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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVon Risiken und Nebenwirkungen10.03.2011

Von Risiken und Nebenwirkungen

Berichterstattung über Schweinegrippe und Verbindungen zwischen Pharmabranche, Politik und Medien

Das Thema Schweinegrippe ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Stattdessen fragen sich manche, ob die Pandemiewarnung und Diskussion um den Impfstoff nicht eine Inszenierung der Pharmaindustrie waren - und suchen nach Indizien für Lobbyarbeit.

Von Barbara Weber

Die Angst vor einer weltweiten Pandemie war im vergangenen Jahr groß. (picture alliance / dpa)
Die Angst vor einer weltweiten Pandemie war im vergangenen Jahr groß. (picture alliance / dpa)

"Wir gehen von einer weiteren Ausbreitung aus. Deshalb habe ich entschieden, die Pandemiestufe von fünf auf sechs hoch zu setzen. Die Welt kann nun davon profitieren, dass sie sich über fünf Jahre lang auf eine Pandemie vorbereitet hat. Das bringt uns in eine starke Position."

11.Juni 2009: Dr. Margaret Chan, Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation, erhöht die Pandemiestufe. Seit der Vogelgrippe 2005 hat die WHO entsprechende Pläne entwickelt.
In den darauf folgenden Monaten entbrennt eine Diskussion darüber, ob bei der Ausrufung und der Erhöhung der Pandemiestufe alles mit rechten Dingen zuging. Kritiker monieren, dass vier Wochen vor Margaret Chans spektakulärem Auftritt das Kriterium "gefährlich" aus dem Definitionskatalog gestrichen worden sei. Das erscheint nicht ganz unplausibel, gibt es doch Verbindungen zwischen der Pharmaindustrie auf der einen und Mitgliedern der WHO, des Robert Koch-Instituts und der Ständigen Impfkommission auf der anderen Seite.

Die Reaktion der WHO auf diese Vorwürfe erfolgt prompt:

"Mir liegt daran, Folgendes klarzustellen: Die Politik und die Maßnahmen, die die WHO empfahl und umsetzte, sind nicht auf unsaubere Weise von der pharmazeutischen Industrie beeinflusst worden."

... so Dr. Keiji Fukuda, Direktor des globalen Influenza-Programms bei der WHO. Zudem betont er in der Sendung "Frontal 21", dass seiner Information nach nur drei der vierzehn Mitglieder der Kommission mit der Pharmaindustrie in Verbindung zu bringen seien.

Das Robert Koch-Institut verweist wiederum auf seiner Web-Seite darauf, dass die Überarbeitung der Pandemiepläne längst abgeschlossen war, als die Pandemie ausgerufen wurde, und ...

"... die Schwere war nie ein Kriterium für die Definition des Pandemiebeginns (Ausrufung der Phase 6). Das wäre auch problematisch. Über die Schwere der Erkrankung gibt es zu Beginn der Pandemie keine ausreichenden und aussagekräftigen Daten".

Das ist das Risiko. Würde die Schweinegrippe so glimpflich verlaufen wie auf der Südhalbkugel zuvor? Klar ist zu diesem Zeitpunkt, dass es sich bei dem Virus um einen hochinfektiösen, bis dato unbekannten Erreger handelt. Aber wie ist seine Gefährlichkeit einzuschätzen? Verändert er sich womöglich? Und welche Rolle spielt die pharmazeutische Industrie? - letztendlich der Profiteur der Krise.

Auch dass die Verträge der Bundesregierung mit den Impfstoffherstellern geheim gehalten werden, löst Verschwörungstheorien aus. Andererseits soll Panik vermieden werden.

Wie Medien über die Schweinegrippe berichteten, ob sie Fakten darstellten oder womöglich einer Panik Vorschub leisteten, wird jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet. Ein Thema ist auch, inwiefern Hintergründe aufgedeckt, Verbindungen zwischen Pharmabranche und Wissenschaft aufgezeigt wurden.

Aus der Perspektive eines Mediziners stellte sich die Situation so dar:

"Ich hab' die Journalisten im Zusammenhang unterschiedlich erlebt."

... Prof. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Abteilung Virologie, Uniklinik Heidelberg ...

"Der größte Teil der Anfragen - und es kommen, wenn sie Virologe sind, täglich zehn Telefonanrufe, ob sie irgendeiner Zeitung oder einem Sender, etwas dazu sagen wollen - der größte Teil war daran interessiert, plakative Sätze zu hören, die man in kurzen, kurz zusammengefassten und möglichst werbewirksam, würde ich jetzt mal sagen, Botschaften verkaufen kann. Ich habe aber durchaus sehr differenzierte Gespräche auch geführt. Ich glaube, das kann man sehr unterschiedlich sehen, und es kommt sehr darauf an, mit wem man da zu tun hat."

Trifft der subjektive Eindruck zu?

Eine Arzthelferin zieht im Gesundheitsamt in Bremen den Impfstoff Pandemrix gegen die Schweinegrippe auf eine Spritze. (AP)Impfungen nur das Ergebnis guten Lobbyings? Eine Arzthelferin zieht den Impfstoff Pandemrix gegen die Schweinegrippe auf eine Spritze. (AP)Dr. Stefan Jarolimek, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, wollte es genauer wissen und untersuchte im Rahmen eines Masterstudiengangs mit Studenten der FU Berlin überregionale Tageszeitungen und das Wochenblatt "Der Spiegel".

Seine These: Könnte es sein, dass die flächendeckende Impfempfehlung womöglich ein Ergebnis von Lobbyingprozessen war? Könnte es sein, dass die Presse sogar instrumentalisiert wurde?

"Wir haben zuerst die Inhaltsanalyse gewählt, haben vor allem auch Presse ausgewertet, haben zudem ausgewertet Pressekonferenzen, also Transkripte und Pressemitteilungen vom Bundesministerium für Gesundheit, vom Robert Koch-Institut und der Ständigen Impfkommission und von der WHO und des Weiteren versucht, über eine Art Internet-Recherche etwas herauszubekommen über die Akteure in dem Geflecht, also zu sagen, wer ist sowohl bei der Ständigen Impfkommission als auch beim Robert Koch-Institut als auch bei Pharmaunternehmen in Vertrag oder hat dort Verbindungen."

Mit seinen Studenten untersuchte der Wissenschaftler die Blätter zwischen April und November 2009. Was zunächst auffiel: Die Zahl der in den Artikeln aufgeführten Experten war überschaubar.

"Zum Zeitpunkt der Studie war das relativ eng dieses Expertengeflecht. Hier haben wir vor allem gesehen die Akteure des Bundesministeriums für Gesundheit, die WHO, die Ständige Impfkommission und das Robert Koch-Institut. Andere Experten werden oft nicht genannt, es heißt nur "andere Experten warnen" oder "bestimmte Mediziner warnen", und es bleibt sehr unkonkret."

Der Aspekt des Lobbying fand in den untersuchten Publikationen kaum einen Niederschlag. Die kritische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Einfluss der Pharmaindustrie auf die Bestellung des Impfstoffes oder die von den Medienwissenschaftlern als zweifelhaft empfundene Rolle der WHO blieb eher die Ausnahme in der Berichterstattung.

Daraus ziehen die Wissenschaftler den Schluss:

"Da waren erst mal so um die 40 Prozent sachgemäß, sachgemäß kritisch haben wir das genannt, sagen wir mal im normalen Journalismus. Dann waren noch mal so etwa 35 Prozent Meldungsjournalismus. Dann war ein Teil, etwa 15 Prozent, wo für uns die Lage nicht einschätzbar war oder noch mal 10 Prozent boulevardesk. Und wenn man von diesen 100-mal guckt, wer von diesen berichtet also wirklich kritisch, setzt sich mit den Akteuren auseinander, versucht Hintergründe einzubeziehen, Position zu beziehen, dann war das nur ein Viertel ungefähr."

Wie weitere Recherchen ergaben, war ein Teil der für die WHO, das Robert Koch-Institut und die STIKO tätigen Experten auch für die Pharmaindustrie tätig. Unterstellt, dass diese Organisationen nur aufgrund der Verbindung einzelner Mitglieder zur Pharmabranche für eine Impfung plädierten, spielten die Beziehungen, die die Akteure untereinander pflegten, eine große Rolle.

"Wir haben auch gemessen, dass da vor allem die drei großen Akteure sich aufeinander beziehen, also das Bundesministerium für Gesundheit, das Robert Koch-Institut und die ständige Impfkommission, dass so etwas wie die Pharmaunternehmen sehr viel weniger auftaucht, und dass die kritischen Akteure weniger genannt werden und dann auch nicht in Beziehung gesetzt werden."

Als kritische Akteure wurden von den untersuchten Medien genannt ...

"... vor allem Ärzte und Apotheker."

Die Motive der Kritiker berücksichtigten die Wissenschaftler in ihrer Studie nicht. Sie kommen zu dem Fazit:

"... dass sehr breit die Informationen der WHO beziehungsweise die Vorschläge von STIKO und Robert Koch-Institut übernommen wurden, und wir festgestellt haben, dass eine kritische, also wirklich die kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema doch relativ gering war und wir sehr vorsichtig gesagt haben, es war so eine Art Verlautbarungsjournalismus. Das, was von diesen Akteuren kam, wurde weitergetragen in der Presse, die wir untersucht haben. Es wurde kaum kritisch hinterfragt."

Der Medienwissenschaftler Stefan Jarolimek kommt zu dem Ergebnis, dass die Untersuchung zwar keine Beweise, gleichwohl aber Indizien für den Lobbying-Vorwurf feststellen konnte.

"Ohne die Studie jetzt ganz im Detail beurteilen zu können, würde ich sagen, sind die Ergebnisse zunächst mal nicht sonderlich überraschend ..."

... so Prof. Holger Wormer, Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund.

"Es kommt ja dabei heraus, dass man einen Lobbying–Einfluss weder eindeutig belegen noch eindeutig widerlegen kann. Das ist ja durchaus ein Kennzeichen von mittlerweile, man muss ja auch leider sagen, sehr gut gemachtem Lobbying, und dass es eben nicht so offenkundig wird, und dass es in der Berichterstattung nur mittelbar und nicht unmittelbar ablesen lässt."

Den geäußerten Vorwurf des Verlautbarungsjournalismus seines Kollegen mag Holger Wormer allerdings nicht stehen lassen:

"Wir haben auch eine Studie dazu gemacht. "

Zwar sind die Daten noch nicht veröffentlicht ...

"... aber unser erster Eindruck ist eigentlich, dass gerade im Fall der Schweinegrippe, eine eher kontinuierliche Berichterstattung zu beobachten ist, das heißt, jenseits von bestimmten Entgleisungen, sie erinnern sich an die Titelseite der Bildzeitung "10.000 Tote" und so weiter, aber jenseits solcher Entgleisungen muss man sagen, haben die Medien insgesamt eigentlich einen vergleichsweise guten Job gemacht."

Darüber hinaus konnte das Forscherteam feststellen:

"Es wurden auch die großen Kontroversen dargestellt, die es nun mal gab. Es gab ja sogar innerhalb der STIKO Kontroversen über die Frage, wie denn nun die Impfempfehlungen aussehen sollten oder nicht."

Ein Grund für die unterschiedliche Einschätzung der Berichterstattung zwischen den beiden Studien könnte darin liegen, dass die Dortmunder Untersuchung mit ihrer Auswertung zwar auch im April 2009 startet, dann allerdings den Januar 2010 mit berücksichtigt. Im Januar begann aber die Diskussion im Europarat zu den Hintergründen des Pandemieplans. So könnte es sein, dass im Verlauf der Monate die kritischen Stimmen deutlicher geworden sind.

"Es gibt Gastbeiträge, wenn sie zum Beispiel einen sehr interessanten Beitrag nehmen von dem Kollegen Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum ..."

Cochrane – Zentren sind ein weltweites Netz von unabhängigen Wissenschaftlern und Ärzten, die durch systematische Übersichtsarbeiten medizinische Therapien bewerten und erstellen.

"... der dann sogar in mehreren Medien vertreten war und auch das für und wider der Empfehlung auf wissenschaftlichem doch verständlichem Niveau dargestellt hat, also das ist durchaus auch ein Kennzeichen dieser Berichterstattung. Ich würde sogar so weit gehen, dass man an manchen Stellen merkt, dass nicht alle, aber doch viele Wissenschaftsjournalisten, mittlerweile ihre Hausaufgaben gemacht haben und auch im Umgang mit solcher Unsicherheit oder Risikoberichterstattung mittlerweile ein besseres Bild abliefern als das vielleicht noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten der Fall war, wie gesagt, das gilt nicht für alle. Man findet auch nach wie vor sehr, sehr schlechte Beiträge. Aber man kann anhand dieser eindeutig sehr schlechten Beiträge natürlich nicht die Gesamtberichterstattung bewerten, sondern man muss den Durchschnitt sehen, und der war gar nicht so schlecht."

Was diese Berichterstattung über Ereignisse wie die Schweinegrippe so schwierig macht, erläutert Holger Wormer an einem Beispiel:

"Generell ist natürlich der Unterschied zu einer ganz normalen Lokalberichterstattung. Das ist auch ein Beispiel, was ich auch meinen Studierenden immer gebe: Da ist ein Autounfall auf der Kreuzung in der Stadt X, und dann kann man sagen, na ja, also relativ eindeutig, zwei Leichtverletzte, ein Schwerverletzter, 5.000 Euro Sachschaden. Das heißt, man berichtet über ein klar umrissenes Ereignis, was auch schon passiert ist."

Das Problem fängt da an, wo nicht kalkulierbare Risiken eingeschätzt werden sollen.

"Im Wissenschaftsjournalismus haben wir häufig den Fall, dass man über Dinge berichten muss, die noch gar nicht passiert sind, das heißt, man muss über Wahrscheinlichkeiten berichten. Man muss über Eventualitäten in der Zukunft berichten. Und das ist natürlich schwierig. Das lässt sich auch nicht so leicht in wenigen Zeilen zusammenfassen wie der Verkehrsunfall, sondern man muss sagen, vielleicht gibt es in einem Zeitraum von fünf Monaten folgendes Risiko. Das kann aber auch sein, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von X eben nicht eintritt."

Aus Sicht des Medienwissenschaftlers ergibt sich ein weiteres Problem: Angewandte Forschung in der Medizin ist nicht leicht zu durchschauen. Nicht alle Pharma – Studien werden veröffentlicht. Das hat seinen Grund auch in der Organisation und Finanzierung von Forschung in der Bundesrepublik:

"Das ist ein generelles und sehr großes Problem. Und es ist eigentlich verwunderlich, dass man sich da im Rahmen der Forschungspolitik nicht schon intensiver Gedanken gemacht hat. Wenn wir Gesundheitsforschung fördern, dann ist das ja ganz häufig der Grundlagenforschungsbereich und eben nicht der klinische Bereich, der Zulassungsbereich, der ist letztendlich Sache der Industrie, und das ist aus meiner Sicht auf Dauer kein guter Zustand."

Fazit: Mangelnde Transparenz erhöht die Wahrscheinlichkeit von erfolgreicher Lobbyarbeit auf der einen und Verschwörungstheorien auf der anderen Seite.
Verträge zwischen Impfstoffherstellern und Bundesregierung sollten öffentlich gemacht werden. Das gilt auch für Nebentätigkeiten von Wissenschaftlern, die womöglich als Entscheider in Kommissionen sitzen.

Und die Journalisten? Haben sie leichtfertig Risiken falsch eingeschätzt?

Prof. Holger Wormer: "Ich bin da auch immer sehr vorsichtig bei diesen Vorwürfen. Es ist ja sehr beliebt: Die Wissenschaftler haben die Risiken falsch eingeschätzt und die Politiker und die Journalisten sowieso. Und das ist im Nachhinein immer leicht zu sagen. Auch darf man eines nicht vergessen, dass natürlich wir es in solchen Risikofällen mit einem Frühwarnsystem zu tun haben, das heißt, es ist gar nicht nur das Entscheidende, wie groß ist das Risiko, das wird gerne vergessen, sondern das Entscheidende, wie groß ist a) das Risiko, dass ein bestimmter Schaden eintritt und b) wie groß ist das Ausmaß dieses Schadens.

Das macht man in der Versicherungswirtschaft auch so, und das ist der Grund dafür, dass sie zum Beispiel keine Atomkraftwerke versichert bekommen, nicht weil dieses Risiko punktuell so wahnsinnig groß ist, sondern wenn dieser Schadensfall eintritt, dass dann der Schaden absolut immens ist, diese Gesamtbetrachtung sehr negativ ausfällt."

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