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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVon Opferbereitschaft und Blutzeugnissen08.03.2007

Von Opferbereitschaft und Blutzeugnissen

Eine Arbeitstagung am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung über Märtyrer-Figuren

Opferbereitschaft, Leid und Blutzeugnis - um diese Worte kreist die Vorstellung eines Martyriums. Die Kulturgeschichte ist voll von Märtyrerfiguren, sagt Professor Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur und Kulturforschung in Berlin.

Von Bettina Mittelstraß

Demonstranten mit libanesischen Flaggen am Märtyrerdenkmal in Beirut (AP)
Demonstranten mit libanesischen Flaggen am Märtyrerdenkmal in Beirut (AP)

" Das ganze 20. Jahrhundert wird als das Jahrhundert der Märtyrer betrachtet. Schauen Sie sich alle Denkmale an, Kriegerdenkmäler, mit denen die Soldaten als Märtyrer fürs Vaterland verehrt werden, oder die KZ-Denkmäler. Das sind überwiegend Mahnmale, die sich der Ikonografie der Passion oder der Pietá bedienen. "

Und auch das neuzeitliche Interesse an ihnen ist groß und beschränkt sich keineswegs auf das aktuelle Phänomen von islamischen Extremisten, die behaupten, Märtyrertode zu sterben. 1999 erschienen im Auftrag von Papst Johannes Paul II zwei dicke Bücher: "Zeugen für Christus", in denen 700 katholischer Märtyrer gedacht wird, Blutzeugen des 20. Jahrhunderts, die etwa im Nationalsozialismus oder Kommunismus ihr Leben für den Glauben verloren haben. 2006 legte die protestantische Kirche ihr Märtyrergedenkbuch mit dem Titel "Ihr Ende - schaut an" nach.

" Ich unterscheide ganz grob zwei verschiedene kulturgeschichtliche Modelle. Das eine sind die Märtyrer, die selber sich als Märtyrer bezeichnen. Und in den Tod gehen sozusagen für etwas - ob es das christliche Bekenntnis ist oder der heilige Krieg. Das ist die kulturelle Praxis des Märtyrers. Oder eben das Deutungsmuster, das kulturelle Deutungsmuster, dass gewaltsame Tode - also die Ermordeten, die Opfer - zu Märtyrern gemacht werden durch Darstellung, Gedenken, Repräsentationsformen. "

Letzteres ist für Kulturwissenschaftler weitaus interessanter. Warum tauchen Märtyrerfiguren auf? Warum werden sie "gemacht"? Und weshalb gewinnt das Gedenken an sie Bedeutung? Sigrid Weigel:

" Man kann sagen, dass das Opfer, das überhöht wird und erinnert wird, immer eine Funktion hat für die Stiftung einer Gemeinschaft. Ob es die Stärkung einer Gemeinschaft ist, die sich in der Minderheit befindet und verfolgt wird, oder auch die Stärkung der christlichen Gemeinschaft durch die Heiligsprechung von Märtyrern - die Märtyrerkalender, die dann das Kirchenjahr bestimmen und so weiter. Die andere Funktion ist natürlich die, dass im Kampf entweder gegen Okkupation oder Verfolgung der Tod - für das Vaterland, für die eigene Gemeinschaft, für die eigene Religion, durch das Blut sozusagen, das vergossen wird - eine höhere Bedeutung erhält. "

Die ersten christlichen Märtyrer sterben in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. In den folgenden 100 Jahren entstehen erste Berichte über die Verhaftung von Christen durch die römischen Behörden. Die klassische Philologin Katharina Waldner von der Universität Ehrfurt:

" Nun weiß man aber, dass in dieser Zeit, also vor 250, Christen nicht systematisch verfolgt wurden, sondern es sich mehr oder weniger nur um Einzelfälle handelt. Wie kommt es, dass trotzdem so viel darüber geschrieben wird? Es geht eben nicht nur um den Bericht darüber, sondern es geht auch darum, mit diesen Berichten, sich selbst als etwas besonderes zu inszenieren, seine eigene Gruppe der Christen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen und sich so von anderen Gruppen, die man als Ketzer bezeichnet oder auch von Juden abzugrenzen und eine christliche Identität zu finden durch diese Art von Darstellung. "

Tod durch Verfolgung, Kampf oder Unterdrückung trifft die Gläubigen aller drei großen monotheistischen Religionen zu unterschiedlichen Zeiten. Während die Christen von den Römern verfolgt wurden, blieben die Juden in den Provinzen weitgehend unbehelligt und durften - im Rahmen des römischen Rechts - ihre religiösen Gesetze entwickeln und befolgen. Eine Märtyrerfigur oder ein vergleichbarer Begriff wurde in der Antike nicht entwickelt, so Dr. Gottfried Reeg vom Institut für Judaistik an der Freien Universität Berlin.

" Es gibt Fälle - und das ist passiert - dass Juden in der Verfolgung gestorben sind oder getötet wurden, aber es wurde da draus keine Theologie gemacht. Man hat Versuche unternommen, das zu erklären und ist dabei halt auf den Begriff der "Heiligung Gottes" ausgegangen. Und bei diesem Begriff "Heiligung Gottes" steht aber im Vordergrund, dass Gott im Leben geheiligt wird. "

Es gilt Gott im Leben durch die Einhaltung seiner Gesetze zu verherrlichen und nicht durch leidvollen Tod, Opferbereitschaft oder dergleichen. Mit dem Einsetzen der Judenverfolgungen im Mittelalter wird das Fehlen eines Märtyrerbegriffs zum Problem. Das zahlreiche Sterben der Gläubigen lässt sich theologisch nicht erklären. Es entsteht die Tradition, die Namen der Ermordeten niederzuschreiben, um sie im kollektiven Gedächtnis zu behalten - als Märtyrer? Das älteste Buch aus dem deutschen Sprachraum ist das so genannte Nürnberger Memorbuch, das die mittelalterliche Verfolgung der Juden an Rhein und Mosel festhält. Der Historiker Dr. Thomas Frank vom Zentrum für Literaturforschung.

" Nun ist das Problem, dass der Editor diese Memorbuches, was im späten 19. Jahrhundert ediert wurde, einfach immer von Märtyrern spricht, wo im hebräischen Original eigentlich andere Wörter stehen. Da spricht man von den Getöteten, manchmal spricht man von den Heiligen, auf Deutsch übersetzt - Kaddusch - es ist nie so genau festgehalten dieser Terminus Märtyrer, den wir eigentlich sozusagen erfunden haben, um ihn darauf anzuwenden. Sodass es also nicht so ganz einfach ist, einfach das christliche Martyriumskonzept auch auf die Sicht der Juden des Spätmittelalters einfach zu übertragen. Tatsache ist, dass es ein Bewusststein dieser Verfolgung gibt in den jüdischen Gemeinschaften und einen Willen, auch ihrer zu gedenken. "

Die Quelle für Märtyrerfiguren im Islam ist das Schlachtfeld. Die erfolgreiche Ausbreitung des Islam nach Mohammeds Auszug von Mekka nach Medina im Jahr 622 christlicher Zeitrechnung war begleitet von zahlreichen religiös motivierten Schlachten, die im Koran thematisiert werden. Die Arabistin Silvia Horsch,

" Also das erste Mal, wo von Schlachtfeldmärtyrern gesprochen wird, da geht es eben darum, nach einer verlorenen Schlacht zu erklären, was mit den Toten ist, und die werden eben als Märtyrer gesehen, die ins Paradies eingehen und die durch ihren Tod Lohn verdient haben. "

Die Märtyrer des Islam entstehen wie jene im Christentum in dem Moment, wo eine neue Religionsgemeinde Zusammenhalt und Sinn schaffen muss und sich gegen Heiden abgrenzt oder zur Wehr setzt. Wichtig ist, dass man durch die Hand der Feinde stirbt. Einen Märtyrerbegriff, der die Selbstopferung oder das Menschenopfer überhaupt für eine Überzeugung - mythisch als Blutopfer überhöht und Erlösungsfunktion hat, kennt der Koran nicht, betont Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik in Berlin.

" Da kann man eben nachschauen bei "Opfer", oder dem Moment der Zeugnisablegung oder auch der Nachfolge einer Beispielfigur, die schon Opfer war, und bei allen dreien stellt man eigentlich fest, dass der Koran oder diese Gemeinde, die sich da äußert, sehr wohl interessiert ist an diesen drei Diskursen, aber sie nicht zu einem Märtyrerbegriff zusammenschließt. "

Sigrid Weigel: " Ich denke, dass die Faszination und die Bedeutung und das Gedenken an Märtyrer etwas ist, was die drei monotheistischen Religionen verbindet. Und im Gespräch über Ähnlichkeiten und Unterschiede kann man sich sehr viel klar machen auch über die Beziehung dieser Religionen - sei es in der Verbindung, sei es auch im Kampf gegeneinander. "

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