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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Volker Ulrich, Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893 - 194527.11.2000

Volker Ulrich, Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893 - 1945

Verlag C.H. Beck, München 2000, 266 S., DM 42,-

<strong> Unser Rezensent Volker Ulrich hat jetzt im Münchner C.H. Beck Verlag eine Biographie vorgelegt, die das Leben des Sozialrevolutionärs und Rebellen Karl Plättner erzählt. Willi Jasper hat sie gelesen.</strong>

Willi Jasper

"3. Juni 1921, Depositenkasse der Deutschen Bank in Dresden. Kurz nach 8 Uhr drangen sieben Männer mit gezogenen Revolvern in die Bank ein, während einer vor der Tür Wache hielt. Der Anführer rief: "Hände hoch! Leisten Sie keinen Widerstand!" und forderte den Bankvorsteher auf, das Geld gutwillig herauszugeben, da er es für revolutionäre Zwecke gebrauchen wolle. Während ein Kumpan mit geübten Griffen die Telefonkabel abriss, wurden die Bankbeamten an Händen und Füßen gefesselt, die weiblichen Angestellten in einen separaten Raum eingesperrt. Dem Kassierer blieb nichts anderes übrig, als sich der Drohung zu beugen und den Kassenschlüssel herauszugeben. Der Anführer und ein Begleiter entnahmen dem Tresor 249.700 Mark nebst 82o Tschechische Kronen und verstauten die Beute in Säcke. Die ganze Aktion dauerte nur eine Viertelstunde. Danach entfernten sich die Einbrecher rasch, der eine Teil zu Fuß, der andere mit dem Kraftwagen."

Für die Polizei verdichteten sich schon bald die Hinweise, dass für diesen "frechen Raub" der Kommunist und Wanderredner Karl Plättner verantwortlich sei, und es wurde eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt. Doch trotz massiver Fahndung war der Gesuchte nicht zu fassen. Mit einer Schar gleichgesinnter Draufgänger verübte Plättner in den folgenden Monaten eine ganze Serie von Überfällen nach dem Dresdener Muster, nicht um sich zu bereichern, sondern, wie er verkündete, um die soziale Revolution in Deutschland voranzutreiben. Die Losung lautete: "Expropriation der Expropriateure!". In Deutschland sorgten in den frühen zwanziger Jahren, in jener Zeit der nachrevolutionären Wirren, zwei Rebellen aus dem proletarischen Milieu für Angst und Schrecken: Max Hölz, der Räuberhauptmann aus dem Vogtland, und Karl Plättner, der mitteldeutsche Bandenführer. Ihre Wege kreuzten sich während des mitteldeutschen Aufstandes 1921, der sogenannten Märzaktion, deren Scheitern einen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Kommunismus und der Arbeiterbewegung markiert. Beide mussten sie die längste Zeit der Weimarer Republik hinter Gittern zubringen und wurden im Sommer 1928 amnestiert. Während Hölz im September 1933 in der Sowjetunion ums Leben kam -mit großer Wahrscheinlichkeit als Opfer von Stalins Schergen -, starb Plättner nach einem Leidensweg durch die nationalsozialistischen Konzentrationslager, kurz nach der Befreiung im Juni 1945. Während es über das abenteuerliche Leben und das tragische Ende von Max Hölz zahlreiche Darstellungen, Berichte und Legenden gibt, ist Plättner heute so gut wie unbekannt. Volker Ullrich hat dem vergessenen mitteldeutschen Bandenführer jetzt eine außerordentlich gründlich recherchierte Biographie gewidmet. Erste Lebensspuren Plättners entdeckte er schon Ende der 6oer Jahre in verstaubten Hamburger Akten der Politischen Polizei des Kaiserreichs. Später stieß er auf die Zuchthauserinnerungen des Rebellen und auch auf ein erstaunliches Buch des Autodidakten über die sexuellen Nöte der Strafgefangenen. Doch erst nach dem Fall der Mauer konnte er das früher nicht zugängliche Material aus den DDR-Archiven sichten. Und erst dann rundete sich das Bild, traten die Konturen einer unruhigen Zeit und einer außergewöhnlichen Persönlichkeit deutlicher hervor. Einfühlsam und zugleich distanziert hat Volker Ullrich das Porträt eines proletarischen Sozialrebellen gezeichnet, der sich schrittweise radikalisierte. Seine politische Prägung erhielt Plättner in der sozialdemokratischen Organisationswelt vor 1914. Im Weltkrieg und in der Novemberrevolution jedoch wurde er wie viele von der SPD enttäuschte Arbeiterjugendliche erst von der KPD und dann von deren linksextremen Abspaltungen wie der Kommunistischen Arbeiterpartei angezogen. Um schließlich beim terroristischen Bandenkampf zu landen, bedurfte es allerdings noch der Erfahrung der blutigen Niederschlagung des Aufstandes in der mitteldeutschen Industrieregion. Aus dieser Zeit stammen seine Manifeste und Plakate für eine anarchistische Propaganda der Tat mit einer in apokalyptischen Bildern schwelgenden Sprache:

"Nach Brot schreit die Menschheit! Darum: Keine Unterstützung den Ordnungsgewalten! Hilfe und Beistand den Expropriateuren! Das Gebot der Stunde heißt: Krieg dem besitzenden Bürgertum! ... Habt ihr keine Waffen, so habt ihr doch Streichhölzer - jagt die Zwingburgen der Kapitalisten in die Luft, kauft euch Streichhölzer und steckt die Villen der Besitzenden in Brand, holt auch Dynamit, lasst keinen Stein auf dem anderen, denn diese Welt ist nicht mehr zu retten!"

Bei der Dokumentation solcher Aufrufe wird man nicht nur an Robin Hood erinnert, es stellt sich natürlich auch die emotional aufgeladene Frage des Vergleichs mit den terroristischen RAF-Anschlägen der siebziger Jahre. Der Autor warnt zu Recht vor allzu oberflächlichen Aktualisierungen. Der "Bandenkampf" Plättners sei nur als spezifisches Phänomen der frühen 20er Jahre verständlich, einer Zeit, deren gesellschaftlich-politischer Kontext von enttäuschten Revolutionshoffnungen und messianischen Heilserwartungen geprägt sei. Gewiss gebe es manche Parallelen, etwa den Anspruch, Avantgarde einer kommenden sozialistischen Revolution zu sein, die sich das Recht anmaßt, die bestehende bürgerliche Ordnung gewaltsam zu delegitimieren. Doch in vielem lassen sich beide Erscheinungen des politischen Terrorismus nicht vergleichen. Die Plättner-Bande rekrutierte sich nicht aus der akademischen Mittelschicht, sondern aus der Arbeiterschaft, in deren Namen sie zu handeln beanspruchte -und der entscheidende Unterschied : Bei ihren Aktionen achteten sie sorgfältig darauf, dass keine Menschenleben gefährdet wurden. Das unterschied sie übrigens auch grundsätzlich von dem Terror der Rechtsradikalen. Selbst wenn Hitlers Putschversuch in München operettenhaft inszeniert war, kostete er vierzehn Menschen das Leben. Dennoch gingen Justiz und Gefängnisverwaltung gemäß ihrer unseligen Tradition, auf dem rechten Auge blind zu sein, mit Hitler und seinen Leuten wesentlich milder um als mit Plättner oder Hölz. Zu dieser Tradition gehörte auch, dass man im Text der Plättner-Fahndung "kommunistische Gesinnung" und "jüdisches Aussehen" zu einem fatalen Stigma kombinierte. Obwohl der Rebell sich während der Haftzeit ausdrücklich von seiner Theorie und Praxis des "organisierten Bandenkampfes" distanzierte, wurde er dieses Stigma nicht mehr los. 1926 hatte er dem Reichsminister für Justiz eine Erklärung übermitteln lassen, in der es hieß:

"Ich bin wiederholt erschrocken über das, was sich alles unter meine Fittiche verkriecht und mit meinem 'Programm' schmückt. Jeder Mensch in Not, der aus Verzweiflung handelt, ... jeder Strolch aus Prinzip, der verkettet ist mit allen Lastern der Halbwelt, beruft sich auf meinen `organisierten roten Schrecken´... Mein Gewissen und mein Verantwortungsgefühl gegenüber der Ideenreinheit des Kommunismus gebieten mir, diesem Teufelsspuk ein Ende zu machen."

Nach 1933 wurde Plättner erneut verhaftet und interniert. Für die Nationalsozialisten blieb der ehemalige "Bandenführer" mit dem "jüdischen Aussehen" ein potentieller Verschwörer. Die Stationen seiner letzten und schrecklichsten Odyssee waren Buchenwald, Auschwitz und Mauthausen. Die Befreiung überlebte Karl Plättner nur um wenige Wochen. Unter der Inschrift "Schwört ab der Gewalt und rettet den Menschen" fand er auf dem Treuchtlinger Ehrenfriedhof seine letzte Ruhestätte. Volker Ullrich hat mit seiner Biographie ein verdienstvolles Projekt realisiert, das wahrlich nicht im Trend der gegenwärtigen historischen Forschung liegt.

Willi Jasper über Volker Ulrich, Der ruhelose Rebell: Karl Plättner 1893 - 1945, Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München, 266 Seiten, DM 42,--

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