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StartseiteKalenderblattVon der abstrakten zur konkreten Kritik11.09.2007

Von der abstrakten zur konkreten Kritik

Vor 140 Jahren erschien der erste Band des "Kapitals"

1867 erschien im Verlag von Otto Meissner in Hamburg der erste Band von Karl Marx' epochalem Werk "Das Kapital". Das Buch schrieb Geschichte, wenngleich es zu jenen literarischen Produktionen der klassischen Moderne gehört, die wegen ihrer spröden Darstellung vermutlich von nur wenigen wirklich gelesen wurden.

Von Hans Martin Lohmann

Porträt von Karl Marx. (AP Archiv)
Porträt von Karl Marx. (AP Archiv)

Wissenschaft war das Zauberwort, mit dem die bürgerliche Elite Europas nach 1850 die Welt in Angriff nahm. Dem Aufstieg der Naturwissenschaften von Physik, Chemie und Medizin folgten die Erkundung und Eroberung unbekannter Landstriche und Kontinente. Charles Darwins Evolutionstheorie und Gregor Mendels Entdeckungen auf dem Feld der Vererbungslehre revolutionierten die Biologie. Im preußischen Generalstab machte man sich unter dem älteren Moltke daran, die intellektuellen Traditionen der Kriegskunst in eine regelrechte Kriegswissenschaft zu überführen.

Wissenschaft war auch das Zauberwort von Karl Marx. Ganz dem Geist seiner Zeit verschrieben, wollte Marx mit seinem gewaltigen ökonomiekritischen Werk, dessen erster Band am 11. September 1867 erschien, nicht weniger leisten, als, wie es im Vorwort des "Kapitals" heißt,

"das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen"."

Mit seinem strengen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit distanziert sich Marx von sozialistischen Vorläufern wie Fourier und Saint-Simon, denen er vorhält, die kritikwürdigen kapitalistischen Verhältnisse lediglich mit einem utopischen Gegenbild von einer besseren und gerechteren Gesellschaft zu konfrontieren, das zu durchschlagender Kritik nicht tauge. Wie Marx' Freund Friedrich Engels schrieb, geht es beim Marxschen Projekt um den Schritt von der Utopie zur Wissenschaft, das heißt von der abstrakten zur konkreten Kritik. Der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt, ein intimer Kenner des Marxschen Oeuvres, bringt diese Intention so auf den Begriff:

""Das Anstreben von Zielen wird hier nicht abgelöst von der Analyse der gegebenen Struktur, und es kommt hier nicht so sehr darauf an, ein Gegenbild zum Bestehenden zu zeichnen, sondern zu zeigen, dass bestimmte Kräfte in gefesselter Form innerhalb des Bestehenden schon am Werke sind, die gleichsam, sich immanent entfaltend, den Rahmen dieses Bestehenden sprengen. Ja, Marx ist so weit gegangen zu sagen, gerade die rastlose Selbstentfaltung des Kapitals ist etwas, was über seine bloß partikuläre Verwertung im Interesse einzelner Gruppen hinausgeht."

Zugleich will Marx im "Kapital "nachweisen, dass die großen bürgerlichen Ökonomen von Adam Smith bis David Ricardo bei allen Verdiensten um die Sache, die er keineswegs verschweigt, in letzter Instanz Apologeten jener Verhältnisse bleiben, die zur Kritik stehen. Allein der beißende Sarkasmus und der zuweilen satirische Ton, mit denen Marx seinen bürgerlichen Kontrahenten zu Leibe rückt, macht die Lektüre des "Kapitals" auch heute noch zu einem intellektuellen Vergnügen.

Im "Kapital" wird die moderne kapitalistische Welt als verzauberte Welt beschrieben, in der gesellschaftliche Beziehungen zunehmend als dingliche Beziehungen erscheinen und als solche von den Individuen, wie Marx schreibt, "fetischisiert" werden. Das Eigentümliche des Kapitalismus liegt Marx zufolge darin, dass sich unter der Hand Ursache und Wirkung verkehren: Den Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums erscheint die Logik der kapitalistischen Warenproduktion nunmehr als das Ursprüngliche und gleichsam Natürliche, während die Herstellung von Gebrauchswerten im Sinne der Bedürfnisbefriedigung zur puren Folge- und Begleiterscheinung degradiert wird. Lapidar heißt es bei Marx:

"Sie wissen das nicht, aber sie tun es."

Das Anstößige und Skandalöse ist für Marx nicht der Kapitalismus als solcher, dem er im Gegenteil emanzipative Potenzen zuspricht, sondern die Bewusstlosigkeit, mit welcher der Prozess der Selbstverwertung des Kapitals von den beteiligten Individuen quittiert wird. Denn im Bewusstsein der Menschen erscheint das Kapital nicht als soziales, von Menschen geschaffenes Verhältnis, vielmehr als scheinbar selbstständiges Subjekt, das seinen eigenen Gesetzen folgt. In dieser Hinsicht dürfte die Marxsche Kritik bis heute aktuell sein.

Überholt ist sie in ihrem unerschütterlichen Glauben an Aufklärung durch wissenschaftliche Kritik und an eine revolutionäre Klasse, die im Zuge ihrer Selbstaufklärung und Bewusstwerdung den Kapitalismus im Sinne einer ehernen Notwendigkeit gleichsam von innen her aufsprengt. Die Kritik der politischen Ökonomie, so rational und wissenschaftlich sie Marx im "Kapital" auch anpackt, vermag nicht jene letzten Fragen zu beantworten, von denen die Menschen seit je umgetrieben werden. Ökonomie und Fortschritt sind nicht alles, ja nicht einmal das Wichtigste. Das Leben, so möchte man in Anlehnung an den Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz sagen, ist chaotischer und unverfügbarer, als alle Wissenschaft sich träumen lässt. An dieser Wahrheit, an der zumal nach den katastrophalen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit dem kommunistischen Menschenversuch schwerlich zu zweifeln ist, zerschellt auch eine Ökonomiegläubigkeit, wie sie Marx im "Kapital" so großartig entfaltet hat.

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