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StartseiteDlf-MagazinVom Kellner zum Koch07.11.2013

Vom Kellner zum Koch

SPD-Innenpolitiker Thomas Oppermann tritt nach vorn

Dass SPD-Innenexperte Thomas Oppermann Minister im Kabinett Merkel wird, steht fest – nur das richtige Ressort muss noch gefunden werden. Aber der 59-Jährige ist flexibel. Zu flexibel, sagen manche hinter vorgehaltener Hand.

Von Frank Capellan

Immer ganz vorn dabei: Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im Bundestag (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Immer ganz vorn dabei: Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im Bundestag (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Seit Wochen wird getanzt in der Hauptstadt, mit pompösem Gehabe brütet die sogenannte Große Runde über dem Koalitionsvertrag, 75 Frauen und Männer aus drei Parteien suchen den glanzvollen Auftritt auf dem Berliner Parkett, mal bei der SPD im Willy-Brandt-Haus, mal in der Bayerischen Landesvertretung mal in der CDU-Zentrale. Ein Mann, dem seine 59 Jahre wahrlich nicht anzusehen sind, ist immer ganz vorn dabei: Ein Sozialdemokrat, der es genießt, an den Kameras vorbei zu schlendern und auch mal stehenzubleiben. Gern gibt er dann den kleinen Jungen, der scheinbar völlig unbedarft mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen ins Revier der CDU-Chefin schreitet.

"Ich betrete zum ersten Mal das Konrad-Adenauer-Haus. Ich war da noch nie drin! Ich bin gespannt. Es wird eine große Versammlung. Ein bisschen eine Mischung aus Wiener Kongress und Bundesversammlung. Es geht ja erst einmal um das Verfahren."

Thomas Oppermann im Scheinwerferlicht. Immer wieder. An immer anderen Orten. Er tanzt gerade auf ganz vielen Hochzeiten. Dass er Minister im Kabinett Merkel wird, steht fest – nur das richtige Ressort muss noch gefunden werden. Oppermann ist flexibel, zu flexibel, lästern manche hinter vorgehaltener Hand. Innenminister würde er gern werden, die Chancen stehen schlecht, die CSU will sich dieses Schlüsselministerium nicht nehmen lassen. Justiz, das könnte klappen, aber selbst als SPD-Finanzminister wird der Niedersachse noch gehandelt. Macht ihm das Angst? Droht nicht tief zu fallen, wer so hoch gehandelt wird?

"Ich mache mir darüber überhaupt keine Gedanken. Ich muss jetzt meinen Beitrag leisten, dass wir erfolgreiche Koalitionsverhandlungen haben, und alles Weitere sieht man später!"

Verlagssprecher: "Wir freuen uns besonders darüber heute Abend auch Thomas Oppermann zu Gast zu haben, der dem Vernehmen nach direkt aus den Koalitionsverhandlungen zu uns gekommen ist."

Wenn es um seine Person geht, dann lässt er lieber andere über sich reden. Vergangene Woche etwa. Oppermann ist zu Gast in der Repräsentanz der Berliner Bertelsmann-Stiftung. Auf den letzten Drücker hat er es aus der Arbeitsgruppe Inneres und Justiz aufs Podium geschafft. Utz Claassen, ehemaliger Chef des Energieriesen EnBW stellt sein neues Buch vor. Die beiden kennen und schätzen sich. Als Oppermann Wissenschaftsminister in Niedersachsen war, hat er sich für den Manager interessiert, auch dessen Engagement für Hannover 96 machte den fußballbegeisterten Sozialdemokraten neugierig. Utz Claassen schimpft an diesem Abend viel über Politiker, kaum aber über Oppermann.

"Dass er natürlich an der ein oder anderen Stelle auch mal Diplomatie zeigen muss – vielleicht unter Zurückstellung der eigenen Überzeugung - habe ich bei ihm 16 Jahre in Summe immer gesehen, dass er für das eingetreten ist, woran er glaubt."

Dass er sich nicht verbiegen lässt, sieht mancher inzwischen anders. In der NSA-Affäre ist er als Vorsitzender des Bundestagsgremiums zur Geheimdienstkontrolle längst vom Chefankläger der Opposition zum Regierungsmitglied in Spe mutiert. Glück für ihn, dass er sich heute dafür nicht rechtfertigen muss, ein Zuschauer ehrt ihn vielmehr mit einer ganz besonderen Frage…

Zuschauer: "Nehmen wir mal einfach an, Sie hätten die Möglichkeit, ein Ressort in der neuen Bundesregierung frei zu besetzen. Sie könnten also wählen wen Sie wollten. Würden Sie Herrn Claassen ein Ressort anbieten?"

Oppermann: "Jetzt frage ich erst mal, ob Claassen das überhaupt annehmen würde (lacht)"

Claassen: "Das hängt ja sehr vom Ressort ab, wenn Sie mir da was ganz Übles anbieten …"

Oppermann: "Ich würde Ihnen natürlich jetzt, klar, das Management der Energiewende anbieten. Ziemlich aussichtsloser Fall. Genau das Richtige für ihn würde ich sagen!"

Jahrelang hat Oppermann den Kellner gespielt, nun wird ihm plötzlich zugetraut, die Rolle des Kochs zu übernehmen. Seit 2007 ist der frühere Verwaltungsrichter als Fraktionsgeschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Strippenzieher hinter den parlamentarischen Kulissen. Er kennt jeden Geschäftsordnungstrick und hat Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier schon so manches Mal den Rücken freigehalten. Steinmeier:

"Er ist derjenige, dem ich die letzten vier Jahre vertraut habe, und ich freue mich darüber, dass er hier ein deutliches Mandat ausgesprochen bekommen hat."

Mit über 80 Prozent ist Oppermann zwei Tage nach der Wahl im Amt bestätigt worden. Bald dürfte wohl ein Nachfolger gesucht werden. Denn in ganz seltenen Momenten da lässt der Mann aus dem Wahlkreis Göttingen dann doch durchblicken, wie sehr es ihn juckt, endlich in die Rolle des Gestalters zu wechseln

"Ich glaube, dass ich jederzeit umschalten kann. Natürlich spielt man als Minister eine andere Rolle als Oppositionspolitiker, zumal als Parlamentarischer Geschäftsführer einer Oppositionsfraktion, da müssen sie natürlich pointiert argumentieren, müssen sie die Bundesregierung angreifen!"

Sein radikaler Wandel vom scharfen Kritiker der Kanzlerin zum kompromissbereiten Koalitionär trübt das Bild des Thomas Oppermann. Die Minister, auf die er sich im Wahlkampf noch eingeschossen hat, könnten bald Kabinettskollegen, die Kanzlerin demnächst seine Chefin sein.

Es geht für ihn darum, seine vielleicht aller letzte Chance zu nutzen, in der Politik ganz nach oben zu kommen. An die Spitze eines Ministeriums. Unermüdlich ist der Sozialdemokrat somit auch in eigener Sache unterwegs. Heute Nachmittag etwa, als er darum kämpft die doppelte Staatsbürgerschaft ohne Einschränkungen in den Koalitionsvertrag zu bringen. Da erlebt man dann plötzlich einen Thomas Oppermann, wie er sonst fast nie zu hören war: Diplomatisch und kurz angebunden.

Journalistin: "Sie haben gerade gesagt. Ohne das geht es nicht?"
Oppermann: "Am Ende zählt das Gesamtergebnis! Okay, vielen Dank!"

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