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StartseiteKultur heuteVom Fußballglück der kleinen Leute05.11.2009

Vom Fußballglück der kleinen Leute

Ken Loachs sozialrealistische Komödie "Looking for Eric"

Eric, ein Postbote, der sein Leben nicht mehr im Griff hat, schwärmt für Manchester United und insbesondere für den charismatischen Fußballspieler Eric Cantona. Eines Tages erscheint ihm sein Idol und weist ihm den Weg zum neuen Glück.

Von Josef Schnelle

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Eric Cantona: "Ich bin ein Spieler"

Was treibt eigentlich 100 Tausende jedes Wochenende in die Fußballstadien und was ist der Kern dieser Idee "Fan" zu sein. Das hat Ken Loach, den Chronisten des britischen Arbeitermilieus umgetrieben und er hat eine Geschichte gefunden, die das umfassend und erschöpfend erklärt. Eric - ein Postbote, der sein Leben nicht mehr im Griff hat, schwärmt für Manchester United und insbesondere für den charismatischen Fußballspieler Eric Cantona aus Marseille, der mit seiner kantigen Art in den 90er-Jahren zum beliebten Torjäger des Vereins aufstieg. Im Film von Ken Loach wird das Idol zum Lebensbegleiter und Retter des Postboten auf dem absteigenden Ast. Eines Tages erscheint er ihm nämlich leibhaftig, als sei er vom Poster an der Wand heruntergestiegen.

Eric Bishop hat sich gemütlich eingerichtet in seiner Loserexistenz und keiner sagt ihm mehr, dass er vor 25 Jahren sein Liebesglück leichtfertig verspielt hat, nicht einmal seine Tochter, die froh ist, dass er ihr manchmal die Enkeltochter abnimmt. Das Einzige, worauf Eric sich freut, das sind die Spiele von Manchester United und die Auftritte von Eric Cantona, dessen feine Pässe und Traumtore er mit größerer Poesie beschreiben kann, als etwa die Schönheit einer Frau. Und dann geschieht es: Cantona, der leibhaftige Star, tritt in sein Leben und er wird auch noch gespielt von dem echten Eric Cantona, der nach seiner Fußballkarriere schon in einigen Filmen mitgespielt hat und der Produzent und Förderer des Projekts war. Der Postbote Eric, der so lange für keinen mehr erreichbar war in seinem erbärmlichen Leben, hört zum ersten Mal hin, wenn in diesem Kinomärchen sein Idol spricht - als virtueller Freund und als Therapeut für ein neues, besseres Leben.

Augenzwinkernd vermittelt Loach die Botschaft, dass der Fußballfan eigentlich nur nach Halt sucht in einer Welt, in der es kostbar geworden ist, überhaupt noch Orientierung und Lebenshilfe zu bekommen. Und Loach fügt seinen Geschichten aus der Arbeiterwelt eine neue Variante hinzu; er tut das mit einem gehörigen Schuss Menschenliebe, die im Autorenkino der Misanthropen so selten geworden. Ähnlich wie in seiner Bauarbeiterkomödie "Riff-Raff" serviert er die Wiederauferstehung seines an den sozialen Verwerfungen und an sich selbst gescheiterten Arbeiterhelden mit freundlichem Humor; und weil es ein Märchen ist, läuft es natürlich auf die Wiederentdeckung verschütteter Liebe, eine unerwartete neue Chance im Leben und auf die unerschütterliche Botschaft des Sozialrealisten aus Großbritannien zu: Im größten Elend wächst die Hoffnung auch.

Da er das mit ganz viel filmischer Brillanz und Komödienkunst tut, glaubt man am Ende doch besser zu verstehen, warum der Fußballplatz bei so vielen Menschen in den Bereich Lebenshilfe gehört. Da spielt es am Ende gar keine Rolle, dass in Frankreich und Großbritannien Eric Cantona ein Star, in Deutschland aber kaum bekannt ist. Man hätte für die deutsche Fassung vielleicht Günther Netzer, Franz Beckenbauer oder Michael Ballack nehmen sollen. Filmfiguren kann man aber nicht so einfach austauschen. Der Fußball aber - meint Ken Loach - ist dem Kino als Illusionsfabrik sogar überlegen.

"Es gibt eine Sache, darin ist Fußball besser. Bis zum letzten Kick weiß man nicht, wies ausgeht. Bei einem Film weiß man meistens nach der Hälfte, wie das Ende aussehen wird."

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