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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturVom Stalinisten zum Wortführer des Prager Frühlings10.01.2011

Vom Stalinisten zum Wortführer des Prager Frühlings

Pavel Kohout: "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel". Osburg Verlag

"Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel" ist bereits die dritte Autobiografie von Pavel Kohout. Darin nimmt er einen weiteren Anlauf, seine zögernden Landsleute doch noch für sich einzunehmen - denn in seiner Heimat ist und bleibt er umstritten.

Von Silja Schultheis

Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout. (AP)
Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout. (AP)

Es scheint, als habe Pavel Kohout großen Erklärungsbedarf, den großen Bruch in seinem Leben zu vermitteln. Den haben ihm bis heute viele Tschechen nicht verziehen: Vom überzeugten Stalinisten wandelte sich der tschechische Schriftsteller 1968 zum Wortführer des Prager Frühlings und später zum Unterzeichner der Charta 77. Vom Parteidichter zum Schriftsteller mit Veröffentlichungsverbot, der schließlich 1979 zwangsausgebürgert wurde.

In der ersten Hälfte des Buches liefert Kohout die Hintergründe seines Weges in den Kommunismus. Geboren 1928 in Prag, musste er als Kind in vollem Ausmaß die Folgen der Wirtschaftskrise spüren – als der Vater in den 30er-Jahren lange Zeit arbeitslos war, musste die Mutter selbst gestrickte Wollpullover verkaufen, um die Familie zu ernähren.

Als Jugendlicher dann erlebte Kohout in der eigenen Familie Angst und Schrecken der deutschen Okkupation im Protektorat Böhmen und Mähren. Als ein enger Freund der Familie, der Pfarrer Vladimir Petrek, ermordet wird, weil er die Heydrich-Attentäter in seiner Kirche versteckte, fürchtet die Familie bis zum Kriegsende die Festnahme durch die Gestapo.

Wie die Mehrheit seiner Zeitgenossen sieht Kohout im Kommunismus vor allem die Befreiung vom Nationalsozialismus. Und die Erlösung vom Trauma des Münchener Abkommens und der maßlosen Enttäuschung über die Westmächte, erinnert sich der Autor bei der Präsentation seines Buches:

"Nicht ahnend, dass das keine Befreiung ist, sondern ein Weg vom Teufel zum Beelzebub: von Hitler zu Stalin. Und einige Jahre später wurde schon klar, dass das irgendwie ein Denkfehler war."

Kohout steht zu diesem Denkfehler. Was er nicht reflektiert: Dass es auch Menschen gab, die diesem "Denkfehler" nicht erlagen, sich nicht haben blenden lassen. Hier macht es sich der ansonsten durchaus als willenstark bekannte Schriftsteller sehr einfach. Insgesamt wirkt der erste Teil des Buches stellenweise arg selbstgefällig, manchmal auch geradezu flapsig. Etwa, wenn er über sich selbst in der dritten Person schreibt und schildert, warum er als 18-Jähriger Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Weniger politische Überzeugungen standen danach hinter diesem Schritt, als seine notorische Erfolglosigkeit bei Frauen:

Er hatte nur das Pech, dass anstelle der Mädchen die kommunistische Partei sein dringendes Bedürfnis und seine brennende Liebe erhörte und ihn in ihre Reihen als ihren Barden aufnahm.

Weitaus überzeugender ist Pavel Kohout der zweite Teil seiner Biografie gelungen. Dort schildert er sein Leben in der Emigration. Seit 1979 lebte er mit seiner Frau in Wien. Von dort reist er auch regelmäßig nach Deutschland, um an Bühnen in Hamburg und Berlin seine Stücke zu inszenieren und deutschlandweit aus seinen Werken zu lesen. Kohout gelingt es, dem Leser das Wien der 80er-Jahre näher zu bringen, und sein Verhältnis zu politischen Weggefährten dieser Zeit. Das sind vor allem der spätere tschechische Präsidenten Vaclav Havel, mit dem Kohout in einem regen Briefwechsel steht, sowie der im französischen Exil lebende Schriftsteller Milan Kundera.

Besonders beeindruckend schildert Kohout seine Erfahrungen mit westlichen Linksintellektuellen. Diese flirteten lieber mit den sozialistischen Regimen Osteuropas als verfolgte Dissidenten zu unterstützen.1986 klagte Kohout in einem Brief an Heinrich Böll:

Vaclav Havel saß schon das vierte Jahr im Gefängnis, als ich versuchte, den Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes, Bernt Engelmann, zu überzeugen, dass er keineswegs die Entspannungspolitik bedrohen würde, wenn er sich bei dem Kongress in Sofia für seine Entlassung einsetzte. Havel musste fast sterben, bevor man ihn nach Protesten von Staatsmännern und prominenten Persönlichkeiten aus aller Welt entließ.

Frustriert stellt Kohout fest, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Linksintellektuellen lieber ihren sozialistischen Utopien nachhängt, als den Berichten tschechischer Emigranten über die Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land Glauben zu schenken:

Ja, lieber Heinrich, die in der Heimat zum Schweigen gebrachten Schriftsteller werden in Deutschland zum zweiten Mal zum Schweigen verurteilt; subtil, aber wirkungsvoll als Dissidenten bezeichnet und in die reaktionäre Ecke gerade von denjenigen gedrängt, die sie für Verbündete hielten.

Nach 1989 kehrt Pavel Kohout aus dem Exil nach Prag zurück. Und bleibt – eine Lehre aus seinem Irrglauben an die Kommunistische Partei – auf Distanz zur Politik. Kohout bilanziert sein Leben voller Wendungen etwa so: Er ist mit sich im Reinen. Er hat einen Fehler gemacht, aber auch viel getan, um ihn wieder gutzumachen – durch sein Engagement für die Charta 77 und für verfolgte Schriftsteller in seiner Heimat.

Und er kommt zu dem Ergebnis, dass jeder, selbst der intelligenteste Mensch, dem Dämon des Einverständnisses, des Ja-Sagens, immer, überall und immer wieder erliegen könnte, aber auch – und das ist die gute Nachricht -, dass sich jeder, selbst das am stärksten betroffene Individuum, aus dessen Umklammerung befreien kann!

In Tschechien wurde Pavel Kohouts nunmehr dritte AutoBiografie, die hier bereits 2005 erschienen ist, so aufgenommen wie alles, was mit Pavel Kohout zusammenhängt: Überaus kontrovers. Mehr noch als seine kommunistische Vergangenheit stößt viele Tschechen seine selbstgefällige Art ab.

Dennoch: Für Leser, die das nicht schreckt, wird sich die Lektüre lohnen. Denn das Buch dokumentiert nicht nur eine in der Erinnerung verblassende Zeit. Es ist auch eine Warnung vor ideologischen Verblendungen schlechthin – egal, in welchem politischen System.

Silja Schultheis las für uns Pavel Kohouts AutoBiografie: Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel. Erschienen im Osburg Verlag. 568 Seiten gibts für 26 Euro 90, ISBN: 978-3-940731-48-3.

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