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StartseiteUmwelt und VerbraucherTschernobyl soll auf UNESCO-Liste04.01.2021

Vom GAU zum WeltkulturerbeTschernobyl soll auf UNESCO-Liste

Ein Atomunfall erschüttert im April 1986 das Kernkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine. Millionen Menschen werden einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt, 350.000 fliehen aus der Region. Um den havarierten Reaktor wird eine Sperrzone errichtet - die will die Ukraine nun zum Welterbe erklären lassen.

Von Dagmar Röhrlich

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Das zerstörte Atomkraftwerk in Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion, eine Luftaufnahme wenige Tage nach dem Reaktorunglück am 26. April 1986.  (picture alliance / AP Photo / Volodymir Repik)
Das zerstörte Atomkraftwerk in Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion: Eine Luftaufnahme wenige Tage nach dem Reaktorunglück am 26. April 1986 (picture alliance / AP Photo / Volodymir Repik)
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Wie viele Menschen im Zusammenhang mit dem bislang schwersten Atomunfall der Geschichte erkrankten, starben und noch sterben werden, ist Gegenstand heftiger Debatten. Als sicher gilt nur, dass das Unglück schon in den ersten Tagen 30 Menschen das Leben kostete. Das Gebiet um das Kernkraftwerk Tschernobyl - einst der Stolz der Sowjetunion - ist für immer verändert. Die Ukraine will es im März als UNESCO-Welterbe vorschlagen. Eine Entscheidung könnte 2023 fallen.

Spezialeinheiten beim Messen Radioaktivität im Mai 1986. Nach der Zerstörung des Kernkraftwerks wurde die Gegend 30 km um Tschernobyl zur Sicherheitszone erklärt. (picture alliance/dpa/Sputnik/Code Novo)Spezialeinheiten beim Messen von Radioaktivität im Mai 1986: Nach dem Reaktor-Unglück wurde die Gegend 30 km um Tschernobyl zur Sperrzone erklärt (picture alliance/dpa/Sputnik/Code Novo)

Die Regierung in Kiew erhofft sich die Anerkennung von Teilen der verstrahlten Sperrzone als Welterbe - darunter Prypjat. Die Stadt, etwa 150 Kiliometer nördlich von Kiew gelegen, wurde 1970 im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet. Infolge des Reaktorunglücks musste sie 1986 geräumt werden, heute ist sie eine Geisterstadt.

Ukraine, Tschernobyl: Rauchschwaden steigen von einem Waldbrand in der radioaktiv belasteten Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl auf. (Yaroslav Yemelianenko/AP/dpa) (Yaroslav Yemelianenko/AP/dpa)Ukraine - Brände bei Tschernobyl
Im vergangenen Frühjahr gab es große Brände im Norden der Ukraine, vor allem auch in der Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Feuer setzten radioaktives Material frei, Rauchwolken zogen bis Kiew.

Voraussetzung für das Welterbe erfüllt

Grundsätzlich können Stätten von "außergewöhnlichem universellen Wert", "Meisterwerke des menschlichen schöpferischen Genies" oder "Zeugnisse einer untergegangenen Zivilisation" Welterbe werden. Oder sie haben eine Verbindung zu bedeutenden Ereignissen – was in Tschernobyl der Fall wäre. Mit dem Antrag bei der UNESCO will die Regierung in Kiew sicherstellen, dass die zerfallenden Gebäude auch für künftige Generationen erhalten bleiben – und den Tourismus fördern.

Ein angeblich geringes Strahlenrisiko

Der Tourismus in der ziemlich abgelegenen Gegend boomt jedoch ohnehin: 2019 kamen 124.000 Besucher – trotz des Strahlenrisikos. Reiseanbieter werben damit, dass Touristen während der Tour weniger Strahlung ausgesetzt seien als bei einer Röntgenaufnahme des Thorax. Allerdings gebietet es der Strahlenschutz, jede unnötige Dosis zu vermeiden. Außerdem wurde schon öfter beobachtet, dass Touristen gerne verbotenerweise "Souvenirs" einsammeln – wie etwa Moos. Doch gerade diese Pflanze gilt als Strahlenfänger und ist entsprechend radiokativ belastet.

Die Ruine des früheren Atomkraftwerks Tschernobyl (dpa /RIA Nowosti/ Mikhail Fomichev)Die Ruine des früheren Atomkraftwerks Tschernobyl (dpa /RIA Nowosti/ Mikhail Fomichev)

Ein Ort wie eine Geisterbahn

Die meisten der Kolchosengebäude oder alten Bauernhäuser in der verstrahlten Zone sind inzwischen abgerissen worden, zerfallen oder sind überwuchert. Gerade die Weltuntergangskulisse, die Prypjat bietet, scheint die Touristen jedoch anzulocken. Der Ort ist eine Art Geisterbahn, arrangiert mit Gasmasken, Puppen und Graffiti an den Wänden. Mit der einst 50.000 Einwohner zählenden sowjetischen Musterstadt hat das nur noch wenig zu tun.

2825680 04/14/2016 Radiation metering at Masany meteo station in Polesiye radiation and ecology reserve situated in the Belorussian Chernobyl NPP exclusion zone. Viktor Tolochko/Sputnik | (Sputnik) (Sputnik)Atomunglück von Tschernobyl - Die Kinder der Verstrahlten
Infarkte und Schlaganfälle bei 30-Jährigen, Mädchen und Jungen mit Gelenkerkrankungen. Es sind inzwischen die Kinder der damals verstrahlten Kinder, bei denen sich die Spätfolgen der Katastrophe zeigen. Besonders betroffen: Das heutige Belarus.

Wer verstehen will, wie die Menschen damals auf das Unglück reagierten, warum sie etwa nach der Explosion in dem in Sichtweite liegenden Kernkraftwerk, bei der ein eintausend Tonnen wiegender Deckel des Reaktorkerns abhob und verkantet liegen blieb, weitermachten, als wäre nichts geschehen - der müsste sich mit dem "alten Prypjat" und der Sowjetideologie auseinandersetzen. Sonst geht es nur um Nervenkitzel.

Eine Gasmaske hängt in einem Gang eines zerstörten Gebäudes von der Decke. (picture alliance/ Photoshot/ Michael Palmer)Die Katastrophe von Tschernobyl aus dem Jahr 1986 gilt noch heute als eines der größten von Menschen ausgelösten Unglücke der Welt (picture alliance/ Photoshot/ Michael Palmer)

Gegen Geld in den Schaltraum von Block 4

Inzwischen lässt man gegen Bezahlung Touristen sogar in den hübsch aufgeräumten Block 4 – und sogar in den Schaltraum. Der liegt unterhalb des Reaktors - lange sollte man sich dort nicht aufhalten. Der Veranstalter wirbt damit, dass man bei einem einstündigen Flug über den Atlantik mehr Radioaktivität abbekäme – solange man sich denn an die Verhaltensregeln hielte.

Mit Beantragung des Welterbe-Status hofft die Regierung auch, dass sich Touristen dort nicht mehr wie auf Schatzsuche benehmen, sondern den Ort als historisch begreifen. Die Unternehmer setzen darauf, dass die Bauten restauriert werden, ehe sie vollkommen zerfallen. Vor allem aber geht es ums Geld. Denn die Ukraine ist arm – mit Tschernobyl hat sie ein Erbe, das bewältigt werden muss – auch finanziell.

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