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StartseiteKommentare und Themen der WocheBienen sterben nicht nur in Bayern16.02.2019

VolksbegehrenBienen sterben nicht nur in Bayern

Das Volksbegehren zur Artenvielfalt sei ein Erfolg auf ganzer Linie, kommentiert taz-Chefredakteur Georg Löwisch. Diesen sollten Bayerns Bienenretter nun in den Wahlkampf zum Europaparlament tragen. Denn dass Brüssel die falsche Landwirtschaft der Agrarfabriken mit EU-Milliarden belohnt, müsse sich endlich ändern.

Von Georg Löwisch

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In München demonstrieren Unterstützer des Volksbegehren Artenvielfalt" im Bienenkostüm.  (imago stock&people)
Das Volksbegehren Artenvielfalt war das erfolgreichste Referendum, das es in Bayern je gab (imago stock&people)
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Die bayerischen Bienenretter haben einen Riesenerfolg gelandet. Das Volksbegehren zur Artenvielfalt glückte dem Bündnis aus der Kleinpartei ÖDP, den Grünen sowie Naturschützern, Biobauern und Imkern. Die Hürde haben sie mühelos übersprungen. Statt den nötigen 950.000 Menschen gingen mehr als 1,7 Millionen in die Rathäuser und trugen sich in die Unterstützerlisten ein. "Rettet die Bienen" ist das erfolgreichste Volksbegehren, das es in Bayern je gab.

Aber es geht nicht nur um die Bienen. Wie schlecht es um die Insekten insgesamt steht, hat gerade eine Übersichts-Studie ermittelt. Das Ergebnis war eine Schock: Weltweit sinkt der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten. Ohne sie blüht und zwitschert es weniger. Denn Insekten bestäuben die meisten Wildpflanzen. Und mehr als die Hälfte der Vögel benötigt Insekten als Futter. So ist das in der Natur: Sie ist ein System von allem, was flattert, krabbelt, kriecht, fliegt, flitzt, hüpft, watschelt und galoppiert. Bis hin zu jenen, die auf zwei Beinen laufen, dem Homo Sapiens, dem Menschen.

Nach stillem Sterben Lärm entfacht

Lange lief der Artentod geräuschlos ab, es war ein stilles Sterben. Doch das Volksbegehren hat einen wunderbaren Lärm entfacht. Es hat den Zusammenhang hergestellt zur industriellen Landwirtschaft. Und das Volksbegehren verlangt viel: Bayern soll den Ökolandbau ausbauen, soll Hecken, Bäume und kleine Gewässer in der Landwirtschaft erhalten. Weniger Gift soll auf die Felder gesprüht werden, an den Bächen sollen mehr Uferstreifen blühen.

Der bayerische Landtag kann den Vorschlag annehmen und zum Gesetz machen. Wenn nicht, stimmt das Volk ab. Auf dem Tisch liegen dann der Entwurf der Initiative und eventuell noch ein Alternativkonzept.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder steckt in der Bredouille. Der CSU-Politiker kann den konservativen Bauernverband schlecht ignorieren, der traditionell eng mit seiner Partei verbandelt ist. Wenn er allerdings wie der Bauernverband auf stur stellt, droht Söder bei einem Volksentscheid eine fürchterliche Niederlage. Es wäre die gerechte Strafe dafür, dass er noch vor einem Jahr auf Populismus gemacht hat, Naturschutz dagegen in seiner Inszenierung kaum eine Rolle spielte.

Noch vor wenigen Jahren als Kuriosum belächelt

Und hier sind wir beim zweiten Erfolg der Bienenretter. Sie haben ein Problem bekannt gemacht, das die meisten noch vor wenigen Jahren als Kuriosum belächelten. Dass das Naturschutzthema trotzdem durchdrang, ist ein kleines Wunder. Denn ganz ähnlich wie im Ökosystem reduziert sich seit einigen Jahren in der politischen Diskussion die Vielfalt. Immer weniger Themen nehmen immer mehr Raum ein: das Koalitionschaos, Trumps Getöse, die ewige Flüchtlingsdebatte. Sowie ein allgemeines Gemecker, dass die Welt nicht mehr so ist wie früher, da draußen vor dem Fenster beziehungsweise vor dem Fernseher.

Gerade Politiker der CSU haben diese Einfalt vorangetrieben. Sachfragen wie Schulpolitik, Stadtentwicklung oder das Steuersystem drängten sie in den Hintergrund. Die politische Kultur verkümmert wie die Natur unterm Beton eines Gewerbegebiets. Die erfolgreiche Aktion gegen das Bienensterben ist zugleich ein Erfolg im Kampf gegen das Themensterben.

Der kalkulierte Biene-Maja-Effekt

Dass sich das Volksbegehren so supersimpel inszeniert? Mit einer putzigen Kampfbiene in Lederhosen? Ist doch gut. Einen Begriff wie "Biodiversitätsverhandlungen" versteht kein Mensch. Der Aufruf "Rettet die Bienen" rührt dagegen an etwas. Das bayerische Bündnis hat diesen Biene-Maja-Effekt sorgfältig kalkuliert. Und längst sprechen so viele so detailliert über Artenschutz wie nie.

Die Bienenretter sollten ihren Erfolg über Bayern hinaus tragen, am besten in den Wahlkampf zum Europaparlament. Denn die Milliarden für die falsche Landwirtschaft kommen aus dem EU-Haushalt. Brüssel belohnt bisher Agrarfabriken. Das muss sich endlich ändern. Denn die Bienen sterben nicht nur in Bayern.

Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der "taz" in Berlin absolvierte er 1998 sein Volontariat, verantwortete ab 2001 die Reportage-Seite, wurde 2005 innenpolitischer Reporter und 2009 Gründungsressortleiter der "sonntaz", der heutigen "taz am wochenende". 2012 wechselte er zum Magazin "Cicero". Seit mehreren Jahren unterrichtet er an der Universität der Künste in Berlin und der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Im September 2015 kehrte er als Chefredakteur zur "taz" zurück.

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