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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin verschenkter Gipfel22.11.2020

Virtuelles G20-TreffenEin verschenkter Gipfel

Viel Konkretes ist bei dem virtuellen G20-Gipfel nicht herausgekommen, meint Frank Capellan. Im Gegenteil: Die Verhandlungen über eine gerechte, weltweite Verteilung eines Covid-Impfstoffes lassen erahnen, dass es Amerikanern wie Europäern vor allem darum gehen wird, die eigenen Bevölkerungen zu versorgen.

Ein Kommentar von Frank Capellan

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Saudi-Arabiens König Salman eröffnet den G20-Gipfel als Gastgeber per Videoschalte. (afp/Fayez Nureldine )
Saudi-Arabiens König Salman als Gastgeber des G20-Gipfels in einer der Videoschalten. (afp/Fayez Nureldine )
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Stell Dir vor, es ist G20-Gipfel und keiner bekommt es mit! Stell Dir vor, es ist G20-Gipfel und der vermeintlich mächtigste Mann der Welt geht lieber Golfspielen. Unvorstellbar wäre das vor einem Jahr gewesen, beim zweitägigen Treffen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer ist es an diesem Wochenende Realität geworden. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass dieser Mammut-Gipfel nur virtuell stattfinden konnte und damit weitaus weniger Aufmerksamkeit erzielte als in normalen Jahren.

Ein abgewählter, amerikanischer Präsident wiederum, der sich endgültig nur noch um sich selbst dreht, sorgte dafür, dass die Vereinigten Staaten diesem Gipfel nur noch als "lame duck" beiwohnten. Golf statt Gipfel, lautete die Devise für Donald Trump nach knapp zweistündiger Videokonferenz. Wirkliche Impulse waren von ihm ohnehin nicht zu erwarten. Wie wenig er von multilateralen Zusammenkünften und Vereinbarungen hält, zeigt allein schon die Tatsache, dass die USA den G7-Vorsitz in diesem Jahr zwar innehaben, der Präsident aber bis heute nicht zu einem Treffen der sieben führenden Industrienationen geladen hat.

Erleichterung, den US-Präsidenten bald los zu sein

Wie erleichtert der deutsche Vizekanzler ist, diesen Präsidenten bald los zu sein, daraus hat Olaf Scholz am Abend in der deutschen Abschluss-Pressekonferenz keinen Hehl gemacht. Groß ist die Hoffnung, dass die Zeit der 19:1 Entscheidungen bei Treffen der G20-Staaten bald der Vergangenheit angehören wird. Die USA gegen den Rest der Welt, nach diesem Muster waren alle Klimaschutz-Bemühungen von Trump in den Wind geschlagen worden, und auch das Abschlussprotokoll von Riad leidet noch unter dem Veto der Amerikaner. Viel Konkretes ist bei den Videoschalten der Staats- und Regierungschefs ohnehin nicht herausgekommen.

Im Gegenteil: Die Verhandlungen über eine gerechte, weltweite Verteilung eines Covid-Impfstoffes lassen erahnen, dass es Amerikanern, aber auch Europäern vor allem darum gehen wird, die eigenen Bevölkerungen zu versorgen. Zu Recht sorgt sich Kanzlerin Merkel darum, dass im Rahmen der G20-Impfinitiative Covax noch keine Verhandlungen mit ärmeren Staaten begonnen wurden. Das fromme Bekenntnis des Gipfels, sich für Impfstoff-Gerechtigkeit einzusetzen allein reicht nicht. Zwar sollen dafür fünf Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden, entscheidend aber ist, dass entsprechende Verträge mit Pharma-Unternehmen die Lieferung auch in alle Staaten gleichermaßen sicherstellt.

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Ohne handfeste Vereinbarungen im Zeichen der Pandemie

Gerade im Zeichen einer Pandemie hätte ein solches Treffen handfeste Vereinbarungen treffen müssen, schließlich haben sich die G20 einmal nach einer anderen großen Krise, der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 zusammengefunden. Als kleine Entschuldigung lässt sich 2020 anführen, dass es ohne ein physisches Treffen weitaus schwieriger ist, zu konkreten Verabredungen zu kommen. Es sind eben die kleinen Begegnungen am Rande der großen Runden, die bei solchen Gipfeln Fortschritte bringen können. Andererseits dürften einige Staats- und Regierungschefs froh gewesen sein, ausgerechnet im Jahr der Präsidentschaft Saudi-Arabiens nicht nach Riad reisen zu müssen.

König Salman die Hand zu schütteln, hätte angesichts der Menschenrechtsverletzungen des Regimes zu Diskussionen und unschönen Bildern geführt. Die Ermordung des Journalisten Kashoggi möchte die Staatengemeinschaft wohl am liebsten vergessen machen, bei einem Video-Gipfel fällt das besonders leicht. Zumindest wurde Saudi-Arabien dank Corona die Chance genommen, sich auf internationaler Bühne als generöser Gastgeber zu präsentieren. Wenn Vizekanzler Olaf Scholz den Geist der multilateralen Zusammenarbeit heute beschwört, kann man nur darauf hoffen, dass sich im nächsten Jahr unter der Präsidentschaft Italiens manches zum Besseren wendet und die Weltöffentlichkeit auch spürt, dass ein G20-Gipfel stattgefunden hat!

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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