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StartseiteBüchermarktVon Serien- und Einzeltätern22.11.2005

Von Serien- und Einzeltätern

Die Krimikolumne von Andreas Ammer

Drei Mal Krimi. Herbstlicher Serientäter Nummer eins: Ein Mann. Ein erfolgreicher Mann. Robert Wilson und sein Roman: "Die Toten von Santa Clara". Herbstlicher Serientäter Nummer zwei: Eine Frau. Eine erfolgreiche Frau. Astrid Paprotta. Preisträgerin des deutschen Krimipreises. Serientäter Nummer drei: Charles Willeford. In Wirklichkeit ein einzigartiger Einzeltäter.

Autor: Andreas Ammer

Frische Blutstropfen am Tatort (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)
Frische Blutstropfen am Tatort (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)

M1: Es ist Herbst.

M2: Ja und?

M1: Da fährt man die Ernte ein.

M2: Ein arg beschaulicher Beginn für die Krimi-Kolumne. Geht's nicht etwas härter?

M1: Nach dem Motto: Krimi-Autoren sind brutale Serientäter. Skrupellose Zweitverwerter. Von ihren Figuren besessene Schreiberlinge.

M2: Alles nur Allgemeinplätze.

M1: Aber selten so wahr wie in diesem Herbst.

AA: Damit wären wir beim Thema.

M1: Weiter nach der Erkennungsmelodie.

* Zuspielung: John Zorn, James Bond Theme, darüber beim Schuss *

M2: Herbstlicher Serientäter Nummer Eins: Ein Mann. Ein erfolgreicher Mann. Robert Wilson. "Die Toten von Santa Clara" heißt sein neuer Krimi, der eine derart hoffnungsvolle Zukunft versprach, dass der allmächtige Bertelsmann Konzern mit ihm gar einen neuen Verlag gestartet hat. "Page & Turner" heißt er. Eine schwere Hypothek ...

M1: Aber beileibe kaum eine Enttäuschung. Zugegeben: "Der Blinde von Sevilla", der letzte Krimi des in Oxford erzogenen und in Spanien, Portugal und England lebenden Krimi-Wunderkindes Robert Wilson wird schwer zu überbieten sein. "Der Blinde von Sevilla" war ein Nerven zerfetzendes Buch, wie es auch einem exzellenten Schriftsteller nur wenige Male im Leben gelingen wird.

M2: Robert Wilson scheint das gespürt zu haben. Und deshalb sind "Die Toten von Sevilla", Wilsons neuer Krimi im neuen Verlag, zwar keine Fortsetzung des letzten Wunderwerkes, aber der Kommissar, Javier Falcon, leidet doch sehr unter seinem Schicksal im letzen Roman. Andauernd wird auf diesen Fall verwiesen. Der Kommissar leidet psychisch unter den Nachwirkungen seiner damaligen Ermittlungen.

AA: Ist das eigentlich ein neuer Trick, um mit dem Erscheinen eines neuen Buches, die alten Bestseller noch einmal verkaufen zu können?

M1: Eher der Versuch, in der Krimiwelt Fortsetzungen à la Harry Potter zu etablieren.

M2: Wie dem auch sei, Herr Rezensent: Ist "Die Toten von Sevilla", erschienen im neuen Verlag Page & Turner, jetzt ein gutes Buch oder nicht?

AA: Jawohl!

M1: Wohlan. Dann zum Inhalt: "Inspector Jefe Javier Falcon hatte das Frühstück beendet und saß im Arbeitszimmer seines riesigen Hauses aus dem 18. Jahrhundert"

M2: ... eines Hauses, das ihm im letzten Fall zugefallen war und das ihm eine Menge juristischen Ärger beschert ...

M1: Ruhe; ich zitiere gerade: Dieser Inspector Jefe Javier Falcon also ... "Er trank den Rest seines Kaffees und studierte die Bedienungsanleitung einer Digitalkamera, die er vor einer Woche gekauft hatte."

M2: Das ist groß ... das ist gut, das ist ein Anfang ... da spürt man gleich, der Fall wird den Inspector an den Rand seiner Belastbarkeit treiben.

AA: Sag ich doch.

M2: Jedenfalls wurde in einem reichen Vorort von Sevilla, die Leiche eines reichen Mannes gefunden. Er hat Abflussreiniger in den Gedärmen. Im ersten Stock liegt seine erdrosselte Frau. Im Kühlschrank liegt ein gefälschter Pass und ein Schließfachschlüssel. Es sieht sehr nach Selbstmord aus, zu sehr, aber dann sterben auch noch einige Nachbarn und der Inspector Jefe Javier Falcon verliebt sich in eine der überlebenden Nachbarinnen, die er aus dem früheren Fall kennt.

AA: So verworren sind moderne Kriminalromane aufgebaut. Mit jedem neuen Kommissar werden ganze Romanreihen konzipiert ...

M2: ... staunt unser Rezensent über "Die Toten von Santa Clara" von dem neuen Shooting Star der Superseller Robert Wilson, erschienen bei Page & Turner. Aber hat ihm das Buch denn gefallen? Gepackt? Gefesselt? In den Bann geschlagen? Ihn davon abgehalten noch ein Bier zu trinken, weil er vor Spannung den Weg zum Kühlschrank nicht mehr gehen wollte?

AA: Nun ja!

M1: Ja oder Nein! Etwas anderes verlangt die moderne Literaturkritik nicht mehr! Also?

AA: Etwas zu viel Dialoge!

M1: Unserem Rezensenten fehlt offensichtlich die alles entscheidende Verfolgungsjagd und er mag es auch nicht, wenn Kinderpornographie an jedem Mord schuld ist. Wir hingegen meinen:

M2: Gutes Buch.

* Zuspielung: John Zorn, James Bond Theme, darüber beim Schuss *

M1: Serientäter Nummer Zwei: Eine Frau. Eine erfolgreiche Frau. Astrid Paprotta. Hoch gelobt und mit Preisen überschüttet. Letztes Jahr Preisträgerin des deutschen Krimipreises. Derzeit auf Platz eins der "Krimiwelt"-Bestenliste mit "Die Höhle der Löwin", erschienen als Taschenbuch-Originalausgabe bei Piper.

M2: "Die Höhle der Löwin", der vierte Fall um die Frankfurter Kommissarin Ina Henkel, ist aber kein Krimi, sondern mindestens ein Kriminalroman, wenn nicht gar ein kleiner Teil einer ganzen Kriminalromanfolge.

M1: Denn die Paprotta lässt in ihrem neuen Krimi nicht nur ihre Kommissarin wieder auftreten, sondern auch die Mörderin aus dem letzten "Ina-Henkel"-Band, der "Die ungeschminkte Wahrheit" hieß.

AA: Ist das eigentlich ein neuer Trick, um mit dem Erscheinen eines neuen Buches, die alten Bestseller noch einmal verkaufen zu können?

M2: Ruhe, Herr Rezensent! Die Mörderin im letzten Paprotta-Kriminalroman war Denise Berninger, eine Crime-Show-Fernseh-Moderatorin, die als Racheengel ihren Mann brutal ermordet hatte, nachdem sie hinter dessen noch viel brutalere Geschäftsmethoden gekommen war, denen in Frankfurt Obdachlose zum Opfer gefallen waren.

AA: Das war aber schon im letzten Band?

M2: Exakt diese Denise Berninger ist mittlerweile aus den Gefängnis ausgebrochen und dahin geflohen, wo Europa am dunkelsten ist: nach Bukarest.

M1: Und deshalb wird Ina Henkel, die Kommissarin, nach Bukarest geschickt, um Denise Berninger aufzuspüren.

M2: Dies wiederum gelingt in verblüffender Weise schon nach wenigen Seiten. Denn es wäre kein Paprotta-Kriminalroman, wenn es um irgendwelche Action ginge. Auch hier keine Verfolgungsjagd. Paprotta geht es um nicht weniger als um das Seelenheil ihrer Figuren: Auf der einen Seite die Mörderin, auf der anderen die Kommissarin: Beide durch einen überaus brutalen Fall verbunden und nur zufällig befinden sich beide auf gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Mörderin und Kommissarin: Zwei Seiten einer Medaille; in stiller Zuneigung verbunden.

M1: Mit lähmender Präzision versucht die Paprotta das Doppelportrait zweier geschundener und mit ihrem Schicksal ineinander verschlungener Frauengestalten. Zwei Frauen, die sich vor der düsteren Silhouette der Stadt Bukarest gegenseitig belauern. Der "Fall" des Buches dreht sich um den verschwundenen Sohn der Mörderin, der erst im Straßenkindermilieu untertauchte und dann ganz verschwand. Nur ein blutiges T-Shirt blieb zurück. Kein leichter Stoff.

AA: Nichts für die 3-Stationen-U-Bahn-Lektüre. Nichts für den nächsten Bukarest-Urlaub und auch nichts für von Herbst-Depressionen bedrohte Gemüter.

M2: Aber etwas für die Liebhaber des gleichzeitig feinsinnigen wie brutalen Romans.

AA: Soll ich ehrlich sein?

M1: ... fragt unser Rezensent angesichts Astrid Paprottas neuestem Meisterstück "Die Höhle der Löwin", erschienen als Taschenbuch bei Piper, ... und wir bitten natürlich um alle gebotene journalistische Ehrlichkeit.

AA: : Ein verdammt gutes Buch, aber vielleicht eher etwas für Frauen. Für uns Männer viel zu schade.

* Zuspielung: John Zorn, James Bond Theme, darüber beim Schuss *

M1: Als Gegenstück zum Frauen-Verstehen-Besser-Krimi, ein Buch in dem der Held erst seinen Job hinschmeißt, um Schriftsteller zu werden, als Schriftsteller dann seine Frau mit 3 Dollar in der Hand sitzen lässt, worauf er - ohne je eine Kirche von innen gesehen zu haben - als Pfarrer in einem ausschließlich von Schwarzen bewohnten Viertel anheuert, dort schnell Rassenunruhen anzettelt, um schließlich mit dem heißesten Mädchen der Stadt, der espressobraunen Merita, umgehend nach New York durchzubrennen. - Wird er auch sie sitzen lassen?

M2: Einen solch grotesken Plot kann nur ein erzählerischer Anarchist wie Charles Willeford einigermaßen zusammenhalten. Sein jetzt in der Reihe Pulp-Master im Maas-Verlag erschienenes Taschenbuch "Die schwarze Messe" schildert die ganz und gar unglaublichen Identitätswechsel des Buchhalters Sam Springer, der innerhalb einer Woche mehrfach alles was ein Leben darstellen könnte, aufgibt, um ein neues Leben zu gewinnen, nur um es sofort wieder aufzugeben, um schlussendlich bereit zu sein für den fundamentalen Schlusssatz des Buches:

M1: Vorher sei noch gesagt, dass Charles Willeford durchaus kein großer Schriftsteller im herkömmlichen Sinne ist. Feines psychologisches Gespinst - wie bei der Paprotta - oder geschliffene Dialoge - wie bei Wilson - sind seine Sache nicht. Er hämmert die Sätze hintereinander, dass es nicht immer eine Freude ist, und auch einen Lektor hat seine abstruse Handlung wohl nie gesehen. Pulp-Fiction eben.

M2: 1958 ist "Die schwarze Messe" von Charles Willeford in Amerika erschienen. Jetzt zum ersten Mal auf deutsch. So muss man das Buch bereits als Klassiker lesen. Das Zeug dazu hat es allemal. Hat der Rezensent auch noch was zu sagen?

AA: Ein Pulp, also Schund-Roman. Einer freilich, der am Existentialismus und an Kafka geschult ist. Und eine Fortsetzung hat dieses Buch sicher nicht gehabt.

M2: ... meint unser Rezensent zu Charles Willeford, "Die schwarze Messe", erschienen im Maas Verlag in der Reihe "Pulp Masters". Auch dies nicht unbedingt ein Krimi im engeren Sinne. Hier wird nicht über Leichen gegangen, sondern nur betrogen was das Zeug hält.

M1: Wer den Verlag nicht kennt: Das ist der mit den furchtbaren, geschmierten Titelbildern; ein guter Verlag.

M2: Herr Rezensent, würden Sie bitte die Freundlichkeit besitzen, in Ihrer ganzen nutzlosen Existenz den letzten Satz des gerade von Ihnen empfohlenen Werkes den geneigten Hörern zu Gehör zu bringen? , ... Hier Seite 275; noch vor dem Nachwort.

AA: "'Lieber Gott, ich danke dir', flüsterte ich, ‚für nichts'".

M2: Lieber Rezensent, wir danken Ihnen.

M1: Wenn Sie allerdings anderer Meinung sein sollten als unser Rezensent, so gilt auch dieses Mal das alte Spiel.

Besprochene Bücher


Astrid Paprotta: Die Höhle der Löwin, Piper TB
Charles Willeford: Die schwarze Messe, pulp master 20 Maas Verlag
Robert Wilson: Die Toten von Santa Cruz, Page & Turner

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