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StartseiteUmwelt und VerbraucherKeine himmlische Love-Story19.07.2017

Vögel und DrohnenKeine himmlische Love-Story

Sie brummen wie lästige Insekten und fliegen immer häufiger über unsere Köpfe hinweg: Sogenannte Spielzeug-Drohnen. Doch wer als Hobby-Pilot in der Natur unterwegs ist, stört häufig Vögel, die Drohnen als Gefahr wahrnehmen. Dies könnte langfristig zu einer Bedrohung bestimmter Vogelarten führen.

Von Thomas Wagner

Ein Raubvogel fängt eine Drohne. (imago / Hollandse Hoogte)
Vögel nehmen die Drohnen meist als einen Feind wahr. Die Reaktionen darauf sind häufig die Flucht davor oder - wie hier - der Angriff. (imago / Hollandse Hoogte)
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Vier Propeller, poppig gelb, gerade mal so groß wie ein Täubchen: Gerade mal 35 Euro kostet die ferngesteuerte Spielzeug-Drohne, die der italienische Händler Aldo Sirelli in der Messehalle Friedrichshafen über den Köpfen der Besucher kreisen lässt.

"Ja, die Vögel - man kann mit dieser Drohne Vögel in freier Natur beobachten, man kann ihnen hinterher fliegen. Sehr spaßig das alles."

"Diese Drohne da macht ein Geräusch, das die Vögel anzieht: Sie fliegen dem Ding hinterher."

Das allerdings ist nach Erkenntnissen vieler Wissenschaftler eher die Ausnahme denn die Regel. Tiere nämlich reagieren höchst unterschiedlich auf herumfliegende Drohnen. 

Drohnen werden als eine Gefahr wahrgenommen

"Tiere, die unter Wasser leben wie Wale oder Fische, die zeigen praktisch keine Reaktionen. Und auch bei Landsäugetieren war die Reaktion eher verhalten. Wir haben einfach festgestellt in diesen Studien, dass die Vögel sehr, sehr stark reagieren."

Vögel hier, Drohnen da - das Miteinander ist alles andere als eine himmlische "Love-Story". Michael Schaad ist Biologe an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, die sich jüngst in einer Studie damit beschäftigt hat, wie die zunehmende Zahl der Drohnen die Vogelwelt beeinflusst.

"Wir gehen davon aus, dass die Vögel diese Drohnen als eine Gefahr wahrnehmen und dann so reagieren, wie sie auf andere Gefahren auch reagieren: Entweder wird dieses Objekt attackiert oder man flieht. Oder man versucht tatsächlich, sich so zu verhalten, dass man nicht auffällt, um nicht das Risiko einzugehen, dass man selbst entdeckt wird oder ein Ei oder ein Junges im Nest."

Unterschiedliche Vögel zeigen unterschiedliche Reaktionen

Allerdings haben die Schweizer Vogel-Forscher festgestellt, dass die unterschiedlichen Vogelarten dann doch unterschiedlich auf Drohnen reagieren.

"Wir haben in der Studie Unterschiede festgestellt zwischen großen und Kleinvögel und gemerkt, dass insbesondere die großen Vögel stärker reagieren als die kleinen. Am allerstärksten reagiert haben diejenigen Vögel, die nicht selbst fliegen können, so genannte flugunfähige Vögel. Das waren im Wesentlichen Pinguine. Die Reaktion dieser Arten war doch außergewöhnlich stark."

Und wie die Vögel reagieren.

"Die Vögel nehmen die Drohnen höchstwahrscheinlich als einen Feind wahr. Und einem Feind begegnet man höchstwahrscheinlich, indem man flieht oder indem man ihn angreift. Das ist auch von Art zu Art unterschiedlich. Und diese Reaktion braucht Energie einerseits. Oder man gibt auch und fliegt weg: Dann hat man eine Flucht."

Negativer Einfluss auf die gesamte Population

Dies könnte langfristig zu einer Bedrohung bestimmter Vogelarten führen, die sich von den Drohnen aus ihren angestammten Lebensräumen verjagt fühlen.

"Man muss sich vorstellen: Wenn ein Vogel ständig fliehen muss, dann kostet ihn das Energie. Wenn er sein Nest verlässt und damit sein Nachwuchs stirbt und der Fortpflanzungserfolg natürlich abnimmt - das sind dann Faktoren, die einen Einfluss haben, einen negativen, auf die gesamte Population."

Aus diesem Grund haben die Fachleute der Vogelwarte Sempach einen Handlungsleitfaden für Drohnen-Piloten erarbeitet, um die Beeinträchtigung der Vogelwelt trotz zunehmender Zahl herumschwirrender Mini-Drohnen möglichst gering zu halten.

 "Wir sagen: Wenn Sie eine Reaktionen eines Vogels wahrnehmen, dass er sich als Vogel angegriffen fühlt, oder wenn er gesteigerte Aufmerksamkeit zeigt, beispielsweise indem er den Hals reckt, das das wirklich das Zeichen ist, den Drohnenflug abzubrechen, zurückzukommen."

Doch selbst wenn ein Vogel auf den ersten Anschein hin nicht auf eine heranfliegende Drohne reagiert, heißt das noch längst nicht, dass er nicht gestört oder gar in seinem Verhalten beeinflusst wird - ganz im Gegenteil, so Michael Schaad von der Schweizer Vogelwarte Sempach.

In Brutzeiten ganz auf Flüge verzichten

"Es ist tatsächlich so, dass in gewissen Arbeiten festgestellt wurde, dass brütende Vögel nicht wegfliegen. Man muss da vorsichtig sein: Das bedeutet nicht, dass die Vögel nicht unter Stress stehen. Das heißt: Die Drohne hat sehr wohl eine Auswirkung. Man weiß von Störungsexperimenten, dass zum Beispiel die Herzschlagrate von brütenden Vögeln sehr stark ansteigen kann. Und das hat Einfluss auf den Vogel, auch wenn man das nicht sieht. Man könnte das so interpretieren, dass sie einfach nicht bereit sind, ihr Nest preiszugeben, indem sie wegfliegen, und natürlich auch zum Schutz der Eier und der Jungvögel sitzenbleiben."

Dabei aber hochgradig gestresst sind. Daher lautet die Empfehlung aus deR Vogelwarte Sempach: Vorsicht mit den Drohnen gerade in der Nähe von potentiellen Nist- und Brutplätzen.

"Da sollte man einfach in Brutzeiten ganz auf Flüge verzichten. Das ist zum Beispiel in Felswänden, wo man weiß, dass dort Uhus und Wanderfalken brüten können, oder auch Feuchtgebiete - da ist man dann nicht in der Lage, jeden Vogel einzeln zu erkennen. Da sollte man wirklich während der Brutzeit dieser sensiblen Art dieses Gebiet meiden."

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