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StartseiteTag für TagDie Schweiz als islamistische Drehscheibe20.09.2017

Von Riad nach GenfDie Schweiz als islamistische Drehscheibe

Islamistische Terroristen gehen grenzüberschreitend vor. Aber auch Salafisten verbreiten ihr Gedankengut global. Wie das funktioniert, hat Saïda Keller-Messahli am Beispiel der Schweiz analysiert. Geboren in Tunesien, lebt sie in Zürich. Nun erschien ihr Buch: "Islamistische Drehscheibe Schweiz".

Von Marie Wildermann

Eine Luftaufnahme der Genfer Moschee von Petit-Saconnex (dpa / KEYSTONE / Salvatore Di Nolfi)
Die Genfer Moschee von Petit-Saconnex wurde 1978 vom saudi-arabischen König Chalid eingeweiht (dpa / KEYSTONE / Salvatore Di Nolfi)
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Saïda Keller-Messahli definiert Salafismus als Islam, der politische Macht beansprucht, der den demokratischen Rechtsstaat abschaffen und eine Gesellschaft nach islamischen Regeln aus dem 7. Jahrhundert errichten will. Die Mehrheit der Salafisten versuche, diesen rückwärtsgewandten Islam über Moscheen und Bildungseinrichtungen in die Köpfe der Gläubigen zu transportieren. Salafisten seien aber nicht zwangsläufig gewaltbereite Dschihadisten.

"Die Islamische Weltliga hat großen Einfluss auf die Moscheen"

Der Schweizer Salafismus, so Saïda Keller-Messahli, ist stark von konservativen Strömungen aus Südosteuropa geprägt. Und die wiederum hätten sich unter dem Einfluss Saudi-Arabiens entwickelt. Als Jugoslawien in den 90er-Jahren nach blutigen Bürgerkriegen zerfiel und die Länder wirtschaftlich und kulturell verarmten, nutzte Saudi-Arabien das entstandene Vakuum. Saïda Keller-Messahli sagt:

"Besonders die Saudis und Kataris haben in dieser Gegend, übrigens auch in Bosnien, zu investieren begonnen, vor allem in Moscheen, in Koranschulen; und sie haben Heerscharen von Predigern und Imamen in Saudi-Arabien ausgebildet."

Wo der Islam wahhabitischer Prägung dominiert, jene Strömung also, die auch Salafisten prägt. Als nun Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz emigrierten, nahmen sie den wahhabitischen Islam mit, sagt Saïda Keller-Messahli. Ungefähr 60 albanische, kosovarische und mazedonische Moscheen gibt es heute in der Schweiz, deren Imame von Saudi-Arabien ausgebildet und finanziert würden. Sie vertreten entweder selbst radikale Positionen oder sind Gastgeber für Salafisten aus dem Balkan. Ein weiteres wahhabitisches Zentrum ist die sogenannte "Genfer Moschee", gegründet von einem bekannten Aktivisten der Muslimbrüder und finanziert vom saudischen Königreich. Und so waren und sind die Imame dieser größten Moschee in Genf linientreue Wahhabiten. Darüber hinaus gibt es in der Schweiz mehrere Einrichtungen der Islamischen Weltliga. Saïda Keller-Messahli sagt:

"Ich glaube, dass die Islamische Weltliga - eine sehr mächtige Organisation übrigens -  einen sehr großen Einfluss hat auf die Moscheen weltweit, nicht nur in Europa, sondern auch in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern; und dass es einfach zu ihrer Strategie gehört, die saudische Staatsdoktrin, den Wahhabismus beziehungsweise den Salafismus zu exportieren."

"Sie wollen die muslimische Diaspora weltweit auf Kurs bringen"

Der Vorwurf von Saïda Keller-Messahli: Mehrere Unterorganisationen der Islamischen Weltliga hätten unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe islamistischen Terror finanziert. Auch Trainingslager und Koranschulen in Pakistan und Ägypten würden unterstützt. Neben den insgesamt etwa 60 albanischsprachigen Moscheen in der Schweiz, die salafistisch orientiert sind, gebe es gut siebzig türkische Moscheen, deren Imame die Freitagspredigten direkt aus Ankara beziehen. Viele stünden Millî Göruş nahe, einer Organisation mit engen Verbindungen zu den Muslimbrüdern.

"Ich stelle fest, dass alle am gleichen Strick ziehen, ob Muslimbruderschaft, ob Diyanet, Islamvertreter aus Kosovo oder Bosnien, dass alle in die Richtung, die die Saudis vorgeben, zusammen ziehen. Und ich interpretiere es dahingehend, dass es wirklich darum geht, die muslimische Diaspora, die in Moscheen organisiert ist, weltweit auf Kurs zu bringen."

Porträtfoto von Saïda Keller-Messahli (Annick Ramp / NZZ)Saïda Keller-Messahli (Annick Ramp / NZZ)

Im Sommer 2015 wurde in Genf eine Initiative gegründet, die die Islamisten überregional vernetzen will: die Europäische Organisation für Islamische Zentren. Die Ziele: Saudische, katarische und europäische Islamisten sollen zusammenarbeiten, möglichst viele Moscheen in Europa bauen und Imame finanzieren. Spätestens damit ist die Schweiz zur Drehscheibe für Islamisten geworden. Saïda Keller-Messahli:

"Ich sehe einfach, dass viele radikale Prediger nicht nur in die Schweiz eingeladen werden, sondern auch weitergereicht werden nach Österreich, Deutschland, bis nach Norwegen, nach Dänemark, nach Belgien, also dass da ein Netzwerk ist von Moscheen und man reicht sich diese radikalen Prediger weiter. Übrigens: Es gibt intensive Kontakte mit Süddeutschland, wenn man ein bisschen in Stuttgart und Tübingen sich herumschaut, dann sieht man, dass diese Verbindungen rund um radikale Prediger existieren."

Die Union Albanischer Imame bestreitet alle Vorwürfe

Als das Buch von Saïda Keller-Messahli erschien, hat die Union Albanischer Imame in der Schweiz umgehend alle Darstellungen als falsch zurückgewiesen. Verbindungen zu Salafisten werden bestritten und als Lüge bezeichnet. Auch Keller-Messahlis Behauptung, Moscheebauten seien mit Geldern aus Saudi-Arabien finanziert worden, sei falsch. Die größten Geldgeber seien die Schweizer Banken.

Dass Keller-Messahli wenig eigenständig recherchiert hat, sondern in erster Linie Medienberichte zitiert und Verbindungen herstellt zwischen Kontakten, die zwar naheliegen, aber nicht bewiesen sind - das alles macht ihr Buch angreifbar. Und so überrascht es nicht, dass die Union Albanischer Imame in der Schweiz alle Vorwürfe bestreitet. Dennoch gibt das Buch von Keller-Messahli einen guten Einblick in die Vernetzung der Szene. Die Vernetzung von Islamisten ist zwar nicht strafbar, birgt aber gesellschaftlichen Sprengstoff. Den schweizer Behörden wirft Keller-Messahli Naivität und Blauäugigkeit vor. Sie plädiert für ein Islamgesetz nach österreichischem Vorbild, das zum Beispiel den Gesichtsschleier verbietet und keine Finanzierung von Moscheen und Imamen durch das Ausland duldet. Und sie hofft, dass die Politik endlich beginnt, liberale Muslime als Verbündete ins Boot zu holen - statt konservativer Islamverbände.

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