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StartseiteKultur heuteVom Leben in Reichtum und Dunkelheit01.10.2011

Vom Leben in Reichtum und Dunkelheit

Auftakt der Spielzeit an den Münchner Kammerspielen

Zur Saisoneröffnung an den Kammerspielen in München inszeniert Johan Simon mit Fellinis "E la nave va" ein skurriles Oberschichtspanoptikum kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Am zweiten Abend bringt Dries Verhoeven mit "Dunkelkammer" sechs blinde Darsteller auf die Bühne.

Von Sven Ricklefs

Szene aus dem Stück "E la nave va" (Münchner Kammerspiele / Julian Röder)
Szene aus dem Stück "E la nave va" (Münchner Kammerspiele / Julian Röder)

Nein, irgendetwas ist da ganz schrecklich schief an dieser Bühnenversion von Fellinis "Schiff der Träume", und das liegt nicht daran, dass Bühnenbildner Bert Neumann da die Schiffsplanken des Luxusliners als schiefe Ebene vor einen links nach rechts treibenden Prospekt mit aufgemalter Meeresgischt gehängt hat.

Irgendwas ist da schrecklich schief und Regisseur Johan Simons scheint das auch bis zu einem bestimmten Punkt gewollt zu haben, schließlich schickt er Fellinis ja ohnehin schon skurriles Oberschichtspanoptikum, das am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit der Asche einer verstorbenen Operndiva auf große Fahrt geht und dabei flüchtigen Boatpeople aus Serbien begegnet, Simons schickt diese Oberschicht als Witzblattfiguren mit aufgeklebten Masken auf die Planken.

Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das sogar, schließlich ist die hier zur Schau gestellte elitäre Dekadenz eigentlich so unerträglich, dass man nicht unbedingt darauf noch mit liebevoller Ironie gucken sollte, wie Fellini das in seinem allerdings genialen Film getan hat. Und so gelingt Johan Simons in seiner Theateradaption in den besten Momenten schräger Slapstick, allerdings erschöpft sich seine Inszenierung weitgehend darin, zumindest was den Bereich über Deck angeht, unter Deck hat er dann noch Teile aus einem weiteren Stück eingeflochten, aus Eugene O’Neills "Der haarige Affe" von 1921. Das ist eine Art "Die Schöne und das Tier"-Geschichte, in der ein Heizer nicht wie bei Fellini stummer Zaungast bleibt, sondern sein Elend in die Welt posaunt.

Allerdings wirken diese Einsprengsel eher überflüssig, was vor allem auch an O’Neills kaum zu verbergender Plakativität liegt, sie dehnen den ohnehin zerdehnten Abend noch mehr. Zugleich zeigt sich unter anderem auch hier, dass der Intendant der Münchner Kammerspiele ein politisch bewegter Sozialromantiker ist. Das ist durchaus sympathisch, nur kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich an Fellinis "E la nave va" gründlich verhoben hat.

Das kann man von dem Dries Verhoeven nicht behaupten, der den zweiten Abend der Saisoneröffnung an den Münchner Kammerspielen bestritt. Der Niederländer, Jahrgang 1976, ist mit seinen Arbeiten auf der Suche nach Möglichkeiten, die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben und reiht sich damit in jene Theateravantgarde ein, die dem Theaterbesucher unmittelbare Erfahrungen vermitteln wollen. An den Münchner Kammerspielen verwirklichte er nun unter dem Titel "Dunkelkammer" ein Projekt mit sechs blinden Darstellern. Dunkelkammer ist kein kitschgefährdetes Dokumentartheater aus der Welt der Blinden, auch wenn man in ihm tatsächlich einiges über diese Welt lernt, nein, vor allem im ersten Teil erfährt man viel über die Welt des Sehens und Gesehenwerdens, wenn auch aus der Perspektive der Blinden, denen aber wir wiederum erst gesagt haben, wie diese Welt aussieht. Was natürlich viel darüber aussagt, wie wir die Welt wahrnehmen und das heißt auch wahrnehmen wollen und interpretieren.

"Deine Augen haben Hunger, deine Augen wollen verwöhnt werden. So wie deine Ohren Chopin hören wollen, deine Zunge nach Steak verlangt, so wünschen deine Augen sich Schönheit. Eyecandy."

Da geht eine Frau durch den Münchner Hofgarten und über die Münchner Maximilianstraße. Sie ist blind. Sie schiebt einen Handwagen, deren vier Kameras eine Art Rundpanorama in die Spielhalle der Münchner Kammerspiele projizieren, Gebäude und Bäume, Menschen und Verkehr. So nehmen wir die Welt normalerweise wahr, und sie, die Blinde, deren Gesicht ganz nah an einer der Wände erscheint, sie analysiert diese Wahrnehmung für uns.

Im zweiten Teil der Dunkelkammer dann konfrontiert uns Dries Verhoeven unmittelbar mit seinen Darstellern, darunter eine Opernsängerin, ein Tänzer, eine Pianistin. Doch wo wir zunächst nur auf die Blinden reagieren, mit allen vorgefertigten Mechanismen, präsentiert Verhoeven zugleich die Künstler, die uns mit ihrem Tanz, mit der Musik über diese Mechanismen hinweghelfen. Und immer wieder wird der Raum auch fast völlig dunkel, taucht man für kurze Zeit zumindest ein in die Wahrnehmungswelt jener, die uns dieses Theater gegenüberstellt.

Dries Verhoeven Dunkelkammer hat sicherlich nichts Spektakuläres, ist eher eine leise, kontemplative und dabei auch sehr liebevolle Performance, die aber vielleicht gerade deshalb eine Art sanfte Nachhaltigkeit entwickelt, die einem diese Erfahrung im Gedächtnis halten wird.

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