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StartseiteEuropa heuteVon Schleppern dem Ertrinken preisgegeben13.09.2005

Von Schleppern dem Ertrinken preisgegeben

Das jüngste Flüchtlingsdrama vor Sizilien und die Ohnmacht Europas

Erneut hat es vor der Küste Siziliens elf Tote gegeben, als Flüchtlinge aus Nordafrika versuchten, Europa zu erreichen. Und das ist nur das jüngste Drama im traurigen Flüchtlingsalltag vor der italienischen Küste. Die Regierung in Rom fühlt sich zunehmend allein gelassen und fordert ein geschlosseneres Vorgehen der EU. Karl Hoffmann berichtet.

Von Karl Hoffmann

Ein Taucher des italienischen Rettungsdienstes geht dort ins Wasser, wo  die Leichen von 11 ertrunkenen Flüchtlingen an Land gespült worden sind. Im Hintergrund der Rostkahn, mit dem sie lange unterwegs waren. (AP)
Ein Taucher des italienischen Rettungsdienstes geht dort ins Wasser, wo die Leichen von 11 ertrunkenen Flüchtlingen an Land gespült worden sind. Im Hintergrund der Rostkahn, mit dem sie lange unterwegs waren. (AP)

Als der große verrostete Fischkutter Grund berührte, da atmeten 160 Menschen spürbar auf. Eine lange und gefährliche Flucht schien zu Ende. In den noch stockdunklen Morgenstunden des letzten Sonntags schien der Strand zum Greifen nahe – die heimliche Überfahrt der Boatpeople schien gelungen. Doch dann bekam es die Besatzung mit der Angst zu tun und ihre menschliche Fracht verlor jeden Wert.

"Ich komme aus Eritrea, bin über den Sudan nach Tripolis und schließlich hierher nach Sizilien gelangt. Der Kapitän schrie, wir sollten sofort ins Wasser springen uns an Land schwimmen, andernfalls würden sie uns wieder zurück nach Libyen schaffen schildert einer Flüchtlinge, der es bis ans Ufer geschafft hat."

Andere starben nach tausend Kilometern lebensgefährlicher Flucht auf den letzten 20 Metern. In einer Untiefe ertranken mindestens elf Männer, weil sie nicht schwimmen konnten. Ein Urlauber in seinem Wohnwagen wurde Zeuge des Dramas:

"Einer der jungen Männer hat mich gerufen, er kniete neben einem anderem Mann und versuchte eine Mund-zu-Mund-Beatmung, aber es war zu spät. Und dann wurden immer mehr Leichen angeschwemmt."

Der Urlauber rief die Carabinieri. Sie verhinderten, dass weitere Menschen ertranken und nahmen sieben Schlepper auf dem Fischkutter fest. Auch ein Satellitentelefon fanden sie, Zeichen dafür, dass da die Menschenhändler gut organisiert sind.

Trotz immer wieder angekündigter Maßnahmen zur Verringerung des Flüchtlingsstroms von der nordafrikanischen Küste Richtung Italien – und damit zur Verhinderung des Massensterbens in Mittelmeer, hat sich die Lage in diesem Jahr eher verschlechtert. Mehr als 7000 Flüchtlinge wurden alleine in den letzten vier Monaten gezählt, das sind erheblich mehr als im Vorjahr. Das Lager in Lampedusa, der weit südlich von Sizilien gelegenen kleinen italienischen Insel ist regelmäßig überfüllt. Eine Kommission des Europaparlaments hat im Frühsommer bei einer Inspektion menschenunwürdige Zustände festgestellt. Zeitweise waren bis zu 1000 Menschen in dem Lager direkt an der Rollbahn des Inselflughafens untergebracht, das Fünffache der maximalen Aufnahmefähigkeit des Lagers. Neuankömmlinge mußten oft Hals über Kopf mit Sonderflügen in Flüchtlingscamps auf dem italienischen Festland gebracht werden. Von dort fliehen viele der illegalen Immigranten weiter, offenbar mit Hilfe lokaler Mafiaorganisationen.

Trotzdem hat Italien vorläufig auf die direkte Abschiebung von Lampedusa nach Libyen verzichtet, die vor genau einem Jahr zahlreiche Proteste bei Menschenrechtsorganisationen hervorgerufen hat. Umso mehr, als bekannt wurde dass einige Flüchtlinge auf Lastwagen in die Wüste gebracht wurden, wo sie sehr wahrscheinlich jämmerlich verdursteten. Italiens Innenminister Renato Pisanu hat nach dem jüngsten Flüchtlingsdrama erneut dringend eine gesamteuropäische Initiative und Gespräche mit den betroffenen afrikanischen Staaten gefordert.

Nach der offiziellen Statistik sind in den vergangenen fünf Jahren an der italienischen Südküste etwa 600 Tote gezählt worden. Die tatsächliche Zahl der Toten auf hoher See ist unkalkulierbar, wahrscheinlich aber sind es viele Tausende. Alleine im vergangenen Juni sind nach glaubwürdigen Zeugenaussagen zwei Flüchtlingsboote mit mindestens 180 Menschen an Bord auf dem Weg nach Italien gesunken – namenlose Opfer eines Exodus ohne Ende. Die 11 Toten vom vergangenen Sonntag liegen jetzt im Leichenschauhaus der kleinen Stadt Gela. Die sich makaberer Weise auf die neuen Zeiten einstellen wird, wie Bürgermeister Rosario Crocetto angekündigt hat.

"Wenn sie auf unserem Friedhof bestattet werden sollen, dann werden wir dort eine muslimischen Abteilung einführen."

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