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StartseitePodiumVon der Finanzkrise nur leicht erholt26.04.2013

Von der Finanzkrise nur leicht erholt

Isländer wählen neues Parlament

Island, die Vulkaninsel im Nordatlantik, hat sich nach dem Finanzcrash von 2008 stabilisiert. Aber noch sind viele Probleme ungelöst und viele Menschen von den Politikern enttäuscht. Am Samstag wählen sie ein neues Parlament und alles deutet auf einen Regierungswechsel hin.

Von Jessica Sturmberg

Ein verpackter Heuballen mit der Aufschrift "EU-Nein Danke", aufgenommen an der Auffahrt zu einem Bauernhof in Island. (Jessica Sturmberg)
Ein verpackter Heuballen mit der Aufschrift "EU-Nein Danke", aufgenommen an der Auffahrt zu einem Bauernhof in Island. (Jessica Sturmberg)

Frühlingskonzert des Kinderchors der Musikschule Doremi in Reykjavík.
Eltern, Geschwister, Großeltern lauschen den 6 bis 8Jährigen Mädchen und Jungen bei ihrem Auftritt in der Laugarneskirkja, einer kleinen Kirche nicht weit vom Hafen der Hauptstadt Reykjavík.
Die Tage sind schon wieder lange hell, die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, die Vorfreude auf den isländischen Sommer liegt in der Luft.

Der Pessimismus der Krisenjahre ist einer Zuversicht gewichen, dass es wieder aufwärtsgeht. Wenn auch langsam. Für manche ein bisschen zu langsam. Weil noch längst nicht alle Probleme gelöst sind.
Gerade nicht bei den jungen Familien wie den Eltern der Chorkinder. Es ist die Generation, die es besonders hart getroffen hat. Die in den Boomjahren zu überteuerten Preisen Häuser oder Wohnungen gekauft hat und nun auf einem Schuldenberg sitzt, der statt kleiner immer größer wird. So geht es auch Ágúst Sæmundsson mit Ende dreißig.

"Alle Kredite sind in die Höhe geschossen. Die sind hier ja grundsätzlich indexiert, d.h. an die Inflationsrate gebunden. Wenn die Inflation steigt, dann steigt auch mein Kredit. Den habe ich 2005 noch zu völlig anderen Konditionen aufgenommen. Man zahlt und zahlt die ganze Zeit, aber durch die Inflation wird die gesamte Summe am Ende immer höher. "

Ágúst Sæmundsson sitzt in einem der gemütlichen Literaturcafés in der Innenstadt, trinkt einen Café Latte und genießt in seiner Mittagspause die Sonnenstrahlen. Der dreifache Familienvater arbeitet als Projektmanager bei der neuen Landsbankinn. Ágúst Sæmundsson gehörte zu den wenigen aus seiner Abteilung, die nach dem Zusammenbruch ihren Job nicht verloren haben.

"Ich weiß, nicht warum ich die Arbeitsstelle behalten habe. Ich hatte Glück. Damals war ich schon darauf gefasst gewesen, wie die meisten entlassen zu werden. Ich hatte sogar schon meinen Schreibtisch aufgeräumt und dann wurde ich gerufen und mir wurde ein anderer Job im Haus angeboten. Und ich sagte natürlich fein. Danke ja. "

Obwohl er dieses Glück hatte und auch seine Frau als Rechtsanwältin gut beschäftigt war, haben sie keine einfachen Jahre hinter sich.

"Der Lohn war geringer, aber alles wurde teurer, die Steuern sind gestiegen. Wir haben wirklich überlegen müssen, wie man mit dem Geld umgeht."

Die links-grüne Regierung hatte gar keine andere Möglichkeit als empfindlich die Staatsausgaben zu kürzen, und zugleich die Steuern zu erhöhen, erklärt Thórólfur Matthiasson, Wirtschaftsprofessor an der Universität Island. Das sei die Grundlage dafür, dass es heute wieder aufwärtsgehe,

Die Arbeitslosigkeit unter fünf Prozent, Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr bei 1,6 Prozent, die Inflation mit rund vier Prozent auch noch im Rahmen.

Und dann kippt der Ökonom allerdings noch Wasser in den Wein.

Thórólfur Matthiasson:
"Ich sehe erhebliche Unsicherheit, was die externen Beziehungen betrifft, weniger die inländischen Verhältnisse. Wir müssen das Währungsproblem lösen, also die Frage, welche Währung wir in Zukunft haben werden. "

Die Krone hat für Thórólfur Matthiasson ausgedient. Seit Herbst 2008 konnte der Kurs nur deshalb stabil gehalten werden, weil Kapital nur streng kontrolliert abfließen darf. Eine Lockerung dieser Kapitalverkehrskontrollen ist für ihn derzeit undenkbar. Das in Island eingeschlossene Geld der Ausländer würde sofort abfließen und es gäbe sofort eine neue Krise.

Abgesehen von diesem noch ungelösten Problem hat die Regierung viel Anerkennung für ihre Politik bekommen, vom Internationalen Währungsfonds, von renommierten Ökonomen wie Paul Krugman und von zahlreichen ausländischen Politikern.

Dagegen weniger von der eigenen Bevölkerung. Die ist zwar schon erleichtert, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie befürchtet, findet aber auch, dass man ihr zu viel abverlangt hat. Bei der Wahl morgen werden die beiden Regierungsparteien aller Voraussicht nach erdrutschartige Verluste hinnehmen müssen:

Ólafur Harðarson:
"Diese Verluste für die Regierung sind damit zu erklären, dass obwohl die Entwicklung hier sehr erfolgreich verlaufen ist im Vergleich zu anderen Ländern, die Wähler nicht zufrieden sind. Die Opposition hat es geschafft, den Eindruck zu vermitteln, dass die Regierung nicht genug getan hat, besonders bei den Hypothekendarlehen. "

Erläutert Politikwissenschaftler Ólafur Harðarson. Die liberale Fortschrittspartei hat das zu ihrem zentralen Wahlkampfthema gemacht und verspricht den Leuten einen Teil der Schulden zu erlassen. Auf Kosten ausländischer Gläubiger, der vulture fonds, Finanzgeier.

Allerdings stimmt das nicht ganz, sagt Ólafur Harðarson und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu:

"Wir haben jetzt dieses neue Konzerthaus mit prachtvollem Hall, bester Akustik und all dem. Ich sage manchmal, dass wir bei jedem Konzert unseres Symphonieorchesters ein Schild hochhalten sollten 'Wir danken der Deutschen Bank für dieses Konzert'. Wenn man es mal nicht ganz so ernst nimmt. "

Der Parteichef der Fortschrittlichen Sigmundur David Gunnlaugsson wird sein großes Wahlversprechen Entschuldung der privaten Haushalte so kaum halten können, sind sich die Parteienforscher einig. Aber es könnte am Ende wahlentscheidend sein. Denn das bewegt die Menschen noch mehr als die Verfassungsreform oder die EU-Beitrittsverhandlungen, die unter einer Mitte-rechts-Regierung erst einmal auf Eis gelegt wären.
In dieser Frage sind viele Isländer wie Banker Ágúst Saemundsson noch unentschlossen.

"EU? Ich weiß es nicht. Es kommt darauf an was für Verträge wir bekommen. Wir müssen natürlich über unsere Ressourcen noch selber bestimmen können, vor allem den Fisch und die Energie."

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