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StartseiteForschung aktuellVon Doppelgängern und Zeitreisen09.07.2008

Von Doppelgängern und Zeitreisen

Das Multiversum in der Philosophie

Physik. - Für Philosophen gehört das Nachdenken über unendliche Welten zur guten Tradition. Damit befassten sich schon die alten Griechen, später Leibniz oder Kant. Als Viele-Welten-Hypothese hat die Theorie der Multiversen schon den Weg in die Wissenschaftsphilosophie gefunden - allerdings noch misstrauisch beäugt.

Von Max Rauner

Das Multiversum, so es existiert, wirft auch philosophische Fragen auf.  (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
Das Multiversum, so es existiert, wirft auch philosophische Fragen auf. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
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Viele Welten statt einer

Doppelgänger, Wurmlöcher und Zeitreisen - in einem Multiversum mit unzähligen Welten könnten diese Dinge Wirklichkeit sein. Auch wenn viele Physiker noch skeptisch sind, dass wir tatsächlich nur in einem von ganz vielen Universen leben, der Philosoph Bernulf Kanitscheider von der Universität Gießen hat sich mit dieser Idee schon längst angefreundet.

" Es klingt eigenartig, und ich bin sozusagen vielleicht auch eigenartig berührt, dass in einer Entfernung von 10 hoch 10 hoch 29 Metern jemand sitzt, der jetzt über die Kosmologie interviewt wird. Seltsam. Aber wir haben in der Wissenschaft schon so viele seltsame Dinge, so viele überraschende Erfahrungen gemacht, dass mich auch das jedenfalls nicht vollständig unzufrieden lassen würde. "

Wir können die anderen Universen oder gar unsere Doppelgänger zwar niemals beobachten. dennoch sollten wir die Hypothese vom Multiversum ernst nehmen, meint Kanitscheider. Denn es ist nicht ungewöhnlich, dass eine physikalische Theorie weit über den Bereich hinausgeht, für den sie einst entwickelt wurde.

" Wenn die Viele-Welten-Hypothese uns einen Erklärungsvorteil in Bezug auf bestimmte Züge unserer Welt liefert, dann sollten wir einer solchen Erklärung auch trauen, wenn diese Theorie Voraussagen macht über Bereiche, die empirisch unzugänglich sind. Das zeigt möglicherweise, dass die Realität, die wir bisher für existent gehalten haben, größer ist, als sie uns bisher erschienen ist. "

Noch fehlt solch eine umfassende physikalische Theorie. Trotzdem kann man ja schon mal über den Sinn des Lebens in einem Multiversum nachdenken. Was bringt es zum Beispiel, Gutes zu tun, wenn die Doppelgänger sich in ihren Welten total asozial verhalten? Darf man umgekehrt Böses tun, weil unsere Kopien in anderen Universen es wieder gut machen?

" Für unsere Sinnstiftung, da müssen wir uns auf unsere Umgebung konzentrieren. Ich bin sowieso nicht der Meinung, dass wir den Sinn des Lebens aus dem Kosmos entnehmen können. Die Sterne liefern uns nicht den Sinn des Lebens. "

Bleibt die Frage nach dem lieben Gott. Mit dem Urknall-Modell hat sich die katholische Kirche einst angefreundet, der Schöpfer könnte den Urknall ja gezündet haben. Aber welche Rolle spielt Gott, wenn es plötzlich unendlich viele Universen gibt? Auch das wird die Kirche in den Griff bekommen, glaubt der Philosoph:

" Den Gottesbegriff - die Theologen sind da sehr gewandt - kann man so verändern, dass der auch kompatibel wird mit einem Multiversum. "

Noch können die Theologen gelassen bleiben. Ein neues Weltbild ist vorerst nicht in Sicht. Denn ebenso wie die Physiker sind die Philosophen uneinig. Brigitte Falkenburg von der Universität Dortmund warnt davor, das Multiversum als Realität anzusehen.

" Tatsache ist, dass gegenwärtig die Theoretische Physik und die Experimentalphysik weit auseinandergedriftet sind, und das ist eine neue Situation in der Wissenschaft und vielleicht auch ein Symptom der Krise. Wenn man anfängt, von Multiversen zu sprechen, mit solchen Thesen hat man den Bereich der Wissenschaft dann doch verlassen, wobei das Konzept des Multiversums an der Grenze ist: Es lässt sich noch mathematisch formulieren, aber es hebt auch schon in Science-Fiction Bereiche ab. "

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