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StartseiteKalenderblattAls Spitzbergen norwegisch wurde09.02.2020

Vor 100 JahrenAls Spitzbergen norwegisch wurde

Spitzbergen ist wegen seiner Nordpol-Nähe nicht nur bei Touristen, sondern auch bei Wissenschaftlern beliebt. Auf der Hauptinsel befinden sich mehrere arktische Forschungsstationen zur Erkundung des Klimawandels. Bis vor 100 Jahren dagegen war Spitzbergen Niemandsland. Erst ein Vertrag änderte dies.

Von Matthias Bertsch

Blick auf die Landschaft der Insel Spitzbergen in Norwegen (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
In Spitzbergen wird es im Winter nicht hell, im Sommer nicht dunkel (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
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Spitzbergen, eine Inselgruppe doppelt so groß wie Belgien auf halbem Weg zwischen Norwegen und dem Nordpol. Gut 2.500 Menschen leben hier: Norweger, Russen und Wissenschaftler aus aller Welt, die den Klimawandel erforschen. An kaum einem anderen Ort der Welt ist die Erderwärmung so ausgeprägt wie hier. Seinen Namen verdankt Spitzbergen dem Niederländer Willem Barents. Er hatte den Archipel 1596 entdeckt und wegen der spitzen Berge an der Westküste der Hauptinsel so benannt. Doch weitere staatliche Besitzansprüche auf das vor allem von Eisbären und Polarfüchsen bewohnte Gebiet gab es nicht, so der Geograf und Spitzbergen-Experte Rolf Stange.

Besucher fotografieren am 09.04.2015 die von der untergehenden Sonne angeleuchteten Spitzen der "Tre Kroner" am Kongsfjord-Gletscher in Ny-Ålesund auf Spitzbergen (Norwegen). (dpa / picture-alliance/Jens Büttner)Arktisstationen auf Spitzbergen (dpa / picture-alliance/Jens Büttner)

"Spitzbergen war herrenloses Land, Terra nulius, und es hatte sich auch jahrhundertelang keiner so wirklich für das Land interessiert, vielleicht für den Walfang, für die Jagd auf die Tiere, aber als der Bergbau so um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Thema wurde, war klar, es braucht eine Jurisdiktion, es braucht eine Polizeigewalt und eine Verwaltung."

Die letzten Sonnenstrahlen vor der monatelangen Nacht im Winter auf Spitzbergen (Dlf/Frank Capellan)Die letzten Sonnenstrahlen vor der monatelangen Nacht im Winter auf Spitzbergen (Dlf/Frank Capellan)

Reichhaltige Kohlefunde auf Spitzbergen machten die unwirtliche Insel für Bergbauunternehmen verschiedener Länder attraktiv. Doch die Besitzverhältnisse waren ungeklärt, und so kam es beim Aufbau von Kohlegruben immer wieder zu Konflikten. Diese sollten zunächst durch eine gemeinsame Verwaltung des Archipels durch Norwegen, Schweden und Russland geklärt werden. Dann kam der Erste Weltkrieg, an dessen Ende in Versailles Europa neu geordnet wurde. Die Gelegenheit für Norwegen, das 1905 die Unabhängigkeit von Schweden errungen hatte, war günstig:

"Dann hat man in Paris den Vorstoß gemacht, und es war viel einfacher als 1914, weil große Mächte wie Russland mit einer 1919 nicht anerkannten Regierung oder Deutschland als Kriegsverlierer eben nicht mitreden konnten zu dieser Zeit."

Ein Vertrag über die Zugehörigkeit eine Inselgruppe

Im April 1919 brachte Norwegen in Versailles den Vorschlag ein, die Verwaltung der Inselgruppe zu übernehmen. Zehn Monate später war es so weit. Am 9. Februar 1920 unterzeichneten neun Staaten, darunter Norwegen, den Vertrag über Spitzbergen. Er bestand aus zehn Artikeln:

"Der erste besagt eben, dass Spitzbergen vollständig und uneingeschränkt norwegischer Souveränität unterstellt wird. Der zweite Artikel schränkt das aber gleich ein, weil der eben festlegt, dass die Bürger aller Unterzeichner-Staaten dort genau die gleichen Rechte haben wie eben auch die Norweger, d.h. da wird die norwegische Souveränität gleich wieder in mehreren Punkten eingeschränkt."

Bis die Gebietsansprüche und Bergbaurechte aller beteiligten Staaten und Unternehmen geklärt waren, vergingen fünf weitere Jahre. Im August 1925 trat der Vertrag in Kraft.

"Das Gesetz, mit dem Norwegen den Spitzbergenvertrag in eigenes Recht überführt hat, beginnt mit der Formulierung 'Svalbard ist Teil des Königreiches Norwegen‘, was durchaus eine andere Formulierung ist als im Vertrag steht. Da steht ja, die Spitzbergen-Inselgruppe wird norwegischer Souveränität unterstellt. Und das ist auch ein norwegischer Coup, diesen eigentlich ziemlich unklaren Namen Svalbard wieder einzuführen, der so ein bisschen andeutet, dass die Inselgruppe schon seit Wikinger-Zeiten natürlicher Teil Norwegens wäre, was gar nicht der historischen Realität entspricht."

Blick auf Longyearbyen, nördlichster Ort der Welt (Deutschlandfunk / Capellan)Gerade einmal 2.500 Menschen leben auf der Hauptinsel von Spitzbergen (Deutschlandfunk / Capellan)

Seerecht rund um Spitzbergen bis heute umstritten

Dass die Wikinger, die den Namen "Svalbard" - "raue Küste" - prägten, je auf Spitzbergen waren, ist nicht nachzuweisen. Doch der Streitpunkt um den Vertrag, dem inzwischen fast 50 Länder beigetreten sind, ist ein anderer. Er betrifft nicht die Inseln selbst, sondern das Meer. Seit 1982 das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, beansprucht Norwegen die natürlichen Ressourcen – vor allem Fischbestände und Gas – innerhalb einer Zone von 200 Seemeilen rund um den Archipel für sich. Der Spitzbergenvertrag, der allen die gleichen Rechte zusichert, gelte dagegen nur für eine Zone von zwölf Seemeilen.

"Das große Manko des Spitzbergenvertrages ist ja, dass die Rechte der Seegebiete nicht genau geklärt sind. Das wäre sehr hilfreich gewesen, das zu tun. Und ich glaube, dass das in den nächsten Jahren auch noch passieren wird. Das wird den Vertragstext selber sicherlich nicht ändern, aber es wird Zusätze geben, das könnte auch ein Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag sein, oder internationale Verträge, in denen diese Fragen geklärt werden. Das ist wirklich die große Lücke, die der Spitzbergenvertrag selbst zunächst offengelassen hat."

Die Frage nach den Rechten der Seegebiete ist nicht zuletzt wegen des Klimawandels zentral. Je stärker die Erderwärmung das Eis im Nordpolarmeer schmelzen lässt, umso größer werden die wirtschaftlichen Interessen an der Region. Neue Schifffahrtsrouten für den Welthandel und der Zugang zu bislang von Eis bedeckten Bodenschätzen erhöhen die geostrategische Bedeutung der Arktis. Und Spitzbergen liegt mittendrin.

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