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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Vom Aufstieg zum mächtigsten Verleger Europas10.03.2008

Vom Aufstieg zum mächtigsten Verleger Europas

Historiker lebt Biographie Axel Springers vor

Hans Peter Schwarz, renommierter Historiker und als Adenauer-Biograph auch über Universitätsgrenzen hinaus bekannt, hat sich nun des Lebens Axel Springers angenommen. Für die Biographie bekam Schwarz als Erster uneingeschränkten Zugang zu den Archiven des Springer-Verlages. Vorgestellt von Brigitte Baetz.

Der Verleger Axel Springer, 1982 (AP Archiv)
Der Verleger Axel Springer, 1982 (AP Archiv)

O-Ton Springer - Abendblatt:

"Was gibt es Neues, Herr Springer?
Eine Zeitung.
Eine Tageszeitung?
Ja, eine Tageszeitung, die dreimal wöchentlich erscheint.
Oh, das Schicksal der meisten Tageszeitungen. Eine Parteizeitung?
Nein, ganz im Gegenteil. eine Tageszeitung mit unabhängigem, überparteilichem Charakter.
(Ausrufer Hamburger Abendblatt, heute neu, Hamburger Abendblatt)"

Im Oktober 1948 begann Axel Springers Aufstieg zum mächtigsten Verleger Europas. Die Gründung des Hamburger Abendblatts nahm schon einiges vom Erfolgsrezept vorweg, das Springer dann auf die berühmt-berüchtigte Bild-Zeitung übertragen sollte: vor allem die angebliche Sorge um die Interessen und Anliegen der so genannten kleinen Leute. Detailgetreu und faktengesättigt schildert Hans Peter Schwarz das Leben des Axel Springer - vom verwöhnten und schulische Leistungen verweigernden Sohn eines mittelständischen Verlegers aus Altona zum manischen Blattmacher mit weltpolitischem Ehrgeiz. Früh war ihm alles Soldatische und aller Drill verhasst, der junge Springer sah sich als Künstler, als Mann der Bohème, der zwar tagsüber im väterlichen Betrieb mithalf, lieber aber in den Nächten das süße Leben genoss. Seine Abneigung gegen alles Gewöhnliche und seine ausgeprägte Mitleidensfähigkeit verhinderten es, dass er Mitläufer der Nazis wurde. Dem Militär entzog er sich durch Krankheit.

Nicht ohne Selbstgefälligkeit hat Springer selbst später erzählt, die Briten hätten über ihn gesagt: "the most atypical German they ever saw" - der untypischste Deutsche, den wir je gesehen haben.

Springer hasste die Nazis, doch nach dem Krieg zeigte sich in seinem Verhältnis zu alten Kameraden schon die ganze Widersprüchlichkeit seines Charakters. Er hatte keine Probleme damit, sie in seinem Verlag zu beschäftigen, heiratete gar mit seiner dritten Frau Rosemarie die Tochter eines SS-Generals. Die schillernde Persönlichkeit vereinte knallharten Geschäftssinn und ungemeine Großzügigkeit, Schläue und Charme, Selbstbewusstsein und Naivität. Der zunächst eher unpolitische Großverleger, der mit der Familienzeitschrift Hörzu eine wahre Goldgrube sein Eigen nannte, fühlte sich seit 1953 als Eigner der seriösen überregionalen Welt zu Höherem berufen. Mit einer spektakulär gescheiterten Reise nach Moskau wollte er gar die Russen zum Verzicht auf die DDR bewegen.

"Ich kann nur auf Englisch sagen: I learned my lesson, oder auf gutem Deutsch: ich lernte meine Lektion. Da war nichts zu holen, auch von Chruschtschow, da war nichts zu holen als nur der unbedingte Wille, dieses Deutschland zu kassieren, was dann ja auch 58 im Herbst mit seinem Ultimatum gegen Berlin dann auch sich bewahrheitete. Und ich bin rübergefahren als einer der progressivsten Politiker, die es überhaupt gab, die also so sehr gern die Aussöhnung auch mit der Sowjetunion wollte und kehrte total ernüchtert zurück, weil ich in Gesichter gesehen habe, die mich sehr an Gesichter einer anderen Zeit erinnert haben und die haben mir die Hoffnung genommen."

Axel Springer wird mit seiner gescheiterten Russlandmission zum kältesten der Kalten Krieger, vom Pazifisten zum unversöhnlichen Gegner der "rotlackierten Nazis", wie er die Sowjets nennt, und aller, die den Ausgleich mit dem Osten suchen. Die Konzernzentrale am Rande der Mauer in Berlin ist ein Symbol für das Festhalten am Ideal des vereinten Deutschland.

"Diese Funktionslosigkeit im Moment von Berlin, für die wir mal die Vision hatten, wieder Hauptstadt zu sein oder eine große oder bedeutende europäische Funktion auszuüben, jetzt einfach sie zu machen, wie ein bekannter Politiker gesagt hat: eine Stadt, wie jede andere. Wie muss man eigentlich gewebt sein, um von Berlin zu sagen, es ist eine Stadt wie jede andere. Ich meine, ich will keiner Stadt in Westdeutschland zu nahe treten, aber eine Stadt wie jede andere: Berlin?"

"Welt" und "Bild" werden zu Kampforganen, deren Linientreue der Verleger fast täglich überprüft. In selbem Maße, wie eher linke oder liberale Journalisten diese Blätter verlassen, wird Springer in den Unruhen der Studentenproteste zum verhassten Urbild eines übermächtigen Pressezaren. Ihre Forderung: Enteignet Springer!

"Haut dem Springer auf die Finger, haut dem Springer auf die Finger.
Bild hat mitgeschossen, Bild hat mitgeschossen.

Also, mitgeschossen hat die Bild-Zeitung wirklich nicht. Sie ist mitunter fast so brutal in der Sprache gewesen wie die anderen in der Auseinandersetzung. Aber das ergibt sich aus der Härte des Kampfes."

Was Bild-Chefredakteur Peter Boenisch durchaus konzediert, nämlich die teilweise Rücksichtslosigkeit der Springerschen Berichterstattung, relativiert Springer-Biograph Schwarz. Für ihn ist die Anti-Springer-Bewegung der 60er Jahre ein Stück politscher Folklore.

Es wäre ein Grund zum Verwundern gewesen, hätten die Propaganda-Apparate der DDR-Regierung bei Auslösung und Verstärkung der Kampagne nicht aus dem Hintergrund viele Fäden gezogen. Des Weiteren haben die Gegner Springers aus der mit ihm zerfallenen "Hamburger Kumpanei" gleichfalls ihren Part gespielt. Geschäftsinteressen und politische Überzeugungen ließen sich dabei aufs Schönste miteinander verbinden. Naturgemäß konnte der mächtige Axel Springer Verlag bei keinem der konkurrierenden großen Blätter viel Unterstützung erwarten. Auch die Springer-Kritiker beim Fernsehen, allen voran Gert von Paczensky, haben die Entrüstung geschürt und am Kochen gehalten, dabei diskret ermutigt von den Fernsehintendanten und deren Chefredaktionen. Seit Herbst 1967 sind auch die Größen aus den Reihen der Linksintellektuellen mit dem Netzwerk der Gruppe 47 sowie einige Buchverleger hinzugekommen. Damals hat sich Günter Grass erstmals als eine Art Saint-Just der Springer-Kritiker profiliert und neben ihm Heinrich Böll. Sie waren gewissermaßen die Verfolger vom Dienst. Und schließlich ergab sich der in solchen Fällen übliche Mitläufer-Effekt. Viele wollten einfach auf den fahrenden Zug aufspringen, in dem die Katzenmusik gegen den "Mammutverleger" spielte.

Schwarz verliert kein Wort über die zahllosen Opfer der Bild-Berichterstattung, darunter vor allem kleine Leute, die sich damals wie heute nicht zu wehren verstehen. Und er schönt das großteils naive, nicht durch Fakten, sondern vor allem von Emotionen und enttäuschten Eitelkeiten geprägte politische Sendungsbewusstsein des Axel Springer zum politischen Programm, obwohl er doch Springer durchaus fehlende Analysefähigkeit attestiert. Und so bleibt bei diesem ansonsten sachkundigen, bei aller Detailverliebtheit lesbar geschriebenen Buch ein fahler Nachgeschmack von Auftragsgeschichtsschreibung - im Sinne des Geldgebers, des Propyläen-Verlages, der zum Axel Springer Konzern gehört.

Brigitte Baetz über Hans Peter Schwarz: Axel Springer. Die Biografie. Veröffentlicht ist das 736 Seiten umfassende Buch zum Preis von 26 Euro im Propyläen Verlag Berlin.

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