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StartseiteFeldpostbriefe aus StalingradVon Verblendung und verlorenem Glauben29.11.2002

Von Verblendung und verlorenem Glauben

Teil 12

Es ist dem Russen zwar schonmal gelungen, die Deutschen einzukesseln, aber bisher ist der Kessel immer durchbrochen worden. Und wir werden auch wieder herausgepaukt werden. Dessen bin ich sicher. Zumal ein Tagesbefehl des Führers uns bestimmte Hilfe versprochen hat. Du brauchst Dir also nicht die geringsten Sorgen zu machen, das ist völlig unnötig.

Von Peter Lange

Der Kanonier Max Breuer am 7. Dezember an seine Familie. Er stirbt im Jahr darauf in der Gefangenschaft. Als sich der Belagerungsring um die deutschen Truppen in Stalingrad schließt, sind die meisten noch relativ unbesorgt. Ähnliche Situationen hat es früher schon gegeben. Sie vertrauen ihrer militärischen Führung. Wie der Hauptmann Friedrich Waldhausen:

Gestern abend schickte der Feldmarschall von Manstein folgendes Telegramm an unser eingeschlossenes Häuflein: Haltet aus, ich hau Euch raus. Manstein. Das hat eingeschlagen bei uns ! Das war mehr als ein Zug voll Munition und eine JU voll Verpflegung! Ich habe es gleich allen Soldaten bekanntgeben lassen. Wir werden aushalten! Die Stimmung der Truppe ist musterhaft. Alles pfeift uns singt. Die meisten Kranken sind schlagartig wieder gesundgeworden. Alles ist zuversichtlich: Haltet aus, ich hau’ Euch raus!

Anscheinend wird seitens der Regierung ja alles getan, um uns hier zu befreien. Von Mannstein hat auch telegrafiert: "Sie sind meiner Hilfe sicher." Vielleicht ist alles schon gut, wenn Du diesen Brief kriegst, aber harte Kämpfe wird es noch geben.

Der Tierarzt Dr. Franz Schmitt Im November ist das Vertrauen in das Regime – nach außen hin zumindest - ungebrochen.

Ihr Lieben zu Hause. Macht Euch um mich keine Sorge und laßt an den Festtagen keine trüben Gedanken aufkommen. Wir halten unsere Stellungen auf jeden Fall.

Der Soldat Helmut Gründling.

Der Führer hat selbst den Befehl dazu gegeben und leitet jetzt selbst die Operationen in unserem Abschnitt. Er war gestern oder vorgestern sogar selbst hier in unserer Nähe, ein Kamerad von uns hat ihn gesehen. Ihr könnt Euch denken, wir ruhig und zuversichtlich wir seitdem sind. Wenn dieser Brief bei Euch ankommt, ist hier wieder alles in Ordnung.

Eine Latrinenparole. Hitler war nie in Stalingrad. Sie machen sich selbst Mut gegen aufkommende Zweifel. Der Tierarzt Franz Schmitt schreibt am 3. Dezember:

Hitler hat uns ein Telegramm geschickt, in dem ausdrückt, dass wir durchhalten sollen, da er, soweit es in seinen Kräften steht (?), ...

An dieser Stelle steht im Text ein Fragezeichen ...

.... uns von außen Hilfe schickt.

Franz Schmitt kommt Ende Januar 1943 zu Tode. Vorsichtige Kritik wird allenfalls formuliert, wenn es um die Versorgung geht, die immer schlechter wird. Der Gefreite Paul Stöhr Mitte Dezember an seine Familie:

Überhaupt sind wir nicht mehr wählerisch und essen alles wie es kommt. Ja, jetzt lacht man, wenn unser Göring groß behauptet: Der Soldat an der Front hat alles. Nun, da es bewiesen werden konnte, geht es nicht.

Am Jahresende sind viele Soldaten in Stalingrad offenbar immer noch bereit, der Propaganda von Josef Goebbels und seinen Durchhalteparolen zu folgen. Karl Bühler, Obergefreiter:

Am Radio erfreuten wir uns zunächst der Ringsendung von 19 Uhr 20 bis zum Beginn der Goebbelsrede. Auch aus Stalingrad kamen Weihnachtsgrüße ins Reich, worüber wir uns besonders freuten, bewiesen doch diese Grüße – trotz aller Lügen der Gegner – dass die deutsche Wehrmacht und nicht etwa die Bolschwisten Stalingrad nach wie vor in der Hand haben. Dabei wird es auch bleiben!

Auch Karl Bühler ist im Januar in Stalingrad verschollen. Vereinzelt wird eine ganz verhaltene Kritik zu Papier gebracht. Paul Stöhr am 31. Dezember 1942:

Jetzt ist wieder ein hartes Kriegsjahr zu Ende und wieder eine s steht vor der Tür. Wird dies uns den Frieden bringen?? Der Herrgott möge so gnädig sein und diese Bitte in Erfüllung gehen lassen. Dann hätten wir ja gerne alle Not ertragen und alles Elend gerne mitgemacht. Doch die Welt hat sich diesen Frieden noch nicht verdient und das Wort Krieg klingt für viele noch zu begeisternd. Doch diese tragen bestimmt nicht die härteste Last.

Paul Stöhr kehrt ebenfalls nicht aus dem Krieg zurück. Zu diesem Zeitpunkt ahnen vermutlich viele Soldaten der 6. Armee, dass es für sie keinen Ausweg und keine Rettung gibt. Trotzdem oder gerade deshalb ist es auch für manche unmöglich, sich von dem verbrecherischen Regimes zu distanzieren, das sie zu Tätern und Komplizen gemacht hat. Der Militärarzt Dr. Horst Rocholl:

Es kann sein, dass man uns im Frühjahr heraushauen kann, es kann aber ebensogut sein, dass wir hier kämpfend zugrunde gehen. Wir sind ruhig, sachlich und in bester Verfassung, wissen wir doch, dass wir hier für Deutschland und unsere Idee, für unseren Führer stehen, um Euch ein Leben in Elend und Not zu ersparen, ein Leben, das Ihr besser nicht lebt, sondern von Euch werft, ehe man es Euch tierisch nimmt.

Der Gefreite Helmut Gründling dagegen, gerade mal 20 Jahre alt, stellt in einem seiner letzten Briefe die Politik der vergangenen 50 Jahre in Frage:

Ich muss über die Frage nachdenken, ob es für mich als einzelnen überhaupt nötig ist, dass Deutschland besonders groß und mächtig ist. Könnte man nicht als Angehöriger eines politisch machtlosen Staates genauso glücklich und zufrieden leben? War die Kleinstaaterei nicht geradezu ein Idealzustand für ein gemütliches Dasein, für eine Blüte von Kunst und Wissenschaften? Ich weiß, heute wird man ob solcher Gedanken als Ketzer verschrien, aber die Leute, die in dieser Frage ihre Schnauze am weitesten aufmachen, sind leider da, wo die politische Größe des "Reiches" erkämpft wird, nicht zu finden. Aber das ist ja das alte Lied und das alte Leiden. So wie ich jetzt denke, habe schon Hundertausende vor mir im Weltkrieg gedacht und denken jetzt Millionen von Soldaten, aber keine Revolution ist imstande, das zu ändern. Darum will ich auch jetzt diese hoffnungslose Platte abstellen ....

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