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StartseiteBüchermarktSprache wie ein scharf geschliffenes Seziermesser05.05.2019

Volker Braun: „Handstreiche“ und „Verlagerung des geheimen Punkts“Sprache wie ein scharf geschliffenes Seziermesser

Der Dichter, Dramatiker, Erzähler und Essayist Volker Braun besticht durch polemische Schärfe, literarische Eleganz und intellektuelle Finesse. Der Suhrkamp Verlag veröffentlichte zwei neue Bücher zum 80. Geburtstag des Autors, der kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Dresden geborenen wurde.

Von Cornelia Jentzsch

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Buchcover: Volker Braun: „Handstreiche“ und „Verlagerung des geheimen Punkts - Schriften und Reden“ sowie Buchcover: Durs Grünbein: „Aus der Traum. (Kartei) - Aufsätze und Notate“ (3x Buchcover Suhrkamp Verlag, Foto Grünbein: imago stock&people/IPON)
Volker Brauns „Handstreiche“ und „Verlagerung des geheimen Punkts“ (3x Buchcover Suhrkamp Verlag, Foto Grünbein: imago stock&people/IPON)

Geschichte, so begreift man beim Lesen von Volker Brauns Werk, ist keine Entwicklung vom Niederen zum Höheren. Sie bleibt ein chaotisches System, "das Ragout der Geschichte", wie Braun es nennt. Hier wirken, räumlich betrachtet, unüberschaubar viele Kräfte nach allen Richtungen. Zeitlich gesehen implodiert alles Wirken stets in einem Jetzt und wird damit automatisch gegenläufig. Dass Humanität jede Gesellschaft grundieren muss, ist die durchgehaltene Forderung in allen Texten Volker Brauns. Das macht sein Werk hochaktuell. Denn schaut man genau hin, ist alles beim Alten geblieben: soziale Ungleichheit, Höchstprofite für Wenige. Nur beschränkt sich heute die Ausbeutung nicht mehr auf die Bewohner des Erdballs, sondern erfasst inzwischen den gesamten Planeten. Die modernen Gesellschaften sind trotz ihrer vorgeblichen Zivilisiertheit eine, so Braun, Wildnis geblieben. Sie lassen noch immer verantwortungsloses Handeln zu. Der Fortschritt ist ein Phantasma. 
 
"Aus der Oase der Utopien in die Wüste des Wohlstands."

Solche Kürzestnotate Volker Brauns zur Weltlage versammelt sein jüngster Band "Handstreiche". Die Aphorismen, Dialoge und Zitate lesen sich als ungehobelte Einsprüche, überfällige Fingerzeige und griffige Narrenpossen aus der Gesellschaftsarena. Handstreiche sind eigentlich Überraschungsangriffe ohne Vorwarnung, ein Wort aus dem Arsenal von Krieg und Kampf. Denn: Leben wir überhaupt in friedlichen Zeiten? Selbst unsere Beziehung zur Natur ist Krieg, so Braun. Und er schreitet ein. Volker Braun ist ein begnadeter Literat: sprachsicher, ironisch, geistreich, angriffslustig, selbstkritisch, wach - und durch keine Preisvergabe zu korrumpieren.
 
"Was erwartet ihr von mir? Widerspruch. Widersprüchliches werdet ihr hören."
 
Sein Schreiben begreift Volker Braun als Handeln. "Verlagerung des geheimen Punkts", der zweite Band, versammelt Reden, Essays, Schriften und Beitrage von 1977 bis 2016. Beide Bücher spiegeln die Konstanz seines Denkens in den sich verändernden Zeitläufen. In seiner beharrlich aufrechten und aufrichtigen Art ist Volker Braun ein Solitär in der zeitgenössischen Literaturlandschaft. Er nutzt virtuos das einzige "Werkzeug, das zur Hand ist: begreifen", wie er in den "Handstreichen" schreibt. Seine Bücher lesen sich als Einübungen des aufrechten Ganges, des menschlichen Verstandes, des verantwortenden Denkens. Wer wissen will, woran es unserer Zeit mangelt, sollte Brauns schonungslose Fehleranalysen lesen. Er erinnert hartnäckig an die uralte Erkenntnis: Wir leben in einer Welt, die wir selbst gestalten.
 
"Da liegen die Reste der Welt. Der 'geheime Punkt', um den sich alles drehte, hat sich verlagert, in dem das Eigentümliche unsres Wirs, die ungewisse Solidarität unsres Wollens, den nicht notwendigen Gang des Ganzen ändert. Es ist an der Menschheit, originär zu werden."

Von einem geheimen Punkt, um den sich alles dreht, sprach der junge Goethe in seiner Rede "Zum Shäkespeare Tag". Er meinte damit jenen Moment, in dem "das Eigentümliche unseres Ichs ... mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt". In dem also jeder, als Einzelner, Ereignisse beeinflusst und eine gemeinsame Geschichte herstellt. Mit seinem Satz, die Menschheit muss originär werden, fordert Braun die permanente Rückbesinnung auf das Humane, das Wesentliche. 

Uns zog der Widerspruch groß

Geboren wurde Volker Braun in Dresden wenige Wochen vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Sein Vater fiel am letzten Kampftag, seinen 6. Geburtstag feierte er zeitgleich mit dem Tag der Befreiung und Besetzung, wie er schreibt. Brauns ästhetische Schule waren die Ruinen Dresdens. Gleichermaßen sorglos und entsetzt habe er zu leben begonnen.
 
"Wir waren eine Generation, die der Widerspruch großzog; soziale Revolution und politische Bedrückung, die konträren Wirklichkeiten diktierten unser Dichten, Satz und Gegensatz gleichermaßen gültig. Es war die Kunst, es stehenzulassen, unaushaltbar. Wir hatten ein Vaterland in zwei Welten, und unsere Lehrer waren Emigranten, die jetzt Kompromisse lehrten. Ich Vaterloser konnte mir die Väter aussuchen, Brecht trat in seine selbstverständlichen Rechte. Wir berieten uns zugleich mit den Toten, die die Worte genau und hart fügten, Klopstock, Hölderlin, Büchner; sie waren die Überlebenden und trugen enorm zur Geselligkeit bei. (Um das Wir zu entziffern: Mickel, Kirsch, Tragelehn u.a. gehörten ihm an, man sprach von der Sächsischen Dichterschule.)."

Volker Brauns biografische Rede, mit der er sich 1997 als neues Mitglied an der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vorstellte, leitet den Band "Verlagerung des geheimen Punkts" ein. Sie bildet das Plateau, von dem aus sich Volker Brauns Werk erschließt. Helene Weigel hatte 1965 den jungen Braun ans Berliner Ensemble geholt. Danach wechselte er ans Deutsche Theater, ging schließlich zurück ans BE. Er schrieb Stücke wie "Die Kipper", "Hinze und Kunze", "Tinka", "Großer Frieden" oder "Simplex Deutsch" - um, wie er sagte, die "Möglichkeiten geschichtlichen Handelns zu untersuchen". Beharrlich hält Braun am Kommunismus fest. Er meint aber nicht das politische System des 20. Jahrhunderts in seinen letztlich missglückten und pervertierten Ausführungen, sondern Kommunismus als Grundidee menschlichen Zusammenlebens, ein Denken vom Gleichen und Gemeinschaftlichen her, also von einer egalitären Ausgangsposition für jedes Individuum. Der Kommunismus, so Braun, beladen mit der Menschheit wie der Natur, bleibe im Sozialismus so subversiv wie die Poesie. Schon Brecht merkte an: das "Einfache, das schwer zu machen ist". Der Brechtschüler Braun sieht den noch immer bestehenden dringenden Handlungsbedarf. 
 
"Wo es, in diesem Jahrhundert, um den Menschen ging, war an die Gesellschaft kaum gerührt, und wo man die Gesellschaft verändern wollte, wurde nach dem Menschen nicht lange gefragt."

In dem 1987 entstandenen Essay "London / Berlin" sah Braun bereits die enorme Gefahr einer erbarmungslos auf Zweck und Profit orientierten Veränderung unserer Landschaften. Er warnt vor den Auswirkungen der industriellen Herrschaft über die Natur, eine Hybris der Gattung, wie er es nennt. Er stört uns auf in unserer "kommunen Welt". Zehn Jahre später verdeutlicht er im Vortrag "Dem Geyer gleich. Goethe und Kafka in der Natur" seine Analyse und fordert die Literatur heraus. Durch blinden Globalisierungsglauben, bedenkenlosen Raubbau an Regenwäldern und Kohlerevieren zerrissen die Menschen das leibliche Band mit der Natur, vergäßen ihre Herkunft und verlören ihren Lebensgrund. Dieser unrühmliche Akt im Welttheater dränge die Dichtung auf einen härteren Vorsprung, wie Braun sagt. Genau hier liegt ihre große Aufgabe. Bereits kurz nach der Wende beschrieb Volker Braun in seiner Erzählung "Bodenloser Satz", wie in einem Braunkohletagebau sich Bagger tief in die Erde fressen und erbarmungslos Dörfer und die mit ihnen verbundene Geschichte des Menschen einverleiben. Alles zukünftige Sprechen gerinnt zum Satz, der den Boden verloren hat. "Weil sie uns gehört, sind wir so roh zur Erde, oder weil wir nicht wegkönnen", sagt die Hauptfigur Klara. "Weil wir das Land nicht lieben, nicht mehr, noch nicht".

Menschlichkeit als Handlungsmaxime

Volker Braun schreibt keine politische Literatur, seine Werk IST politisch. In der DDR sah er den klaffenden Widerspruch zwischen sozialem Ideal und sozialistischem Desaster, weil ein vorgeschriebenes Kollektiv waltete und nicht die Gemeinsamkeit. Aber auch 1989 sah er keine wirkliche Wende. Die Selbstbefreiung haben nicht nur Banker und Lenker dem Volk aus der Hand genommen, so Braun. Auch die westdeutsche Gesellschaft verpasste die Erfahrung einer Befreiung, denn sie habe nichts auf’s Spiel setzen wollen. Bis heute nicht schwor Volker Braun einem sozialen Ideal ab. Wozu auch? Das Wort sozial bedeutet: mitmenschlich, gemeinnützig, human und fürsorglich zu sein. Die Idee, Menschlichkeit als Handlungsmaxime zu nehmen, ist alt und uneingelöst: Utopien - also Nicht-Orte, vorerst fiktive Gesellschaftsordnungen - gibt es vielfach. Berühmt sind Thomas Morus’ "Utopia" oder Tommaso Campanellas "Sonnenstaat".

Utopien erneuern sich hartnäckig. In einem Vortrag über Peter Weiss, gehalten in der Berliner Schaubühne 1997, schreibt Volker Braun über dessen "Ästhetik des Widerstands". Ein heute ins Antiquariat gestecktes und mit Gleichgültigkeit bestraftes Werk, wie er anmerkt. Aber das Werk sei widerständig. Wenn Weiss’ Buch von Revolution handele, dann von der doppelten, der wachen und der geträumten. Das Movens von Peter Weiss sei das Scheitern genau dieses Themas, sein Buch ein Steinbruch von immensem Material, freigelegt für andere Generationen. Diese Sätze von Braun treffen ebenso auf sein eigenes Werk zu.

Dass die Idee Sozialismus zerstört wurde, war nicht Brauns Hoffnung noch Wille gewesen, als Dichter blieb ihm, diese Zerstörung mit ihren Auswirkungen zu dokumentieren. Sein Ort, was auch meint seine Herkunft, sei "versunken, planiert und privatisiert wie die Gemüter", konstatiert er. Die vierzig Jahre Volksherrschaft des Sozialismus seien einer andauernden "Scheindemokratie des Konsums" gewichen. Noch nirgends in der Welt wurde Volkseigentum plus wirkliche Demokratie probiert, so Braun. Der Kapitalismus ist nicht zu demokratisieren, denn kein noch so demokratischer Staat kommt letztlich gegen die allesdurchdringende Macht des Geldes, gegen das sich breitbeinig globalisierende Kapital an. Demokratie ist nach Braun eine Standortfrage. Steuerflucht, Auslagerung von Arbeit in Billiglohnländer, Waffenhandel - Demokratien verhindern es nicht. Demos: das Volk, kratos: Gewalt und Macht. Auch das bleibt letztlich eine schwelende Utopie. Für Braun ein hart durchrationalisierter Mythos, der für ihn das Scheitern des 21. Jahrhunderts symbolisiert. Er bringt dieses Scheitern auf den Punkt: "Die Eigentumsverhältnisse sind der blinde Fleck unserer Demokratiedebatten, das korrupte Auge der Parlamente." Was haben wir zu verlieren? Es geht eigentlich um verdammt wenig, es geht nur um einen Ort, "wo Leben keine Schande wäre".
 
"WIR KÄMPFEN NICHT UM DIE MACHT, SONDERN UM RAUM ZUR ENTFALTUNG EINES JEDEN MENSCHEN. Es ist die Stimme des Subcomandante Marcos in Chiapas im Lacandonischen Urwald. (…) Die Verarmung, die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungen, die Umverteilung von unten nach oben, die Erpressung mit der Naturnotwendigkeit der Deregulierung. Die Regierungen die Handlanger, Steuersenker und diplomatischen Reisebegleiter der transnationalen Konzerne. (…) Die 5000 U’was in Kolumbien drohen mit kollektivem Selbstmord, nach Erdölfunden in ihrem Siedlungsraum. Die unnützen Völker werden in die Wildnis gedrängt oder in die Wildnis des Widerstands."

Die Zapatisten machten den Zusammenhang zwischen globaler Entwicklung und lokalem Widerstand klar. Auf der raffinierten Individualisierung der Armut beruhe die Macht der Weltbank, wie Braun nach Weiss diagnostiziert. In der Armut muss jeder zunächst für sein eigenes tägliches Überleben kämpfen. Hoffnung, Humanität, Gerechtigkeit gedeihen schlecht auf kargen, kaputten, unrentablen Böden. Volker Braun gesteht eigenes schändliches Dulden und Versagen. Es ist ein traumatisches Eingeständnis des Dichters, stellvertretend für uns alle, denn wir "stehen bei den Siegern, den Satten, das ist unser Standort". 

Was lügt, modert, stiehlt in uns

Mit scharfen Analysen mischt sich Volker Braun auch in die frontal verhärteten Diskussionen um Flüchtlinge, Heimat, Arbeitslosigkeit und sozialen Wohlstand. Er kehrt die Verhältnisse vom gefühlten Unrecht auf den eindeutigen Boden der Fakten. Seine vor einem Jahr in Kamenz gehaltene Rede nennt er "Vom Fortbestehen. Eine Dreinrede". Sie ist eine geradezu Kampf- und Wutschrift, hier treibt einer als einzelner das kollektive Denken an.
 
"Einwanderung – oder Sozialstaat: scheint die Alternative. Aber nicht die Flüchtlinge machen das Problem, sie machen es bewußt. Es sind die Steuerflüchtlinge und Renditeschlepper, wegelagernden Lobbys, das vagabundierende Kapital. Nicht der Zuzug zertrampelt das Land, sondern der Geschäftsgang. Deutschland, wo nur jeder Zweite noch tariflichen Schutz genießt, und ganze Firmen fürchten, verkauft zu werden, setzt sich selbst herab. Auch verödete Dörfer sind gewissermaßen 'national befreite Zonen'. Diese schöne Erde ... Wer zerstört sie? Die Verwüstungen richten wir selber an, die Zersiedlung, Vernutzung, Devastierung der Fluren. Und die Unsicherheit und Armut sind von hier, sie wandern nicht ein. Sie haben die Staatsbürgerschaft."

Georg Büchner stellte einst die Frage, was tief in uns hartnäckig lügt, mordet, stiehlt. Er wusste die Antwort ebensowenig wie Volker Braun sie weiß. Doch beide stellen sich der Frage, weil sie sich nicht selbst über die Zustände belügen können. Der Georg-Büchner-Preis im Jahr 2000 ging an Volker Braun. In seiner Dankesrede konstatiert er: "Man kennt die Bestialität, aber kaum noch die Menschheit". Sicher, die Darstellung von Bestialität ist heutzutage medienwirksamer als die Darstellung von Menschlichem geworden, auch das ein Grund dafür. Doch gerade das Menschliche muss immer wieder gezeigt, erzählt, beschworen werden. Volker Braun ist ein hartnäckiger Warner, Mahner und Erinnerer und als solcher ein selten gewordener literarischer Fall. 
 
"Eine Revolution, die kein Brot gibt, und eine Demokratie, die die Arbeit nimmt, sind keine ernsthaften Avancen. Büchner hatte einen andern Begriff von Menschenrechten, als unser Grundgefühl und das Grundgesetz empfinden. Aus der Masse der Geretteten fällt, unauffällig, geräuschlos, der Ausgegrenzte, auf seine Hände starrend – ein anderer Woyzeck, kein gehetzter, ein überflüssiger Mensch."

Dieser überflüssige Zeitgenosse muss heraustreten aus diesen "gigantischen Abstraktionen" und "politischen Halterungen", so Braun. Er muss wieder zu einem neutralen Wesen außerhalb von Geschichte und historischen Zuschreibungen werden, einem transhistorischen Wesen, wie er schreibt. Und könnte sich solcherart als Mensch retten. Doch blind und taub betreibt dieses Wesen weiter die "Einübung von Herrschaftsverhältnissen" und verharrt in seinem Status als käuflicher Kunde im blinkend-blendenden Gefüge einer "Kapitalräson". Ein heutiger Autor müsste, so Braun, einen noch bittereren Woyzeck schreiben, nicht eine Tragödie der Armut, sondern eine der Unfähigkeit. In seiner Dankesrede für den Lessingpreis konstatierte Volker Braun 1981, wie sehr uns erneute Aufklärung Not tut. Und ergänzte fast vierzig Jahre später - anspielend auf Horkheimer und Adorno -, dass der Grad der Desinformation und uninformiertes Handeln neue Kapitel der Dialektik der Aufklärung hinzugefügt haben.

Es genügt nicht, wenn der Dichter auf Freitreppen pisse

Seinen bissigen Furor teilt Volker Braun mit einem anderen, fünfzig Jahre nach Büchner geborenen Geistesverwandten. Allein die Biografie des Franzosen Arthur Rimbaud, mit knapp zwanzig Jahren frühvollendeter Dichter und danach ausschließlich Geschäftsmann, erzählt eine irrsinnige Geschichte. Rimbauds Gedichte setzen sich strikt ab von
 
"Flauberts 'ennui' oder Baudelaires 'spleen', jener unbestimmte Überdruß des Kleinbürgers, dem an dem Tische unwohl wird, an dem er morgen wieder fressen möchte. Rimbaud hatte nicht Lust, Platz zu nehmen. Der ganze Stall schien ihm lächerlich und hinfällig. (…) Rimbaud sah sie sitzen und kauern, von Sackgeschwülsten schwarz. Sein physischer Widerwille ist in den widerwärtigen Wörtern zu lesen. Nun malte er nicht mehr eine geglaubte Welt aus – er kritzelte wütend über den Rand; ein schöpferischer Akt. Poesie ist eine Gegensprache. Und ist sie weiter nichts: eine Grimasse."

Seinem 1984 in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur gehaltenen Vortrag gab Volker Braun den Titel "Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität": Rimbaud, der den Geist der Bevölkerung beschrieb als erbärmliche Krätze der Idiotie; der, nie Christ gewesen, sich allein zugehörig fühlte zur Rasse derer, die unter der Folter sang; ein Ausgestoßener, der von sich behauptete, keinen Sinn für Moral zu haben und sich als Vieh klassifizierte. Die zeitgenössischen Dichter dagegen sind weichgespült, beklagt Braun. Wo sind die früheren Weggefährten, wer beerbte sie, wer führt ihr Reden fort, spricht ihre bittere Sprache?
 
"Unsere vermeintlichen Neutöner, Hausbesetzer in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich führen), sind wohl gute Anschaffer, die fleißig auf den Putz hauen. Hucker, nicht Maurer. (…) Technisch die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe. Und wenn der Gebrauchswert gegen Null strebt, wird Dichten Beschäftigungstheorie, 'siegreiche Monomanie' nannte es Baudelaire."

Die Literatur, so Braun, dürfe nicht die Einsamkeit beim Rasieren spiegeln, sondern müsse wie ein Brennglas die sozialen Erfahrungen ausleuchten. Es genüge nicht, wenn der Dichter auf Freitreppen pisse, er müsse sich zutiefst erniedrigen und in den Schmutz der Strukturen und den Dreck der Ungleichheit tauchen. Für Braun ist die Sprache nicht dazu da, zu kontemplieren und zu beruhigen. Seine Sprache benutzt er als scharf geschliffenes Seziermesser für die Verhältnisse, die er bis auf das Skelett bloßlegt und untersucht. Die Menschheit lebt unter ihrem Wissen - für den Theatermann Braun grausamer Stoff für eine dauernde Komödie. Am Ende seiner Erzählung "Die Flut in der Leidsestraat" aus dem Band "Handstreiche" entwirft der Autor eine moderne Höllenvision, frei nach Dante:
 
"Der Raum, in dem du irgendbald ruhst, ist ein Abstellraum. Das ist dann dein Nachleben. (…) Alle Tatsachen, Träume verschoben, versenkt in die düstere Lagerhalle, wo sie gleich die schmähliche Ordnung verlieren, die sie behauptet haben. Es ist ein gerechtes Durcheinander der Welt-, der Geisteszustände. Vor allem verdichtet sich diese Masse, die Zeitrechnung wird löchrig, die Erfahrungen havarieren. Ereignisse, Epochen fahren krachend ineinander und widerlegen sich bis in die Einzelteile. Du bist Hilfskraft, in dieser Materialausgabe für das historische Bewußtsein, das jüngste Gericht."

Volker Braun: "Handstreiche" 
Suhrkamp Verlag, Berlin. 91 Seiten, 18 Euro. 

Volker Braun: "Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden"
Suhrkamp Verlag, Berlin. 319 Seiten, 28 Euro.

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