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StartseiteCorsoDas Nichts als Erfahrung18.07.2019

Virtuelle Performance-Schau "Whiteout"Das Nichts als Erfahrung

Ein Ausstellungsbesuch als dreißigminütiger Trip: Es lohnt sich, die neue Performance-Schau "Whiteout" im NRW-Forum in Düsseldorf mit der VR-Brille auf der Nase zu erkunden. Eine Ausstellung, die den digitalen Raum nicht nur thematisiert, sondern auch problematisiert. Und doch gibt es einen Haken.

Von Peter Backof

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Die Performance "New Scenario" von Va-Bene Elikem Fiatsi: Eine Mensch in Marmor-Optik hockt auf einem roten Teppich vor einer Toilette - zu sehen in der VR-Ausstellung "Whiteout" im NRW-Forum Düsseldorf (NRW-Forum Düsseldorf)
Die Performance "New Scenario" von Va-Bene Elikem Fiatsi - zu sehen in der VR-Ausstellung "Whiteout" im NRW-Forum Düsseldorf (NRW-Forum Düsseldorf)
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Der Trip beginnt tiefschwarz: Teppich auf allen Wänden und UV-Licht, das vier Drehstühle wie Astronautensessel aussehen lässt. Auf einem nehme ich Platz und mache Gerätetausch mit Alain Bieber, dem Leiter des NRW-Forums. Er hält das Reportermikrofon und ich ziehe mir eine VR-Brille auf.

Alain Bieber: "Die historische Referenz ist dieser Science-Fiction-Klassiker von George Lucas, bei der der Protagonist in so einem weißen Raum landet."

Befreiung durch optische Entmüllung

Naturgesetze greifen nicht mehr. Ich lande im weißen Nichts. Da ist wirklich gar nichts - bis auf die fliegenden Mücken in meinen eigenen Augäpfeln - zu sehen. In dem Film "THX 1138" von 1971 war das so, dass Menschen, die das ultimative Verbrechen begangen hatten, sich körperlich zueinander zu verhalten, sprich Liebe zu machen, ins Weiß verbannt wurden. Das Weiß in der virtuellen Performanceschau "Whiteout" wirkt auf mich aber eher beruhigend.

Ich clicke den Controller, also laufe ich. Hier wurde Tabula rasa gemacht, der ganze Müll aus dem sozialmedial-, meinungs- und bilderverseuchten Digitalraum ist: weg! Das wirkt befreiend! Allerdings ist das Pixelraster der VR-Brille zu sehen - wie meine fliegenden Mücken -, so ganz perfekt illusorisch ist dieser Raum ja nicht!

Alain Bieber: "Ja, das stimmt: Pixel kann man erkennen mit den Farben, aber die ist ja auch schon zwei Jahre alt, diese Brille, das heißt, es gibt so ganz neuere Versionen – die noch extrem teuer sind – da ist das alles noch schärfer."

Es liegt auch am weißen Raum selber. Und das habe ich doch bei Immanuel Kant gelesen. Wer morgens aufsteht, vergewissert sich: Wo bin ich und wie spät ist es? Sonst könne der Mensch nicht klar denken – denke ich, küchenphilosophisch. Bis am Ereignishorizont Kunst auftaucht: ein Wohnraumdesign mit Teppich und einer Frau, eine perfekte Illusion in 3D, von der geschlechtlich diversen Künstler*in Va-Bene Elikem Fiatsi aus Ghana. Nice! Brav!

Mit der Welt verschmilzen

Ich laufe erstmal weiter. Lande nach hundert virtuellen Schritten bei einer Machtspiel-Performance von Christian Falsnaes aus Dänemark. Ein Protagonist wird von einer Art Domina gezwungen, alle möglichen Bewegungen auszuführen. Das ist Performancekunst, die den digitalen Raum nicht nur thematisiert, sondern auch problematisiert: Wer steuert wen - ich das Phone oder das Phone mich?  

Kunst in und über Virtual Reality muss aber mehr anbieten, als nur verblüffende Effekte. Alain Bieber im NRW-Forum ist in der Hinsicht Pionier – mit Ausstellungen, die konsequent nur im virtuellen Raum stattfinden.

Alain Bieber: "Dieses immersive Kunsterlebnis ist das Neue. Dass man wirklich mit der Welt verschmilzt, das ist das Besondere."

Reine Guckkastenperspektive 

Und diese Entwicklung steht erst am Anfang, das wird anhand von "Whiteout" deutlich. Zumindest testweise wäre ich auch gerne mal von Christian Falsnaes´ Domina rangenommen worden, um ihr als selbstbestimmter Mensch in aller Interaktivität Kontra zu geben. Doch das erlaubt mir die Ausstellung leider nicht. Die drei Performances sind nur aus einer Guckkastenperspektive zu sehen.

"Holometrische Aufnahmen", die Rundumzugang ermöglichen, erläutert Alain Bieber, wären bereits möglich, doch koste eine Minute Video 5000 Euro.

Die Plots der jeweils 10-minütigen Performances sind indes sehenswert. Ich gehe nochmal zurück zu diesem Wohnraum aus Ghana: Was ist denn hier passiert? Die Protagonist*in hat sich in einen Menschen der Steinzeit verwandelt und kotzt in ein Klo.

Während schließlich Maria Hassabi aus New York ihre Performance "Staged?" von der letzten "documenta" beisteuert, von großer Schönheit: Kunst als Flow-Erlebnis auf der Suche nach entschleunigtem Sein.

Alain Bieber: "Man kann natürlich auch sich abwenden von den Performances und komplett ins Weiße strömen."

"Whiteout" – als VR-Kunst - bietet Mehrwert. Kleines Manko ist die schlappe technische Umsetzung! Ansonsten war das für mich: ein dreißigminütiger Trip, der sich lohnt.

Die Ausstellung "Whiteout" läuft noch bis zum 10. November im NRW Forum Düsseldorf. Eine Online-Anmeldung wird empfohlen.

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