müssen da und da hingehen und dann wird das von unserer Branddirektion hier dann auch verteilt. Das klappt wunderbar.

Masken schützen andere

Detjen: Was diese Masken angeht, haben wir ja in den letzten Wochen ganz unterschiedliche Einschätzungen gehört. Da hat sich ja etwas gewandelt. Das ist ein großes Thema auch in der Bevölkerung geworden. Mir sitzt jetzt, das können Sie nicht sehen, weil ich in Berlin in unserem Funkhaus in einem Studio sitze, Sie sind in Frankfurt in Ihrem Büro und hinter einer Glasscheibe im Studio sitzt unsere Tontechnikerin Sonja Riebel und die hat eine schicke schwarze Mund-Nasen-Maske auf. Was hilft ihr das?

Gottschalk: Ja, die Farbe weiß ich jetzt nicht, Schwarz würde ich eher nicht tragen. Grün wäre gut für die Hoffnung, aber die Diskussion um die Masken ist ja wirklich jetzt offen geführt worden und vor allem viele Menschen, die meinen, da auch einen Beitrag leisten zu dürfen, leisten den auch und werden auch medial immer sehr präsent dargestellt. Man hat festgestellt während der SARS-Pandemie, und da kenne ich mich recht gut aus, weil ich meine Habilitationsschrift darüber gemacht habe, dass das Tragen der Masken in den asiatischen Ländern hilft - und ich war selbst in dieser Zeit in Hongkong, da hat jeder eine Maske getragen. Die meisten Masken waren selbstgemachte Masken logischerweise, aber der große Vorteil ist nicht, dass ich mich mit der Maske sehr gut schützen kann, sondern dass, wenn ich infiziert bin und eine Maske trage, dass ich den anderen schütze und das ist ein Wesen sozusagen der asiatischen Bevölkerung, dass die vielmehr darauf dringen, dass sie andere Menschen in keiner Weise irgendwie belästigen oder gar einer Krankheit zuführen, und da hat die Maske absolut ihren Sinn, also vor allem, wenn jemand positiv ist und das möglicherweise gar nicht weiß, dass er seine Tröpfchen zum Beispiel, die beim Reden, beim Husten, beim Niesen entstehen, in ganz abgemilderter Form, also in geringerer Menge, an seine Mitmenschen abgibt und deswegen würde ich gerade das für sinnvoll erachten und diese ganzen Anleitungen zum Bau von Masken, zum Selbermachen von Masken haben da durchaus ihren Sinn.

Es gibt viele, die sagen, es gibt keine Evidenz dafür, dass das etwas bringt. Das sehe ich nicht so ganz. Es gibt zum Beispiel eine Arbeit in einem guten Journal und er hat gesehen, dass mit dem Tragen der Masken alle respiratorischen Infektionserkrankungen, die es gibt, also Influenza, Parainfluenza und verschiedene andere noch, dass die abgenommen haben während dieser Zeit, und dazu gehört auch SARS.

Detjen: Wir haben am Thema Masken ja jetzt erlebt, dass sich da auch Einschätzungen ändern, dass sich da Empfehlungen auch erst im Laufe der Zeit herauskristallisieren. Das alles ist ein Teil einer Diskussion, zu der auch die Frage gehört, wie waren Bund und Länder, Kommunen, eigentlich darauf vorbereitet? Wurde die Gefahr rechtzeitig erkannt? Sie haben die Stadt Frankfurt von Anfang an beraten, qua Amt, qua Ihrer Expertise, wurden auch kritisiert, weil Ihnen vorgeworfen wurde, Sie hätten die Gefährlichkeit des Virus unterschätzt, Corona mit einer einfachen Grippe verglichen. Hätten Sie rückblickend deutlicher warmen müssen?

Influenza genauso gefährlich

Gottschalk: Nein, das sehe ich nicht so. Also, Sie haben völlig Recht, ich werde auch sehr stark kritisiert. In bestimmten Zeitungen steht drin, dass ich sage, das wäre ein einfacher Schnupfen. Das habe ich nie gesagt. Ich habe immer gesagt, man muss diese Erkrankung ernst nehmen. Wenn man meine ganzen Interviews, und das waren sehr viele, einmal zurückverfolgt, wird man das auch finden. Ich habe aber gesagt, dass es für viele sich in der Größenordnung eines Schnupfens oder grippalen Infektes abspielt und das ist völlig richtig. Nach wie vor ist die Influenza für mich mindestens einmal genauso gefährlich wie diese Pandemie. Also, das ist das eine.

Die Grafik zeigt drei Varianten eines Coronavirus wie des 2020 zur Pandemie gewordenen SARS-CoV-2.  (dpa/picture alliance/Maximilian Schönherr) (dpa/picture alliance/Maximilian Schönherr)

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Detjen: Darf ich da einmal einhaken? Die Influenza-Welle ebbt ja jetzt ab. Ich habe jetzt auch einmal nachgeschaut, jetzt am Ende dieser Influenza-Welle zählt das Robert-Koch-Institut 181.000 Fälle in Deutschland, 377 Todesfälle durch die Influenza-Epidemie. Das ist doch eine vollkommen andere Dimension als das, was wir jetzt mit Corona erleben und was uns da wahrscheinlich noch bevorsteht.

Gottschalk: Also, bei den 377 Todesfällen gebe ich Ihnen Recht. Das ist momentan ein Drittel, aber ich kenne die Zahl, dass von der 40. Kalenderwoche 2019, da beginnt das eigentlich immer, die Überwachung der Influenza-Saison bis zur 13. Kalenderwoche 2020, jetzt geht man davon aus, dass die Influenza-Welle herum ist, dass 4,2 Millionen Personen wegen Influenza eine Haus- oder Kinderarztpraxis aufgesucht haben.

Das sind natürlich erst einmal so Zahlen, die sehr unsicherheitsbehaftet sind. Die haben nicht alle eine Influenza, das ist ganz klar, aber die Zeit passt eben dazu zusammen, dass wir jetzt die sogenannten die respiratorischen Erkrankungen haben und ich will noch einmal in Erinnerung rufen.

In der Influenza-Welle 2017/2018 hatten wir 25.000 Influenza-Tote, 25.000! Das war für uns ein wirklich schwieriges Jahr, auch gerade in Frankfurt. Wir haben teilweise auf den Intensivstationen keinen Platz mehr gehabt. Wir mussten Patienten in andere Landkreise fahren, um sie entsprechend unterbringen zu können. Unsere speziellen Beatmungssysteme, man nennt das ECMO-Beatmung, das ist eine extrakorporale Beatmung, waren voll belegt. Das ist aber auch eine andere Hausnummer. Das ist 25 Mal fast so viel wie das, was wir jetzt an Todesfällen haben.

Vor allem erkrankte Patienten werden getestet

Detjen: Was wir jetzt haben! Ja, natürlich: die Influenza zu unterschätzen -  vielleicht war es immer eine unterschätzte Krankheit, weil man sich daran gewöhnt hat und trotzdem bleibt doch, dass das, was uns jetzt mit Blick auf die COVID-19-Epidemie vorhergesagt wird, auch noch für die kommenden Wochen, eine so andere Dimension ist, dass deswegen auch in einer ganz anderen Art und Weise Verhaltensänderungen, Einschränkungen des öffentlichen Lebens durchgesetzt wurden.

Gottschalk: Ja, erst einmal warten wir es natürlich einmal ab, wie es sich wirklich entwickeln wird. Ich hoffe, dass es nicht zu diesen apokalyptischen Szenarien, die jetzt vorhergesagt werden, kommt. Ich sehe in Frankfurt, dass wir einen moderaten Anstieg haben, aber ich sehe auch, dass wir in Frankfurt eine momentan wirklich entspannte Bettenkapazität haben.

Das kann sich durchaus ändern, überhaupt keine Frage. Wir haben das sehr genau im Blick und wir sind hier in Hessen in der Lage, für jeden Landkreis, für jede kreisfreie Stadt sofort sagen zu können, wie sieht die Bettenkapazität aus, auf Normalstation, auf Intensivstation, mit Beatmung, ohne Beatmung. Das gibt es in Hessen deswegen, weil wir ein Tool entwickelt haben, das heißt interdisziplinärer Versorgungsnachweis oder auch IVENA kurz genannt, wo jeder Landkreis angeschlossen ist, jede Leitstelle ist angeschlossen.

Das ist natürlich klasse und das Ganze in Real Time. Deswegen können wir genau über die Situation Auskunft geben. Was aber ein entscheidender Nachteil ist an der jetzigen Situation, da komme ich wieder zurück auf Ihre vergangene Frage, Ihre vorletzte Frage ist, dass es natürlich momentan alles sehr, sehr schlimm aussieht, aber wir haben ja überhaupt keinen Überblick darüber, wie verbreitet diese Erkrankung in der Bevölkerung wirklich ist. Wir testen Patienten, die Symptome haben.

Wir testen vor allem Patienten, die schwer erkrankt sind und damit bekommen wir Todesfallzahlen, die natürlich erst einmal erschreckend sind, aber wenn Sie sich vorstellen, dass es eine sehr, sehr hohe Dunkelziffer geben wird in der Bevölkerung, und davon geht jeder aus, dann ist auch klar, wenn ich einen Todesfall habe unter 1.000 Patienten, dann habe ich eine relativ hohe Todesrate von 1 Promille, oder wenn ich einen Todesfall mit 100 Patienten habe, dann habe ich eine Todesrate von 1 Prozent, aber wenn die Bevölkerung, die betroffen ist, bereits 100.000 oder 1.000.000 ist, dann ist diese Todesrate für den Einzelnen natürlich genauso beklagenswert, aber für die Summe in der Statistik ist das eben weit unter dem, wie es bei einer Influenza ist und das können wir erst sagen, wenn wir wirklich sicher auch feststellen können, wie viele Patienten, wie viele Gesunde da auch schon das gar nicht gemerkt haben, in der Bevölkerung betroffen sind.

Detjen: Es ging ja von Anfang an immer auch um die Frage der Projektion, um die Frage, was lässt sich aus den akuten Zahlen, auch wenn sie nur möglicherweise Indizien für die tatsächliche Ausbreitung der Krankheit sind, was lässt sich daraus für die Zukunft ableiten? Sie haben Ihre Interviews in den früheren Phasen der Epidemie angesprochen. Ich zitiere einmal aus einem Anfang März, 2. März, auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums veröffentlichten Interview mit Ihnen unter der Überschrift, "Keine Panik".

Sie werden da zitiert mit den Sätzen, "wir werden das gut hinter uns bringen". Der Bund brauche keine zusätzlichen Kompetenzen. Für Schulschließungen gebe es zu diesem Zeitpunkt keinen Anlass. Zwei Wochen später waren dann bundesweit die Schulen zu, drei Wochen später wurden massive Gesetzesänderungen verabschiedet, um dem Bundesgesundheitsministerium neue Durchgriffsrechte und Regelungskompetenzen zu geben. Waren also, noch einmal gefragt, Ihre Einschätzungen da doch zu beschwichtigend oder ist nach Ihrer Ansicht die Politik da in einen Aktionismus, einen Überbietungswettbewerb eingetreten?

Gottschalk: Also, das ist natürlich eine ganz heikle Frage. Zunächst einmal, die Dynamik der Ausbreitung, die hätte ich in dieser Weise auch so nicht eingeschätzt. Das gebe ich offen zu, aber da bin ich in guter Gesellschaft. Die hat auch anfänglich der Herr Drosten anders gesehen.

Einschneidenden Maßnahmen von Politik getroffen

Detjen: Aber andere Kollegen haben sie deutlicher gesehen und haben Ihnen ja auch sehr viel vorgeworfen, das zu unterschätzen.

Gottschalk: Na ja, damit kann ich leben. Aber ich denke, gerade wenn man so Bewertungen abgeben soll zu einer solchen Ausbreitung, da muss man sich erst einmal an die Sachlage halten, die man vorfindet. Man muss natürlich auch bewerten können, die Zahlen, die man hat und die Zahlen, die damals zur Verfügung standen, die ließen das nicht zu. Es kommt noch etwas Weiteres hinzu. Wir haben 2005 unseren ersten damals Grippe-Pandemieplan geschrieben. Der wurde 2012 aktualisiert und wenn man diesen Plan sich hier vornimmt, den habe ich hier gedruckt vorliegen, dann stellt man fest, dass alles das, was jetzt gekommen ist an Maßnahmen, an einschneidenden Maßnahmen, da auch drin steht.

Nun ist es keine Grippe, es ist SARS-CoV-2, aber wir schreiben genauso in diesem kommunalen Pandemieplan für Frankfurt am Main, dass man das machen kann. Der einzige Unterschied ist der, dass die Maßnahmen, die wir damals da reingeschrieben haben, dass wir davon ausgegangen sind, das wird nach Rücksprache mit uns gemacht. Also wir würden diese Maßnahmen empfehlen.

Jetzt ist es aber so, dass diese gesamten einschneidenden Maßnahmen letztlich von der Politik entschieden wurden. Das muss gar nicht falsch sein, aber das ist so. Das werden Sie wahrscheinlich auch gemerkt haben, dass obwohl China zum Beispiel seine Gefahrensituation runtergestuft hat und jetzt völlig gelockert hat, der Ausbruch in anderen Ländern war und die Länder natürlich dann nach und nach sich alle angeglichen haben.

Jetzt haben wir eine Ausgangsbeschränkung. Wir haben sogar Ausgangssperren in manchen Bereichen. Wir haben Schulschließungen. Ob sie in diesem Kontext sinnvoll sind, ob sie die Pandemie, es ist ja eine Pandemie, zum Stehen bringen werden, das hat ganz andere Ursachen. Also, diese Pandemie würde auf jeden Fall zum Stehen kommen. Das ist keine Frage.

Detjen: Aber zu welchem Preis, das ist ja die Frage. Ich höre jetzt da eine Skepsis heraus, ob diese Maßnahmen in dieser Schärfe, in der Massivität, wie wir sie jetzt erleben, angemessen sind. Schauen wir mal auf die Bewertung der Maßnahmen. Die Bundesregierung hatte jetzt einen Maßstab für sich entwickelt. Sie sagt, sie rekurriert auf die Zahlen der Dynamik, also die Verdopplung der Neuinfektionen, anfangs wurden 10 Tage als Ziel genannt, jetzt ist man bei 12 bis 14 Tage. Die 10 Tage sind da jetzt erreicht als Verdopplungswert. Würden Sie sagen, das ist jetzt danach gemessen, auch an der Zeit schon, über Lockerungen zu sprechen?

Gottschalk: Zunächst einmal, da ist keine Schärfe drin. Ich sage ja, ob die Maßnahmen richtig sind oder falsch sind oder wer sie empfohlen hat, sei da völlig dahingestellt. Die Maßnahmen sind jetzt da und sie werden auch Erfolge zeigen, überhaupt keine Frage. Ob die angemessen sind, effizient und ob sie zu dem Zeitpunkt jeweils richtig waren, das wird man erst im Nachhinein sagen können. Das kann ich nicht beurteilen, das können andere nicht beurteilen. Das wird man erst sehen, wenn man in der Summe diese Pandemie hinterher aufarbeitet.

Jetzt noch nicht lockern

 Detjen: Aber Sie werden ja jetzt wahrscheinlich auch in Frankfurt gefragt: ‚können wir lockern?‘ Wie beurteilen Sie das als Fachmann? Was ist Ihr Rat dann?

Gottschalk: Ich würde da jetzt genauso wenig dazu raten zu lockern, wie das andere auch tun. Ich würde auch denken, erst einmal soll man die Osterfeiertage abwarten und gucken, wie sich die Zahlen entwickeln. Also, es deutet erst einmal sehr wenig darauf hin, dass wir gleiche Verhältnisse bekommen wie in Italien oder in Spanien. Es gibt viele Gründe, die zu nennen sind, warum das dort so schlimm abgelaufen ist. Das glaube ich bei uns nicht, aber wir werden relativ bald sehen, wie der Trend ist und dann, wenn dieser Trend sich stabilisiert, dann kann man wirklich darüber nachdenken, dass man diese ganzen einschneidenden Maßnahmen auch wieder lockert im Sinne einer Stotterbeschleunigung, so würde ich es mal nennen. Weil wir können nicht mit einem Schlag sagen, ‚heute hebe ich alles auf, alle Schulen sind wieder offen, alle Geschäfte, Restaurants‘ und so weiter und so fort. Das wäre fatal. Es ist witzigerweise viel einfacher, einen Komplett-Shutdown zu machen, als hinterher alles wieder anzufahren. Das muss mit Bedacht, mit Augenmaß erfolgen, da arbeiten wir auch daran, da arbeitet die Landesregierung dran. Ich denke auch, da wird es gute Lösungen geben.

Detjen: Letzte Frage, Herr Professor Gottschalk, ich habe gelesen, ich weiß gar nicht, ob es stimmt, dass Sie eigentlich vorhatten, nächstes Jahr zumindest das Amt als Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt abzugeben mit Blick auf Ihr Alter, als Wissenschaftler noch weiterzumachen. Würden Sie es wagen vorauszublicken, wenn Sie da einmal aufhören im Gesundheitsamt Frankfurt, nächstes Jahr irgendwann, wie wird die Lage dann sein?

Gottschalk: Also, wenn ich nächstes Jahr aufhöre, dann wird das ausgestanden sein. Da bin ich eigentlich sicher. Ich bin bei dieser Pandemie schon öfter jetzt mit meinen Prognosen danebengelegen, das ist einfach so, da stehe ich auch zu. Aber ich habe versucht, mich immer nach der Faktenlage zu orientieren. Aber nächstes Jahr, das wird im Juli 2021 sein, da gehe ich davon aus, dass ich in den Ruhestand, zumindest was das Amt hier angeht, gehen kann.

Detjen: Dann hoffen wir, dass Sie in diesem Fall Recht behalten.

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