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StartseiteGesichter EuropasVom Rand in die Mitte der Gesellschaft08.11.2008

Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft

Roma in Siebenbürgen

Auf über acht Millionen wird die Zahl der Roma in Europa geschätzt. Die größten Gemeinschaften leben in Osteuropa. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil viele von ihnen ihre ethnische Zugehörigkeit nicht angeben, aus Angst vor Diskriminierung. Der Europarat hat die Roma durch seine Konvention zum Schutz der Minderheiten zumindest auf dem Papier unter seine Fittiche genommen - nun müssen Maßnahmen zur Förderung der Sprache und Kultur in Schulen und im öffentlichen Leben ergriffen werden.

Mit Reportagen von Sabine Adler, am Mikrofon: Thilo Kößler

In Sibiu ist man sich der schwierigen sozialen Situation der Roma bewusst. (AP Archiv)
In Sibiu ist man sich der schwierigen sozialen Situation der Roma bewusst. (AP Archiv)
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Eine junge Romni im rumänischen Bradej über Kindheit, Schule und Ausbildung

"Ich war nicht in der Schule, überhaupt nicht. Ich komme aus einem kleinen Ort bei Agneta und bin mit 14 verheiratet worden. Unsere beiden Kinder sind auch schon aus der Schule raus. Die Tochter hat vier Klassen absolviert, der Sohn sechs."

Und eine Schriftstellerin über die Situation der Roma in Rumänien.

" Wir befinden uns in einer Randsituation, aber deshalb sind dennoch nicht alle gegen uns. Wir Roma selbst müssen die Roma besser bekannt machen, ihnen eine Stimme geben. Wenn man dich kennt, bist du nicht mehr am Rande."

Gesichter Europas an diesem Samstag: Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft - Roma in Siebenbürgen. Eine Sendung mit Reportagen von Sabine Adler. Am Mikrofon begrüßt Sie Thilo Kößler.

Mit den jüngsten Erweiterungsrunden der EU sind auch die Roma in Mittel- und Osteuropa zu Mitgliedern der Europäischen Union geworden - und zu ihrer größten ethnischen Minderheit. Auf zehn bis zwölf Millionen wird ihre Zahl geschätzt - mehr als Dänen und Finnen zusammen. Doch niemand kennt die genaue Zahl. Viele Roma verschweigen ihre Herkunft. Und das ist kein Zufall: Es ist nicht leicht, ein Rom oder eine Romni zu sein. Die meisten von ihnen leben am untersten Rand der Gesellschaft - und am äußersten Rand der Städte und Dörfer.

Das ist auch in Rumänien so. Und doch gibt es einen Unterschied: Die zwei Millionen Roma in Rumänien, die sich selbst Zigani nennen, sind nur eine von 19 anerkannten Minderheiten, denen das besondere Augenmerk des Staates gilt: Sie sind im Nationalparlament vertreten und in den kommunalen Parlamenten - und ihre kulturellen und sozialen Einrichtungen werden öffentlich gefördert.

So kommt es, dass die rumänische Minderheitenpolitik heute als besonders fortschrittlich gilt - und Sibiu, Hermannstadt, ist dafür ein gutes Beispiel. In Hermannstadt gibt es einen Bürgermeister aus der Minderheit der Siebenbürger Sachsen. Und einen König aus der Minderheit der Roma. Der eine ist demokratisch legitimiert. Der andere selbst ernannt: Ein König ohne Land sozusagen - und doch wird er von vielen Roma in ganz Europa anerkannt.


Hermannstadt und seine vielen Minderheiten: Ein deutschsprachiger Bürgermeister und der König der Roma

Hermannstadt, das 2007 europäische Kulturhauptstadt war, ist das Herz Siebenbürgens. Seit ein paar Stunden ist Sibiu, wie die Stadt auf Rumänisch heißt, um eine Attraktion reicher. Das Cafe Wien lädt seit neuestem zu Melange und Sachertorte ein.

Zwölf Uhr: Während sich die Touristen die Ohren zuhalten, so laut und vor allem lang läuten die Glocken der gotischen Evangelischen Kirche, verzieht Georg Daniel Teutsch keine Miene. Wäre der erste lutherische Bischof nicht aus Stein, er könnte von seinem Sockel auf dem Huetplatz aus durch die schmale Brukenthal-Gasse bis hin zum Rathaus blicken.

In der ersten Etage residiert Klaus Johannis, seit acht Jahren Bürgermeister von Sibiu, das die Rumäniendeutschen am liebsten nur noch Hermannstadt nennen, weil die Bezeichnung zu Zeiten des Diktators Ceausescu verboten war. Viel Zeit für einen Blick aus dem Fenster hat sich der deutschstämmige Politiker wohl nie genommen, obwohl kaum jemand eine bessere Aussicht auf die Piata Mare hat, den weiten Platz mit seinen Wasserspielen, der der Großen Ring genannt wird.

Der Bürgermeister, der von Haus aus Physiker ist, hat aus dem mittelalterlichen Städtchen das Silikon Valley Rumäniens gemacht und wurde dafür bei der Wahl im Juni im Amt bestätigt. Von über 80 Prozent der Hermannstädter, die größtenteils Rumänen sind. Aber auch die Roma gaben ihm ihre Stimme, die Deutschen sowieso. Er ist selbst Vertreter der inzwischen auf 1,5 Prozent zusammengeschrumpften Siebenbürgersachsen und kennt damit die Sorgen einer nationalen Minderheit, wobei auch der Bürgermeister nicht sagen kann, wie viele Roma in Sibiu leben.

"Es ist so, dass sich die meisten Roma nicht als Roma erklären, sondern als Rumänen bei Volkszählungen und andererseits ist ein sehr hoher Prozentsatz der Roma nicht angemeldet. Die Schätzungen sind, dass in Hermannstadt etwa vier bis fünf Prozent der Bevölkerung Roma sind."

Johannis braucht nur einen Blick aus seiner Amtsstube auf den Großen Ring zu werfen und schon sieht er die bettelnden Roma, die auf dem sonnigen Platz von Cafe zu Cafe ziehen. Ein kleiner Prozentsatz, beschwichtigt er, die meisten Roma in Hermannstadt hätten Arbeit.

"Nein, wir haben die Leute selbst eingesammelt, ins Übernachtungsheim gebracht, gewaschen, gekleidet und nach Hause geschickt. Das war natürlich für die Bettler sehr kontraproduktiv, weil bei der ganzen Prozedur ging sehr viel Zeit verloren, in der sie nicht betteln konnten. Es hat dann irgendwann so weit funktioniert, dass es nur noch sehr wenige davon gab. Bettlerei ist eine sehr profitable Angelegenheit, und ich gehe mal ganz einfach davon aus, dass ein Teil derer, die sich damit beschäftigt haben, etwas anderes zu tun gefunden haben, beziehungsweise ein Teil ganz einfach von dem Hintermann sonstwohin geschickt wurde."

Gewaschen und neu eingekleidet sind sie zu sauber für das Betteln. Dass damit das Problem nicht verschwunden ist, weiß der Bürgermeister, der es lieber sähe, wenn Bedürftige statt zu betteln Almosen annähmen, die der Staat bereithält. Von den wenigen reichen Roma in Hermannstadt sei keine Hilfe zu erwarten.

"Es gibt an einem Ende sehr viel Geld, was dann noch unnötig ausgegeben wird. Am anderen Ende gibt es sehr große Not. Die Kohäsion der Roma-Gruppen ist nicht aufgebaut auf soziale Solidarität. Da gibt es keine Umverteilung. Weil: Die Kultur der Roma ist nicht auf Solidarität baut. Die nehmen das als normal und gut an, dass manche viel haben und andere haben Pech, die haben weniger. Es sind nun mal so: Eine ganze Reihe von sozial Bedürftigen sind Roma. Aber da machen wir keine großen Unterschiede. Wenn einer etwas nötig hat, dann ist es ziemlich egal, ob der Roma, Rumäne oder Deutscher ist."

Er weist auf ein Foto in der Hermannstädter Zeitung auf seinem Schreibtisch, das ihn mit dem selbsternannten sogenannten Roma-König Florin Cioaba zeigt. Es gäbe auch einen Kaiser, der sich so nannte, weil er mehr sein wollte als der König, und andere offizielle und inoffizielle Roma-Vertreter. Die höchste, wenn gleich nicht ganz so hohe Autorität wie einst sein Vater, genießt Florin Cioaba, Sohn des ersten gewählten und später in Costetschi gekrönten Roma-Königs Ion Cioaba.

Er empfängt uns in der Villa, die ihm sein Vater hinterließ. Sie liegt an einer Tag und Nacht stark befahrenen Durchgangsstraße, über die der gesamte Gütertransitverkehr durch Hermannstadt rollt und die Gebäude zum Vibrieren bringt. Auf dem einst weiten Grundstück drängen sich zwei protzige Anbauten für die Söhne, davor drei Mercedeslimosinen neuester Bauart.

Er entsteigt einem älteren Wagen, entlädt jede Menge Plastiktüten zusammen mit seiner Frau, die mürrisch die Besucher beäugt und in einer harschen Geste ihre bis auf die Brust reichenden grauen dünnen geflochtenen Zöpfe nach hinten wirft.

Der König bittet zur Audienz in einen Raum mit Empore, nimmt Platz neben dem Thron auf einem weiß-goldenen Schleiflack-Sofa.

"Dies ist der Thronsaal, in dem ich meine hohen Gäste empfange, Politiker, Geschäftsleute, hier trifft sich auch der Thronrat. Und meine Krönung hat hier stattgefunden, 1997, vor elf Jahren. Direkt am Sarg meines Vaters, der hier aufgebahrt war."

Über den Glastisch schieben des Königs dicke Finger seine Visitenkarte, das Foto darauf zeigt ihn mit Zepter und Krone. Die Suche ist vergeblich: Beide Insignien der Macht befinden sich nicht im Raum, nicht einmal im Haus.

"Die Krone besteht aus massivem Gold, wie das Zepter. Beides liegt in der Bank. Für uns Nomaden war das Gold außerordentlich wichtig, weil wir schließlich nicht in Grundstücke und Häuser investieren konnten. Gold konnte in kleinen Portionen mitgenommen und überall versteckt werden. Für die Frauen war es eine wichtige Mitgift, sie konnten nicht heiraten, wenn sie keine Goldmünzen hatten."

Als König, so erklärt der beleibte Mittfünfziger mit melancholisch ins Leere blickenden Augen, vertrete er die Kalderasch, die Kupfer- und Kesselschmiede, die Metallarbeiter und Händler, rund 70.000 Roma in Rumänien. Er sei eine Art Außenminister. Und Ansprechpartner für die regierenden Politiker auf Stadt- und Kreisebene und darüber hinaus. Die Zusammenarbeit wird intensiver, nicht nur weil sich die Roma endlich selbst politisch engagieren, sondern weil sie nun wirklich abzielt auf die Verbesserung ihrer Lebenssituation.

"Erstmals seitdem Rumänien in der EU ist, haben die Roma die Möglichkeit, ihre Papiere in Ordnung zu bringen. Wir haben in Rumänien rund 500.000 Roma gänzlich ohne Papiere. Sie besitzen keinen Personalausweis, keinen Pass aber auch keinen Eigentumsnachweis für ihren Grund und Boden, ihre Häuser. Inzwischen konnten wir etliche anmelden, und langsam hoffen wir, dass das zur Normalität gehört. Ohne die EU-Zuschüsse hätten wir das nicht geschafft."



Die Herkunft der Roma verliert sich ebenso im Dunkel der Geschichte wie ihre Wanderung nach Europa: Linguisten haben herausgefunden, dass ihre Sprache, das Romanes, auf einen nordindischen Dialekt zurückgeht. Im 12./13. Jahrhundert soll dieses wandernde Volk aus Indien Griechenland erreicht haben, Anfang des 14. Jahrhunderts wird es bereits in einer tschechischen Chronik erwähnt. Doch sie selbst haben Geschichte und Geschichten nur mündlich weitergegeben - es gibt keinerlei authentische Aufzeichnungen. Die Roma - und all die verschiedenen Stämme, Clans, Kasten und Zünfte, die heute als solche bezeichnet werden - haben keine literarische Tradition.

Oder besser: fast keine. Matéo Maximoff, Anfang des 20. Jahrhunderts in Barcelona geboren, gilt als der erste namhafte Roma-Romancier. Und Luminitza Cioaba als eine der ganz wenigen Roma-Dichterinnen: Die Schwester des Königs aus Hermannstadt, die sich auch Prinzessin nennt, hat es bereits auf etliche Gedichtbände gebracht.

" Der Regenhändler

Ein Händler fuhr vorbei in einem alten Wagen
gezogen von zwei altersschwachen Pferden
die viele Lenze
Sommer
Herbste
Und Winter
erlebt hatten
immer wieder fuhr er vorbei
und manchmal weinte er auch
weil niemand in der Stadt etwas kaufen wollte

Er verkaufte
die Luft nach dem Regen
die die Lungen verwandelt
in Fässern mit Seerosen geschmückt

Eines Tages
gab ich ihm alles, was ich hatte
obwohl ich wusste, dass ich heimgehen würde
in das Gebirgsdorf
wo es Luft genug gab, um sie zu verschenken.

Der Händler war sehr alt
aber in seinen Augen trug er
das Kleid des Regens aus aller Welt
und er lächelte mir zu
und gab mir alles
die Pferde und den Wagen
und die mit Seerosen geschmückten Fässer

Seither fahre ich vorbei
mit dem alten Wagen
mit den schwachen Pferden
und lebe auf Erden
als Händler für frische Luft
klare Luft
durstige Luft
Luft nach dem Regen

Kommt herbei
kauft
kauft
kostenlos
ich gebe sie euch.
Kommt, nehmt."

Die Lyrikerin Luminitza Cioaba greift in ihrem Gedicht vom Regenhändler ein romantisches Klischee auf - das Klischee des Lebens von Luft und Liebe. Doch auch sie weiß: Von Luft und Liebe kann niemand leben.

Das wussten auch die Teilnehmer des ersten europäischen Roma-Gipfeltreffens, zu dem Mitte September die Europäische Kommission eingeladen hatte: Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, fand nur bittere Worte für die soziale Lage der Roma in Europa: Er sprach von völlig unzumutbaren Lebensbedingungen in Stadtvierteln ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation oder Strom. Er sprach von einem Leben ohne Bildungschancen. Von Ausgrenzung und Diskriminierung. Von Gewalt und rassistischer Hetze, von Schikanen und Willkür.

Der Bericht der EU-Kommission kommt zu demselben Ergebnis: "Die meisten Roma leben unter Bedingungen, die im Europa des 21. Jahrhundert nicht akzeptabel sind", heißt es da.

275 Millionen Euro sind in den letzten Jahren allein aus dem Europäischen Sozialfonds in Projekte für Roma in ganz Europa geflossen. Im Jahr 2005 wurde die sogenannte Roma-Dekade ins Leben gerufen. Es gibt einen europäischen Aktionsplan und es gibt einen europäischen Bildungsfond.

Doch mit Geld allein ist es nicht getan. Grundsätzlich hat sich an der Situation der Roma nichts verändert. Das weiß auch Luminitza Cioaba, die Schriftstellerin, Prinzessin und Schwester des Roma-Königs.


Die Versöhnung von Tradition von Moderne: Eine Roma-Schriftstellerin und das Credo der guten Bildung

Wer sie als Roma-Poetin kennenlernen will, so hat Luminita Cioaba gesagt, müsse mit ihr in die Natur hinaus. Am besten an ihren Lieblingsplatz, einen Wildbach in den Karpaten, am Rande einer Ortschaft, dort, wo die meisten Roma bis heute wohnen. Noch immer fühlen sich die Roma als Außenseiter, müssen herhalten als Sündenböcke, doch das Gefühl "Wir gegen den Rest der Welt" schwinde allmählich, sagt die Roma-Dichterin:

"Wir befinden uns in einer Randsituation, aber deshalb sind dennoch nicht mehr alle gegen uns. Wir Roma selbst müssen die Roma besser bekannt machen, ihnen eine Stimme geben. Wenn man dich kennt, bist du nicht mehr am Rande. Das wichtigste, was wir benötigen, ist Bildung. Ohne Bildung kannst du nicht in die Welt raus, und wirst nichts zu sagen haben in der Welt."

Jetzt hat sie die Nadel verloren. Auf dem bunten Tellerrock, an dem sie während unseres Gesprächs näht, ist die Nadel nicht auffindbar. Auf der Decke, auf der wir am Bach sitzen, auch nicht. Die Arbeit an der Zigeunertracht, die Luminita als Mädchen so hasste, muss ruhen. Dabei fehlten nur noch wenige Stiche, den letzten Volant am Rock festzunähen. Als mittlerweile über 50-Jährige trägt sie die Tracht heute mit Stolz.

So, in der Tracht hat Beatrice Ungar, ihre Übersetzerin ins Deutsche, Luminita kennengelernt. Beatrice, die Rumänendeutsche, kennt die Roma-Poetin besser als jeder andere Gadsche, Nicht-Roma. Luminita ging in Beatrice' Schule, was in den 70-er Jahren, als die Schule längst obligatorisch für Roma-Kinder war, immer noch für Aufsehen sorgte.

"Der Vater hat sie zwar zur Schule geschickt, aber in der Tracht. Ich weiß, dass wir ihr oft geholfen haben, diese Tracht abzulegen und wir sind dann neben ihr gelaufen, damit kein Rom sie sieht, dass sie einen kürzeren, einen Uniform-Rock anhatte."

Gemeinsam verbrachten Beatrice und Luminita ihre Freizeit, nahmen teil an Wettbewerben beim Orientierungslauf, bei denen Beatrice auffiel, wie sicher sich das Roma-Mädchen in der Natur zurechtfand.

"Wir sind ungefähr seit 25 Jahren befreundet. Ich hatte immer Zugang. Ich habe auch ihren Vater kennen- und schätzen gelernt. Das war so eine Integrationsfigur, und sein Traum war, eine Einheit der Roma hervorzubringen. Die waren ja total zerstritten, bis heute bis aufs Blut. Die Securitate hat auch dort gearbeitet, es waren ja auch unter ihnen welche."

Der Verkauf der selbstgeschneiderten farbenfrohen Blusen und Röcke Trachten bringt Luminita Cioaba zusätzliche Einnahmen, die sie dringend braucht. Die Schriftstellerei ernährt sie nicht, obwohl sie immer davon träumte, nur für sie zu leben, schon als sie in der Schule der Rumänischlehrerin gefallen wollte.

"Ich habe von ihr habe ich viel Unterstützung bekommen. Ausgerechnet ich, eine Romni, war ihre Lieblingsschülerin. Vielleicht, weil ich gern Gedichte auswendig lernte und sie nicht wie die anderen einfach runterratterte, sondern sie mit Inbrunst vortrug. Die Lehrerin hat uns mit den Biografien von Schriftstellern bekannt gemacht. Ich sah diese Autoren wie im Film vor mir und wünschte mir nichts sehnlicher, als ein Leben als Schriftstellerin. So sollte man mal über mich sprechen. Ich begann zu schreiben."

Niemand in ihrer Familie verstand, welcher Sinn im Schreiben von Büchern liegen soll. Der Vater fand es unschicklich, dass die Prinzessin öffentlich ihr Herz ausschüttete. Eine Roma-Frau war dazu geboren, Leben zu schenken. Dass sich die Tochter des damals gewählten Roma-Königs Ion Cioaba nicht darum scherte, trug ihr den Ruf einer kapriziösen Person ein. Ein Ruf, der sie nicht verletzte, sondern ihr schmeichelte, den sie fortan pflegte. Die Bücher sind ihre Kinder, meint sie pathetisch.

"Als ich zum ersten Mal öffentlich aus meinen Gedichten las, habe ich beim Anblick des vollen Saales fast geweint. Meine Schwester Violetta sagte, sie kenne dieses Gefühl von der Geburt ihrer Kinder. Und ich heulte wie ein Schlosshund, als die Maschinen in der Druckerei die Blätter mit meinen Gedichten ausspuckten. Ich weinte vor lauter Sorge, dass mein Herz jetzt leer wäre. Der Drucker tröstete mich und sagte: Luminitza, das ist dein erstes Buch. Du wirst noch andere schreiben. Es ist jedes Mal das Gleiche."

Ihre Kinderlosigkeit sei die Strafe für ihre Schriftstellerei, gifteten die Frauen der Familie. Andere, Schriftstellerkollegen, mutmaßten, dass Luminita gar nicht selbst reime, sondern der schillernde Kalderasch-König jemand für das Dichten anheuerte, die Zeilen dann als Werke seiner Tochter ausgab, um damit einmal mehr auf sich aufmerksam zu machen. In Wahrheit interessierte sich der Vater keinen Deut für die Poesie.

"Meiner Mutter gefielen die Gedichte, die ich ihr vorlas. Sie selbst war des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Aber sie konnte wunderbar Geschichten erzählen und reimen!"



" Die Wurzel der Erde

Ich bin sicher, noch liebe ich dich
Deshalb ersteht die Wurzel der Erde wieder auf
Im Morgengrauen laufen meine Schritte
Im Herzen des Waldes

Ich weiß es nicht
Warum
alle Kinder des Frühlings
in meine Haare fliegen
ich wache auf
in den Straßen der Stadt
Wo du wartest.

Seltsam
die Passanten, alle Passanten
bleiben stehen
drehen sich um
und zeigen auf mich."

Der rumänische Soziologe Nicolae Gheorghe, selbst ein Rom, hat einmal gefordert, dass die Roma-Gemeinschaft endlich bereit sein müsse, sich selbst zu helfen. Doch auch er sieht dabei viele Hindernisse.

Die Roma befinden sich in einem schmerzlichen Spagat zwischen den ihren eigenen Werten und denen der Leistungs- und Konsumgesellschaften, in denen sie leben. Tradition und Moderne sind nur schwer in Einklang zu bringen. Die Kulturen und Lebensformen unterscheiden sich und stehen sich im Weg. Der uralte Gegensatz zwischen sesshaftem und nomadischem Leben ist m Grunde immer noch spürbar - obwohl die meisten Roma längst sesshaft sind.

Doch die strikten Regeln des Zusammenlebens sind dieselben geblieben. Was zählt, sind Familienwerte. Der bedingungslose Zusammenhalt. Was zählt, ist der alte Sittenkodex: Wer eigene Wege geht, wird ausgeschlossen. Frauen dürfen den Machtanspruch der Männer nicht infrage stellen. Kinder dürfen nicht mehr wissen als ihre Väter. Töchter dürfen sich ihre Ehemänner nicht aussuchen und werden schon im Alter von 13 oder 14 Jahren verheiratet. Und die Söhne sollen sich Handwerksberufen zuwenden, die im Zeitalter von industrieller Massenfertigung, von Computer und Internet, auszusterben drohen. Die soziale Hierarchie folgt immer noch dem tradierten Kastendenken - von unten nach oben. Von der Kaste der Hundeesser, über die Kaste der Pferdehändler, der Bärenführer, Scherenschleifer, Kupferschmiede, Juweliere.

Das ist nicht mehr zeitgemäß - viele Roma sind förmlich aus der Zeit gefallen. Spurensuche in Bradej in Siebenbürgen - Kulturbrüche in einer Kulturlandschaft, die heute zum Weltkulturerbe zählt.


Kulturbrüche in einer Welt der strikten Regeln: Besuch bei den Kupferschmieden in Bradej

Der Ort Bratej ist so lang wie die ungeteerte Straße mittendurch. Gesäumt wird sie von geräumigen aber unverputzten Einfamilienhäusern aus roten Ziegelsteinen, deren fensterlose Giebel zur Straße zeigen, als wollten sie sich abwenden von den Fremden da draußen. Dazu verwehren hohe Metallzäune jedes Linsen in die Gehöfte. Häuser und Straße trennt ein Rasenstreifen, auf dem sich bei schönem Wetter, wie heute, das Dorfleben abspielt.

Das Schwätzchen mit den Nachbarn, das Spiel der Kinder, die Arbeit der Männer. Sie nennen sich Kalderasch. Kaldera ist der eigentliche Familienname und zugleich ihre Berufsbezeichnung: Kupferschmiede und Metallarbeiter.

Ein bärtiger, fast kahlköpfiger Mann kniet im Gras vor einem dickbäuchigen Kessel, den er selbst mit beiden Armen nicht umfassen kann. Ein Destillationsapparat für eine Schnapsbrennerei. Das Kupfer glänzt in einem warmen Rot-Ton. Erst wenn der Kessel so blank ist, dass er die Sonne in gleißenden Strahlen reflektiert, wird er zum Kauf angeboten. Dann bringt er mehr als 1000 Euro ein.

Ein Knirps von vier Jahren reicht dem Kupferschmied Werkzeug, das auf dem Rasen zwischen den Spielsachen des Jungen verstreut liegt. Die Söhne der Kalderasch können früher einen Hammer halten als laufen, heißt es.

Vor dem nächsten Haus sitzt ein Mittvierziger auf einem umgedrehten roten Kopftopf vor einem guten Dutzend Mokkakännchen. Er trägt einen breitkrempigen schwarzen Hut und eine schwarze Weste mit den Silberknöpfen, Erkennungszeichen der Kalderasch.

Mit kurzen Schlägen nietet er an eine kleine Kupferkanne den typisch langen Stiel. Den Bauch des Gefäßes haben feine Hammerschläge bereits schuppig gemustert. Der Verband um den rechten Daumen verrät, dass nicht jeder Schlag richtig trifft. Traijan Kaldera schaut seinem Cousin über die Schulter. Traijan ist nicht nur der Jüngste in dieser Runde, er ist der auch gesprächigste. Der Ruf, unfreundlich Fremden gegenüber zu sein, eilt den Kalderasch voraus. Doch als sie Beatrice Ungar, ihre frühere Lehrerin erkennen, öffnen sich die Hoftore.

Wir werden ins blitzblanke Wohnzimmer gebeten, wo wir auf dem Sofa Platz nehmen unter einem Wandteppich, der das Jesuskind im Stroh samt der heiligen Familie zeigt. Traijan Kaldera gibt sich weltmännisch. Sein Englisch stammt von einem Aufenthalt in den USA.

"Ich baue gerade eine Website auf, um damit unsere Familie und die Gemeinschaft der Kalderasch-Kupferschmiede vorzustellen und darüber unsere Produkte weltweit zu verkaufen."

Der 32-jährige Rom wurde ins Kommunalparlament gewählt und kämpft nun um EU-Mittel. Die Straße soll geteert werden. Dass das Dorf endlich einen Anschluss an die Kanalisation bekommt, steht zu 99 Prozent, wie er versichert, fest. Traijan Kaldera bemüht sich per Internet um Kontakte zu ethnologischen Museen, denn dass das Handwerk, das sie hier von Generation zu Generation weitergeben, nicht mehr lange alle ernähren wird, deutet sich schon jetzt an. Kaum jemand brennt noch schwarz Schnaps, und seitdem überall Kaffee- und Espressomaschinen angeboten werden, stagniert der Absatz ihrer Mokka-Kesselchen. Bleiben komplizierte Sonderanfertigungen, auf die sich die Kesselschmiede schon jetzt spezialisiert haben. Der stolze und auch wohlhabende Romastamm stellt sich ein auf die neue Zeit.

"Wir Kalderasch-Roma haben zwar strenge Regeln, aber die widersprechen nicht den Gesetzen des Landes. Ebenso wenig widerspricht ein Studium unseren Regeln."

Könnte Ihre Tochter Computerexpertin werden?

"Computer sind inzwischen die rechte Hand des Menschen, wir müssen sie nutzen, so wie alles, was der Gemeinschaft der Roma dient."

Mit seinen grünen Augen, den langen Wimpern, dem feingeschnittenen Gesicht hat Traijan wahrscheinlich nicht nur Eca den Kopf verdreht. Bevor Eca Traijan heiratete, hieß sie mit Nachnamen Tschura, Siebhersteller. Ein Nachname, der dokumentiert, dass auch sie zum großen stolzen Stamm der Kalderasch, der Kesselschmiede und Metallarbeiter, gehört.

Computer, Studium sind für Eca, Traijans Angetraute, weit weg. Sie empfängt uns vor dem neuen Haus, das eher die Bezeichnung Villa verdient. Wie viele Quadratmeter Wohnfläche sie bieten wird, kann sie nicht sagen, da sie nicht weiß, was Quadratmeter sind. Eca Kaldera, 31Jahre alt, ist Analphabetin.

"Ich war nicht in der Schule, überhaupt nicht, komme aus kleinem Ort bei Agneta und bin mit 14 verheiratet worden. Unsere beiden Kinder sind auch schon aus der Schule raus. Die Tochter hat vier Klassen absolviert, der Sohn sechs. Unser Mädchen ist zwülf Jahr alt, unser Sohn 14."




" Kein Zurück

Welche Ruhe heute.
Vergessen ist der Tag
Es könnte ein Sonntag sein.

Kaum zu glauben,
dass die wilden Mohnblumen
ihren Schwur brachen,
als sie aus dem Tod erblühten
und sich im Kornfeld verloren.

Welche Ruhe.
Soviel weiß ich:
Es würde mich wundern,
wenn es Montag wäre.
Mein Mädchen
hat dem Lämmchen
Perlen um den Hals gehängt.

Welche Ruhe.
Ich fühle nichts,
ist es vielleicht Dienstag?
Vielleicht irre ich,
aber ich sah
eine tote schwarze Schlange auf dem Weg
und ich hatte Angst.

Welche Ruhe,
ich glaube,
heute ist Mittwoch.
Und siehe, in dem Krug
ist alles verdorrt.

Zu viel Ruhe,
es ist Donnerstag
und das Wasser der Quelle
ist ins Gebirge
zurückgekehrt,
hat sich versteckt,
vor meinen Augen.

So viel Ruhe
und es ist vielleicht Freitag,
es fließt noch Blut durch die Venen,
es ruht die Ruhe in dem Grab,
deshalb rufe ich,
es ist Sonnabend
oder was es eben ist.

Stoppt
so viel Ruhe,
wenn es geht,
damit wir wissen, an welchem
Tag wir leben."

Die Roma sind arm, weil sei arbeitslos sind. Sie sind arbeitslos, weil sie ungebildet sind. Und sie sind ungebildet, weil sie arm sind. Das ist der Kreislauf der Armut, der das Leben der Roma bestimmt.

Ihre Lebenserwartung liegt zehn bis 15 Jahre unter dem europäischen Durchschnitt. Die Kindersterblichkeit um das Doppelte höher. Jedes dritte Roma-Kind wächst immer noch hungrig auf.

Wo soll man anfangen, um diesem Elend ein Ende zu machen? Bei den Kindern. Da sind sich die rumänischen Behörden mit den Nicht-Regierungsorganisationen, den kirchlichen Stiftungen und Privatinitiativen einig. Ein Kind, dem er Magen knurrt, kann nicht lernen. Und ein Kind, das nicht lernt, hat keine Chance, jemals aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen.

Anders als in anderen Ländern Osteuropas, werden Roma-Kinder in Rumänien nicht mehr unter dem Vorwand in Sonderschulen gesteckt, sie seien geistig und körperlich zurückgeblieben. In Rumänien beginnen die vielen Bildungs- und Förderprogramme zu greifen, die auch von der Europäischen Union unterstützt werden. Selbst auf dem Land ist das zu spüren - zum Beispiel in Rustschor, Reußdörfchen, in der Nähe von Sibiu, Hermannstadt.


Füttern, fördern, fordern: Eine Privatinitiative hilft Roma-Kindern mit Unterstützung der EU

"Es ist schön, wenn man sich wiedersieht, wenn man sich begegnet."

Gut drei Dutzend Gläubige lauschen Pfarrer Dietrich Galter, der vor dem Gottesdienst jedes Gemeindemitglied per Handschlag begrüßt hat. Den vier Greisinnen vorn hat das Alter die Rücken gebeugt, ihren Willen, sich zum Kirchgang sonntagsfein herauszuputzen, aber nicht. Blaue Schürzen mit weißen Tupfen schützen die schwarzen Taftröcke, aus den schwarzen Samtjäckchen ragen blütenweiße gestärkte Spitzenkragen. Die wackligen Köpfe sind in dunkle Tücher gehüllt. Eine stützt sich mit der rechten Hand auf einen hölzernen Gehstock, die knotigen Finger ihrer linken halten eine rosafarbene Rosenblüte, die sie nach dem Gottesdienst Pfarrer Galter überreichen wird. Ein alter Brauch.

Nach dem Gottesdienst beginnt für die rund 40 Kirchgänger der lang ersehnte gemütliche Teil des Tages, sie lenken ihre Schritte Richtung Pfarrhaus, nehmen Platz auf langen Bänken an gedeckten Tischen. Das gemeinsame Mittagessen im Pfarrhaus beginnt mit dem Tischgebet. Der Suppe folgt Gulasch, dem als Dessert köstliches selbstgemachtes Erdbeereis. Zum Schluss werden die Schnapsgläschen gefüllt.

Anders als in der kleinen Dorfkirche nebenan, die meist leer steht, herrscht im Pfarrhaus jeden Tag solcher Hochbetrieb wie heute, nur dass an den Wochentagen das Publikum Jahrzehnte jünger ist. Das Pfarrhaus mit seiner einladenden Veranda, dem großen Gemüsegarten und Obstbaumrain dient als Tagestreff für Schulkinder. Laut einer UNO-Statistik leidet jeder dritte Roma in Rumänien täglich Hunger, nur jeder sechste hat wirklich genug zu essen. Hermine Jinga hat die Statistik nicht gelesen, die ehemalige Lehrerin weiß dafür aus Erfahrung, dass sie Roma-Kindern zuallererst einmal satt zu essen geben muss.

""Es kommen 35 Kinder, sie kommen mit großer Freude, sie schlucken das, dass man jeden Tag Hausaufgaben machen muss. Sie sind so lieb, wenn man sie sieht, fragt man sich: Welche Schuld haben diese Kinder, welches ist ihre Schuld? Dass sie in so einem Milieu geboren sind? Ihnen muss man helfen. Wir geben das warme Mittagessen, kräftiges warmes Mittagessen, denn einige brauchen es dringend."

Die Hausaufgabenhilfe wendet sich keineswegs ausschließlich an Roma, sondern ebenso an Rumänen, Ungarn und Deutsche des Multinationalitätenstaates Rumänien. Kinder der rumänischen Mehrheit sind nicht selten ebenso bedürftig wie Roma, deutsche Kinder gibt es so gut wie gar keine. Ohne die deutschstämmigen Alten des Ortes aber gäbe es das Projekt wahrscheinlich nicht. Mitstreiterinnen wie die schmale 67-jährige Hermine Jinga, deren liebevolle Augen durch die Brillengläser noch größer erscheinen. Sie sagt, dass Kinder schließlich keine Stühle sind, die man unfertig in der Ecke stehen lassen könne.

"Man würde sich wundern, denn man kennt sie so von der Straße, so wie sie rum werfen und manchmal auch garstige Wörter verwenden und so. Sie spielen sehr gerne Gesellschaftsspiele."

Sunhild Galter, in der man nicht die Pfarrersfrau vermuten würde, weil sie so gar nicht in die etwas altertümlich anmutende Gesellschaft passt - sie raucht und hat als Dozentin an der Hermannstädter Universität eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen - sie kann auf eine lange Erfahrung mit Roma-Kindern verweisen, kennt ihre Eigenheiten.

"Sie haben nicht die gleichen Voraussetzungen, die meisten. Aber das haben auch viele rumänische Kinder nicht. Zum Teil war es auch nicht unbedingt, dass die Eltern sich nicht hätten kümmern wollen, aber sie hatten nicht die Zeit, weil sie zwei, drei Jobs machten, um überhaupt überleben zu können. Die Kinder waren dann chronisch unterernährt. Zum Teil hat man ihnen immer wieder Strom abgeschnitten, wegen unbezahlter Rechnungen, da mussten sie bei Kerzenschein lernen."

Das staatliche Kindergeld macht in den meisten Roma-Familien knapp die Hälfte ihrer gesamten Einnahmen aus. Die Auszahlung knüpfen die rumänischen Behörden an den Schulbesuch der Kinder, ein Pragmatismus, den die langjährige Dorfschullehrerin und heutige Germanistikdozentin Sunhild Galter nur begrüßen kann.

"Ich habe Mütter gehabt, die dann in die Schule kommen und nur eine Bestätigung wollten, dass das Kind die Schule besucht. Dann fragte ich, in welcher Klasse das Kind sei, damit wir es finden. Dann sagt sie, na ich weiß nicht, aber. Wie alt ist es? Na so etwa acht, neun, zehn. Sag ich, ja wann ist es geboren? Na damals, als es so stark geregnet hat. Dann bis zuletzt wusste ich besser als die Mütter, wann ihre Kinder geboren wurden und in welcher Reihenfolge, weil ich die dann reihum sechs, sieben, acht Geschwister in der Schule hatte und ich konnte sie dann besser aufreihen als ihre eigenen Mütter."

Weniger als eine Woche vergeht, dass sich die Gemeindemitglieder wiedersehen, diesmal in Tschinku, Großschenk. Die Kronstädter und Hermannstädter Bachchöre und der Kirchenchor von Mediasch haben eingeladen zu einem Benefizkonzert zugunsten des abgefackelten Glockenturms von Bistritz. Den haben drei Roma-Jugendliche in Brand gesteckt. Die Konzertbesucher lassen kein böses Wort fallen, Hass, so wissen die überwiegend rumäniendeutschen Kirchgänger aus Erfahrung, wirkt wie ein Gift, das am Ende alle tötet.



"Der Gedichtegarten

An einer Straßenecke
Verkaufte ein Mädchen
im Frühling
gegen ein Lächeln
Gedichte.

Verwundert blieben
Die Leute stehen
Und kauften
Unzählige Lächeln
Sammelte sie
In ihrem Korb
Geflochten aus Gras
Aus Sternen
Aus herbstlichen Abenddämmerungen
Aus dem Wasser der Quellen
Aus dem Herzen der Steine
Aus dem Herzen der Bäume
Aus dem tobenden Wind

Und sie lachte
Und schlief ein
Und träumte
Von einem Tag im Frühling
An dem sie
ganz viel Lächeln
in ihrem Korb
sammelte."

Das Elend der Roma hat Geschichte. Sie gehören zu jenen ethnischen Minderheiten in Europa, die im Laufe der Jahrhunderte regelmäßig verfolgt, diskriminiert und entrechtet wurden.

In Rumänien wurden sie noch vor 150 Jahren als Sklaven zum Kauf angeboten. Als sie befreit wurden, entließ man sie schutzlos ins Elend. Im Nationalsozialismus wurden sie Opfer des Rassenwahns - eine halbe Million Roma kam in den Gaskammern ums Leben. Nach der Befreiung vom Naziterror wurden sie im sowjetischen Machtbereich Osteuropas zwangsweise sesshaft gemacht - wobei ihnen das sozialistische Gleichheitsversprechen zumindest Arbeit und Auskommen sicherte.

Als das Sowjetreich zusammenbrach, holte sie die Vergangenheit ein - es folgte ein Rückfall in Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Marginalisierung: In manchen Roma-Vierteln Rumäniens liegt die Arbeitslosigkeit heute bei 90 Prozent. Die meisten Roma sind der Meinung, dass es ihnen unter Ceauscescu besser ging.

Das soll sich ändern. Die europäischen und staatlichen Programme sollen Auswege aus der Armutsfalle weisen - mehr noch: Aus Fremden sollen Nachbarn, aus Staatsbürgern Mitbürger werden. Gleiche Rechte für alle, gleiche Pflichten - jenseits aller Klischees und Vorurteile. Eine Utopie des harmonischen Miteinanders.

Viele Roma befürchten, dass diese Vision ihren Preis haben wird - sie fürchten um Traditionen, Werte, ihre Identität. Und sie beschwören die Vergangenheit, die Bilder und Gerüche aus den Kindertagen, die Mythen und Geschichten ihrer Vorfahren.


Bilder und Gerüche aus Kindertagen: Der Versuch, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu versöhnen

Mit dem Wort Kumpanija werden Erinnerungen wach. Didi und Gabi Radu waren noch Kinder, einander bereits versprochen, als ihre Familien in den 60-er Jahren mit den Pferdewagen kreuz und quer durch Rumänien fuhren. Heute sehen die Radus, die längst keine eigenen Pferde mehr haben, die Gespanne nur noch auf der Straße vor ihrem Haus.

In einer Kumpanija, also einem Wagentross aus 20, 30, manchmal sogar 40 Fuhrwerken mit je einem oder zwei Pferden vor einem Wohnwagen, zogen sie von Ort zu Ort. Für die Dörfer muss es einer Invasion gleichgekommen sein, wenn die Roma ihre Pferde für mindestens 14 Tage, längstens zwei Monate ausspannten und auf einem Feld, am Wasser oder Waldrand ihr Lager aufschlugen. Der Fluss war dann Trinkwasserquelle und Badezimmer in einem.

Die Kesselflicker blieben bis die Männer alle Reparaturen in den Häusern der Dorfbevölkerung erledigt hatten, die Kinder tanzten derweil Regen oder Sonne herbei. Didi und seine Frau Gabi Radu, die heute ein Einfamilienhaus mit Garten bewohnen, wie es überall in Deutschland stehen könnte, wissen von damals noch genau, dass meist mit Eiern, Geflügel, Speck oder Brot bezahlt wurde. Naturalien waren die Währung auch für das Wahrsagen, womit die Frauen zum Lebensunterhalt beitragen.

"Was die Leute wissen wollten? Immer das gleiche! Ob sie reich werden, ob sie gut heiraten werden, ob die Ehe hält, halt Familienprobleme. Ein bisschen wie heute die Horoskope. Ob einer dran glaubt, spielt sich allein in seinem Kopf ab. Wenn die Gadsche denken, dass wir Zigeuner wahrsagen können, dann machen wir es eben. Ihre Großmutter hat immer versucht wahrzusagen. Das war eine Art zu sagen: Ich brauche Geld für Zigaretten, aber sie wollte nicht betteln."

Luminita Cioaba liebt es, mit ihrer Schwester und dem Schwager, Gabi und Didi Radu, in alten Zeiten zu schwelgen. Mitunter schiebt sich Dichtung über Wahrheit. Was in den Erinnerungen Dichtung und was Wahrheit ist, spielt keine Rolle. Hauptsache man unterhält einander gut.

"Ich hab mit sechs Jahren schon aus der Hand gelesen. Es war in Westrumänien, am Fluss Muresch. Dort warteten die Schulkinder, dass die Fähre sie übersetzt. Und bis die Fähre kam, habe ich ihnen wahrgesagt. Das mussten sie mit ihren Pausenbroten bezahlen, die ich in meiner Schürze sammelte. Die Kinder sagten: Komm mit zur Schule, schau, wie es dort ist. Ich wollte nicht, unsere Großmutter auch nicht. Als mich mein Vater schließlich hinprügelte, brachte sie mir und meinem Bruder mittags eine Schüssel Suppe zur Schule, weil sie glaubte, dass wir verhungern."

Gabi, die ruhigere und nüchternere der beiden Roma-Schwestern erklärt, den kleinen Terrier mit Namen Tsunami auf dem Arm, wie einfach Wahrsagen ihrer Meinung nach ist. Drei Varianten müsse man durchprobieren. Nach dem Mann beziehungsweise der Frau fragen, nach Streit in der Familie, gesundheitlichen Sorgen. Wenn die Leute deine Frage bestätigen, gehst du diesen Weg weiter, sagt sie. Im Grunde erzählen sie selbst alles von sich, du musst es nur verstehen. Und sie vertrauen den Wahrsagerinnen, dass sie Lösungswege finden, Ratschläge erteilen oder Rezepte empfehlen. Den Rest erledigt die Autosuggestion.

Beim Stichwort Rezepte und Ratschläge fällt Luminita Cioaba eine Anekdote ein, die Gabi Radu offenbar auch schon kennt, beide kichern voller Vorfreude.

"Zu mir kam mal ein junger Pfarrer, der sah richtig blöd aus. Den habe ich nach Strich und Faden verkohlt. Er hatte Liebeskummer, kein Glück bei den Frauen. Ich ließ ihn eine Taube fangen, sie aufschneiden, das Herz rausholen und bei Vollmond in einer dunklen Ecke im Garten begraben. Er wohnte neben einem Fluss mit sumpfigem, morastigem Wasser. Er solle ein bestimmtes Kraut sammeln, dann nachts bis zu den Knien in das schlammige Wasser gehen und ein Gedicht unseres rumänischen Nationaldichters aufsagen. Erst dann würde er befreit sein und eine Frau finden. Er sollte aber nicht gleich nach Hause gehen, sondern zuvor zu mir zu kommen. Ich sah an seinen schmutzigen Hosen, dass er alle Auflagen erfüllt hatte."

Seitdem die Familie den Pfingstlerglauben angenommen hat, verdingen sich die Frauen nicht mehr mit Wahrsagen. Ein weiteres Stück ihrer Vergangenheit ist damit verloren gegangen. Immer weiter dringt die moderne westliche Welt in ihr Leben vor. Didi und Gabis Tochter ist das erste Fotomodell unter den rumänischen Roma. Für die Eltern eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Verlangen doch die traditionellen Roma-Kleidervorschriften, dass Frauen ihre Arme bis zu den Ellenbogen und den Kopf bedecken - und das wichtigste: dass keinesfalls ein anderer außer dem Ehemann die Füße der Frau zu Gesicht bekommt.

"Wenn das unser Vater gesehen hätte, er hätte ihnen mit dem Knüppel auf die Füße gehauen."



Das waren: Gesichter Europas. Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft - Roma in Siebenbürgen. Sie hörten eine Sendung mit Reportagen von Sabine Adler. Die Texte entnahmen wir dem Band Gedichte von gestern und heute von Luminitza Cioaba, der im Neodrom-Verlag erschienen ist.

Die Musik hat Babette Michel ausgesucht. Am Mikrofon verabschiedet sich Thilo Kößler.

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