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StartseiteKultur heuteVölkerverständigung am Rande der bewohnten Welt12.02.2012

Völkerverständigung am Rande der bewohnten Welt

Das Barents-Spektakel 2012 in Norwegen unter dem Motto "Dare to Share"

Im nordnorwegischen Kirkenes kommen einmal jährlich russische und norwegische Künstler zum Barents-Kulturspektakel zusammen. In diesem Jahr wurde Tango und Folklore gespielt - von Nordkoreanern auf dem Akkordeon: Völkerverständigung par excellence also.

Von Agnes Bührig

Im norwegischen Kirkenes zeigten die Gäste aus Nordkorea, wie gut sie mit dem Akkordeon umgehen können.  (picture alliance / dpa - Volker Dornberger)
Im norwegischen Kirkenes zeigten die Gäste aus Nordkorea, wie gut sie mit dem Akkordeon umgehen können. (picture alliance / dpa - Volker Dornberger)
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Norwegischer Popsong in nordkoreanischer Interpretation. Auf einem Schneehügel am Rande von Kirkenes spielen fünf junge Musiker aus Pjöngjang auf. Auf einer Tribüne gegenüber sitzen rund 250 Männer und Frauen der norwegischen Armee. Auf das Zeichen eines nordkoreanischen Masseninstrukteurs halten sie bunte Tafeln hoch, die aus der Ferne riesige Bilder ergeben. Morten Traavik, Initiator des Auftritts, verfolgt das Geschehen vom Rand aus:

"Mich interessieren weiße Flecken auf der Landkarte. Nordkorea wird stets als geschlossenes Land beschrieben, mit dem man schwer in Kontakt kommt. Vor drei Jahren ergab sich für mich eine Möglichkeit, als Tourist einzureisen. Nachdem ich im letzten Jahr ein Projekt für das Barents-Spektakel gemacht hatte, kam ich auf die Idee, die Nordkoreaner hierher einzuladen. Denn auch in Kirkenes wohnten die Menschen einst an einer der am stärksten bewachten Grenze der Welt."

Fünf Mal fuhr der norwegische Künstler in den vergangenen drei Jahren nach Nordkorea. Traavik ließ sich mit einer glitzernden Discokugel vor historischen Monumenten des Landes ablichten. Es gelang ihm, zwei staatliche Vertreter aus dem Kulturbereich nach Norwegen einzuladen. Das brachte ihm Kritik der Menschenrechtsorganisation Helsingforskommitéen in Norwegen ein, die ihn beschuldigte, Propaganda für eine Diktatur zu machen. Morten Traavik beantwortet diese Vorwürfe stets mit einer Gegenfrage:

"Was glaubt das Helsingforskommitée denn, was man machen soll? Mir geht es darum, die Vorurteile der Menschen herauszufordern, auf beiden Seiten. Die Nordkoreaner lernen von klein auf, dass sie die letzte Bastion einer aufrechten Gesellschaft in einer feindlichen Welt sind. Sie sind überrascht und begeistert, dass sie von der Bevölkerung hier so enthusiastisch angenommen werden. Auch sie haben Vorurteile."

Das Barents-Spektakel arbeitet daran, die Grenzen in den Köpfen einzureißen und Vorurteile in Frage zu stellen. In Podiumsdiskussion, Happenings und Theaterstücken. Auf kultureller Ebene sind viele der alten Grenzen bereits gefallen, sagt die künstlerische Leiterin des Festivals, Luba Kuzovnikova. Der Austausch zwischen Künstlern in Kirkenes auf der norwegischen und Murmansk auf der russischen Seite sei intensiv, so wie es früher auch war, sagt Kuzovnikova:

"Kirkenes ist eine Grenzstadt. Die Freundschaftsbande nach Russland waren, historisch gesehen, stark. Dann kam der Kalte Krieg und die Grenzen wurden geschlossen. Das änderte sich 1991, es entwickelte sich eine neuerliche politische Zusammenarbeit in der Barentsregion. Die Menschen auf beiden Seiten der Grenze begannen, wieder aufeinander zuzugehen. Das Barents-Spektakel ist eine Plattform auf künstlerischem Gebiet. Das stößt viele neue Kontakte an."

Auf einem See am Stadteingang legt der russische Architekt Ilya Mukosey letzte Hand an seine Interpretation der Arktis an. Arctic Cargo heißt das Projekt, von Schnee befreite Flächen sollen einen eisigen Flughafen darstellen, darin bunte Lichter und Flugzeugskulpturen aus Schnee:

"Im Pazifischen Ozean waren die Naturvölker erstaunt, dass mit dem Abzug der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg keine Güter mehr aus der Luft kamen. Sie schnitzten Headsets aus Holz, wie sie sie bei den Piloten gesehen hatten und riefen ihre Götter an. Das ist das Konzept von Cargokult, auf das ich mich hier beziehe. Doch wir schnitzen nicht aus Holz, sondern aus Schnee."

Statt die Götter anzurufen, weiht Mukosey sein Projekt mit einem Demonstrationszug mit Blasorchester ein. Auf Banderolen sind provokative Parolen wie "Ich liebe CO2" oder "Kein Eis, keine Probleme" zu lesen. Denn der Klimawandel bringe auch Gutes, meint der Russe. Öl und Gas lassen sich fördern, die Nordostpassage ist neuerdings für Frachtschiffe passierbar.

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