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StartseiteCampus & KarriereSüdafrikas Schulen sind für Corona nicht gewappnet23.07.2020

Virus und BildungschancenSüdafrikas Schulen sind für Corona nicht gewappnet

Die Corona-Fallzahlen in Südafrika steigen rasant. Trotzdem haben die Schulen seit einigen Wochen wieder geöffnet. Doch längst nicht alle Schulen können die Pandemie bewältigen. Seit Jahren wird die Infrastruktur vernachlässigt – oder bereitgestelltes Geld verschwindet einfach.

Von Adrian Kriesch

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Coronavirus, Eindrücke aus Südafrika 200710 -- JOHANNESBURG, July 10, 2020 Xinhua -- Medical workers disinfect equipment at an isolation ward in a hospital in Pretoria, South Africa, July 10, 2020. As of Thursday, a total of 238,339 COVID-19 cases were reported in South Africa, said Health Minister Zweli Mkhize. Photo by Yeshiel/Xinhua SOUTH AFRICA-PRETORIA-COVID-19 PUBLICATIONxNOTxINxCHN (www.imago-images.de)
Krankenhaus in Pretoria: Das Virus breitet sich im Land rasant aus (www.imago-images.de)
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Pause an der Grundschule in Kwa Nyuswa - und Lehrerin Ntombi Ngcobo ist auf dem Weg zur Toilette. Die eigentliche Lehrer-Toilette wurde vor Jahren bei einem Sturm zerstört, also muss sie auf die Schülertoilette - ebenfalls eine Ruine. Es stinkt, das Dach ist löchrig. Zwei Kabinen haben alte Toilettensitze – zwei andere nur jeweils ein Loch in der Erde.

Für Ngcobo ist klar: die Schule ist für eine Pandemie nicht gerüstet: "Ich arbeite seit 25 Jahren hier. Damals sahen die Toiletten genauso aus. Wir nutzen immer noch ein Plumpsklo. Als wir damals Demokratie bekommen haben dachte ich, jetzt wird hier endlich alles besser. Wir bekommen fließendes Wasser. Aber ich habe keine Wandel gesehen. Das sind doch keine Arbeitsbedingungen. Der einzige Grund warum ich jeden Morgen in die Schule komme ist, weil ich diesen armen Schülern hier helfen will."

Drei Jungen halten sich eine Plastikfolie vor's Gesicht, weil sie keine Atemschutzmaske kaufen können. (picture alliance / ZUMA Wire / Donwilson Odhiambo) (picture alliance / ZUMA Wire / Donwilson Odhiambo)Coronavirus-Verbreitung in Afrika - "Nicht immer der Kontinent der Krisen und Krankheiten"
Bislang ist der afrikanische Kontinent weniger von der Corona-Pandemie betroffen, als erwartet. Das liege an den schnell ergriffenen Maßnahmen und am Lockdown für den Luftverkehr, sagte Politologe Klaus Schlichte im Dlf. 

Bisher gab es im Dorf noch keinen COVID-19-Fall - doch das Virus breitet sich im Land rasant aus. Die Spitze der Pandemie könnte sich Wochen oder Monate hinziehen. Südafrika hat anfangs einen strikten Lockdown ausgerufen. Fünf Wochen blieb das Land zu Hause, bei minimalen Fallzahlen - um das Gesundheitssystem vorzubereiten. Das funktionierte nur bedingt: es fehlt weiterhin an Testkapazitäten und Intensivbetten. 12.000 Stellen für Ärzte und Krankenpfleger bleiben unbesetzt. Mittlerweile steigen die Fallzahlen rasant - und die Wirtschaft und ein Teil der Bevölkerung drängt auf Lockerungen.

Forderung nach sofortiger Schließung aller Schulen

Kwa Nyuswa ist eine Autostunde entfernt von der Großstadt Durban, nur ein Feldweg führt in das Dorf. Seit Jahren drängt Lehrerin Ngcobo bei den Behörden auf Reparaturen. Ntombi Ngcobo: "Das Ministerium hat gesagt: Wir haben nicht genug Geld, die ganze Schule zu reparieren."

Nur drei Dächer wurden letztes Jahr erneuert - doch auch nur zum Teil, beklagen Vertreter der größten Lehrer-Gewerkschaft des Landes bei einem Besuch. Das Dach ist schon wieder nicht dicht, und bald beginnt die Regenzeit. Bisher haben nur zwei Altersstufen mit dem Unterricht begonnen – weitere sollen in den nächsten Wochen folgen. Dann müssten die Schüler enger zusammenrücken, Abstand halten wäre unmöglich.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Seit Jahren leidet Südafrika unter massiver Korruption bei der Vergabe von Staatsaufträgen, sagt Lehrer-Gewerkschafterin Nomarashiya Caluza: "Niemand kontrolliert die Arbeiten an unseren Schulen, niemand übernimmt Verantwortung. Firmen bekommen einen Vertrag, um Arbeiten zu erledigen. Aber es kommt niemand um zu prüfen, wie die Arbeit erledigt wurde. Warum werden sie bezahlt, wenn die Arbeit nicht fertig gestellt wurde? Und die Arbeit wurde nicht fertiggestellt."  

Immerhin: Seit der Pandemie liefern Lkws Wasser, doch viele Tanks bleiben trotzdem leer. Die Gewerkschaft fordert wegen dem rasanten Wachstum der Corona-Infektions-Zahlen die sofortige Schließung aller Schulen. Die Regierung verweist immer wieder auf das geltende Recht auf Grundbildung für alle Kinder. Trotz mehreren Anfragen bekommen wir kein Interview mit der Regionalregierung, das Bildungsministerium antwortet nicht.

Unterschied zwischen Arm und Reich

Auch in Kapstadt gibt es immer mehr Demonstrationen gegen die Schulöffnungen. Vor der Rhodes High School protestieren eine Hand voll älterer Männer, weil zwei Lehrer positiv auf COVID-19 getestet wurden. Schuldirektor Keith Long steht am Eingang, schüttelt genervt den Kopf. Die zwei Lehrer haben sich im privaten Umfeld infiziert, sagt er, ihre Kontakte wurden isoliert. "Das macht doch keinen Sinn. Die Abiturprüfungen stehen bald an, und die Kinder müssen sich vorbereiten", sagt Long.

Die Schule ist alt, aber relativ gut ausgestattet. 15 Millionen Euro hat die lokale Regierung im Bundestaat Westkap für Schutzmaßnahmen an den Schulen bereitgestellt. Schüler sitzen in im Auditorium, können hier problemlos Abstand halten. Alle tragen einen Mundschutz. Desinfektionsmittel, Fiebermessen, Social Distancing - der Schulleiter versichert, man nehme alle Schutzmaßnahmen ernst. Ein Vater, der gerade seine Tochter mit dem Auto bringt, stimmt zu. Williams Awodeli: "Ich denke, das Leben muss weitergehen. Denn wie lange wird die Situation bleiben? Wie lange?"

Zurück in Kwa Nyuswa will auch Lehrerin Ntombi Ngcobo, dass der Unterricht weitergeht - trotz Frust und Pandemie: "Es gibt hier keine Zukunft, wenn du keine Bildung hast. In diesem Land kannst du nur etwas erreichen, wenn du in die Schule gehst und lernst."

Ngcobo befürchtet, dass der ohnehin enorme Unterschied zwischen Arm und Reich in Südafrika noch größer wird, wenn nur wohlhabende Schulen den Unterricht fortsetzen.

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